Zuckertank fast voll.
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Körper & Psyche

Das hilft gegen Diabetes

Neue Studien zeigen, wie sich die Volkskrankheit unter Kontrolle bringen oder sogar heilen lässt.

Ausgabe: November 2020 Autor: Anita Bartholomew

Als der Michael Trailovici aus Stuttgart plötzlich immer wieder ungewöhnlich grossen Hunger und Durst verspürte, ahnte er nicht, dass dies die Symptome einer ernsthaften Krankheit waren. Deshalb ging er nicht zum Arzt. Das war 1997. Heute ist Trailovici 65 Jahre alt und einer von etwa 60 Millionen Europäern, die an Diabetes Typ 2 erkrankt sind. Wie er merkten 40 Prozent von ihnen zunächst nicht, dass sie an dieser Krankheit leiden.
Diabetes Typ 2 ist so weit verbreitet, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von einer Epidemie spricht. Wird die Erkrankung nicht oder nur unzureichend behandelt, können Blutgefässe, Herz, Leber, Nieren und Augen Schaden nehmen. Zudem steigt das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Diabetes kann Amputationen erforderlich machen und sogar zum Tod führen. Aber es gibt Hoffnung. Laut Experten ist unsere heutige Ernährungsweise Hauptursache dafür, dass die Zahl der an Diabetes Typ 2 Erkrankten so schnell angestiegen und so hoch ist. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Krankheit allein mit einer Veränderung des Lebensstils und der Ernährung verhindert und in einigen Fällen sogar geheilt werden kann.

 

Das passiert im Körper, wenn Sie an Diabetes Typ 2 leiden

Die Zellen in unserem Körper benötigen Zucker in Form von Glukose als Treibstoff, um funktionieren zu können. Doch um durch die Zellmembranen zu kommen, benötigt der Zucker einen „Schlüssel“. Dieser Schlüssel ist das Insulin. Wenn man an Diabetes Typ 2 erkrankt ist, produziert der Körper zu Beginn ausreichend Insulin. Doch der Körper ist resistent dagegen. Das heisst, der Insulinschlüssel funktioniert nicht richtig, und die Zellen können das Insulin nicht erkennen. Die Glukose kann nicht dahin gelangen, wo sie gebraucht wird, zirkuliert weiter im Blut und fördert Entzündungen.

 

Wie erkennt man Diabetes?

Neben Hunger und Durst können unter anderem Müdigkeit, Gewichtsverlust, häufiges Wasserlassen und verschwommenes Sehen erste Anzeichen für einen Diabetes sein. In manchen Fällen treten aber gar keine Symptome auf. Als zu seinem gesteigerten Hunger und Durst ein paar Wochen später Schwindel dazukam, suchte Michael Trailovici doch einen Arzt auf. Die Diagnose lautete Diabetes Typ 2. Er war ein schwerer Fall, denn sein Nüchternblutzucker lag über 300 mg/dl (normalerweise liegt dieser Wert unter 100 mg/dl). Eine derart grosse Menge an zirkulierender Glukose würde in seinem Körper auf Dauer verheerende Schäden anrichten. Sein Arzt überwies ihn sofort in ein Krankenhaus, wo er Insulininjektionen verschrieben bekam, eine Behandlungsform, die in fortgeschrittenen Krankheitsstadien zum Einsatz kommt. Michael Trailovici war schockiert. Wenn er ernsthafte Komplikationen verhindern wolle, müsse er seinen Lebensstil komplett ändern, erklärte ihm sein Arzt.

 

Bluttests

Es gibt zwei verschiedene Tests zur Bestimmung des Blutzuckerspiegels:

  1. Der Nüchternblutzuckertest sollte bei gesunden Menschen idealerweise einen Wert unter 100 mg/dl ergeben. Bei einem Nüchternblutzucker über 125 mg/dl spricht man von Diabetes.
  2. Der HbA1c-Test misst die durchschnittliche Menge von Glukose im Blutkreislauf während der letzten acht bis zwölf Wochen. Ein Wert von 4,5 Prozent oder niedriger ist normal, ab einem Wert über 6,5 liegt Diabetes vor. Für die meisten Diabetiker unter 65 Jahren sollte das Ziel sein, einen Wert unter 7 Prozent zu erreichen. Junge Menschen sollten weniger als 6,5 Prozent anstreben.

 

Diabetes-Risikofaktoren

  • Übergewicht, Fettleibigkeit oder zu viel Bauchfett (ein Taillenumfang von mehr als 94 Zentimetern bei Männern oder 80 Zentimetern bei Frauen)
  • hoher Zuckerkonsum, vor allem der Konsum von mit Zucker gesüssten Getränken
  • Verzehr von verarbeiteten Lebensmitteln und/oder Fleisch, vor allem verarbeitetem Fleisch
  • die Einnahme von Statinen
  • eine erbliche Veranlagung für Diabetes Typ 2
  • eine afrikanische, asiatische, indianische, hispanische Abstammung oder eine Abstammung von den pazifischen Inseln

 

 

Ernährung und Diabetes

Jahrzehntelang haben sich Ärzte bei der Bekämpfung von Diabetes Typ 2 auf die Reduzierung von Zucker und anderen Kohlenhydraten in der Ernährung konzentriert. Forscher haben jedoch herausgefunden, dass es nicht ausreicht, auf zuckerhaltige Nahrungsmittel zu verzichten. Laut einer französischen Studie, die 2019 im European Journal of Public Health veröffentlicht wurde, tragen stark verarbeitete Nahrungsmittel, etwa Fertiggerichte, ebenfalls zur Entstehung der Krankheit bei. Überraschenderweise scheinen Fleischprodukte, zum Beispiel Salami und Würstchen, die kritischsten unter den verarbeiteten Nahrungsmitteln zu sein. Eine ebenfalls im Jahr 2019 veröffentlichte spanische Analyse früherer Studien besagt, dass ein hoher Fleischkonsum die Krankheit sowohl begünstigt als auch verschlimmert.

Doch was hat Fleisch mit dem Blutzucker zu tun? Unsere Zellmembranen bestehen zum Teil aus Fett, das aus unserer Nahrung stammt. „Wenn wir viel Fleisch essen, nehmen wir auch viel Fett zu uns, das unsere Zellmembranen unbeweglicher macht“, erklärt Dr. Hana Kahleova, Endokrinologin am Institut für klinische und experimentelle Medizin in Prag, Tschechien. „Wenn die Zellmembranen unelastisch werden, können die Insulinrezeptoren darin nicht richtig funktionieren.“ Mit anderen Worten, die Zellen werden „insulinresistent“. Immer mehr Studien bestätigen den Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Diabetes Typ 2. Seltsamerweise gilt das auch für mageres Fleisch. Eine Metaanalyse zahlreicher früherer Studien aus dem Jahr 2017 betont den Zusammenhang zwischen Fleischkonsum, auch den von magerem Fleisch, und Diabetes Typ 2. Im Gegensatz dazu, sagt Dr. Kahleova, machen die Fette in Oliven, Nüssen und Samen die Zellmembranen beweglicher. Infolgedessen funktionieren die darin enthaltenen Insulinrezeptoren besser.
Michael Trailovici beschloss, sich gesünder zu ernähren, nahm mehr Vollkornprodukte und Gemüse zu sich und bewegte sich regelmässig. Nach ein paar Monaten war sein Blutzuckerspiegel so weit gesunken, dass Trailovici von Insulin zu Metformin wechseln konnte. Metformin ist ein Arzneimittel für Diabetiker in Tablettenform, das bei milderen Krankheitsverläufen zum Einsatz kommt.

Mittlerweile hat man herausgefunden, dass der Verzehr von Vollkorn schützt. Durch eine Ernährung mit Vollkornprodukten, Obst, Gemüse, Milchprodukten und einem Minimum an Zucker kann das Diabetes-Risiko, um bis zu 42 Prozent gesenkt werden. Untersuchungen zeigen, dass Diabetes durch eine gesunde, fleischlose Ernährung in einigen Fällen sogar geheilt werden kann. In einer Harvard-Studie mit 200.000 Teilnehmern aus dem Jahr 2016 fand man heraus, dass es nicht ausreicht, auf tierische Produkte zu verzichten. Entscheidend ist eine insgesamt gesunde Ernährungsweise. Teilnehmer, die sich überwiegend vegetarisch mit gesunden Lebensmitteln ernährten, hatten ein um 34 Prozent geringeres Risiko, an Diabetes zu erkranken. Diejenigen, die sich vegetarisch ernährten, jedoch auch ungesunde Lebensmittel wie gesüsste Getränke, raffiniertes Getreide und Süssigkeiten zu sich nahmen, hatten ein um 16 Prozent erhöhtes Risiko, einen Diabetes zu entwickeln. Diabetes steht in engem Zusammenhang mit Adipositas. Schon leichtes Übergewicht kann das Diabetes-Risiko erhöhen. Eine Gewichtsabnahme in einem frühen Stadium kann die Erkrankung jedoch stoppen, selbst wenn Betroffene nur 10 Prozent ihres Gewichts verlieren.

 

Darauf sollten ältere Menschen mit Diabetes achten

Alles, was für jüngere Diabetiker bezüglich Ernährung und Lebensstil gilt, ist auch für Diabetiker ab einem Alter von 65 Jahren gültig – mit einem sehr wichtigen Unterschied. Wenn Sie älter sind, Diabetes Typ 2 und andere ernsthafte chronische Erkrankungen haben, kann eine intensive oder aggressive Behandlung zu erheblichen Problemen führen. Je mehr Erkrankungen eine ältere Person neben Diabetes noch hat, desto grösser sind die Risiken bei hypoglykämischen Anfällen (starker Abfall des Blutzuckerspiegels). Letztere können zu einem erhöhten Herzinfarktrisiko, Stürzen mit Knochenbrüchen und sogar zum Tod führen. Auch mildere Fälle von Hypoglykämie, die durch eine aggressive Behandlung verursacht werden, können die Lebensqualität beeinträchtigen, ohne dabei einen nennenswerten Vorteil zu bieten. Darum ist es für ältere Diabetiker mit weiteren chronischen Erkrankungen in der Regel am besten, wenn sie versuchen, ihren HbA1c-Wert bei 8 Prozent zu halten, erklärt Dr. McCoy. Ihr zufolge sollte die Behandlung immer individuell erfolgen. Menschen über 65, die keine weiteren chronischen Erkrankungen haben, tun wahrscheinlich gut daran, einen HbA1c-Wert von 7,5 anzustreben. Bei Menschen über 65 Jahren, die an weiteren Krankheiten leiden, führt in der Regel jedoch ein HbA1c-Zielwert von 8,0 zu besseren Resultaten als wenn eine weitere Senkung des Wertes angestrebt wird.

 

Geben Sie Diabetes keine Chance!

Heute, im Alter von 65 Jahren, ist Michael Trailovici mit 78 Kilogramm schlank, kommt immer noch mit Metformin aus und fühlt sich ausgezeichnet. Die gute Nachricht ist, dass Patienten es zu einem grossen Teil selbst in der Hand haben, wie sich die Krankheit bei ihnen entwickelt. Eine Ernährungsumstellung und ausreichend Bewegung garantieren eine gesündere Zukunft. Falls Sie Ihre Diagnose erst kürzlich erhalten haben, lässt sich der Diabetes möglicherweise durch eine Veränderung Ihres Lebensstils sogar heilen.

 

 

 


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