Jahrelang chronische Rückenschmerzen
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Jahrelang chronische Rückenschmerzen

Eine Fallgeschichte aus dem Krankenhaus. George (28), Landschaftsarchitekt und Wasserballspieler litt jahrelang an chronischen Rückenschmerzen. Eine neue Therapie hat ihm geholfen.

Ausgabe: März 2019 Autor: Sidney Loney

Im Januar 2007 fiel George bei der Arbeit in London von der Leiter und zog sich eine Wirbelsäulenfraktur zu. Nach acht Wochen im Korsett war der Bruch weitgehend verheilt, doch er litt unter stechenden Schmerzen entlang der Wirbelsäule. Der 28-Jährige war nicht in der Lage, zu arbeiten, Wasserball zu spielen oder seinen kleinen Sohn hochzuheben.

Vier Jahre lang suchte George nach einer Therapie – vergeblich. Die Ärzte hatten alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Der Landschaftsarchitekt hatte 14 Kilogramm zugenommen und war zutiefst deprimiert, denn bei rund 20 Prozent der Patienten mit akuten Schmerzen im unteren Rücken werden die Beschwerden trotz Behandlung chronisch. Im August 2011 wurde George schliesslich in das multidisziplinäre Schmerzprogramm am Guy’s and St. Thomas’ Hospital aufgenommen. Neben seinen Medikamenten, zu denen mittlerweile auch täglich zwei Morphintabletten zählten, erhielt er Akupunktur und Physiotherapie. Einer seiner Schmerztherapeuten war Dr. Adnan Al-Kaisy. Ihm zufolge erlebt einer von acht Patienten mit chronischen Rückenschmerzen solche neuropathischen Schmerzen, die schwer therapierbar sind.

„Den Betroffenen stehen nur wenige Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung“, erklärt Dr. Al-Kaisy. In Georges Fall glaubte er, dass eine Rückenmarkstimulation helfen könnte. Bei diesem Verfahren werden Elektroden in den Rücken implantiert, die leichte elektrische Impulse an das Rückenmark senden. „Die elektrischen Felder überlagern den Schmerz, indem sie die Nachrichten, die der Körper an die Rezeptoren im Gehirn sendet, stören“, erklärt der Facharzt. Er vergleicht die chronischen Schmerzen gern mit einem Feueralarm, der losgeht ohne Feuer. „Studien haben gezeigt, dass die Rückenmarkstimulation bei solchen Schmerzen sehr effektiv sein kann.“ Die Behandlungsmethode wird nur in speziellen Schmerzzentren angeboten. George nahm mit 20 weiteren Patienten, die ebenfalls an neuropathischen Schmerzen im unteren Rücken litten, an einer Pilotstudie teil.

Im Juni 2012 wurde ihm ein Gerät mit zwei dünnen Kabeln in das Rückenmark implantiert. Einen kleinen, austauschbaren und batteriebetriebenen Neurostimulator, der mit den Drähten verbunden war, setzten die Ärzte unter die Bauchdecke. (Nach rund zehn Jahren muss solch ein Stimulator ausgetauscht werden.) Nach der Operation erhielt George eine Fernbedienung, mit der er den Stimulator ein- und ausschalten sowie die Impulse steuern konnte. Nach spätestens zwölf Monaten reduziert der Stimulator die Schmerzen um durchschnittlich 72 Prozent. Die Stimulation wirkt nicht bei jedem Patienten, in Georges Fall funktionierte sie glücklicherweise. Am Tag nach der Operation konnte er bereits aufstehen und sich bewegen. Zwölf Wochen später war er wieder in der Lage, ein normales Leben zu führen. Vor allem benötigte er keine Schmerzmittel mehr. Seinem Arzt sagte er, die Rückenmarkstimulation habe sein Leben komplett verändert. „George ist sehr optimistisch und blickt zuversichtlich in die Zukunft“, sagt Dr. Al-Kaisy, der den Landschaftsarchitekten einmal im Jahr zur Kontrolle sieht. „Ohne diese Behandlungsmethode müsste er noch immer Schmerzmittel nehmen, die ihm wenig helfen und sich ausserdem negativ auf seine Lebensqualität auswirken würden – mental wie körperlich.“

Heute, fünf Jahre nach seiner Operation, arbeitet George in seinem Beruf als Landschaftsarchitekt. Endlich ist er den körperlichen Anforderungen wieder gewachsen. Und er ist sogar wie früher in der Lage, Wasserball zu spielen.

 


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