Den Brustkrebs besiegen
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Den Brustkrebs besiegen

Schonend und schmerzfrei – neue Methoden der Behandlung zeigen gute Ergebnisse

Ausgabe: Oktober 2016 Autor: Lisa Fitterman

An einem Januartag 2011 machte Margareta Nordell sich auf den Weg zur Mammografie – wie alle zwei Jahre. Die pensionierte Ver­sicherungsangestellte aus Stockholm war sicher, dass alles in Ordnung sein würde. Noch nie war bei ihr ein Knoten oder Schatten entdeckt worden. Doch dieses Mal zeigte der Arzt auf einen Fleck auf dem Röntgenbild ihrer rechten Brust, kaum größer als ein Staubkorn. „Ich fühle aber nichts, wenn ich darüberstreiche“, protestierte sie. „Das ist gut“, antwortete ihr Arzt. „Sollte es Krebs sein, dann hätten wir ihn rechtzeitig erkannt, bevor Sie ihn fühlen.“

Eine Biopsie zeigte, dass das Gewebe tatsächlich bösartig war. Nordell, damals 66 Jahre alt, zählte auf einmal zu einer Gruppe, zu der sie nicht gehören wollte: Frauen mit Brustkrebs. Im Laufe ihres Lebens erkrankt nach Schätzungen jede achte Frau daran. Allein im Jahr 2012 erhielten 1,7 Millionen Frauen weltweit die furchterregende Diagnose.

Nordells Arzt schlug ihr vor, an einer Studie teilzunehmen. Erprobt wurde dabei die sogenannte PRFA (preferential radiofrequency ablation, Deutsch: bevorzugte Radiofrequenz-Ablation). Das Verfahren beruht auf dem Prinzip, dass Hitze Krebszellen zerstören kann.

Eine Erfolgsgarantie gab es nicht. Dennoch klang die Behandlung vielversprechend, die unter örtlicher Betäubung nur etwa 20 Minuten dauern sollte. Nordells Brust würde dabei unversehrt bleiben. Einige Wochen später würden die Ärzte mit einer kleinen Operation das abgestorbene Gewebe entnehmen. Außerdem sollte sie Bestrahlungen erhalten und ein Medikament namens Tamoxifen einnehmen, um einen Rückfall auszuschließen.

Nordell überlegte nicht lange. Vielleicht könnte sie dazu beitragen, Frauen mit Brustkrebs in Zukunft eine Operation ganz zu ersparen. „Ich mache das auf jeden Fall“, beschloss sie.

Individuelle Behandlung

Die PRFA ist nur eine der neuen Behandlungsmethoden bei Brustkrebs, die gerade getestet werden. Sie stehen für eine radikale Abkehr vom bisherigen Ansatz, der ein und dieselbe Behandlung für alle Frauen vorsah.

Bislang wurde die betroffene Brust vollständig oder teilweise entfernt, dann folgten Bestrahlung und gegebenenfalls Chemotherapie. Letztere löste bei vielen Patientinnen Übelkeit, Haarverlust und Gedächtnis­störungen aus.

Bis vor 50 Jahren gingen Forscher davon aus, dass sich alle Tumore grundsätzlich ähneln und dass es außer Operation, Bestrahlung und Chemotherapie kaum Behandlungen gibt. Damals überlebte ungefähr jeder vierte Betroffene eine Krebserkrankung, heute ist es jeder zweite.

In den 1970er-Jahren begannen die Ärzte damit, neue Behandlungsformen zu erproben, beispielsweise „Präzisionsmedikamente“ wie Tamoxifen und Trastuzumab. Dieser im Labor hergestellte Antikörper ist in erster Linie unter seinem Handels­namen Herceptin bekannt und kann das Wachstum von Krebszellen unterbinden.

Heute wissen wir – dank der Gentechnologie – weit mehr über Brustkrebs. Eine bahnbrechende Studie hat 2012 gezeigt, dass er sich in zehn Untergruppen einteilen lässt.

Jede davon reagiert unterschiedlich auf verschiedene Kombinationen von Medikamenten, nicht invasiven Behandlungsarten und Operationen. Bei extrem langsam wachsenden Tumoren kann sogar ein Behandlungsverzicht die beste Option sein.

Bekannt ist heute auch, welche Rolle erworbene und vererbte Genmutationen sowie die Höhe des Hormonspiegels oder Rauchen bei der Entstehung von Brustkrebs spielen können. Belegt ist zudem dass Alkoholkonsum, Übergewicht und Bewegungsmangel das Risiko steigern.

„Wir entwickeln Methoden, um Tumore früher zu erkennen, und versuchen, neue, aussagekräftige Marker zu finden, anhand derer Ärzte die Therapie besser auf ihre Patientinnen abstimmen können“, sagt Dr. Aine McCarthy, Sprecherin des Cambridge Research Institutes.

Je genauer die Ärzte wissen, mit welchem Tumortyp sie es zu tun haben, desto besser können sie den Behandlungsplan darauf abstimmen.

Eigene Abwehrkräfte

Unser Immunsystem ist voller Rätsel. Es kann einerseits beispielsweise Erkältungen heilen, andererseits Auto­immunkrankheiten wie Arthritis und Typ-1-­Diabetes auslösen. Dr. Pam Ohashi, Direktorin des Tumor-Immuntherapie-Programms am Prinzessin Margaret Krebszentrum in Toronto, versucht das Immunsystem zu nutzen, um Brustkrebs zu bekämpfen.

Die Idee ist, das Immunsystem so zu stimulieren, dass es Krebszellen attackiert. Diese sind nämlich in der Lage, sich zu tarnen beziehungsweise das Immunsystem zu manipulieren. Es erkennt die kranken Zellen zwar noch, kann sie aber nicht mehr effektiv angreifen.

In klinischen Versuchen mit Krebstypen, die wie das Melanom eine starke Immunreaktion auslösen, wurden erfolgreich Medikamente getestet, welche das Immunsystem wieder in die Lage versetzen, die Tumorzellen zu erkennen und zu zerstören.

Für Teilnehmer an klinischen Studien ist eine Immuntherapie oft die letzte Chance, weil andere, bewährte Therapien nicht gewirkt haben.

Patientinnen mit Brustkrebs im frühen Stadium könnte eine Behandlung mit dieser Methode in Zukunft Chemotherapie und Bestrahlung ersparen. „In Kombination mit anderen Behandlungsansätzen hat die Immuntherapie das Potenzial, Krebs zu heilen“, sagt Expertin Ohashi. „Es könnte allerdings noch einige Jahre dauern bis es so weit ist.“

Den Tumor einfrieren ...

Die Idee ist simpel: Mit der Kryoablation kühlt man den Tumor und das umliegende Gewebe so stark ab, dass die Zellen gefrieren und ihre Wände platzen – wie eine Flasche Limonade im Eisfach. Die zerstörten Zellen werden anschließend vom umliegenden Gewebe entsorgt.

Eine israelische Erfindung, die IceSense3-Maschine, wird gerade an 20 Kliniken weltweit getestet. Unter anderem in Marburg. Die Behandlung mit dieser Maschine, die bei Nieren-, Leber- und Lungenkrebs bereits erfolgreich ist, wird momentan nur bei Patientinnen eingesetzt, die älter als 65 Jahre sind und deren Tumor maximal 1,5 Zentimeter Durchmesser hat. Dabei wird eine Therapiesonde, dünn wie ein Zahnstocher, in den Brusttumor eingeführt. Der Eingriff dauert etwa eine halbe Stunde und erfordert nur eine örtliche Betäubung.

Die Sonde kann eine Temperatur von minus 170 Grad erzeugen und so den Tumor vereisen. Per Ultraschall oder Magnetresonanztomografie kontrollieren die Ärzte, ob alles erkrankte  Gewebe erfasst wurde. Je nach Tumor sind weitere Behandlungen wie Bestrahlungen empfehlenswert.

„Die Patientin spürt noch ungefähr sechs Monate lang einen Knoten, bis die abgestorbenen Zellen vom Gewebe absorbiert sind“, erklärt Dr. Richard Fine, Direktor der Abteilung Bildung und Forschung am Margaret-West-Brustzentrum in Memphis, US-Bundesstaat Tennessee.

Muriel Smith aus Freehold, New Jersey, nennt ihre Behandlung „ein Kinderspiel“. Sie entschied sich für die Kryoablation, weil ihr eine Operation gefährlicher erschien. „In meinem Alter bin ich nicht mehr scharf auf eine Narkose“, sagt die 79-Jährige. „Auf dem Bildschirm konnte ich alles mitverfolgen. 47 Tage nach der Diagnose war ich krebsfrei.“

Zur Kontrolle wird Smith in den nächsten fünf Jahren jährlich eine Mammografie durchführen lassen.

... oder erhitzen

Bei der Radiofrequenz-Ablation PRFA – das Verfahren, mit dem Margareta Nordell sich behandeln ließ – wird der Tumor hingegen mit Hitze zerstört. Auch bei dieser Methode kommt eine Sonde zum Einsatz. Sobald sie richtig positioniert ist, fließt Strom und erhitzt die Zellen. Die hohen Temperaturen zerstören das bösartige Gewebe.

Sollten dennoch einige der Krebszellen „entwischen“, sind sie nicht mehr in der Lage, weiter zu wachsen und den Körper zu schädigen, sagt Hans Wiksell, emeritierter Professor am Stockholmer Karolinska-Institut. Er leitet das Projekt und hat das PRFA-Gerät entwickelt.

Die Elektrode erhitzt das Zentrum des Tumors auf 70 Grad, sodass die darin liegenden Zellen zerstört werden. Die Temperatur im Gewebe unmittelbar um den Tumor überschreitet idealerweise 43 Grad nicht. Gesunde Zellen können sich nach der Behandlung normalerweise regenerieren, nicht aber Krebszellen.

„Wir haben mit der PRFA eine völlig neue und präzise Behandlungsmethode gegen Brustkrebs entwickelt“, sagt Professor Wiksell. „Chemotherapien und Bestrahlungen können selbst Krebs verursachen – bei Hitze besteht diese Gefahr nicht.“

Bislang sind für die Studie 18 ältere Patientinnen behandelt worden, unter ihnen Margareta Nordell. Sie alle hatten Tumore, deren Durchmesser maximal zwei Zentimeter betrug. Die Versuchsreihe hat eine hohe Erfolgsquote: Keine der Teilnehmerinnen hatte bislang einen Rückfall. Der Versuch ist auf ältere Patientinnen beschränkt, weil ihre Tumore meist weniger bösartig und aggressiv sind als die jüngerer Patientinnen.

Nordell war zunächst verunsichert von all den Experten, Computern und der Technik. Doch als es losging, schloss sie einfach ihre Augen und wartete ab. Knapp 20 Minuten später war alles vorbei.

Seit mittlerweile fünf Jahren ist sie frei von Krebs und sagt: „Ich hatte großes Glück und bin dankbar dafür, dass ich an dieser Studie teilnehmen durfte. So kann ich für meine Tochter da sein, für meine drei Enkelkinder und für Jackie, meinen Jack Russell Terrier. Und ich bin gesund.“


 

RD Abbinder
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