Ein kleines rotes Gehirn aus Plastik stemmt eine Hantel in die Höhe
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So bringen Sie Ihr Gehirn in Schwung

Sind Sie vergesslich? Keine Bange – Sie können eine Menge tun, um Ihr Gedächtnis zu trainieren.

Ausgabe: September 2019 Autor: Monika Goetsch

Es ist zum Verzweifeln: Schon wieder haben Sie etwas vergessen, was Sie sich unbedingt merken wollten. Die erste gute Nachricht: Jeder Mensch kann sein Gedächtnis trainieren! Wie das geht, erklärt Lutz Jäncke, Professor der Neuropsychologie an der Universität Zürich. Die zweite gute Nachricht: Ein wenig Vergesslichkeit ist kein Grund zur Beunruhigung, sagt Jäncke, der selbst immer mal wieder die PIN seiner Bankkarte nicht parat hat.

Tagtäglich sind wir Tausenden neuen Eindrücken ausgesetzt. Wie entscheidet unser Gehirn eigentlich, was es sich merkt?
Lutz Jäncke:
Versetzen Sie sich in die Zeit vor 40 000 Jahren, in die Steppe. Wenn die Menschen damals Durst hatten, gingen sie zur Wasserstelle. Um nicht gefressen zu werden, mussten sie wissen, bei welchem Sonnenstand die Löwenfamilie zu welcher Wasserstelle kam. Diese Information war von so herausragender Bedeutung, dass sie leicht gelernt werden konnte.

Wir merken uns also vor allem, was für uns von grosser Bedeutung ist?
Und was an Gefühle gekoppelt ist. Wobei wir negative Geschichten besser behalten als angenehme oder neutrale.

Warum das?
Weil negative Ereignisse und Erfahrungen lebensbedrohlich sein können.

Meistens geht es ja nicht um Leben und Tod. Wie lernt man im Alltag am besten?
Reines Auswendiglernen bringt nicht viel. Verknüpfung ist das Wesentliche. Unser Langzeitgedächtnis ist ein Netzwerk. Wenn es neue Informationen aufnehmen soll, muss es sie mit vorhandenem Wissen verknüpfen.

Wie macht man das?
Wenn Sie sich den Namen eines Menschen einprägen wollen: Verbinden Sie ihn mit weiteren Merkmalen. Das kann das Gesicht sein, das Aussehen, vielleicht ein Geruch. Mindestens drei Assoziationen sollten es sein. Ich weiss: Das ist ein grosser Aufwand. Und wir hassen solche Mühen wie der Teufel das Weihwasser. Aber dank der Verknüpfungen haben Sie eine viel bessere Lernleistung. Darum funktionieren Eselsbrücken so gut. Unser Gehirn ist prädestiniert für solche Tricks. Es will nicht stur auswendig lernen, sondern verknüpfen.

In jungen Jahren fällt das Lernen den meisten Menschen leicht. Warum wird es später mühsamer?
Weil man aus der Übung ist. Kinder und Jugendliche lernen anderthalb bis zweieinhalb Stunden pro Tag. Im Alter von 40 Jahren sind es nur noch fünf bis zehn Minuten. Ab 60 geraten wir in einen kaum messbaren Bereich von einer Minute pro Tag. Je älter die Menschen werden, desto weniger lernen sie. Und darum vergessen sie auch, wie das Lernen geht. Hinzu kommt: Auch das Gehirn altert. Etwa ab dem 60. Lebensjahr nehmen einige Funktionen ab. Gehirngebiete schrumpfen, die Verkabelung kann dünner werden. Neues zu lernen wird dadurch ein bisschen schwieriger. Aber dramatisch ist die Veränderung nicht.

So mancher hat allerdings schon in der Lebensmitte das Gefühl, vergesslicher zu werden.
So weit wir wissen, hat das nichts mit Degeneration zu tun. Sondern mit mangelnder Aufmerksamkeit und fehlendem Interesse. Einen anderen Grund gibt es auch: Mit zunehmendem Alter hat man immer mehr Informationen im Kopf. Man kennt nicht mehr nur einen Klaus, sondern viele Männer, die Klaus heissen. Die auseinanderzuhalten wird immer schwieriger. Das ist völlig normal.

Manchmal erinnert man sich noch nicht mal an den Namen. Man weiss nur, dass man diesen Mann kennt, hat aber keine Ahnung, woher ...
Das ist ein interessantes Phänomen! Wir erinnern etwas, weil es uns irgendwie vertraut ist. Denken: Verdammt, den Mann da drüben habe ich schon mal gesehen. Wissen aber nicht, wo und wie. In seinem Büro hätten wir den Mann sofort erkannt. Auf der Strasse fehlt uns der Kontext, der ihn erkennbar macht.

Warum fällt einem oft Stunden später blitzartig ein, woher man ihn kennt?
Weil das Gehirn im Hintergrund weiterrattert, bis das Problem gelöst ist.

Das klingt, als könne man sich auf sein Gedächtnis letztlich verlassen. Aber manchmal spielt uns die Erinnerung doch auch einen Streich?
Jedes Mal, wenn wir etwas erinnern, wird die Vergangenheit neu in die Gegenwart gehoben, verändert und anschliessend wieder abgelegt. Das Hier und Jetzt verändert unsere Vergangenheit. Bei vielen Informationen aus der Vergangenheit weiss man darum nicht, ob sie wirklich stimmen. Vielleicht haben wir nur eine Gedächtnislücke gefüllt und das wirkliche Ereignis vergessen. Im Übrigen ist das Vergessen wichtiger als das Behalten.

Warum das?
Um Informationen zu bewahren, müssen wir andere loswerden. Und das tun wir. Von der Gegenwart bis in die Vergangenheit erinnern wir immer weniger, je weiter wir zurückgehen, und vergessen immer mehr.

Viele Menschen machen Gehirnjogging, lösen Sudokus oder setzen Puzzles zusammen, um so ihre Gedächtnisleistung zu steigern. Bringt das eigentlich etwas?
Sinnvoll ist das für Menschen, die an einer neurologischen Erkrankung leiden. Auch wer sich langsam ans Lernen herantasten will, kann mit solchen Übungen beginnen. Aber eigentlich bringt es nichts, sich irgendwelche Zahlenreihen zu merken. Unser Gehirn ist nicht dafür geschaffen, unsinniges Zeug zu lernen. Trainieren Sie lieber etwas Sinnvolles! Merken Sie sich die Telefonnummern von Menschen, die Ihnen etwas bedeuten. Lernen Sie eine Sprache. Setzen Sie sich mit Mozart auseinander, erlernen Sie ein Musikinstrument.

Immer wieder hört man auch, dass soziale Kontakte wichtig sind. Welchen Einfluss haben Begegnungen und Gespräche auf das Gedächtnis?
Einen sehr grossen! Gespräche sind das beste Gehirnjogging überhaupt. Denn Gespräche sind hochkomplex. Während man sich unterhält, speichert man Informationen, erfasst nahezu gleichzeitig den Sinn, sucht eine Antwort und formuliert sinnvolle Sätze. Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Gehör, Sprachfertigkeit, Grammatik und Erinnerungsver­mögen sind mit im Spiel. Das halbe Gehirn glüht auf.

Muss es dafür eine tiefschürfende Diskussion sein, oder genügt ein Kaffeeklatsch?
Je komplexer die Themen, desto höher die Anforderungen. Man muss das Gehirn stimulieren. Gut eignen sich politische oder historische Themen. Noch mehr profitiert man von Diskussionen, wenn man sich vorab mit Informationen füttert.

Was lässt sich sonst tun, um das Gehirn fit zu halten?
Lösen Sie sich immer wieder aus dem Alltagstrott! Wenn man sich zu Hause den ganzen Tag in den gleichen Kontexten bewegt, wird man zum Automaten. Gleiche Wohnung, gleiche Wege, gleiches Essen, gleiche Arbeit. Entflieht man dieser Welt, zum Beispiel in einen Urlaub, erlebt man fremde Menschen, neue Landschaften, interessante Speisen, ein anderes Klima. Das füttert das Gedächtnis mit lauter lebhaften Erinnerungen. Und die machen unsere Persönlichkeit aus.

Manche Menschen verfügen von Natur aus über ein herausragendes Gedächtnis, andere nicht. Woher kommen diese Unterschiede?
Das hängt stark vom Grad der Vernetzung ab. Ich zum Beispiel bin hervorragend im Behalten von Fakten aus meinem Wissenschaftsbereich. Weil ich jede neue Information verknüpfen kann mit anderen. Und sich laufend etwas wiederholt. Aber ich vergesse ständig die PIN meiner Bankkarte.

Weil sie Ihnen nicht wichtig ist?
Und weil ich sie in kein Netzwerk eingebunden habe!

Was tun Sie, um Ihr Gedächtnis auf Trab zu halten?
Mein Problem ist eher, zur Ruhe zu kommen. Aber dass ich so viel lese, schreibe, denke, diskutiere, tut meinem Gedächtnis sicher gut. Und ich will versuchen, auch künftig aktiv zu bleiben. Sozial, körperlich und geistig aktiv sein ist sehr wichtig, um das Gehirn jung zu halten. Dabei ist Selbstdisziplin das A und O.

Inwiefern?
Die Reize um uns herum haben zugenommen. Internet, Handy: Sich zu fokussieren bei all dem, was um uns geschieht, ist nicht einfach. Wir sind zu Sklaven der Reize geworden. Das stört das Lernen massiv. Um Ablenkungen auszublenden, braucht man Selbstdisziplin. Man braucht sie aber auch, um sein Gehirn herauszufordern. Fahrradfahren, Fussballspielen, unsere Muttersprache: All das beherrschen wir. Und wir lieben es, etwas zu beherrschen. Etwas Neues zu lernen verlangt dagegen Übung und Wiederholung. Wiederholung ist die Mutter des Lernens. Und extrem mühselig. Darum erliegen so viele Menschen im Alter dem Kreuzworträtsel. Weil sie auf Anhieb alle Antworten wissen, lösen sie Kreuzworträtsel im Fluge. Aber nur wenn ein Rätsel wirklich schwierig ist, glüht unser Gehirn – und lernt dazu.

 

Zur Person: Lutz Jäncke

stammt aus Wuppertal und hat Psychologie in Bochum, Braunschweig und Düsseldorf studiert, wo er promoviert hat. Seit 2002 lehrt er an der Universität Zürich. Sein Interesse gilt der Neuropsychologie, also der Frage, wie Gehirn und Verhalten zusammenhängen. In Büchern wie Ist das Gehirn vernünftig? (Hogrefe Verlag) bringt er sein Fachgebiet auch Laien nahe.

 

 


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