Anzeige

Eine junge Frau wandert im Wald
© istockfoto.com / fotojog
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Raus ins Grüne, Energie tanken!

Zeit, die Sie in der Natur verbringen, ist gut investiert – denn dort tanken Körper und Geist neue Energie.

Ausgabe: Dezember 2020 Autor: Monika Goetsch

Jahrtausende lebte und arbeitete der Mensch in der Natur. Anders heute. Im digitalen Zeitalter findet unser Leben vor allem in geschlossenen Räumen statt. Allzu vielen fällt es schwer, sich aufzuraffen und rauszugehen, wenn sie nicht müssen. Dabei wäre es für Körper und Geist viel gesünder, mehr Zeit unter freiem Himmel zuzubringen, sagt Neurowissenschaftler Manfred Spitzer. Wie und warum uns schon ein kurzer Spaziergang in Wald und Flur guttut, erklärt der Professor, der Psychiatrie an der Universität Ulm lehrt, im Interview.

Reader’s Digest: Ihr neuestes Buch trägt den Titel „Naturerleben“. Was verstehen Sie darunter?
Prof. Dr. Manfred Spitzer:
Es geht mir um die Frage, wie Natur auf uns wirkt. Was hören wir? Was sehen wir? Was berührt uns besonders? In den vergangenen zehn Jahren wurde viel dazu geforscht. Fest steht: Natur macht uns geistig und körperlich gesünder. Sie macht kreativer. Freundlicher. Und zugleich ein bisschen ehrfürchtig.

Warum hat die Natur einen so grossen Einfluss auf uns?
Weil wir Menschen nun mal in ihr entstanden sind. Und in der Natur gibt es Dinge, die uns zuträglich und andere, die uns abträglich sind. So haben wir gelernt, vor Löwen und Säbelzahntigern davonzulaufen. Wir haben aber auch gelernt, es sehr zu schätzen, auf einem Hügel zu stehen, über die Landschaft zu blicken und zu sehen, ob Gefahr kommt. Darum müssen wir noch heute nicht darüber nachdenken, was das richtige Plätzchen für uns wäre. Eine Automatik, die in uns abläuft, sorgt dafür, dass uns bestimmte Orte gut gefallen.

Da ticken wir wie unsere Vorfahren?
Wir ticken in vielem wie unsere Vorfahren! Kultur hat unsere Biologie nur überformt. Zum Vergleich: Alles, was Frauen an Männern gefällt, hat mit Stärke, Macht und materiellen Ressourcen zu tun; umgekehrt gefällt Männern an Frauen das, was ihre Fruchtbarkeit anzeigt. So ist im Verlauf der Evolution Ästhetik entstanden, ein Empfinden von Schönheit, das letztlich dafür gesorgt hat, dass es uns noch gibt – ohne dass irgendjemand nachdenken musste: Menschen, die etwas anderes mögen, sind nicht mehr da. Und ästhetische Erfahrungen machen wir auch in der Natur. Schön finden wir dort ebenfalls, was unserem Überleben zuträglich ist. Ein geschützter Platz in der Savanne zum Beispiel, von dem aus man weit sehen und Entfernungen gut abschätzen kann.
Wer das nicht glaubt, braucht nur die Immobilienpreise anzuschauen. Will man ein Haus mit Blick, kostet es viel. Steht es im Grünen, kostet es mehr. Am Wasser noch mehr. Und ein Haus mit Blick, im Grünen, am Wasser ist unbezahlbar.

 

 

Was passiert, wenn uns der Ausblick, die Sicht auf Grün und Wasser fehlt?
Dann sind wir gestresst. Stress ist das Fehlen von Kontrolle, auch für unsere Vorfahren. Wenn wir im Dickicht stehen, keinen Blick haben, kein Wasser und nichts zu essen, drückt der Körper den Notfallknopf. Der Stresshormon­spiegel im Blut steigt an und damit Blutdruck und Blutzuckerspiegel. Alles, was man nicht unbedingt braucht, wird abgeschaltet. Das ist gut in einem echten Notfall, etwa, wenn man auf dünnem Eis einbricht. Wird der Stress allerdings chronisch, bringt er uns um. Ob wir uns die Hüfte brechen, ob wir ein Magengeschwür, Krebs oder eine Lungenentzündung bekommen, weil das Knochenwachstum, die Verdauung oder die Immunabwehr chronisch runtergefahren wurde, ist dann eine Frage des Zufalls.

Wie steuert man gegen?
Gehen Sie raus! Nicht in den Urwald oder die Wildnis, denn dort könnte Gefahr lauern. Sondern in die domestizierte, kontrollierte Natur. In eine Parklandschaft mit Bäumen und Gras zum Beispiel, die man über­blicken kann und wo man das Gefühl hat: Das habe ich im Griff, hier ist die Natur gezähmt.

Die Farbe Grün scheint eine besonders grosse Rolle zu spielen.
Stimmt. Eine Studie von 1984 an Patienten nach einer Gallenoperation hat ergeben: Wer aus seinem Krankenzimmer auf eine Mauer schaute, brauchte bei einer durchschnittlichen Aufenthaltszeit von einer Woche einen Tag länger, um gesund zu werden als ein Patient, der ins Grüne sah. Ich finde das sehr plausibel. Denn Stress schwächt wie gesagt das Immunsystem. Das führt unter anderem zu Wundheilungsstörungen. Übrigens wirkt nicht nur Grün, sondern auch Blau angstmindernd: Grün sind die Pflanzen, blau Himmel und Wasser.

Würde es dann nicht schon genügen, ein Naturmotiv als Fototapete an die Wand zu kleben?
Jein. So eine Tapete hilft schon, aber längst nicht so gut wie die reale Natur. Häufig lösen Bilder ähnliche psychologische Effekte aus wie reale Objekte. Wenn ein Löwe auf einem Foto böse guckt, kann einen das ängstigen. Aber nicht so sehr, wie der Löwe, der vor einem steht. Realität ist am besten. Darum sollten wir ins Blaue fahren. Oder ins Grüne gehen.

Wie oft und wie lange?
Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, weil es tatsächlich in einer Studie ermittelt wurde. Und zwar, indem man das Cortisol im Speichel von Probanden gemessen hat. Das Cortisol, das dort gespeichert wird, sagt ja einiges über das Stressniveau aus. Es stellte sich heraus, dass sich bereits zwei Stunden Natur pro Woche günstig auf den Cortisolspiegel auswirken.

Zwei Stunden reichen aus?
Ich war auch erstaunt. Natürlich kann man mehr tun. Dadurch verbessert sich aber nicht mehr besonders viel.

Spazierengehen, wandern oder joggen: Was ist am besten?
Das muss jeder für sich herausfinden. Wenn ich einen Jogger mit schmerzverzerrtem Gesicht sehe, denke ich manchmal: Das kann diesem Menschen doch nicht wirklich guttun. Darum ist meine simple Antwort: Tun Sie, was Ihnen Spass macht. Wenn wir an etwas Freude haben, stimmt die Sache. Wenn wir uns aber zwingen und feste Ziele im Kopf haben, die wir unbedingt erreichen wollen und eine Uhr am Handgelenk tragen, die unser Tempo überwacht, dann geraten wir in genau den Stress, den wir ja eigentlich abbauen wollen.

 

 

Wenn es auf den Spass ankommt, könnte ich mich mit einer Zeitschrift auf eine Bank in den Wald setzen.
Auch das hat man erforscht. Die Japaner haben in grossen Studien Leute im Liegestuhl in den Wald gesetzt und festgestellt, dass das Sitzen positive Effekte hat. Sie nennen das seither Shinrin Yoku, Waldbaden. Noch positiver ist es allerdings, sich im Wald zu bewegen. Und weil manche Leute vermuteten, dass vielleicht gar nicht die Natur, sondern die Bewegung der entscheidende Faktor sei, hat man auch das getestet, und zwar am Beispiel der Kreativität.
Psychologen verglichen, wie kreativ jemand ist, der am Schreibtisch sitzt, drinnen auf dem Laufband läuft, im Rollstuhl durch den Wald geschoben wird oder durch den Wald joggt. Heraus kam Folgendes: Am schlimmsten ist es, drinnen am Tisch zu sitzen. Auf dem Laufband zu laufen ist schon besser. Durch den Wald geschoben werden: noch besser. Das Beste aber für die Kreativität ist: rausgehen und joggen.

Warum lockt es uns dann oft mehr, auf dem Sofa zu lümmeln?
Menschen sind grundsätzlich faul. Wir suchen immer nach Ausreden und Möglichkeiten, die Füsse hochzulegen. Einige wenige von uns gehen raus, weil sie wissen, dass es ihnen sonst schlecht geht. Aber die Mehrheit sitzt am liebsten zu Hause. Als Vater und Grossvater weiss ich, wie unwillig Kinder reagieren, wenn man sie sonntags in den Wald mitnehmen will. Aber ich weiss auch, dass es Kindern, wenn man trotz ihres Widerstands drei Stunden mit ihnen rausgeht, richtig gut geht. Dennoch muss man sie am nächsten Sonntag wieder drängen. Unsere Lebensumstände haben uns nun mal von der Natur entfremdet.

Spielen TV, Computer und Handys da eine unheilvolle Rolle?
Mit Sicherheit. Die Leute hocken viel zu viel vor Bildschirmen. Früher ist man nach der Schule einfach rausgegangen, hat geschaut, was so los ist. Irgendwas Spannendes fand sich immer. Das ist längst nicht mehr so. Man muss heute Natur schon inszenieren und einen Event daraus machen. Als ich jung war, galt es als Strafe, Hausarrest zu bekommen. Heute empfinden Kinder es als Strafe, wenn man sie rausschickt. Sie sitzen lieber vorm Bildschirm und schiessen auf Monster. Ihr Aktionsradius ist in den vergangenen 30 Jahren um 90 Prozent geschrumpft.

Sie haben eingangs von Ehrfurcht gesprochen. Was hat es damit auf sich?
In der Natur erlebt sich der Mensch in seiner Kleinheit und in seiner Grösse zugleich. Das kann in ein spirituelles Erlebnis münden. Und führt übrigens ganz praktisch dazu, dass man ein besserer Mensch wird.

Wie das?
Man konnte in mehreren Studien nachweisen, dass in der Natur die Hilfsbereitschaft von Menschen steigt. Im Grünen waren Versuchsteilnehmer eher bereit, Stifte aufzuheben, die andere fallen gelassen hatten. Oder Geld zu spenden, für einen guten Zweck. Aufenthalte in der Natur machen uns demnach zu besseren Menschen.

Sind Sie selbst oft genug draussen?
Ich könnte mich rausreden und sagen: Der Wegweiser geht auch nicht dahin, wo er hinzeigt. Aber ich gestehe, ich bin genauso schuldig, wie alle, die ich überzeugen will (lacht). Immerhin schaffe ich es am Wochenende meist, eine Stunde pro Tag rauszugehen. Und fühle mich gleich viel wohler.

 

 

Zur Person: Prof. Manfred Spitzer

kam 1958 in Darmstadt zur Welt. Er studierte Medizin, Psychologie und Philosophie. Seit 1997 lehrt er Psychiatrie an der Universität Ulm, wo er auch die Psychiatrische Universitätsklinik leitet. Spitzer zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Bücher wie "Vorsicht Bildschirm!" und "Digitale Demenz", in denen er vor unkontrolliertem Medienkonsum warnt, machten ihn auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Spitzer ist verheiratet, Vater von sechs Kindern und Grossvater.

 

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Felix Finkbeiner pflanzt Millionen von Bäumen, um unseren Planeten zu retten. Er ist der 20. Reader's Digest "Europäer des Jahres" – und der jüngste aller ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

In Rheinland-Pfalz steht ein alter Wald. Förster Peter Wohlleben versteht die „Sprache“ der Bäume, die dort leben. Sein Buch „Das geheime Leben der ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Haus & Garten

Stille Zeugen der Zeit: Beeindruckende Bäume erzählen ihre Geschichte.

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich