Zwei ältere Frauen umarmen sich lächelnd.
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Körper & Psyche

Für ein Leben ohne Demenz

Der geistige Verfall lässt sich aufhalten. Das können Sie gegen das Vergessen tun.

Ausgabe: September 2019 Autor: Anita Bartholomew

Etwa 50 Millionen Menschen weltweit leiden an Demenz. Immer wieder wird prognostiziert, dass diese Zahlen weiter steigen werden, da die Bevölkerung immer älter wird. Doch das Gesamtrisiko, an Demenz zu erkranken, nimmt nicht zu. Die Zahl der Demenzerkrankungen in der Bevölkerungsgruppe ab 65 Jahren nimmt sogar ab. Dass die absoluten Zahlen steigen, liegt daran, dass die Menschen heute weitaus länger leben als vorherige Generationen. Und je älter man wird, desto anfälliger wird man für altersbedingte Krankheiten.

Was ist eigentlich Demenz?

Es handelt sich um eine Beeinträchtigung des Denk- und Erinnerungsvermögens sowie der allgemeinen Leistungsfähigkeit. Demenz wird meist in Verbindung gebracht mit der Alzheimer-Krankheit, kann aber auch durch andere Leiden wie Parkinson oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht werden. Dazu zählen Bluthochdruck, Fettleibigkeit, unbehandelte Depressionen und unbehandelter Hörverlust. Eine der Autorinnen, Professor Gill Livingston von der psychiatrischen Abteilung des University College London, betont, dass eine Veränderung des Lebensstils mindestens 35 Prozent der Demenzerkrankungen verhindern könnte. Zudem zeigten Studien in den Vereinigten Staaten, Dänemark, Schweden und anderen Ländern, dass es wahrscheinlicher denn je ist, ein langes Leben zu führen, ohne an Demenz zu erkranken. Das gilt möglicherweise auch für Menschen, deren Gehirn bereits Veränderungen aufweist, die mit Demenz in Zusammenhang gebracht werden. Die folgenden fünf Erkenntnisse zeigen, dass man sein Gehirn vor Demenz schützen kann.

 

  1. Ihre Gene besiegeln nicht zwangsläufig Ihr Schicksal

Früh einsetzende Formen von Alzheimer, die im Alter von 30 bis 50 Jahren auftreten, sind selten und genetisch bedingt. Das ist bei spät einsetzender Demenz jedoch nicht der Fall. „Das Gen, das gewöhnlich das Alzheimer-Risiko bei Menschen erhöht, die 65 Jahre oder älter sind, heisst ApoE4“, sagt Professor Livingston. Sie weist aber darauf hin, dass nicht jeder, der das ApoE4-Gen in sich trägt, auch krank wird. Und nicht jeder, der an Demenz erkrankt, hat das ApoE4-Gen. „ApoE4 ist nur für ungefähr 7 Prozent der Demenzerkrankungen verantwortlich“, erläutert Professor Gill Livingston.

 

  1. Ein aktives Gehirn ist ein gesünderes Gehirn

Untersuchungen, die seit 1997 am Rush Alzheimer’s Disease Center in Chicago, USA, durchgeführt werden, haben gezeigt, dass „eine erhöhte geistige Aktivität mit besseren kognitiven Fähigkeiten im Zusammenhang steht“, sagt Aron Buchman, Neurologie-Professor am Rush Center. Gemeint sind normale geistige Tätigkeiten wie Bücher lesen, Briefe schreiben oder eine fremde Sprache lernen. Je häufiger solche Aktivitäten im Alter zum Alltag der Studienteilnehmer gehörten, desto geringer war deren geistiger Verfall. Sind diese Personen von Demenz verschont geblieben, obwohl ihr Gehirn physiologische Veränderungen aufwies? Die Studienteilnehmer erklärten sich bereit, ihr Gehirn nach ihrem Tod für eine Autopsie zur Verfügung zu stellen. Der physikalische Zustand der gespendeten Gehirne entsprach demjenigen, den man von Menschen ab 80 oder gar ab 90 und darüber erwarten würde, inklusive Hirnanomalien. Diese Anomalien hatten jedoch bei den Personen, die geistig aktiv geblieben waren, nicht die erwarteten Beeinträchtigungen verursacht.

Die vorherrschende Theorie besagt, dass Gehirne grosse sogenannte „kognitive Reserven“ haben. Das sind alternative neuronale Netzwerke, die altersbedingte Veränderungen kompensieren können. Aber was würde das für die Forschung bedeuten, wenn es nicht nur an den kognitiven Reserven läge? Vielleicht bilden sich komplett neue Gehirnzellen, die die beschädigten Zellen ersetzen? Eine Abhandlung in der Mai-Ausgabe 2019 der Fachzeitschrift Cell belegt, dass in den gespendeten Gehirnen von Menschen, die im Alter zwischen 79 und 99 Jahren starben, das ganze Leben lang Neuronen gebildet wurden, sogar noch mit Ende 90. Und je besser die kognitiven Fähigkeiten dieser Personen am Ende waren, desto mehr neue Neuronen hatten sie gebildet – trotz Hirnanomalien. Könnte der Lebensstil das Wachstum beeinflussen? Um die Frage zu beantworten, sind weitere Studien nötig – aber es ist ein Hoffnungsschimmer.

 

  1. Gesunde Ernährung - intaktes Gehirn

Hält man sich an mediterrane Kost (mehr Vollkorn, Obst, Gemüse, Olivenöl und Fisch; weniger Fleisch und Süsses) kann man sein Risiko, an Alzheimer zu erkranken, um 40 Prozent senken. Das besagt eine Studie aus dem Jahr 2006. Wissenschaftler gehen jetzt noch einen Schritt weiter. Sie haben den Zusammenhang zwischen Ernährung und Demenz bestätigt und die sogenannte MIND-Diät entwickelt, die unmittelbar auf die Gehirngesundheit ausgerichtet ist. Die Diät ist eine Kombination aus der mediterranen Diät und der DASH-Diät. Dabei schränkt man den Konsum von Süssem, raffiniertem Getreide, frittierten Lebensmitteln, Fast Food, rotem Fleisch, Butter und Käse ein. Forscher konnten nachweisen, dass die Kombination den kognitiven Verfall um etwa 50 Prozent reduzieren kann. Die neuesten Forschungsergebnisse wurden letztes Jahr in der Zeitschrift Neurology veröffentlicht. Pauline Croll vom Erasmus University Medical Center in Rotterdam, Niederlande, ist Hauptautorin der Forschungsarbeit: „Wir haben eine extra Analyse durchgeführt, um herauszufinden, ob ein einzelnes Lebensmittel die Gesamtqualität der Ernährung steigern konnte. Dies war nicht der Fall. Wichtig ist das Gesamtmuster der Ernährungsweise.“ Ältere Menschen, die gesund assen, hatten grössere und somit gesündere Gehirne. Dabei war es egal, ob die Kost den niederländischen Diätrichtlinien, der mediterranen Ernährungsweise oder anderen anerkannten gesunden Ernährungsgewohnheiten entsprach. Am gesündesten ernährt sich, wer seinen Schwerpunkt auf eine pflanzenbasierte Ernährung mit wenig verarbeiteten Lebensmitteln legt.

 

  1. Bester Schutz: viel Bewegung

Das Rush Alzheimer’s Disease Center begleitet seit 1994 eine rollierende Gruppe älterer Menschen (neue Mitglieder kommen dazu, wenn andere sterben). Ziel ist es, die Faktoren zu definieren, die manchen helfen, geistig gesund zu bleiben, während andere mental abbauen. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer liegt zu Beginn ihrer Studienteilnahme bei Anfang 80. „2005 begannen wir, ein Gerät zu verwenden, das die Probanden am Handgelenk trugen“, erläutert Professor Aron Buchman vom Rush Center. Das Gerät zeichnete alle Bewegungen auf. „Wir fanden heraus, dass Menschen, die aktiver waren, ein geringeres Risiko hatten, eine Demenz zu entwickeln. Ihr kognitiver Verfall verlief ausserdem langsamer.“

Auch in dieser Studie wurden die Gehirne der Teilnehmer nach ihrem Tod untersucht. Die Forscher entdeckten, dass die Probanden, die körperlich aktiv gewesen waren, ebenso wie diejenigen, die geistig rege geblieben waren, den kognitiven Verfall kompensieren konnten. „Die Verbesserung ihrer kognitiven Fähigkeiten durch einen aktiven Lebensstil konnte auch bei Menschen mit Anomalien im Gehirn festgestellt werden“, sagt Professor Aron Buchman. Da sich die Rush-Forschungsarbeit nur mit Menschen über 80 befasst, sagt sie nichts darüber aus, in welchem Alter man aktiv werden muss, um davon zu profitieren.

 

  1. Was gut für Ihr Herz ist, ist auch gut für Ihr Gehirn

Zahlreiche Forscher haben einen Zusammenhang zwischen Demenz und Diabetes, Fettleibigkeit, hohen Cholesterinwerten, Vorhofflimmern und hohem Blutdruck festgestellt. Jede Krankheit, die die Herzgesundheit beeinträchtigt, stellt auch ein Risiko für das Gehirn dar. Hoher Blutdruck wurde beispielsweise mit kleinen Hirnläsionen in Verbindung gebracht, die die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen können. „Was gut für Ihr Herz ist, ist auch für Ihr Gehirn gut“, sagt Dr. Silvan Licher vom Erasmus University Medical Center. Empfehlungen zur Ernährung und zur körperlichen Aktivität für ein gesundes Herz sind dieselben wie für ein gesundes Gehirn.

 


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