Ein älterer Mann und sein Physiotherapeut bei Übungen mit Hanteln.
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Gesund ohne Pillen - mit Physiotherapie

Physiotherapie kann nicht nur Schmerzen lindern, sondern auch so manche Operation hinfällig machen

Ausgabe: Juli 2020 Autor: Susan Catto

Es war die Angst, das Kochen aufgeben zu müssen, die mich dazu brachte, eine Physiotherapie zu machen. Seit der Schule hatte ich durch das Schreiben von Hand und am Computer Schmerzen in Händen und Handgelenken. Inzwischen hatte ich es aufgegeben, Schraubgläser zu öffnen, schrieb kaum noch von Hand, und selbst das Hacken einer Knoblauchzehe verursachte Schmerzen in meinen Armen. Meine Ärztin hatte einen Bluttest durchgeführt, um rheumatoide Arthritis auszuschliessen, doch dann wusste sie nicht weiter. Schliesslich vereinbarte ich einen Termin bei einem Physiotherapeuten. Die Ergebnisse waren hervorragend. Bei der ersten Sitzung wurde eine Sehnenentzündung diagnostiziert, und ich bekam Anleitungen für einfache Dehnübungen. In wöchentlichen Sitzungen dehnte mein Physiotherapeut meine verkürzten Muskeln und zeigte mir Kräftigungsübungen, um künftigen Problemen vorzubeugen. Innerhalb weniger Tage wurden meine Schmerzen spürbar gelindert, und nach nur zwei Monaten hatte ich fast wieder den Normalzustand erreicht.

Physiotherapie kann also auch bei chronischen Beschwerden helfen. In vielen Fällen sind nur wenige Behandlungstermine nötig, nachdem die Schmerzursache ermittelt wurde. Danach können die Übungen zu Hause durchgeführt werden. Es ist bekannt, dass Physiotherapie eine wichtige Rolle bei der Rehabilitation nach Unfällen, Sportverletzungen und Schlaganfällen spielt. Doch in den letzten Jahren hat die Behandlung physischer Funktions- und Bewegungsstörungen neue Bedeutung im Gesundheitswesen erlangt. In einigen Fällen lassen sich dadurch sogar Operationen vermeiden. Wir erläutern, wie verschiedene Beschwerden und Erkrankungen physiotherapeutisch behandelt werden können.

 

Hilfe bei schmerzenden Knien

Im Jahr 2009 wurden im Fachmagazin The New England Journal of Medicine die Ergebnisse einer bahnbrechenden Studie veröffentlicht. Forscher der University of Western Ontario in London, Kanada, konnten nachweisen, dass Physiotherapie in Verbindung mit Medikamenten ebenso wirksam bei der Behandlung von Kniegelenksarthrose war wie eine arthroskopische Operation. „Bei von Arthrose betroffenen Gelenken hilft es meist, an der Beweglichkeit und Kräftigung zu arbeiten“, erklärt Dr. Robert Litchfield, Co-Autor der Studie und medizinischer Leiter der Fowler Kennedy Sport Medicine Clinic. Häufig können Physiotherapeuten Knieschmerzen beseitigen, indem sie deren Ursache ermitteln und diese durch gezielte Übungen behandeln.

 

Linderung chronischer Schmerzen

Hartnäckigen Schmerzen kann man entgegenwirken, indem man die Muskeln kräftigt, welche die schmerzenden Gelenke oder Muskeln umgeben. In einer dänischen Studie wurden Frauen mit Osteoporose untersucht, deren chronische Schmerzen mit Wirbelkörperkompressionsfrakturen in Verbindung standen. Sie ergab dass Patientinnen bereits nach einer zehnwöchigen physiotherapeutischen Behandlung, die auf die Verbesserung des Gleichgewichts und die Stabilisierung der Lendenwirbelsäule ausgerichtet war, erheblich weniger Schmerzmittel einnehmen mussten.

 

Bekämpfung von Rückenschmerzen

Rückenschmerzen werden häufig durch Fehlhaltungen, Muskelzerrungen oder Arthritis verursacht. Die Art der Behandlung richtet sich nach dem Auslöser, doch es gibt einige allgemeingültige Grundsätze. Paul VanWiechen, Leiter des Bereichs Bewegungsphysiologie an der Cleveland Clinic Canada in Toronto, empfiehlt einen dreifachen Ansatz: Gewichtsmanagement (um die Belastung der Gelenke zu reduzieren), Muskelkräftigung (um die Mobilität zu verbessern und das Risiko eines Wiederauftretens zu senken) sowie eine „Umstrukturierung“ der Muskeln. „Im Bereich des unteren Rückens gibt es etwa zwei Dutzend Muskeln, die entscheidenden Einfluss haben“, erklärt VanWiechen. „Nur einzelne Muskeln zu stärken ist nicht so wirkungsvoll, wie allen 24 beizubringen, wie sie zusammenarbeiten sollen.“

 

Weniger Beckenbodenbeschwerden

Nach einer Schwangerschaft, Geburt oder Unterbauchoperation können sich die Beckenbodenmuskeln verkürzen oder verkrampfen. Funktionsstörungen zeigen sich in Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Harn- oder Stuhlinkontinenz sowie in Schmerzen im Bauch oder in der Leistengegend. Physiotherapeuten lösen die druckschmerzhaften Verhärtungen in den Beckenbodenmuskeln, sogenannte „Triggerpunkte“, durch eine punktuelle Massage auf. Häufig werden zusätzlich Kräftigungsübungen zum Beispiel in Form von Pilates sowie Entspannungstechniken angewandt.

 

Erleichterung der Atmung

Patienten mit Asthma oder Schlafapnoe können ein physiotherapeutisches Herz-Kreislauf-Training absolvieren. Dabei kommen Übungen zur Atemsteuerung zum Einsatz wie das Aufblasen eines Luftballons oder solche, die die Beweglichkeit der Brust- und Halsmuskulatur durch Dehnung und Kräftigung verbessern. 2018 veröffentlichte die Fachzeitschrift The Lancet die Ergebnisse einer einjährigen Studie, an der 655 Asthmatiker zwischen 16 und 70 Jahren teilnahmen. Britische Forscher wollten herausfinden, ob sich die Lebensqualität der Probanden durch eine „respiratorische Umschulung“ verbessern würde. Es zeigte sich, dass die Atemtherapie erfolgreich war, selbst dann, wenn die Patienten das Training mithilfe einer digitalen Anleitung selbstständig zu Hause absolvierten.

Jedoch muss der Patient seinen Teil dazu beitragen, damit eine Physiotherapie wirkt. Entscheidend ist, dass die erlernten Übungen regelmässig zu Hause absolviert werden. „Viele meiner Patienten wollen am liebsten schon gestern geheilt sein – aber sie sind nicht bereit, viel Mühe dafür zu investieren“, sagt Karen Orlando, Physiotherapeutin in Toronto, Kanada. Es braucht Zeit, um Muskeln wieder zu dehnen oder zu trainieren. Doch die Mühe lohnt sich, da dadurch das Wiederauftreten der Beschwerden verhindert werden kann.

 

 

 


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