Ein Mann trägt ein Mini-Hörgerät.
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Der Hörgeräte-Selbsttest

Ein Selbstversuch hat unserem Autor die Angst vor dem Hörgerät genommen.

Ausgabe: Oktober 2021 Autor: Reinhard Otter

„Was hast du gesagt?“ Ich weiss gar nicht mehr, wann mir auffiel, dass ich diese Frage immer öfter stelle. Vor allem in Gesellschaft, wenn Musik, Geräusche oder Gelächter einen Klangteppich bilden, fällt mir das Hören zunehmend schwerer. In letzter Zeit muss ich mich vor allem Gesprächspartnern zu meiner Linken gezielt zuwenden, um sie zu verstehen. Viel gedacht habe ich mir dabei anfangs nicht. Mit 52 Jahren ist man schliesslich nicht mehr ganz jung. Aber ein Hör­gerät brauche ich noch lange nicht! Oder vielleicht doch? Schliesslich ist die Fähigkeit zu hören der wichtigste Sinn für die direkte Kommunikation mit anderen Menschen und unserer Umwelt. Von morgens bis abends sind unsere Ohren unablässig im Einsatz.

 

Auf ins Hörstudio

Darum war mein Interesse geweckt, als ich vor einiger Zeit las, dass sich Hörgeräte immer mehr zu kleinen Wunderwerken entwickeln. Mit dem Smartphone vernetzt, klanglich individuell und auf verschiedene Raum- und Gesprächssituationen anpassbar seien die modernen Hörhilfen. Das will ich selbst ausprobieren! Also melde ich mich zu einem Termin in einem Hörstudio in Ditzingen bei Stuttgart an. Wie beim Optiker stehen am Anfang eine Reihe Tests. Zunächst prüft Hörakustiker-Meisterin Cornelia Rill alle Aspekte meiner sogenannten auditiven Wahrnehmung. Dazu gehört, wie laut ein Ton in einer bestimmten Höhe sein muss, damit ich ihn wahrnehme.
Als alle Tests ausgewertet sind, bestätigt Expertin Rill, was ich mir schon dachte: Mein linkes Ohr einige Frequenzen etwas eingeschränkt wahr. Dies führt dazu, dass ich schlechter unterscheiden kann, aus welcher Richtung bestimmte Geräusche kommen. Die gute Nachricht: Diese leichte Hörschwäche betrifft nur wenige Frequenzbereiche. „Mit Ihren Werten wird Ihnen noch keine Krankenkasse ein Hörgerät bezahlen“, erklärt mir die Fachfrau. Immerhin darf ich zum Selbsttest ein Paar Hörgeräte ausleihen. Diesen Service bieten viele Hörstudios an. Die Kunden sollen die Geräte schliesslich später dauerhaft tragen. Da hilft es, wenn sie sich vorab davon überzeugen, wie bequem sie sind und wie gut sie funktionieren. Die winzigen Geräte haben nichts mit den klobigen Hörhilfen gemein, die mein Grossvater in den 1980er-Jahren trug. „Hör-Bananen“ nannte er sie scherzhaft.

 

Keine "Hör-Bananen", sondern Hightech

Vor mir liegen zwei winzige Gehäuse, jedes über ein nahezu unsichtbares Kabel mit einem Miniatur-Ohrknopf verbunden. Als Erstes stellt Expertin Rill die Hörgeräte auf mich ein. Dafür überträgt sie meine am Computer ermittelten Hörkurven auf die Geräte. So eingestellt, verstärken sie den Schall nur in den Frequenz­bereichen, die ich nicht mehr vollständig wahrnehme. Dann speist sie verschiedene Programme ein: Eines nimmt Geräusche aus allen Richtungen gleichmässig auf. Ein anderes sammelt den Schall stark gerichtet von vorn. „Damit können Sie Personen besonders gut hören, die Ihnen gegenübersitzen“, erklärt Rill. Anschliessend zeigt sie mir noch einige Technik-Tricks der Mini-Hörhilfen: Die Geräte lassen sich mit meinem Smartphone verbinden und übertragen Telefongespräche, Musik oder Webradio direkt ins Ohr. Das machen sie auf Wunsch auch mit dem Ton aus dem Fernsehgerät. Dafür gibt mir Rill ein kleines Kästchen namens „TV Streamer“ mit.
Zum Schluss lerne ich, die Geräte anzulegen: Man hängt die feinen Kabel so übers Ohr, dass das Gehäuse hinter der Muschel anliegt und der Hörstöpsel vor dem Gehörgang baumelt. Dann schiebt man die winzigen Stöpsel aus weichem Silikon mit dem Zeigefinger in den Gehörgang. Die Trennung von Mikrofonen am Gehäuse und Lautsprecher direkt im Ohr sorgt dafür, dass es keine Rückkopplungen mit dem gefürchtete Pfeifen gibt.

 

Bequeme Steuerung

Am nächsten Morgen kommt der grosse Moment. Ich lege die Hörgeräte an. Sie schalten sich automatisch ein. Mit einem Mal wirkt der Raum lebendiger. Leise Geräusche wie ein Tastendruck an der Spülmaschine, der fliessende Wasserstrahl am Spülbecken, die knarrende Zimmertür klingen direkter, trockener und teils etwas schriller als gewohnt. Vielleicht ist es noch zu früh für die volle Hör­unterstützung? Über die Steuerungs-App auf dem Smartphone stelle ich die Lautstärke der Hörgeräte etwas leiser. So ist es besser!
Die App ist Dreh- und Angelpunkt bei der Steuerung der Geräte und wenn es gilt, die Hörprofile zu wechseln. Anfangs nehme ich die Stöpsel mit ihren flexiblen Silikonaufsätzen als Fremdkörper im Ohr wahr und fasse immer wieder hin, weil ich das Gefühl habe, sie rutschten heraus. Tun sie aber nicht. Nach wenigen Stunden spüre ich die Stöpsel kaum noch. Zunächst habe ich auch etwas Angst, die Brillenbügel auf die Geräte hinterm Ohr zu legen. In der Tat verursacht das Aufsetzen ein kurzes „Klack“, dann stören sich Brille und Hörgeräte nicht mehr. „Für den dauerhaften Einsatz werden meist individuell an den Gehörgang angepasste Ohrstecker gefertigt“, hat mir die Hörakustik-Meisterin am Vortag erklärt. „Und der Optiker kann die Brillenbügel etwas anpassen, falls sie auf die Hörgeräte drücken.“

 

Hörgeräte aufladen

Die Geräte aufzuladen geht übrigens ganz einfach: Ich lege sie in eine eigens dafür vorgesehenen Lade­schatulle im Format einer Pillendose. Darin laden sich die Akkus kontaktlos auf. Der Akku in der Ladeschatulle bietet genug Energie für fünf Ladevorgänge – das ist vor allem auf Reisen praktisch. Ich könnte aber auch ein Smartphone-Ladegerät verwenden. Auf dem Weg ins Büro erreicht mich ein Anruf auf dem Smartphone. Das steckt in der Jackentasche – doch es klingelt direkt in meinen Ohren. Nach dem Abheben höre ich meinen Gesprächspartner klar und ganz nah. Über die App kann ich einstellen, wie laut der Gesprächspartner ertönen soll und wie gut ich Umgebungs­geräusche höre. Sprechen muss ich allerdings weiterhin ins Mikrofon des Smartphones.
Auch das Telefonieren mit dem Festnetz-Telefon erweist sich im Lauf des Tages als komfortabel. Meine Hightech-Hörhilfen haben neben den Umgebungsmikrofonen am Gehäuse ein zusätzliches, drittes Mikrofon auf jedem Ohrstöpsel. Das Gerät erfasst so auch den Schall aus dem Telefonhörer. Das ist praktisch, zumal ich aus dem Familienkreis weiss, dass viele Menschen mit herkömmlichen Hörgeräten gerade beim Telefonieren Probleme haben.

 

In Gesellschaft eine echte Hilfe

Nach dem Essen gehe ich mit dem Hund spazieren und höre nebenbei Radio-Nachrichten. Das Smartphone überträgt den Ton der Radio-App auf die Hörgeräte. Dazu kann ich die Radio-Lautstärke im Verhältnis zu Umgebungsgeräuschen einstellen. Von hinten rollt ein Radfahrer heran und macht sich mit seiner Klingel bemerkbar. Das höre ich einwandfrei und trete zur Seite. Mit Kopfhörern ist es mir schon passiert, dass ich solche Warnungen nicht mitbekam. Tatsächlich helfen mir die Hör­geräte am meisten in geräuschvoller Umgebung. Das wird mir auf dem Heimweg klar, als ich mich mit Kollegen in der U-Bahn unterhalte. Die Gespräche strengen mich weniger an.
Kurz vor 20 Uhr lassen wir uns zum Fernsehen im Wohnzimmer nieder. Der TV-Streamer beamt den Ton der Tagesschau direkt in meine Ohren, ähnlich wie Telefongespräche vom Smartphone. Meine Frau neben mir hört parallel über die TV-Lautsprecher mit. In der App kann ich einstellen, wie stark sich die beiden Geräuschkulissen – TV-Stream und Umgebung – mischen sollen, damit ich auch mitbekomme, was mir meine Gattin nebenher sagt. Als die Titelmusik des Tatorts ertönt, fällt mir erneut auf, dass über die Hörgeräte im Vergleich zum vollen Sound unserer TV-Anlage kräftige Bässe und feine Hochtöne fehlen. Zum Verstehen von Nachrichten und Talk-Sendungen ist die Streamer-Funktion aber sehr hilfreich.

 

Nicht zu lange zögern

„Für Menschen mit einer stärkeren Hörschwäche sind die klanglichen Einschränkungen der Hörgeräte kaum ein Thema“, erklärt Dr. Jürgen Kiessling. „Ich höre oberhalb von 2000 Hertz fast nichts mehr“, berichtet er. „Ohne die Verbindung der Hörgeräte mit dem Smartphone wäre Telefonieren für mich ungleich schwieriger.“ Gerade für Neulinge sei es normal, dass die Hörgeräte ungewohnt klingen. Kiesslings Tipp: „Es ist wichtig, dass Sie schon bei einer geringen Schwäche das Hören mit Hörgeräten dauerhaft üben“. Geräte, die Sie nur zum Restaurantbesuch oder für die Familienfeier anlegen, bringen wenig. „Das Gehirn muss sich an die Unterstützung gewöhnen, um aus dem reinen Hören ein Verstehen zu machen“, erklärt der Professor.

Auch für mich hat er einen Rat, als ich vom Kopfdrehen in der Kneipe berichte: „Eine typische Aussage von Patienten in meiner Laufbahn war: ,Ich höre ja noch gut, nur manchmal verstehe ich nicht alles.‘ Sie haben möglicherweise unabhängig vom messtechnischen Befund bezüglich des reinen Hörens eine weitere Einschränkung in der akustischen Wahrnehmung, die Sie untersuchen lassen sollten.“ Denn je älter das Gehirn werde, desto schwerer tue es sich damit, zu lernen, wie es die Unterstützung durch Hörgeräte in echtes Verstehen verwandelt. Der Professor verweist auf eine aktuelle Studie, die auf einen Zusammenhang zwischen schlechtem Hören und einem gesteigerten Demenzrisiko hindeutet. Kiessling ist sicher: Eine gute akustische Wahrnehmung hilft dabei, geistig fit zu bleiben. Ein letztes Mal stecke ich meine smarten Hörhilfen in ihre Ladeschatulle, dann bringe ich sie zurück zur Hörakustik-Meisterin. Bei der Vorstellung, dass mein nächstes hochwertiges Audiogerät womöglich hinterm Ohr installiert wird, ist mir nicht mehr bange. Etwas beklommen allerdings macht mich der Preis: Die vernetzten Winzlinge kosten einen mittleren vierstelligen Betrag, zusätzlich zum Krankenkassenzuschuss.

 

 

 

Ihr Weg zur Hörhilfe

Für einen ersten Check und eine Beratung rund um Schwerhörigkeit und Hörhilfen lassen Sie Ihr Gehör am besten in einem Hörstudio vermessen. Ein Rezept für Hörgeräte bekommen Sie nach einer medizinischen Untersuchung und einem Hörtest (Audiogramm) von einem HNO-Arzt. Krankenkassen bezahlen Hörgeräte bis etwa 700 Euro pro Ohr mit allen notwendigen Funktionen für eine verbesserte Sprachverständlichkeit. Dazu gehören beispielsweise eine individuelle Anpassung an Ihre Hörkurve, einstellbare Fokussierung über zwei Mikrofone, eine Rück­kopplungsunterdückung (Piepsen bei hohen Schallpegeln) und manchmal individuelle Ohrstöpsel.

Zusatzfunktionen wie einstellbarer Klang, Streaming- und Telefonfunktionen, ein drittes Mikrofon im Ohrstück oder Akkubetrieb sowie den TV-Streamer und weiteres Zubehör wie in den beschriebenen Test-Hörgeräten müssen Sie selbst bezahlen. Die beschriebenen Hörgeräte kosten rund 3000 Euro pro Ohr. Die Regeln kann man in etwa so umschreiben: Die Krankenkasse bezahlt alles, was Sie besser hören lässt. Funktionen, die Hören im Alltag bequemer machen, kosten extra. Eine individuelle Anpassung und Einweisung gehört bei allen Hör­geräten dazu.

 

 

 


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