Rätselhafte Fieberschübe
© iStockfoto.com / janulla
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Rätselhafte Fieberschübe

Eine Fallgeschichte aus dem Krankenhaus.

Ausgabe: Dezember 2018 Autor: Lisa Bendall

Patientin: Maria* , eine 61-jährige Sozialarbeiterin
Symptome: Fieber und Schmerzen im Unterbauch
Behandelnder Arzt: Dr. Jean-Luc Reny, Leiter der Inneren Medizin, Universitätsspital Genf, Schweiz

Maria fühlte sich extrem erschöpft, sodass sie wochenlang nicht arbeiten konnte. Im März 2018 bekam die Sozialarbeiterin dann rätselhafte Fieberschübe, ihr Unterleib brannte vor Schmerzen. Der Hausarzt verordnete ein Antibiotikum, da er eine Harnwegsinfektion vermutete. Es zeigte jedoch keinerlei Wirkung. Jede Nacht wachte Maria schweissgebadet auf und musste die Bettwäsche wechseln. Bis Mitte April nahm sie mehr als drei Kilo ab. Ausserdem hatte sie zweimal eine Attacke mit so starken, stechenden Schmerzen in der Brust, dass sie um ihr Leben fürchtete. Röntgen- beziehungsweise Ultraschallaufnahmen von Brust und Bauch zeigten aber nichts Ungewöhnliches. Erst ein Labortest ergab einen zu hohen CRP-Wert (ein Entzündungsindikator).

Irgendwo in Marias Körper befand sich eine Entzündung.

Zur Abklärung überwies man sie ans Genfer Universitätsspital. „Fieber unbekannten Ursprungs ist eine der grössten medizinischen Herausforderungen“, erklärt Dr. Jean-Luc Reny. Davon spricht man, wenn das Fieber länger als drei Wochen anhält und der Auslöser trotz umfangreicher Untersuchungen nicht gefunden wird. „Die Lösung zu finden, gleicht einem Marathonlauf, der Erfahrung und Geduld erfordert.“ Es gibt mehr als 200 mögliche Auslöser für Fieber unbekannter Ursache. Die häufigsten sind Infektionen, entzündliche Erkrankungen und bösartige Tumore. In vielen Fällen wird die Ursache nie gefunden, einige Patienten sterben nach Auftreten des Fiebers – meist an Krebs. Während der Anamnese erfuhr Dr. Reny, dass Maria einige Monate zuvor Zähne gezogen wurden und die Wunden tagelang geeitert hatten. „Nebenhöhlen und Zähne sind häufig chronische Infektionsherde, die übersehen werden“, berichtet er. Eine Röntgenaufnahme zeigte allerdings keinen Befund. Ausserdem war Maria in Parks mit hohem Zeckenaufkommen spazieren gegangen, und sie wurde negativ auf Lyme-Borreliose getestet.

EKG und Enzymwerte-Test

Da die Patientin über Schmerzen in der Brust klagte, ordnete Dr. Reny ein EKG an und liess ihre Enzymwerte überprüfen. Als auch das ergebnislos blieb, liess der Arzt acht Tage später einen PET-Scan durchführen: Dabei können mithilfe einer leicht radioaktiven Substanz Durchblutungs- oder Funktionsstörungen von Organen festgestellt werden. In Marias Fall brachte der Scan den entscheidenden Hinweis. Es zeigte sich eine Entzündung der Aortenwand, vom Herz bis zum Unterleib, ebenso der Arterien am Beckenkamm. So konnte der Internist die möglichen Ursachen stark eingrenzen. Eine davon war Syphilis, was durch einen Antikörpertest ausgeschlossen wurde. Die andere, Arteriitis temporalis (Horton-Krankheit), ist eine entzündliche Erkrankung der Aorta und ihrer grossen Äste.

In Deutschland geht man davon aus, dass jedes Jahr 17 von 100.000 Personen daran erkranken. Betroffen sind Personen über 50 – Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Unbehandelt kann die Krankheit zur Erblindung führen. Zunächst hielt man die Horton-Krankheit für unwahrscheinlich, weil Maria nicht an typischen Symptomen wie Kopfschmerzen oder einer Empfindlichkeit der Kopfhaut litt und eine Arterien-Biopsie negativ blieb. Doch Dr. Reny vermutete, dass der Verlauf bei seiner Patientin untypisch war. Der Internist gab den am häufigsten eingesetzten Wirkstoff Prednison.

24 Stunden später: Besserung

Bereits 24 Stunden nach Einnahme des Präparats liessen bei Maria die Symptome nach. Im Lauf der nächsten ein bis zwei Jahre reduziert man die Dosierung des Medikaments schrittweise. So kann man bei einem eventuell auftretenden Rückfall die Dosierung jederzeit anpassen. „Inzwischen kann die Patientin sogar wieder arbeiten und ist dafür sehr dankbar“, sagt Dr. Jean-Luc Reny.

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Was tun Experten eigentlich für ihre Herzgesundheit? Ärzte und Kardiologen geben Ratschläge und verraten, was sie selbst für ihr Herz tun...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Das ist ein Risikofaktor für die Entstehung von Herzinfarkten, denn der Gerinnungsfaktor des Blutes steigt dabei an...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

wunder-mensch Körper & Psyche

Es hat die Größe einer geballten Männerfaust, doch das Herz ist eine Hochleistungspumpe – und zwar eine geniale...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Während sich die Ingenieure bemühen, Herzschrittmacher kleiner zu machen, erobert die Kardiokapsel bereits zunehmend die Herzen der Kardiologen.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Brustschmerzen und Atemnot können Vorboten eines plötzlichen Herztods sein.

 

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Als bei einem Einsatz in Hagenbüchach ein Feuerwehrmann mit Herzstillstand zusammenbricht, retten seine Kameraden ihm mit Herzdruck-Massage das Leben.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Still, langsam und scheinbar unaufhaltsam schreitet sie fort: die Herzinsuffizienz, auch als Herzschwäche bekannt...

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich