Die Gefahren einer Blutvergiftung
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Die Gefahren einer Blutvergiftung

Sie glauben, eine Blutvergiftung entsteht immer durch eine offene Wunde? Ein Irrtum, der dramatische Folgen haben kann.

Ausgabe: Dezember 2018 Autor: Stella Cornelius-Koch

Urplötzlich sind die Schmerzen da. Eine Erklärung dafür, warum ihm unvermittelt der rechte Fuss und das linke Knie so heftig wehtun, hat Günther Bierbrauer nicht. Nur eine Vermutung. „Ich dachte, dies sei eine Reaktion auf eine Impfung, die ich wegen einer geplanten Südafrika-Reise erhalten hatte“, erzählt der selbstständige Unternehmensberater aus Stuttgart. Weil die Beschwerden zunehmen, geht er zum Hausarzt. Dieser verabreicht ihm eine Kortison-Spritze und verordnet Schmerzmittel.

Doch die Schmerzen kommen wieder

Damit kommt scheinbar alles wieder in Ordnung. Familie Bierbrauer fliegt wie geplant in den Urlaub. Doch kurze Zeit nach der Heimkehr sind die Schmerzen wieder da. Der Hausarzt überweist Bierbrauer zum Orthopäden. Der vermutet eine Schleimbeutelentzündung, verschreibt ein Antibiotikum. Das aber zeigt keine Wirkung. Stattdessen bekommt Bierbrauer unerträgliche Schmerzen in beiden Knien. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Es hat sich angefühlt, als ob meine Gelenke in einem Schraubstock steckten. Ich konnte weder liegen, stehen noch gehen“, berichtet der 64-Jährige. Er ruft einen Krankenwagen, der ihn in die Klinik bringt. Dort stellen die Ärzte fest: Der Patient steht kurz vor einer Blutvergiftung – ausgelöst durch eine Gelenkentzündung. Günther Bierbrauer hatte grosses Glück.

Häufige Todesursache

Sepsis, so der medizinische Fachausdruck für Blutvergiftung, zählt zu den häufigsten Todesursachen. Von den etwa 90.000 Personen, die in Deutschland pro Jahr daran erkranken, stirbt mindestens jeder Dritte. Einen septischen Schock, bei dem bereits lebenswichtige Organe in Mitleidenschaft gezogen sind, überlebt gar nur jeder zweite Patient. Dabei beginnt die Blutvergiftung – wie bei Bierbrauer – oft ganz harmlos. „Sie beruht immer auf einer Infektion. Diese ist zunächst örtlich begrenzt und heilt in der Regel folgenlos aus. In manchen Fällen kann sie sich jedoch zur Sepsis weiterentwickeln“, erklärt Professor Dr. Frank Martin Brunkhorst, Leiter des Zentrums für klinische Studien am Universitätsklinikum Jena. Zur Sepsis kommt es, wenn Erreger – meist Bakterien, selten Viren oder Pilze – sich über die Blutbahn im Körper ausbreiten. Darauf reagiert das Immunsystem mit einer Entzündung im gesamten Körper. Die Blutgerinnung verändert sich, Zellen werden schlechter oder gar nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Gelingt es den Bakterien, sich in Organen oder Körperteilen festzusetzen, können diese versagen oder absterben. Bei Günther Bierbrauer war dies glücklicherweise nicht der Fall. Allerdings musste er fast drei Wochen im Krankenhaus verbringen und hochdosierte Antibiotika einnehmen.

Sepsis-Ursache: Entzündungen im Inneren des Körpers

Auch wenn viele Menschen dies glauben: Blutvergiftungen sind nicht immer Folgen einer offenen Wunde. „Solche Fälle sind sehr selten geworden. Früher, als die Menschen auf dem Feld arbeiteten, Verletzungen an Armen und Beinen davontrugen und die hygienischen Bedingungen unzureichend waren, kam das öfter vor“, erklärt Professor Brunkhorst. Wichtig zu wissen: Häufigste Ursachen einer Sepsis sind heute Infektionen im Inneren des Körpers – allen voran Lungenentzündungen, Harnwegsinfekte oder Entzündungen des Bauchraums sowie Wundinfektionen infolge einer Operation. Die Erkrankungshäufigkeit steigt aufgrund des schwächeren Immunsystems mit zunehmendem Alter, insbesondere wenn die Betroffenen an Begleiterkrankungen leiden, wie chronische Herz- und Nierenschwäche, Lebererkrankung, Diabetes, Rheuma oder Asthma. Diese schwächen ihre Körperabwehr zusätzlich und erhöhen so das Infektionsrisiko.

Vernachlässigen Sie also die Behandlung von chronischen Grunderkrankungen nicht. Besondere Vorsicht sollte darüber hinaus jeder walten lassen, dem die Milz entfernt wurde, da das Organ eine wichtige Funktion im Immunsystem erfüllt. Nicht zuletzt sind Venen-Katheter im Rahmen eines operativen Eingriffs oder anderer medizinischer Behandlungen ein oftmals unterschätztes Risiko.

„Scheuen Sie sich bei einem Krankenhausaufenthalt nicht, freundlich, aber bestimmt darum zu bitten, den Katheter so schnell wie möglich zu entfernen“.

Das rät Professor Brunkhorst. „Entlang der Kanüle können nämlich Bakterien ins Blut gelangen.“

Symptome erkennen

Trotz der Schwere der Erkrankung und der hohen Sterblichkeit ist das Wissen über Sepsis nicht nur bei medizinischen Laien, sondern auch bei vielen Ärzten unzureichend, beklagt Professor Brunkhorst. „Weil nur wenige Blutvergiftungen mit einer entzündeten Wunde beginnen, ist eine Sepsis quasi unsichtbar und sehr schwierig zu erkennen“, erläutert er. Dazu kommt: Unspezifische Symptome – wie Fieber, Schüttelfrost, erhöhter Puls oder allgemeines Unwohlsein – treten genauso bei weniger schweren Infektionen oder Grippe auf. Um den Übergang von einer Infektion zur Sepsis frühzeitig zu erkennen, haben Experten drei wichtige Warnzeichen ermittelt, die Sie kennen sollten:

  1. eine beschleunigte Atemfrequenz mit mehr als 22 Atemzügen pro Minute,
  2. ein oberer (systolischer) Blutdruckwert unter 100 Millimeter Quecksilbersäule und
  3. jede Art von neu auftretender Bewusstseinsstörung, wie plötzliche Orientierungsprobleme oder Verwirrtheit.

Übrigens: Der rote Strich auf der Haut, den viele für ein sicheres Merkmal einer Blutvergiftung halten, tritt eher selten als Zeichen einer örtlichen Entzündung auf. Auch ihn sollten Sie jedoch gegebenenfalls ernst nehmen, rät Professor Brunkhorst.

Schnell handeln

Bei einer Sepsis zählt jede Minute, um das Risiko schwerwiegender gesundheitlicher Schäden zu senken. „Daher sollte man sich bei Verdacht auf einen schweren Verlauf einer Infektion, das heisst bei deutlichem Kranksein, Schüttelfrost, Luftnot oder niedrigem Blutdruck umgehend ins Krankenhaus begeben“, rät Dr. Peter Walger, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Dort werden die Ärzte den Patienten gezielt untersuchen. Bestätigt sich die Diagnose Sepsis, kommen hochwirksame Antibiotika zum Einsatz. Mit bildgebenden Verfahren wie Ultraschall können die Ärzte auch einen eventuellen Entzündungsherd finden und ihn gegebenenfalls operativ entfernen.

Schützen sie sich gegen eine Blutvergiftung

  • Eine Impfung gegen Sepsis existiert nicht, wohl aber gegen einige Infektionen, die Auslöser sind: gegen Pneumokokken, die Lungenentzündungen verursachen, sowie gegen Grippe. Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Pneumokokken-Impfung für Kinder in den ersten beiden Lebensjahren, für Menschen ab 60 Jahren sowie bei einer chronischen Erkrankung oder einem geschwächten Immunsystem. Bei Fernreisen kann eine Impfung gegen Meningokokken, die Erreger der Hirnhautentzündung, sinnvoll sein.
  • Versorgen Sie kleine Verletzungen bedarfsgerecht, indem Sie sie vorsichtig säubern und desinfizieren sowie mit einem Verband oder Pflaster schützen. Wenn eine Wunde klopft und pocht, gehen Sie sofort zum Arzt. Das Gleiche gilt bei Hunde- und Katzenbissen. Sie sind wegen der Bakterien im Speichel der Tiere gefährlich.
  • Achten Sie zum Schutz vor Infektionen im Krankenhaus darauf, sich regelmässig die Hände zu desinfizieren. Bitten Sie darum, dass das medizinische Personal dies ebenfalls tut, bevor es Sie als Patient betreut.

 


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