Zeitbombe Fett - Volkskrankheit Übergewicht
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Körper & Psyche

Zeitbombe Fett - Volkskrankheit Übergewicht

Adipositas ist verantwortlich für fünf Prozent aller Todesfälle weltweit.

Ausgabe: Juni 2019 Autor: Lisa Fitterman

Vor fünf Jahren konnte Wim Tilburgs keine 500 Meter weit gehen, ohne nach Luft schnappen zu müssen. Er war bei einer Körpergrösse von 1,77 Meter 125 Kilogramm schwer und litt damit unter Adipositas Grad III. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird von einer Adipositas gesprochen, wenn Menschen einen sogenannten Body-Mass-Index (BMI) – der aus Körpergrösse und Gewicht berechnet wird – über 30 aufweisen. Der erfolgreiche niederländische Unternehmensberater buchte immer einen Gangplatz im Flugzeug, da er sich nicht an anderen Passagieren vorbeiquetschen konnte. „Ich bin mir sicher, die haben mich gehasst“, sagt er. „Ich habe stark geschwitzt, und immer wenn ich eingenickt bin, habe ich geschnarcht. Und zwar laut.“ Tilburgs schlug die Warnungen seiner Ärzte in den Wind, dass sein Gewicht die Ursache für seine zahlreichen gesundheitlichen Probleme sei. Er schaffte es nicht, abzunehmen. Stattdessen ass er, um sich besser zu fühlen.

Sein jüngster Sohn weckt ihn auf

Doch 2015, Wim Tilburgs ass gerade eine Tüte Kartoffelchips, kommentierte sein jüngster Sohn, der damals im Teenageralter war, dass sein Vater seinen Schulabschluss wohl nicht erleben würde. Diese Aussage weckte Tilburgs auf. Wenn er nicht für sich selbst sorgen konnte, wie sollte er dann für seine Familie sorgen? Sein Lebenswandel beeinflusste alles und jeden um ihn herum, die Passagiere im Flugzeug sowie seine Familie und das überlastete Gesundheitssystem.

Am 3. Juni 2015 begann Wim Tilburgs eine ketogene Diät, bei der er auf fast alle Kohlenhydrate verzichtete. Innerhalb von zwei Tagen brauchte er keine Insulinspritze mehr, und im ersten Monat verlor er zehn Kilogramm. Seither ist er mehr oder weniger bei dieser Diät geblieben und hat weitere 30 Kilogramm abgenommen. Inzwischen treibt Tilburgs begeistert Sport und hat seinen Lebensstil komplett umgestellt. „Früher habe ich mich wie ein Kind ernährt. Ich habe nie Salat gegessen, bis ich 55 Jahre alt war“, gibt er zu. „Nun versuche ich, anderen Menschen zu helfen, ihr Leben ebenfalls zu ändern.

Fettleibigkeit – das Mega-Problem

Er war eine Zahl in der Statistik eines Landes, eines Kontinents, einer Welt, die voll von Übergewichtigen ist. Die Weltgesundheitsorganisation nennt Adipositas ein dringendes Gesundheitsproblem. Sie zählt mit Rauchen und Krieg weltweit zu den drei grössten selbst verursachten gesellschaftlichen Belastungen. Seit 1980 hat sich die Zahl der Betroffenen fast verdoppelt. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass allein in Europa knapp ein Drittel der Jungen und ein Fünftel der Mädchen zwischen sechs und neun Jahren fettleibig sind, da sie zu viele zuckerhaltige Produkte anstelle von Obst und Gemüse essen.

Insgesamt sind 2,1 Milliarden Menschen, also rund 30 Prozent der Weltbevölkerung übergewichtig. Gut ein Drittel davon wiederum gilt als adipös: Ihr Body-Mass-Index beträgt 30 oder mehr. Berücksichtigt man, dass ein BMI zwischen 18,5 und 24,9 als gesund gilt, leuchtet ein, warum Tilburgs mit einem BMI von 40 solche Probleme hatte. Es war, als ob er stets einen Anzug aus Ziegelsteinen trug, der Druck auf seine Organe, seine Gelenke und seine Muskeln ausübte.

Adipositas ist jedes Jahr für 5 Prozent aller Todesfälle weltweit verantwortlich und für 1,8 Billionen Euro direkte und indirekte Kosten, zum Beispiel durch Ausgaben im Gesundheitswesen oder für Erwerbsunfähigkeit. „Adipositas ist kein medizinisches Problem, sondern ein gesellschaftliches, für das unsere Gesundheitssysteme nicht ausgelegt sind“, sagt Dr. Pijl, Professor für Innere Medizin an der Universität Leiden. „Sie sind für die Behandlung von Infektionskrankheiten ausgerichtet.“ Diabetes Typ II, Depressionen und die zwölf Krebsarten, die mit Adipositas in Verbindung gebracht werden – darunter Brust-, Bauchspeicheldrüsen- und Speiseröhrenkrebs –, haben eines gemeinsam: Man kann sie nicht einfach mit Pillen heilen. Ebenso wenig Arthrose, Bluthochdruck, koronare Herzerkrankungen, Demenz oder die „Fettzunge“, bei der Fettablagerungen an diesem Organ das Atmen behindern.

Viele Fettleibige in Malta und der Türkei

Entsprechend eines WHO-Berichts, der im September 2018 erschien, ist bereits einer von drei Jugendlichen in Europa übergewichtig oder fettleibig. Beinahe so dick wie die Menschen in der Türkei und Malta – die beiden Länder führen die Liste an – sind die Bewohner Grossbritanniens mit ihrer Vorliebe für Alkohol und frittiertes Essen sowie ihrem Mangel an körperlicher Bewegung. 62 Prozent der erwachsenen britischen Bevölkerung sind übergewichtig. Davon haben 28,1 Prozent einen BMI von mehr als 30.

Kein Land ist davor gefeit, nicht einmal Schweden. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen über 20 Jahren sind übergewichtig und 18,6 Prozent von ihnen gelten offiziell als adipös. Trotzdem gibt es bislang keine politischen Massnahmen, die das Problem bewältigen könnten. „Es wird viel darüber geredet, aber nichts getan“, erklärt Dr. Carl-Erik Flodmark, Experte für Adipositas bei Kindern, der an der Universität Lund, Schweden, lehrt. Besonders besorgt ist Dr. Flodmark über die Zahl von Fettleber-Erkrankungen bei jüngeren Patienten. Verursacht werden sie durch Fettablagerungen, die zu Vernarbungen und schliesslich zu Krebs führen.

Susannah Brown, wissenschaftliche Leiterin einer gemeinnützigen Hilfsorganisation für Krebsprävention in London, erklärt, dass überschüssiges Fettgewebe das Hormonprofil verändert, was wiederum die Physiologie des Körpers verändert. Das führt zur Produktion von Wachstumsfaktoren, die Zellen dazu anregen, sich zu teilen. Für Krebszellen ist das ideal, um einen Tumor zu entwickeln.

Professor Pijl von der Universität Leiden warnt davor, dass die Gesundheitskosten ins Unermessliche steigen, wenn jetzt keine Massnahmen ergriffen werden. „Das heisst, für die Mehrheit der Bevölkerung werden die Kosten unerschwinglich“, sagt er. „Millionen Menschen werden an vermeidbaren chronischen Krankheiten leiden.“

 


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