Was Ihre Füße über Ihre Gesundheit verraten
© Statisque / Fotolia
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Was Ihre Füße über Ihre Gesundheit verraten

Wer frühzeitig auf Veränderungen achtet, kann gesünder leben und die Folgen ernsthafter Erkrankungen abmildern.

Ausgabe: Juni 2015 Autor: Lisa Fields

Glenn Allen, 68, spürte letztes Jahr erstmals Schmerzen an seiner rechten Achillessehne. "Sie reagierte plötzlich empfindlich auf Berührung", erinnert sich Allen, "und wenn ich mich hinsetzte oder -legte, trieb sie mich fast zum Wahnsinn. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, mich verletzt zu haben."

Es ist nicht immer einfach, die Ursache für Fußschmerzen bei älteren Menschen herauszufinden. Tendinopathie (Entzündung der Achillessehne) oder Tendonitis (Sehnenentzündung) tritt im Alter häufiger auf, weil die Sehnen langsam an Flexibilität verlieren.

Die Behandlung ist schwierig. "Ruhe, Eis und Massagen können helfen", sagt Professor Hylton Menz, der an der La Trobe-Universität von Melbourne, Australien, Podologie lehrt. "Eine Operation sollten Sie wenn möglich vermeiden."

Allen, der in New York lebt, fand Linderung durch eine Physiotherapie, die auch Ultraschallbehandlung und elektrische Stimulierung der Sehne einschloss. "Es war ein voller Erfolg", sagt er. "Heute kann ich wieder wandern, joggen, Fahrrad und Kanu fahren – ich bin in der Lage nahezu alles zu machen, was ich möchte."

Altersbedingte Fußschmerzen treten in vielerlei Formen auf – Achillessehnenentzündung ist nur ein Beispiel. Manchmal entsteht der Schmerz aufgrund einer Verformung, zum Beispiel des Ballenzehs. Manchmal sind die Fußbeschwerden aber auch erste sichtbare Zeichen einer ernsthaften Krankheit wie Diabetes oder Arthritis. "Es gibt viele Beschwerden, die ältere Menschen haben können", sagt Professor Menz. "Die Physiologie des Fußes verändert sich, von der Haut über das Gewebe bis hin zu Muskeln, Nerven und Blutversorgung."

Kleinere und größere Veränderungen an den Füßen zu erkennen, kann dabei helfen, gesünder zu bleiben und die Folgen ernsthafter Krankheiten abzumildern oder zu vermeiden.

"Ältere Menschen sollten regelmäßig ihre Füße auf Veränderungen von Farbe, Temperatur, Sinnesempfindung oder Form begutachten. Entdecken sie etwas Beunruhigendes, sollten sie einen Arzt aufsuchen", sagt Menz. "Viele Erkrankungen wie etwa Diabetes und periphere Gefäßerkrankungen zeigen sich frühzeitig an den Füßen. Je schneller man Veränderungen entdeckt, desto eher kann man Langzeitfolgen vermeiden."

Lesen Sie, welche Fußprobleme am häufigsten auftreten.

Bei Arthritis

Arthritis an Fuß, Knöchel oder großem Zeh kann beim Gehen Schmerzen verursachen. "Über 100 Millionen Menschen in Europa sind davon betroffen", sagt Devid Biscontini, Podologe an der Rheumatischen Abteilung der Universität von Perugia, Italien, und der dortigen Klinik. Die betroffene Generation, die Babyboomer, waren ihr Leben lang aktiv. Nun suchen sie Behandlungsmöglichkeiten, um weiter beweglich zu bleiben.

Die von Rheumatologen empfohlene Therapie der Wahl nutzt nicht-steroidale Antirheumatika (NSAID) und spezielles Schuhwerk. "Eine konservative Behandlung ermöglichen individuell angefertigte Einlagen oder Schuhe", sagt Devid Biscontini. "Hilft die konservative Therapie allerdings nicht, sollte man einen operativen Eingriff in Erwägung ziehen."

Neue Behandlungsformen für schwere Arthritis helfen Betroffenen dabei, aktiv zu bleiben. "Es gibt nicht das eine, sichere Verfahren, das allen hilft", sagt Dr. Matthew G. Garoufalis, Podologe in Chicago, USA, und Sprecher der in Paris ansässigen Internationalen Podologen-Vereinigung. "Oftmals lindern Injektionen die Beschwerden und verbessern die Beweglichkeit. Manchmal helfen Steroide, und inzwischen verwenden wir auch Mittel, die biotechnologisch hergestellt werden. Sie lindern den Schmerz besonders gut."

Altersbedingt

Manche Beschwerden kann man nicht einer Krankheit zuschreiben, sie treten bei älteren Menschen einfach häufiger auf, zum Beispiel Stürze. "Es ist gut möglich, dass Sie Ihren Gleichgewichtssinn verlieren, bevor Ihre Füße Sie plagen", weiß Dr. Garoufalis. "Europaweit werden täglich 15.000 Stürze gezählt. Sie sind die Haupt-ursache von Verletzungen bei Menschen ab 65 Jahren."

Studien belegen, dass Tai-Chi Stürzen entgegenwirken kann, denn es trainiert Balance, Gang und Kraft. Wie bei Gabriel Constans, 60, aus Kalifornien, bei dem vor zehn Jahren Balancestörungen einsetzten aufgrund einer neurologisch bedingten Fußerkrankung mit einseitigem Gehörverlust. Deshalb begann er vor fünfeinhalb Jahren, seinen Gleichgewichtssinn zu schulen, indem er Tai-Chi lernte. Bis heute übt er jeden Morgen.

"Es ist nicht so, dass ich das Gleichgewicht nun überhaupt nicht mehr verlieren würde. Aber es passiert viel seltener", sagt Constans. "Ich glaube, meine Balance wäre ohne Training viel schlechter." Socken oder Einlagen, die vor allem die Ferse unterpolstern, können ebenfalls das Gleichgewicht stärken und Schmerzen lindern.

Gelegentlich bereiten auch entzündete Fußballen beim Gehen Schmerzen. Vor allem bei Älteren, besonders bei Frauen. Manchmal helfen spezielle Schuhe, in anderen Fällen ist eine Operation unumgänglich. "Wenn der Schmerz Sie im täglichen Leben stark einschränkt, sollten Sie über eine Operation nachdenken", sagt Dr. Matthew Garoufalis.

Es gibt mehr als 100 verschiedene Verfahren bei entzündeten Ballen. Dennoch sollte man eine Operation nicht auf die leichte Schulter nehmen. Danach können Sie für ein oder zwei Tage, manchmal auch bis zu sechs Wochen Schmerzen haben. Die vollständige Genesung dauert zwischen sechs Wochen und einem Jahr.

Eine Operation birgt aber noch weitere Risiken. Es können beispielsweise Nerven beschädigt werden, und die Beschwerden können wiederkehren. Aus diesen Gründen sollten Sie sichergehen, dass Sie alle Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft haben.

Fußerkrankungen, die keine Schmerzen verursachen, nehmen im Alter zu, so etwa Nagelpilz. Seit rund 20 Jahren gibt es sehr wirksame orale Arzneimittel. Eine der neuesten Entwicklungen ist die Laserbehandlung. "Die vorläufigen Ergebnisse sind sehr gut, und das Verfahren gilt als sicher", sagt Professor Menz, "zumal der Laser sehr niedrig dosiert ist."

Toni Coleman, 62, aus dem US-Bundesstaat Virginia bekam nach einer Pediküre in China Nagelpilz. Orale Medikamente verursachen in seltenen Fällen Leberschäden. Neuere Salben haben zwar weniger Nebenwirkungen, sind aber im fortgeschrittenen Stadium auch weniger wirkungsvoll. Deshalb entschied sich Coleman für die Lasertherapie, um mögliche Nebenwirkungen zu umgehen. Nach drei Behandlungszyklen über neun Monate ist sie genesen.

Eine andere Art von Fußschmerzen wird durch starkes Übergewicht verursacht, das den Druck auf die Gelenke erhöht. Studien belegen, dass adipöse Menschen mehr Fußschmerzen haben als schlanke, insbesondere wenn sich die Sehnenplatte der Fußsohle entzündet (Plantarfasziitis). Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass Akupunktur Erleichterung bringen kann.

"Akupunktur ist nur eine Behandlungsmöglichkeit", sagt Dr. Garoufalis. "Einlagen können das Gewicht besser über die Fußsohle verteilen. Und es gibt Injektionstherapien zum Beispiel mit Kortison." Allerdings ist die Erleichterung nur von kurzer Dauer, da die Ursache der Schmerzen, das Übergewicht, nicht behoben ist.

Bei Kreislaufbeschwerden

Einige Männer stellen in gehobenem Alter fest, dass der Haarwuchs an ihren Unterschenkeln nach und nach verschwindet. Möglicherweise spielen Tenniskniestrümpfe dabei eine Rolle. Wahrscheinlicher aber ist eine mangelnde Durchblutung.

"Wenn wir einen neuen Patienten untersuchen, schauen wir zuerst auf die Unterschenkel und Fesseln", sagt Dr. Garoufalis. "Zurückgehender Haarwuchs könnte auf schlecht durchblutete Gefäße im Fuß oder auf schwache Venenwände hindeuten."

Mit dem Alter zirkuliert das Blut schlechter, sodass es langsamer fließt. Regelmäßiges Dehnen, Gehen, die Füße hochlegen, wann immer man sitzt, und Fußmassagen wirken unterstützend. "Aktivität spielt eine entscheidende Rolle", sagt Dr. Garoufalis. "Bewegt man sich nicht regelmäßig, pumpt der Wadenmuskel das Blut nicht kraftvoll zum Herzen zurück."

Eine verbreitete altersbedingte Gefäßerkrankung ist die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), auch Schaufensterkrankheit genannt. Sie verringert den Blutfluss zu den Extremitäten des Körpers. Zusammen mit diabetischer Neuropathie (Taubheitsgefühle infolge von Nervenschädigungen) kann sie Geschwüre und eine langsamere Wundheilung am Fuß auslösen. Werden diese Wunden nicht frühzeitig entdeckt, können sie sich ernsthaft entzünden.

Glücklicherweise lässt sich die periphere arterielle Verschlusskrankheit wirksam behandeln. Zum Beispiel mit einem veränderten Lebensstil oder durch Medikamente. Manchmal hilft eine Bypass-Operation oder eine Angioplastie, eine Erweiterung oder Wiederöffnung der Gefäße.

Mittlerweile ist auch die Stammzellentherapie eine Option. "Dabei werden Stammzellen in die Wadenmuskeln gespritzt", sagt der Angiologe und Diabetesspezialist Dr. Stephan Morbach, Chefarzt am Marienhospital in Soest. "Krankenkassen übernehmen die Kosten bei Patienten, denen eine Amputation ober- oder unterhalb des Knies droht und für die andere Verfahren und chirurgische Eingriffe nicht infrage kommen."

Bei Diabetes

Rund 60 Millionen Erwachsene leiden in der EU an Diabetes, die Hälfte von ihnen wahrscheinlich, ohne es zu wissen. Manchmal geben Fußbeschwerden einen ersten Hinweis auf Diabetes, meint Podologe Dr. Garoufalis. "Die Füße verlieren an Gespür, Haut und/oder Nägel verändern sich."

Geschwüre gehören zu den ernsthaften Komplikationen bei Diabetes und erfordern schnelle medizinische Hilfe. Rund zwei Drittel aller Fuß-amputationen sind eine Folge von Fußgeschwüren und anderen diabetesbezogenen Problemen. Wer auf seine Füße achtet, kann sie retten.

"Sie sollten deshalb Ihre Füße gut behandeln. Falls Sie das nicht selbst können, gehen Sie regelmäßig zur Fußpflege. Und suchen Sie so früh wie möglich ärztliche Unterstützung, wenn Sie ein Geschwür haben", sagt Dr. Kristien Van Acker, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß, der in Brüssel ansässigen Internationalen Diabetes Vereinigung.

Bei einem Geschwür klärt der Arzt, dass keine Infektion vorliegt und das Herz-Kreislauf-System stabil ist. Dann wird der Fuß mit einer Wundtoilette versorgt: Dabei entfernt er totes Gewebe, verbindet die Wunde und sorgt dafür, dass kein Druck auf dem Fuß des Patienten lastet: Eventuell verschreibt er zusätzlich spezielle Schuhe. Italienische Forscher haben kürzlich herausgefunden, dass die Injektion eines bestimmten Peptids die Wunde doppelt so gut heilen lässt.

"Die meisten Menschen suchen zu spät Hilfe", weiß Van Acker. "Wenn jemand auf einem Geschwür geht und so Druck ausübt, erzielen selbst neueste Produkte keinen Erfolg. Wir könnten die Zahl der Amputationen um 80 Prozent reduzieren, würden Patienten innerhalb von zwei Wochen an Fußspezialisten überwiesen."

2013 entdeckte Thomas Matthews aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania ein Geschwür an seinem Fuß. Eigentlich wollte er zur Bärenjagd gehen. Nachdem er sein Auto beladen hatte, ging er zum Podologen. "Mein Arzt sagte: 'Möchten Sie lieber einen Bären jagen oder Ihren Fuß retten?'", erinnert sich Matthews, 73.

Ein knappes Jahr später, nach erfolgloser konventioneller Therapie, behandelte der Arzt das Gewebe mit biotechnologisch hergestellten Medikamenten. Innerhalb eines Monats war Matthews geheilt, doch einige Wochen später entwickelte sich infolge einer Infektion ein zweites Geschwür. Die neue Wunde heilte, nachdem der Arzt sie ausgeschnitten und örtlich behandelt hatte.

"Heute gehe ich in Schuhen, ohne Bandagen und ohne Einlagen", sagt Matthews. "Ein Bekannter hatte zur gleichen Zeit ein Geschwür, und er geht heute mit einer Prothese."

Niemand außer Ihnen achtet auf Ihre Füße. Meistens stecken die Füße in Schuhen, unter Tischen, jenseits des Rampenlichts. Auf Veränderungen, Probleme, Sensibilitätsverlust, Verfärbungen oder Wunden zu achten, zahlt sich langfristig aus.

"Frühe Diagnose und Behandlung kann die Entstehung ernsthafter Probleme verzögern oder sogar verhindern", sagt Menz. "Eine Schwiele erkennen und sie behandeln zu lassen kann der Bildung eines Geschwürs vorbeugen, ebenso Entzündungen und sogar Amputationen bei älteren Menschen mit Diabetes."


 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich