Das muss Ihnen nicht peinlich sein
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Körper & Psyche

Das muss Ihnen nicht peinlich sein

Leiden wie Mundgeruch, Blähungen und Fußpilz betreffen Millionen Menschen – und werden oft schamhaft verschwiegen. Verständlich, aber unsinnig. Denn die Medizin hält wirksame Hilfen bereit

Ausgabe: Februar 2014 Autor: Stella Cornelius-Koch

Wetten, dass Ihnen Folgendes noch nie passiert ist: Zufällig treffen Sie auf der Straße einen Freund, den Sie länger nicht gesehen haben. Natürlich fragen Sie ihn, wie es ihm geht. Seine Antwort lautet: "Nicht so gut. Seit Wochen habe ich ganz furchtbare Blähungen."

Wen Kreuzschmerzen, Migräne oder Arthrose plagen, der hat keine Hemmungen, Familie und Freunden davon zu erzählen. Doch es gibt Krankheiten, über die zu sprechen man sich scheut. Zu peinlich erscheint es zuzugeben, dass man an Fußpilz, Mundgeruch, Hämorrhoiden und Co. leidet. Dabei betreffen diese Erkrankungen Millionen Zeitgenossen – und lassen sich gut behandeln. In unserer zweiteiligen Serie verraten wir Ihnen alles, was Sie zu sechs der häufigsten Leiden wissen müssen.

Fuß- und Nagelpilz hemmen

Wenn die Haut zwischen den Zehen oder auf der Fußsohle juckt, gerötet ist, sich schuppt oder nässt, ist der Fall ziemlich klar: Sie haben sich höchstwahrscheinlich einen Fußpilz eingefangen. Tinea pedis, so der medizinische Fachbegriff, gehört zu den häufigsten Hauterkrankungen – und ist ansteckend. So ansteckend, dass schätzungsweise ein Drittel der Deutschen und Österreicher davon betroffen sind. Die Erreger lauern vor allem dort, wo viele nackte Füße auftreten: in Schwimmbädern, Umkleidekabinen oder Hotelzimmern.

Niemand braucht sich wegen eines Fußpilzes zu schämen. "Die Infektion hat nichts mit mangelnder Hygiene zu tun, sie kann jeden befallen", erklärt Dr. Ralph von Kiedrowski, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Deutscher Dermatologen. "Raucher, Diabetiker und Menschen mit arteriellen Durchblutungsstörungen sowie Asthma- und Rheumakranke, die Kortison einnehmen, haben sogar ein erhöhtes Ansteckungsrisiko." Auch Sportler sind besonders gefährdet, denn das permanent feuchte Milieu in Sportschuhen weicht die Haut auf. So können die Erreger leichter eindringen.

Die gute Nachricht: Mit Cremes und Salben, die pilzhemmende oder –tötende Wirkstoffe enthalten, können Sie das unangenehme Leiden wirkungsvoll bekämpfen. Entsprechende Präparate erhalten Sie frei verkäuflich in der Apotheke. Am effektivsten wirken sie, solange die Erreger noch oberflächlich liegen. Dann dauert eine Behandlung zehn bis 14 Tage. Je eher Sie das Problem angehen, desto besser.

Unbehandelt greift Fußpilz in vielen Fällen auf die Nägel über. Manchmal tritt Nagelpilz auch ohne eine vorherige Infektion der Haut auf. So wie bei Bettina Wohlfarth* aus dem rheinland-pfälzischen Nordhofen. Die Verputzerin beobachtete zwei Jahre lang Nagelveränderungen. Zuerst am rechten großen Zeh, der stark verhornt und gespalten war, später an den Zehen beider Füße. "Ich habe zunächst an eine Nagelverletzung gedacht", erzählt Wohlfarth. "Erst meine Fußpflegerin machte mich darauf aufmerksam, dass es sich um einen Pilz handeln könnte." Dieser Verdacht bestätigte sich, als die 53-Jährige Dr. von Kiedrowski in Selters im Westerwald aufsuchte. Mithilfe einer winzigen Probe des infizierten Nagels bestimmte der Dermatologe den Erreger. Dann verordnete er Bettina Wohlfahrt ein pilztötendes Medikament zur Einnahme.

Weniger stark ausgeprägter Nagelpilz lässt sich mit rezeptfreien Tinkturen oder Lacken behandeln. "Diese helfen allerdings nur bei einem Befall der seitlichen Nagelbereiche im vorderen Drittel", erklärt Dr. von Kiedrowski. "Geht die Infektion über die Hälfte des Nagels hinaus, reichen äußerliche Methoden nicht aus, weil der neuwachsende Nagel schon infiziert aus der Nagelwurzel herauswächst." In solchen Fällen wird der Arzt Ihnen Medikamente zur Einnahme verschreiben. Haben Sie Geduld: Oft erstreckt sich die Therapie über mehrere Monate.

Um Fuß- und Nagelpilz vorzubeugen, sollten Sie auf Folgendes achten: Trocknen Sie Ihre Füße nach dem Baden oder Duschen gründlich mit einem sauberen Handtuch ab. Denken Sie dabei an die Zehenzwischenräume! Teilen Sie Handtücher nicht mit anderen Familienmitgliedern. Cremen Sie Ihre Füße regelmäßig ein. Bevorzugen Sie Strümpfe aus Naturmaterialien, die bei 60 Grad waschbar sind. Schneiden Sie bei der Pediküre nicht zu weit in die seitlichen Nagelbereiche hinein.

Im Schwimmbad oder Nassbereich von Saunen und Fitness-Studios sind Badeschuhe Pflicht. Wer stark schwitzt, kann mit Puder für trockene Füße sorgen. Sportschuhe lassen Sie nach jedem Training am besten an der frischen Luft trocknen.

Blähungen die Luft ablassen

Echt peinlich, wenn Luft geräuschvoll und übel riechend aus dem After entweicht. Kein Wunder, dass "Pupsen" in der Öffentlichkeit verpönt ist. "Dabei sind bis zu 15 Darmwinde am Tag ganz normal", sagt Dr. Andreas Leodolter, Gastroenterologe am Evangelischen Krankenhaus Herne. Schuld sind meist blähende Lebensmittel, etwa rohe Zwiebeln, Lauch und Kohl. "Sie enthalten Zuckerstoffe und schlecht verdauliche Kohlenhydrate, die erst im Dickdarm durch Bakterien verarbeitet werden und dabei Gase bilden", erklärt der Experte. Auch Vollkornprodukte können Darmwinde hervorrufen. Dies betrifft besonders häufig Personen, die ihre Ernährung umstellen. Dann gilt es, den Vollkornanteil der Nahrung langsam zu steigern, damit Magen und Darm Zeit haben, sich an die ungewohnte Kost zu gewöhnen. ˆbrigens: Kohlensäurehaltige Getränke wie Sekt oder Cola, Bier und Wein können ebenfalls blähend wirken, da sie im Magen-Darm-Trakt noch nachgären.

Mitunter verbergen sich hinter Blähungen aber auch Lebensmittelunverträglichkeiten und Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes. Relativ häufig wird Milchzucker nicht vertragen. Fruchtzucker in größeren Mengen, etwa in Dörrobst, führt ebenfalls bei vielen Menschen zu Beschwerden. Sollte dies bei Ihnen der Fall sein, könnte Süßen mit Honig Abhilfe schaffen. Die in ihm enthaltene Kombination von Frucht- und Traubenzucker ist in der Regel gut verträglich.

Gleich unter einer ganzen Reihe von Verdauungsbeschwerden litt Karin Brinkmann*: Blähungen, Bauchkrämpfe, Verstopfung und Durchfälle wechselten sich ab. Vor allem fetthaltige Speisen machten der Rentnerin aus Norddeutschland das Leben schwer. "Ich musste mir oft mit krampflösenden Medikamenten behelfen", sagt sie. Schließlich stellten die Ärzte bei der 73-Jährigen ein Reizdarmsyndrom fest. Inzwischen meidet Brinkmann die für sie kritischen Lebensmittel und ist beschwerdefrei.

Bei vielen Patienten ist die Diagnose nicht so eindeutig. "Neuere Studienergebnisse belegen, dass hinter Reizdarmbeschwerden auch eine Glutenunverträglichkeit stecken kann", sagt Dr. Leodolter. Er rät daher Betroffenen – nach Rücksprache mit ihrem behandelnden Arzt –, sich eine Zeit lang glutenfrei zu ernähren. Nicht ganz einfach, denn fast alle Getreidearten enthalten das Klebereiweiß. Lassen Blähungen, ˆbelkeit und Durchfall bei dieser Diät nach, sollte ein Arzt klären, ob eine Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) vorliegt.

Was bedeutet all dies für Sie? Entweichen Ihnen Darmwinde häufiger als 15-mal am Tag, treten Blähungen neu auf oder kommen andere Symptome wie Veränderungen im Stuhlgang dazu, ohne dass Sie Ihre Lebensgewohnheiten verändert haben, sollten Sie zum Arzt gehen. Genau wie bei nächtlichen Durchfällen und unerklärlichem Gewichtsverlust. "In seltenen Fällen kann sich eine entzündliche oder tumoröse Erkrankung dahinter verbergen", sagt Dr. Leodolter.

Um Blähungen vorzubeugen, verzichten Sie am besten völlig auf unverträgliche und weitgehend auf blähende Lebensmittel. Essen Sie lieber fünf kleine als drei große Mahlzeiten am Tag. Nehmen Sie sich jeweils genug Zeit, und vermeiden Sie, Snacks im Gehen zu verzehren. Bei Stress und Hektik schlucken Sie nämlich zu viel Luft.

Verursacht eine gestörte Darmflora Blähungen, können Bifidobakterien helfen. Diese sind als Tabletten erhältlich, stecken aber auch in Naturjoghurt. Pflanzliche Tropfen aus der Apotheke, beispielsweise mit dem Extrakt der Bitteren Schleifenblume, wirken ebenfalls vorbeugend. Wenn Sie dann noch beim Kochen blähungsmindernde Gewürze wie Kümmel verwenden oder Tee aus Pfefferminze, Fenchel, Anis oder Kamille trinken, sollten Sie vor peinlichen Darmwinden in der Öffentlichkeit gefeit sein.

Blasenschwäche trockenlegen

"Wo ist die nächste Toilette?" Diese Frage beschäftigte Stefanie Kaiser* jahrelang. Die Diplom-Betriebswirtin aus Mannheim leidet im Winter regelmäßig unter starkem Husten. Dabei verlor sie früher immer etwas Urin. Bei jedem Hustenanfall musste sie zur Toilette eilen. Während einer Darmuntersuchung stellte Kaisers Arzt dann eine leichte Senkung der Gebärmutter und eine gestörte Steuerung der Beckenbodenmuskulatur fest. Im Kontinenz- und Beckenboden-Zentrum am Klinikum Ludwigshafen erhielt Kaiser schließlich die Diagnose: Belastungsinkontinenz.

Ursache der häufigsten Form der Harninkontinenz ist eine Schwächung des Schließmuskelsystems am Blasenauslass – oft infolge schwieriger Geburten oder häufigen Tragens schwerer Lasten. Reize wie Husten, Niesen oder Lachen führen dann dazu, dass unfreiwillig Urin abgeht. "Bei vielen Menschen mit Harninkontinenz-Problemen sind Beckenboden-, aber auch Bauch- und Rumpfmuskulatur zu schwach", erklärt Privatdozentin Dr. Ines-Helen Pages, Chefärztin des Instituts für Physikalische und Rehabilitative Medizin am Klinikum Ludwigshafen. Betroffene sollten also ihre Körpermitte stärken – am besten unter fachlicher Anleitung.

Diese Methode hat auch Stefanie Kaiser geholfen: Bereits nach vier Wochen Training besserten sich ihre Beschwerden. Heute geht sie ein- bis zweimal pro Monat zur Physiotherapeutin und übt täglich zu Hause. Zu den gegen Blasenschwäche empfohlenen ˆbungen zählt beispielsweise, beim Wasserlassen den Urinstrahl mehrmals zu unterbrechen oder im Sitzen die Bauch- und Beckenmuskulatur fünfmal hintereinander anzuspannen und wieder zu lockern. Stefanie Kaiser ist so nicht nur ihre Blasenschwäche losgeworden, Wirbelsäulen- und Gelenkbeschwerden, Atmung und Körperhaltung haben sich ebenfalls verbessert. "Das Training hat mich alltagstauglich gemacht", erzählt sie erfreut.

Betriebswirtin Kaiser ist gegen ihre Inkontinenz sehr früh und aktiv vorgegangen. Damit sei ihre Patientin eher die Ausnahme, berichtet Dr. Pages: "Blasenschwäche ist immer noch ein Tabuthema. Obwohl jede vierte Frau betroffen ist, geht etwa die Hälfte von ihnen nicht zum Arzt. Gerade ältere Frauen tun sich damit oft schwer oder glauben, mit Einlagen, Inkontinenzslips oder Windelhosen leben zu müssen."

Dabei profitieren durchaus auch ältere Menschen von den modernen Behandlungsmöglichkeiten. Reicht bei einer stark erschlafften Muskulatur das Beckenbodentraining nicht aus, kann der Arzt zusätzlich eine Elektrotherapie verordnen. Dabei bewirken elektrische Reize mit niedrigen Frequenzen eine gezielte Anspannung der Muskulatur, ein sogenanntes "passives Muskeltraining" des Beckenbodens. Die Elektrode wird in die Scheide oder beim Mann im After platziert. Diese Behandlungsmethode sollte mindestens zwölf Wochen lang, in Einzelfällen auch länger, täglich über 20 Minuten erfolgen.

Speziell bei älteren Menschen mit einer überaktiven Blase besteht die Möglichkeit, den Blasenmuskel auch mit elektrischen Reizen zu dämpfen. Zudem kann der Arzt Medikamente verordnen, welche die Blasenmuskulatur beruhigen und das Fassungsvermögen der Blase erhöhen.

"Erst wenn alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, sollte man einen chirurgischen Eingriff in Erwägung ziehen", rät Dr. Pages. Dieser ist insbesondere dann sinnvoll, wenn anatomische Veränderungen wie eine Blasen- oder Gebärmuttersenkung oder auch Wirbelsäulenerkrankungen vorliegen.

So wie bei Angelika Böttcher*. Die 46-jährige Angestellte aus Bremen hatte bereits mehrere Bandscheibenvorfälle und konnte wegen eines verengten Nervenkanals an der Wirbelsäule kein herkömmliches Beckenbodentraining absolvieren. Die Lebensqualität der zweifachen Mutter war wegen ihrer Inkontinenz stark eingeschränkt. "Mit meinen Kindern rennen oder mit meinem Mann tanzen zu gehen war für mich unmöglich", erzählt sie. Vor drei Jahren entschied Böttcher sich zu einer Operation mit der TVT-Methode.

Dabei führt der Chirurg während eines operativen Eingriffs – im Allgemeinen unter örtlicher Betäubung – ein spezielles Kunststoffband ein, Tension-free Vaginal Tape genannt. Dieses Band kommt spannungsfrei unter der Harnröhre zu liegen und verhindert, dass sie bei Belastungen wie Husten und Niesen tiefer tritt. So dichtet die Harnröhre sich in solchen Situationen quasi selber ab, der unwillkürliche Harnverlust hat ein Ende.

Den Eingriff hat Angelika Böttcher nicht bereut. "Heute kann ich wieder körperlich aktiv sein, ohne dass ich dabei Urin verliere oder Einlagen tragen muss", sagt die Bremerin.

* Name von der Redaktion geändert


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