Offenbar macht Lesen das Gehirn widerstandsfähiger
© Zarya Maxim / Fotolia.com
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Offenbar macht Lesen das Gehirn widerstandsfähiger

Wer viel und lange liest, zögert damit Demenz hinaus und trägt sogar zu einem längeren Leben bei...

Ausgabe: April 2018 Autor: Andrea au Levitt und Brandon Specktor

Stellen Sie sich eine einfache Frage – und seien Sie ehrlich. Wie viele Stunden haben Sie vergangene Woche mit Bücherlesen verbracht? Je nachdem, wie viele Stunden es sind, zögern Sie damit Demenz hinaus und tragen sogar zu einem längeren Leben bei. Diese Frage ist Teil einer Studie der University of Michigan, USA, zum Thema Gesundheit und Ruhestand. Seit 1992 wird sie jährlich an Tausende Haushalte geschickt. Bei der Befragung von mehr als 20.000 Rentnern wurde bei der Analyse der Hirngesundheit dem Leseverhalten lange Zeit nicht ausreichend Beachtung geschenkt. Erst 2016 werteten Wissenschaftler am Institut für Gesundheitswesen an der Yale University die Studiendaten von zwölf Jahren aus. Der Fokus lag auf den Lesegewohnheiten sowie dem Gesundheitszustand von mehr als 3600 Frauen und Männern über 50 Jahren.

Wer Bücher liest, scheint länger zu leben

Dabei stießen sie auf ein vielversprechendes Muster: Wer über mehrere Jahre hinweg mindestens 30 Minuten pro Tag ein Buch las – egal, ob Roman, Sachbuch, Lyrik oder Prosa –, lebte im Durchschnitt zwei Jahre länger als Personen, die nicht lasen. Noch interessanter war die Erkenntnis, dass Buchleser, die mehr als drei Stunden pro Woche lasen, eine um 23 Prozent geringere Sterberate aufwiesen als die Studienteilnehmer, die nur Zeitungen oder Zeitschriften lasen. Vielleicht wissen Sie, dass Kinder, denen Eltern ab dem sechsten Lebensmonat mehrmals die Woche vorlesen, vier Jahre später eine bessere Sprachkompetenz aufweisen, sie bei Intelligenztests besser abschneiden, und ihre Berufschancen besser sind.

Lesen ist wichtig – auch als Erwachsener

Jüngere Untersuchungen kommen nun zu dem Schluss, dass Lesen im Erwachsenenalter ebenso wichtig ist. Eine gesunde Hirnfunktion kann durch Lesen und das Erlernen einer Fremdsprache unterstützt werden. Um die Gründe zu verstehen und zu ermitteln, was jeder Einzelne tun kann, sollten Sie sich fragen: Warum steigert das Lesen von Büchern die Leistungsfähigkeit des Gehirns – das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften dagegen nicht? Zum einen, so die Wissenschaftler, fördere die Lektüre von Büchern mit mehreren Kapiteln das „tiefe Lesen“. Im Gegensatz zum Überfliegen einer Zeitungsseite mit Schlagzeilen muss das Gehirn beim Lesen eines Buches kritisch denken und Bezüge von einem Kapitel zum nächsten sowie zur realen Welt herstellen. Dabei werden neue Verbindungen zwischen Regionen in allen vier Hirnlappen und beiden Hirnhälften angelegt. Im Laufe der Zeit kann dieses neuronale Netzwerk schnelleres Denken fördern und besser gegen die negativen Auswirkungen kognitiven Verfalls schützen.

Steigerung der emotionalen Intelligenz

Zum anderen hat sich gezeigt, dass das Lesen von Büchern, insbesondere von Belletristik, Empathie und emotionale Intelligenz steigert. Bei einer Studie im Jahr 2013 wurde festgestellt, dass Teilnehmer, die selbst wenn sie nur den ersten Teil oder das erste Kapitel einer Geschichte lasen, eine Woche später deutlich mehr Empathie zeigten als Zeitungsleser. Die Entwicklung sozialer Kompetenzen wie Empathie und emotionale Intelligenz kann zu mehr und positiveren menschlichen Interaktionen führen. Das wiederum senkt das Stressniveau. Beides trägt erwiesenermaßen zu einem längeren, gesünderen Leben bei. Das heißt nicht, dass Zeitschriften, Zeitungen und Internetartikel keinerlei Vorteile böten. Jeder Lesestoff, der den Geist anregt und Ihnen neue Wörter, Ausdrücke und Informationen vermittelt, scheint sich positiv auf das Gehirn auszuwirken.

Macht ein umfangreicher Wortschatz das Gehirn widerstandsfähiger?

Neueren Untersuchungen zufolge könnte ein umfangreicher Wortschatz das Gehirn widerstandsfähiger machen, da er die sogenannte kognitive Reserve stärkt. Die kognitive Reserve ist die Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen. Mit ihrer Hilfe bilden Gehirnzellen neue Verbindungen, um die Areale zu überbrücken, die durch einen Schlaganfall, Demenz oder andere Formen des Ausfalls beschädigt wurden. Dies könnte erklären, warum man bei einer Untersuchung von scheinbar gesunden Senioren nach dem Tod Anzeichen von Alzheimer im Gehirn fand. Dabei zeigten diese zu Lebzeiten praktisch keine Symptome. Forscher vermuten, dass sie die Schäden mithilfe ihrer kognitiven Reserve ausglichen.

Wie stärkt man seine kognitive Reserve?

Gute Nachrichten für Wortfreunde. Der Wortschatz ist erwiesenermaßen resistent gegen das Altern – er kann geistigen Verfall sogar erheblich verzögern. Bei der Auswertung eines Vokabeltests von mehr als 300 freiwilligen Teilnehmern ab 50 Jahren stellten die Forscher fest: Die Personen mit der geringsten Punktzahl wiesen ein drei- bis viermal höheres Risiko für kognitiven Verfall auf als Probanden mit der höchsten Punktzahl. Auch das Erlernen fremdsprachiger Wörter bietet dem Gehirn wichtige Nahrung. Forschungen belegen es: Ein Instrument zu spielen oder eine zweite Sprache zu sprechen, ist mit das Beste für das Gehirn – und zwar in jedem Alter. Denken Sie an das leistungsfähige Netzwerk aus neuronalen Verbindungen, das beim Lesen entsteht. Beim Lernen einer Fremdsprache wächst dieses Netzwerk. Zudem sind mehrsprachige Menschen nachweislich besser beim Auswendiglernen, und sie können sich besser auf wichtige Details konzentrieren als Menschen, die nur eine Sprache sprechen.

Fremdsprachen lernen verhindert Demenz

Eine 2013 im Fachblatt Neurology veröffentlichte Studie belegte, dass Patienten, die zwei oder mehr Sprachen beherrschten, eine Demenz im Durchschnitt 4,5 Jahre später entwickelten als einsprachige Patienten. Es spielt dabei keine Rolle, ob man die Sprache fließend beherrscht. „Bereits Grundlagen können die Demenz hinauszögern“, erklärt Dr. Thomas Bak von der schottischen University of Edinburgh in der Zeitschrift Atlantic. Natürlich erlernt man eine Sprache nicht von heute auf morgen. Wie schnell sich aber ein Lernerfolg einstellt, zeigt folgende Studie: Wissenschaftler ließen 36 Probanden zwei Sätze mit demselben fremdsprachigen Wort lesen: „Jeden Sonntag ging meine Großmutter zum jedin“ und „Der Mann wurde auf dem jedin beerdigt“. Die Teilnehmer, die „Friedhof“ als Bedeutung vermutet hatten, zeigten Reaktionen in den für das Lustempfinden verantwortlichen Hirnregionen, die man beim Essen, Sex oder Glücksspiel erwarten würde. Hier kann man zu übermäßigem Genuss nur raten. Es lohnt sich, in Ihre Sprachkompetenz zu investieren – heute, morgen und für den Rest Ihres Lebens.

 


 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Räffelstrasse 11, 8045 Zürich