Ein Arzt hält eine Medikamentendose in der rechten Hand, in der Linken ein Klemmbrett.
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Sucht auf Rezept

Millionen Europäer wie Dorte Søgaard sind von Medikamenten abhängig, die Ärzte verschreiben.

Ausgabe: Oktober 2020 Autor: Lia Grainger

Dorte Søgaard fühlte sich jahrelang erschöpft und gestresst. Als ihre Angstzustände im Jahr 1999 kritisch wurden, ging die Dänin zu ihrem Hausarzt. Er erklärte, ihr Stoffwechsel im Gehirn sei aus dem Gleichgewicht und verschrieb ihr ein Antidepressivum mit dem Wirkstoff Paroxetin. Da es bis zu einem Monat dauern kann, bis das Mittel wirkt, schrieb er zudem ein angstlösendes Benzodiazepin auf, um ihr schnell zu helfen. Sie hatte Medikamente gegen ihre Stimmungsschwankungen abgelehnt, aber dieses Mal hatte ihr Arzt darauf bestanden. „Es ist ja nur vorübergehend“, sagte sie sich. Das Benzodiazepin half Søgaard, sich zu entspannen. Doch bereits nach wenigen Wochen musste sie die Dosis erhöhen, um dieselbe Wirkung zu erzielen. In den darauffolgenden Jahren verschrieb Søgaards Arzt ihr so viele unterschiedliche Antidepressiva, Angstlöser und Schlaftabletten, dass sie den Überblick verlor, was sie alles eingenommen hatte. Sie war antriebslos, häufig krank, verlor ihren Job. Sie entschloss sie sich zum Entzug. „Mein Name ist Dorte, und ich bin von Benzodiazepin abhängig.“, erklärte sie den anderen Patienten. Aber insgeheim dachte sie: „Ich habe doch nur das getan, was man mir gesagt hat.“

Die Geschichte ist kein Einzelfall. Ärzte verschreiben häufig über längere Zeiträume starke Medikamente, die für den kurzfristigen Gebrauch gedacht sind. Benzodiazepine (Angstlöser), Codein (ein schwaches Opioid zur Schmerzbehandlung) und Z-Substanzen (Schlafmittel) können starke Abhängigkeit auslösen. Manchmal reicht schon die einmonatige Einnahme. „Die meisten Patienten kennen das Abhängigkeitspotenzial dieser Medikamente nicht“, sagt Professor Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bremen. „Häufig erwähnt es der Arzt gar nicht.“ Glaeske, Experte im Gesundheits- und Arzneimittelwesen, schätzt, dass mehr als zehn Millionen Europäer eines dieser Medikamente einnehmen. „Ein ernst zu nehmendes Problem. Wenn ein Patient solche Arzneimittel ein paar Jahre einnimmt, kommt er unglaublich schwer wieder davon los.“

 

 

Benzodiazepine

Einige der Handelsnamen lauten Tavor®, Tranxilium®, Valium®. Über Rezeptoren im Zentralnervensystem hemmen diese Beruhigungsmittel die Aktivität der Nervenzellen, wirken dämpfend und lindern dadurch Angstzustände. Sie gehören zu den weltweit am häufigsten verwendeten Beruhigungsmitteln und sollten laut Europäischer Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht möglichst niedrig dosiert und nur kurzzeitig angewendet werden - maximal zwei bis vier Wochen. Doch Ärzte stellen weiter Langzeitrezepte aus. Eine deutsche Forschungsarbeit kam 2015 zu dem Ergebnis, dass bis zu 1,6 Millionen Deutsche möglicherweise langfristig abhängig sind von diesen Medikamenten. „Das Problem Missbrauch von Benzodiazepinen ist in Europa viel grösser als in den Vereinigten Staaten“, sagt Dr. Jose Martinez-Raga, Leiter der Psychiatrie an der Hospital Universitario Doctor Peset in Valencia, Spanien. Er ist Co-Autor einer Studie, die den nicht-medizinischen Gebrauch verschreibungspflichtiger Medikamente in Dänemark, Deutschland, Grossbritannien, Spanien und Schweden untersuchte. Rund 12,7 Millionen Menschen hatten 2015 Beruhigungsmittel eingenommen, obwohl es medizinisch nicht notwendig war.

Beim Absetzen des Medikaments kommt es zu Entzugserscheinungen. Die sicherste Methode, davon loszukommen, ist eine langsame Reduzierung. Abruptes Absetzen, wie es Dorte Søgaard praktizieren musste, wird nicht empfohlen. Erst 2011 in einer Online-Selbsthilfegruppe lernte Søgaard, wie man Benzodiazepine ausschleichen lässt. Bei ihr dauerte es viereinhalb Jahre.

 

 

Schmerzmittel

Lisa Peake lebte in London und arbeitete erfolgreich als Leiterin für globale Mitarbeiterbeziehungen bei einer der grössten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt. 2014 hatte sie einen Fahrrad-Unfall. Und hatte daraufhin heftige Nackenschmerzen. Der Arzt verschrieb ihr Schmerzmittel: viermal täglich Codein und bei Bedarf einmal Tramadol, ein weiteres Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide. Zu Beginn halfen die Pillen. Doch bald reichtedie Dosierung reichte nicht mehr. Schliesslich erhielt sie eine bunte Mischung aus Schmerzmitteln zusammen mit den Opioiden Codein und Tramadol. Über die Gefahr einer Medikamentenabhängigkeit klärte ihr Arzt sie nicht auf. Monate später wachte Peake nachts schweissgebadet auf, ihr ganzer Körper juckte. Eines Tages schlief sie auf der Arbeit ein, verlor ihren Job. Ihr Leidensweg dauerte zweieinhalb Jahre, bis sie an einem Programm zur Schmerzbehandlung teilnahm, um von Codein und Tramadol loszukommen. Sie lernte mithilfe kognitiver Verhaltenstherapie und Achtsamkeitsübungen mit den Schmerzen umzugehen.

Codein wird üblicherweise zur Behandlung leichter bis moderater Schmerzen eingesetzt. In 15 EU-Staaten und in Grossbritannien erhält man es rezeptfrei in Apotheken – in Deutschland nicht. Denn: Bereits nach wenigen Wochen kann sich der Körper bei täglicher Einnahme an das Codein gewöhnen, höhere Dosen werden nötig. „Niemand plant, über fünf Jahre hinweg Codein einzunehmen, bis der Körper kaum noch funktioniert“, sagt Dr. Andreas Kimergård, Wissenschaftler am King’s College London, Grossbritannien. Er ist einer der Autoren der EU-finanzierten Studie zu Anwendung und Missbrauch von Codein. „Es ist ein schleichender Prozess.“ Dr. Kimergård weiss, dass viele Patienten glauben, Codein sei ein sicheres Medikament. Dabei gibt es kaum Beweise für eine langfristige Wirkung bei chronischen Schmerzen. Und bei leichten bis moderaten Schmerzen wirken Ibuprofen oder Paracetamol ebenso gut.

 

 

Z-Substanzen

Schlaftabletten oder Hypnotika – auch Z-Substanzen genannt – wie Zolpidem oder Zopiclon sind ebenso unter Handelsnamen wie Stilnox® oder Imovane® bekannt. Sie kamen in den späten 1980er-Jahren auf den Markt. Diese Z-Substanzen wirken an den Rezeptoren ähnlich wie Benzodiazepine, nur schneller. Sie werden vom Körper rascher wieder ausgeschieden. Das soll laut Hersteller Schläfrigkeit am Tag verhindern und das Suchtpotenzial reduzieren. Allerdings zeigten zahlreiche Studien, dass Z-Substanzen andere Nebenwirkungen wie Schwindel, Verwirrungszustände und kognitive Störungen verursachen können. Zudem können sie schnell abhängig machen. In aktuellen Richtlinien wird eine Einnahme für maximal einen Monat empfohlen.

„Schlaflosigkeit kann das Symptom von unterschiedlichen psychischen Erkrankungen sein: Depressionen, bipolaren Störungen, Angstzuständen oder posttraumatischen Belastungsstörungen“, sagt Stefania Chiappini, Doktorandin an der Forschungsstelle für Psychopharmakologie an der University of Hertfordshire, Grossbritannien. Sie ist Hauptautorin eines Forschungsberichts von 2019 über den Missbrauch und die Abhängigkeit von Z-Substanzen in Europa. „Diese sind lediglich für eine kurzfristige Behandlung von Schlafstörungen zugelassen und werden wohl nach einem längeren Zeitraum wirkungslos“, erklärt sie. Bislang gibt es keine europaweiten Daten zur Einnahme. Doch die Angaben einzelner Länder belegen, dass Z-Substanzen öfter und über längere Zeit verschrieben werden. In Grossbritannien verschrieben Ärzte sie 2017 und 2018 einer Million Menschen. 3 Prozent der Patienten nahmen das Medikament mindestens drei Jahre ununterbrochen.

 

 

Doch es tut sich etwas

Ein Beispiel ist das Engagement von Public Health England (PHE). Dort verschrieben 2018 Ärzte mehr als 25 Prozent ihrer erwachsenen Patienten ein Medikament, das abhängig machen kann. Daraufhin veröffentlichte das PHE Empfehlungen. Die wichtigste lautet, dringend umfassender und transparent Daten zu erheben. „Z-Substanzen sind starke Medikamente, die die Psyche beeinflussen“, erklärt Pete Burkinshaw, Co-Autor des Berichts. Ärzte sollten ihre Patienten detailliert darüber aufklären, welchen Nutzen und welche Risiken sie haben. Der Bericht empfiehlt ausserdem Alternativen zu Arzneimitteln, wie psychologische Behandlung, Meditation oder Achtsamkeitsübungen sowie Gesundheits- und Sozialberatung.

Frankreich hat 2017 eine neue Vorschrift eingeführt: Ärzte müssen spezielle Rezepte verwenden, wenn sie Zolpidem, eine Z-Substanz mit besonders hohem Suchtpotenzial, verschreiben. Rezepte können so nicht mehr so leicht gefälscht werden. Auch codeinhaltige Medikamente sind inzwischen verschreibungspflichtig. Die neue Regelung funktioniert. Der Verbrauch von Zolpidem ist bis Februar 2020 um die Hälfte gesunken.

 

Am 24. Mai 2015 nahm Dorte Søgaard ihre letzte Dosis Benzodiazepine. Danach kehrte endlich ihre Lebensfreude zurück. Heute sagt sie: „Ich wünschte, ich hätte schon 1999 gewusst, dass meine Depressionen und Angstzustände ein Hinweis darauf sind, dass ich mein Leben verändern muss und dass das keine Pille für mich erledigen kann.“

 


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