Ein bärtiger Mann mit Schiebermütze spricht in ein Megafon.
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Körper & Psyche

Schluss mit dem Nörgeln!

So geben Sie dem Gespräch eine andere Richtung.

Ausgabe: Mai 2020 Autor: Lisa Fields

Sogar die freundlichste, besonnenste Person beklagt sich zuweilen. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern nörgeln Menschen im Schnitt täglich 25 und 30 Mal – unabhängig von Geschlecht oder Alter.

„Die Unterschiede zwischen den untersuchten Gruppen sind nicht quantitativer, sondern qualitativer Art“, sagt Robin Kowalski, Professorin für Psychologie an der Clemson-University im US-Bundesstaat South Carolina. Sie forscht zum Phänomen des Jammerns. „Die Altersgruppe der über 70-Jährigen etwa mag zwar über andere Themen jammern, aber ich denke nicht, dass sie sich insgesamt häufiger beschwert als die der über 30-Jährigen.“ Nicht alle Beschwerden haben eine negative Wirkung. Manche beschweren sich, um eine Veränderung zu bewirken, etwa weil sie es leid sind, dass ihr Partner jeden Abend erst spät von der Arbeit kommt. Andere beklagen sich über etwas, um ein Gespräch anzubahnen oder sich mit Leuten, die sie noch nicht so gut kennen, verbunden zu fühlen. „Wenn man mit seinem Nachbarn auf der Strasse über das schlechte Wetter spricht, wird das kaum auf Widerspruch stossen“, sagt Dian Killian, zertifizierte Ausbilderin am Zentrum für Gewaltfreie Kommunikation in New York. „Über ein solches Thema kann man leicht einer Meinung sein.“ Manchmal werden Beschwerden auch als Mittel genutzt, eine andere Person ins Vertrauen zu ziehen. „Man denkt dann: ‚Oh, toll, dass diese Person diese Information mit mir teilt, sie scheint mir zu vertrauen‘“, sagt Professorin Kowalski.

 

Eingefahrene Gewohnheit

Viele Menschen, die sich häufig beklagen, sind sich dessen gar nicht bewusst. Jammern kann zu einer Gewohnheit werden – sehr zum Leidwesen aller Beteiligten. „Die Gründe für das Nörgeln im Dauermodus sind sehr verschieden“, sagt Ruut Veenhoven, emeritierter Professor an der Erasmus-Universität in Rotterdam, Niederlande. Sein Forschungsgebiet sind die sozialen Bedingungen menschlichen Glücks. „Für manche mag es eine Art Selbstbestätigung sein, für andere lediglich eine Form, ein Gespräch anzuknüpfen.“ Bei manchen Menschen ist das Beschweren, sei es bewusst oder unbewusst, zu einer Lebenshaltung geworden. Sie lamentieren nicht nur über Dinge, die ihrer Meinung nach schieflaufen, sondern auch darüber, was schieflaufen könnte. Das ist eine Methode, sich entweder Aufmerksamkeit zu verschaffen oder die Schuld auf andere zu schieben .„Wenn etwas falsch läuft, erklären sie: ‚Das ist der normale Gang der Dinge‘“, sagt Charles Martin-Krumm, Professor für Sozialpsychologie an der Schule für praktizierende Psychologen in Paris. „Diese Menschen stellen sich von Vornherein darauf ein, dass nichts klappen wird. Dabei ist das nur ihre Strategie, negative Gefühle zu vermeiden, die mit dem Scheitern verbunden sind.“

Manche klagen bewusst und häufig, lehnen aber alle Vorschläge ab, die ihnen helfen könnten. „Menschen, die klagen, aber sich gar nicht helfen lassen wollen, haben schon selbst alle möglichen Lösungen durchdacht“, sagt Professorin Kowalski. „Sie wollen vor allem Aufmerksamkeit, selbst wenn diese ablehnend ausfällt.“ Chronische Nörgler beschweren sich immer wieder über die gleichen Dinge. „Das ist ein Hinweis darauf, dass sie ein grosses Bedürfnis haben, gehört zu werden“, sagt Killian. „Wenn wir wollen, dass man uns zuhört, wiederholen wir uns, werden lauter und nachdrücklicher. Dies ist nicht immer erfolgreich, aber es scheint unserer Natur zu entsprechen oder kulturell erlernt zu sein – jedenfalls in den westlichen Kulturen.“

 

Nörgeln ist ungesund

Wer sich im Dauermodus beschwert, gehört möglicherweise zur Gruppe der Pessimisten, die laut wissenschaftlicher Studien ein erhöhtes Risiko haben, chronische Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Dia­betes zu entwickeln. Doch die negativen gesundheitlichen Auswirkungen unablässigen Jammerns finden sich häufig eher bei jenen, die sich diesem Klageschwall nicht entziehen können. Sich ständig negative Äusserungen anhören zu müssen, löst Stress aus und kann im Laufe der Zeit sogar jenem Bereich im Gehirn Schaden zufügen, der für das Lernen und Erinnern zuständig ist. „Bestimmten Stressoren täglich ausgesetzt zu sein, beeinträchtigt mit Sicherheit die Funktion des Hippocampus“, sagt Robert Sapolsky, Professor für Neurologie an der Stanford-University, USA. „Der Hippocampus eines Gehirns, das sechs Stunden lang Stress ausgesetzt ist, nimmt weniger Glukose und Sauerstoff auf und kann nicht gut lernen.“

 

Strategien, die helfen

Wer bei sich selbst feststellt, dass er zu viel nörgelt, sollte versuchen, schneller wahrzunehmen, dass er dies tut und sich dann zurückhalten. Schwieriger wird es, wenn das Ziel ist, den Dauerklagemodus einer anderen Person einzudämmen. Doch auch hierfür gibt es einige Lösungen:

  • Bewusst das Thema wechseln und die Nörgel-Themen vermeiden
  • Aussage zusammenfassen: Damit zeigen Sie, dass sie zugehört haben und führen dem Anderen sein Nörgeln vor
  • Zum Handeln auffordern: Nörgler, ändere etwas!
  • Eigene Bedürfnisse benennen und signalisieren: für Deine Nörgeleien ist jetzt keine Zeit
  • Offenes, freundliches Gespräch unter vier Augen

 

 


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