eine Person mit Kugelschreiber zeigt auf Abbildungen mit MRI-Scan eines Kopfes.
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Die vielen Gesichter der Epilepsie

Viele Menschen glauben, ein epileptischer Anfall verlaufe immer gleich: Die betroffene Person fällt zu Boden und erleidet einen Krampfanfall.

Ausgabe: Januar 2020 Autor: Anna Sharratt

Dr. Ley Sander, ärztlicher Direktor der britischen Epilepsy Society und Professor für Neurologie am University College London erläutert, dass diese tonisch-klonischen Anfälle zwar häufig vorkommen, es aber auch andere Krankheitsbilder gibt. „Man unterscheidet mehr als 40 verschiedene Arten von Anfällen.“ Dazu zählen Anfälle, bei denen Personen ins Leere starren und nicht reagieren, wenn sie angesprochen werden, ebenso wie solche, bei denen verkrampfte Muskulatur zur Erstarrung des gesamten Körpers führt. Ein epileptischer Anfall wird durch eine Fehlfunktion der elektrischen Signale im Gehirn verursacht. Man unterscheidet zwei Kategorien: generalisierte Anfälle, bei denen das gesamte Gehirn betroffen ist, und fokale, bei denen nur ein Teil betroffen ist. Auch eine Hirnerkrankung, ein Schlaganfall oder ein Tumor kann einen epileptischen Anfall auslösen. Epilepsie diagnostiziert man nach mindestens zwei Anfällen, die mit den zuvor genannten Erkrankungen nicht zusammenhängen.

Weltweit leiden rund 50 Millionen Menschen an Epilepsie. Es kann jeden treffen. Die Wahrscheinlichkeit ist höher, wenn die Krankheit bereits in der Familie aufgetreten ist. Bei Kindern ist es möglich, dass sich die Erkrankung auswächst. Ist das nicht der Fall, können die Symptome aber behandelt werden. „Bei zwei Dritteln aller Epilepsie­-Patienten kann man die Anfälle medikamentös kontrollieren“, erklärt Professor Sander. Es gibt mehr als zwei Dutzend Medikamente, wobei die neueren Präparate weniger Nebenwirkungen zeigen. Für die Patienten, die nicht auf Arzneimittel ansprechen, bei denen jedoch das Gehirnareal, das die Anfälle auslöst, bestimmt werden kann, gibt es die Möglichkeit einer Operation.

„Mit der funktionellen Magnetresonanztherapie haben wir in der Epilepsie-Gesellschaft Pionierarbeit geleistet, um das Gehirn genau abzubilden und sichere Eingriffe zu ermöglichen“, berichtet Professor Sander. 70 Prozent der operierten Patienten, bei denen meist ein Teil des Temporallappens entfernt wurde, sind danach anfallsfrei, bei 20 Prozent kommt es seltener zu Anfällen, und nur 14 Prozent berichten über keine Besserung.

Bei Patienten mit schwerer Epilepsie kann die Implantation eines Vagusnerv-Stimulators die Beschwerden lindern, so Professor Sander. Das im Nacken implantierte Gerät sendet ähnlich wie ein Herzschrittmacher leichte Stromimpulse aus, um die Krampfanfälle zu verhindern. Die vielversprechendste Methode ist, laut Professor Sander, die Genom-Sequenzierung: „Noch steckt diese in den Kinderschuhen, aber wir sind dabei, die Teile der DNA zu identifizieren, die mit Epilepsie in Verbindung stehen. Insbesondere schwere Verläufe könnten dann anders behandelt werden.“
Mit einer Veränderung ihres Lebensstils können Betroffene die Epilepsie in Schach halten und ein normales Leben führen, indem sie zum Beispiel auf Alkohol verzichten und andere Auslöser wie Stress oder Schlafentzug vermeiden.

Werden Sie Zeuge eines Anfalls, rät Professor Sander: „Beruhigen Sie die Person, stützen Sie den Kopf mit einem zusammengerollten Pullover, und rufen Sie Hilfe, falls der Anfall länger als fünf Minuten dauert.“

 

 


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