Freunde stehen auf einem Berg im Sonnenuntergang, halten sich an den Händen und helfen einem Freund über den Abgrund.
© iStockfoto.com / LoveTheWind
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Wie Sie wieder Vertrauen lernen

Wir geben Tipps, wie Sie Enttäuschungen überwinden und Beziehungen reparieren.

Ausgabe: Juli 2019 Autor: Dilia Narduzzi

Jahrelang versuchte Lara Harrison (Name von der Redaktion geändert) die Beziehung zu ihrem Vater zu verbessern, indem sie ihm sein Verhalten vorhielt. Doch er verschloss sich immer mehr. Sie wurde wütend und mied ihn monatelang. Sie wollte den Kontakt aber nicht abbrechen, zumal ihr Vater mit kleinen Dingen zeigte, dass sie ihm wichtig war: So scheute er beispielsweise keine Mühen, um ihr beim Renovieren ihrer Büroräume zu helfen.
Als Harrisons Vater die 70 überschritt, wurde ihr klar, dass sie keine Zeit mehr vergeuden durfte, um ihr Vertrauensverhältnis zu kitten. Sie änderte ihr Verhalten. Selbst wenn er launisch war, bedankte sie sich am Ende für seinen Besuch und umarmte ihn – ein völlig untypisches Verhalten für beide. Ihre Bemühungen zeigten Wirkung: Mit jedem Besuch wurde er freundlicher und ausgeglichener. Schliesslich ging er auf seine Tochter zu, schickte ihr Textnachrichten und fragte, wie es ihr gehe oder sagte ihr, dass er stolz auf sie sei. Diese Zuwendung hatte sich Harrison all die Jahre gewünscht. Sie fasste wieder Vertrauen zu ihm: „Ich wurde nachsichtiger, empfand grössere Zuneigung für meinen Vater und nahm seine Liebe an.“

Einer der wichtigsten Bausteine einer erfüllenden, gut funktionierenden Beziehung ist Vertrauen. Das betrachten wir als selbstverständlich, bis etwas geschieht, wodurch das Vertrauen beschädigt wird: etwa wenn der Ehepartner fremdgeht, oder der Vorgesetzte uns vor Kollegen lächerlich macht. Vertrauen spielt in allen unseren Beziehungen eine Rolle. Die Fähigkeit, gegenseitiges Vertrauen wieder aufzubauen, ist von grundlegender Bedeutung. Wenn Sie nicht genau wissen, wie Sie eine Beziehung wieder kitten sollen, versuchen Sie es mit folgenden Tipps:

 

Die erste Hürde überwinden

Um einen Vertrauensbruch zu verzeihen und neu anzufangen, gilt: Man muss den Neuanfang wirklich wollen. „Menschen müssen die Bereitschaft zeigen, das Vertrauen wieder aufbauen zu wollen“, erläutert Kathy Offet-Gartner, Psychologin von der Mount Royal University in Calgary, Kanada. Das gelte für beide Seiten. „Manche denken, dass wir andere durch Anreize, Drohungen oder Ultimaten überzeugen können“, fährt sie fort. Doch das funktioniert meist nicht. Stattdessen sollte man offen miteinander reden.

 

Effektiv kommunizieren

„Worte sind wichtig – ebenso wie die Absicht dahinter“, erklärt Offet-Gartner. Jeder muss für sich die Frage beantworten: „Was bedeutet Vertrauen für mich?“ Wenn Ihnen das nicht gelingt, haben Sie vermutlich auch Schwierigkeiten, dem anderen zu vermitteln, wie er Ihnen gegenüber seine Vertrauenswürdigkeit unter Beweis stellen kann. Zu einer guten Kommunikation gehören ausserdem ehrlich gemeinte Gesten. Damit zeigen wir unsere Zuverlässigkeit.

 

Loslassen lernen

Wichtig sei auch, Fehler des anderen abzuhaken, erklärt Vicki-Anne Rodrigue, Leiterin der Canadian Counselling and Psychotherapy Association in der kanadischen Provinz Ontario. Wollen zwei Personen wieder Vertrauen zueinander fassen und einer sagt: „Ich gebe dir eine zweite Chance, wenn du diese aber vermasselst, ist es vorbei“, gilt das nicht als Vertrauensbeweis. Hält man der verletzten Person vor, sie sei so empfindlich und habe ihre Gefühle nicht im Griff, zeigt dies ebenfalls, dass keine echte Bereitschaft vorhanden ist, die Beziehung zu reparieren. Wut an sich sei ein gesundes Gefühl, erklärt Rodrigue. „Es ist ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt.“ Ständige Frustration kann sich jedoch als Gift erweisen.

 

Der Intuition vertrauen

Es ist verlockend, Vertrauensbrüche in ein stark vereinfachtes Schema zu pressen. „Vertrauen Sie Ihrer Erfahrung und fragen Sie sich: ‚Was könnte ich anders machen, falls so etwas noch einmal passiert?‘“, erklärt Rodrigue. Womöglich kommen Sie zu dem Schluss, dass Sie nichts falsch gemacht haben oder Ihnen wird bewusst, dass Sie mit Ihrem Verhalten zu dem Vertrauensverlust beigetragen haben. Je genauer wir unsere persönlichen Eindrücke zu deuten lernen, desto besser können wir zukünftig entscheiden, wem wir vertrauen.

 

Sich Zeit nehmen

Eine Versöhnung braucht Zeit. „Setzen Sie sich nicht selbst unter Druck, wenn Sie Ihre Zeit brauchen, um über etwas hinwegzukommen“, erklärt Rodrigue. Wenn wir uns betrogen fühlen, schaltet das Gehirn in einen Kampf- oder Flucht-Modus. Das macht es schwierig, die Umstände rational zu bewerten. Nehmen wir uns dagegen Zeit und beruhigen uns, weicht das Gefühl, in die Defensive gedrängt worden zu sein, und wir sind eher bereit, miteinander zu reden. Haben Sie selbst den Vertrauensbruch verursacht, sollten Sie auf die betrogene Person zugehen. Bleiben Sie aber geduldig, und akzeptieren Sie deren Grenzen. Versichern Sie ihr, dass Ihnen klar ist, dass Sie sie verletzt haben, und entschuldigen Sie sich aufrichtig. Erklären Sie, dass Sie auf eine Aussöhnung hoffen und verstehen, wenn die andere Person Zeit braucht.

 

Manchmal hilft es, etwas auf sich beruhen zu lassen

Trotz aller Bemühungen kann man Vertrauen nicht in jedem Fall wiederherstellen. Falls alle Versuche scheitern, ist es vielleicht besser, die Sache auf sich beruhen zu lassen – und sei es nur vorübergehend. Psychotherapeutin Rodrigue weist darauf hin, dass ein Heilungsprozess Jahrzehnte dauern kann. „Geben Sie also nicht die Hoffnung auf.“

Lara Harrison jedenfalls ist froh, dass sie optimistisch geblieben ist. Sie hat während des Prozesses einiges über sich selbst gelernt. Ihr schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater war ein Grund dafür, dass sie anderen Menschen in ihrem Leben wenig Vertrauen entgegenbrachte. „Ich habe es mir nie erlaubt, eine wirklich innige Beziehung einzugehen. Bereits bei den ersten Anzeichen von Problemen gab ich anderen die Schuld, wurde wütend oder zog mich zurück. Das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen, ist enorm anstrengend“, erklärt sie. „Es raubt einem die schönen Momente des Lebens.“ Heute ist sie dankbar, dass sie sich anderen gegenüber liebevoller und offener verhalten kann.

 

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Auf Keramiktafeln hält der Österreicher Martin Kunze Momentaufnahmen der Menschheit für Entdecker in einer fernen Zukunft fest.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Lebensmittelbetrug ist in Europa ein lukratives Geschäft – und gefährdet Leben. Doch diese Ermittler erhöhen den Druck auf die kriminellen Banden.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Tiere hüten unter freiem Himmel: ein faszinierender, uralter Beruf – den es heute mehr denn je zu bewahren gilt.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Unser Autor lebt seit einem Jahr in den USA. Der Liebe wegen hat er seinen Hauptwohnsitz aus Tübingen dorthin verlegt. Und fühlt sich dort oft allzu deutsch.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

In Rheinland-Pfalz steht ein alter Wald. Förster Peter Wohlleben versteht die „Sprache“ der Bäume, die dort leben. Sein Buch „Das geheime Leben der ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Sie kommen, wenn’s brennt. Darauf ist Verlass!

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich