Multiresistente Keime auf dem Vormarsch
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Multiresistente Keime auf dem Vormarsch

Bei einem Klinikaufenthalt fürchten viele Patienten, dass sie sich mit einem gefährlichen Keim anstecken könnten.

Autor: Reader's Digest Book

Wie hoch das Risiko ist, in der Klinik krank statt gesund zu werden oder gar an der Infektion zu sterben, hängt u. a. von der persönlichen körperlichen Verfassung ab, aber auch von Hygienemassnahmen. Dabei geraten immer öfter Krankheitserreger in den Fokus, denen gängige Antibiotika nichts mehr anhaben können. Hier steht auch der Patient selbst in der Verantwortung, die Ausbreitung von Resistenzen eindämmen zu helfen.

Wenn das Krankenhaus krank macht

Während ihres Krankenhausaufenthalts stecken sich etwa 5 – 10 % der Patienten mit einem gefährlichen Keim an, also jährlich etwa 600.000 Menschen in Deutschland, 70.000 in der Schweiz und 55.000 in Österreich. Die Folgen sind Harnwegsinfekte, Lungenentzündung, Wundinfektion oder Sepsis. Jedes Jahr sterben in Deutschland ca. 15.000 Menschen (Schweiz: ca. 1800, Österreich: ca. 5000) an den Folgen einer Krankenhausinfektion, Tendenz steigend.
Die Keime stammen zum überwiegenden Teil von den Patienten selbst. Gefährdet für Krankenhausinfektionen sind Patienten, die auf einer Intensivstation behandelt werden oder deren Immunsystem geschwächt ist, z. B. sehr alte Menschen, Frühgeborene und Patienten, die Medikamente erhalten, die das Immunsystem unterdrücken. Patienten, die eine grössere Operation im Bauch- oder Brustbereich hinter sich haben, sind ebenfalls einem höheren Risiko für eine Krankenhausinfektion ausgesetzt.

Wie Antibiotikaresistenzen entstehen …

Zur Behandlung von Infektionskrankheiten sind seit der Entdeckung des Penicillins im Jahr 1928 Antibiotika das wichtigste Instrument. Aufgrund der Zunahme von Antibiotikaresistenzen sind viele Medikamente jedoch nicht mehr verlässlich wirksam. Resistenzen kommen an allen natürlichen Standorten vor, an denen Bakterien leben. Sie bieten ihnen einen Überlebensvorteil, indem sie sich vor Antibiotika schützen, die von anderen Mikroorganismen wie Pilzen produziert werden. Antibiotikaresistenzen entstehen durch Veränderungen (Mutationen) im Erbgut der Bakterien, sogenannte Resistenzgene. Diese Resistenzgene können Bakterien untereinander austauschen. Besitzen Bakterien mehrere Resistenzgene, können sie sich gegen verschiedene Antibiotika schützen, d. h., sie sind multiresistent.

… und wie sich ausbreiten

Durch den breiten Einsatz von Antibiotika seit den 1940er-Jahren übt der Mensch einen hohen Selektionsdruck aus, der umso stärker ist, je mehr Antibiotika verwendet werden. Bakterien, die gegen ein Antibiotikum resistent sind, können sich vermehren und ausbreiten. Da sich Bakterien nicht nur in der Umwelt befinden, sondern auch den Menschen und alle anderen Lebewesen dicht besiedeln, trägt der Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin sowie in der Tiermedizin, z. B. bei Massentierhaltungen, zur Entstehung von Antibiotikaresistenzen und deren Verbreitung bei. Damit geht einher, dass sich Resistenzgene anreichern. Und dies geschieht vorwiegend in Genomabschnitten, die zwischen Bakterien übertragen werden können. Seit einigen Jahren werden Multiresistente Erreger (MRE) auch in der Umwelt, z. B. im Boden und in Gewässern, nachgewiesen. Schätzungsweise 1000 – 4000 Todesfälle in Deutschland sind durch MRE verursacht. Besonders gefürchtet sind Infektionen mit multiresistenten Stämmen der Bakterien Pseudomonas aeruginosa und Staphylococcus aureus.

MRSA-Infektionen vorbeugen

MRSA werden vorwiegend über direkte oder indirekte Kontakte übertragen. Eine wirkungsvolle Massnahme zur Prävention von MRSA-Infektionen ist deshalb das Identifizieren von Patienten, die mit MRSA besiedelt oder infiziert sind. In vielen Krankenhäusern werden Patienten, die bestimmten Risikogruppen angehören und in die Intensivstation oder chirurgische Abteilung aufgenommen werden sollen, auf das Vorkommen von MRSA und Antibiotikaresistenzen untersucht. Dabei werden Abstriche aus der Nasenschleimhaut und dem Enddarm genommen und untersucht. Studien zeigen jedoch, dass diese Massnahmen in Deutschland nicht immer eine Ausbreitung nosokomialer Infektionen vermeiden können. Ein Grund liegt vermutlich darin, dass die Ergebnisse häufig erst vier Tage nach der Aufnahme vorliegen, wenn sich die Patienten bereits auf der Station aufhalten. Wesentlich verkürzen lassen sich Testverfahren mit PCR-Methoden, die zwar nur vorläufig gültige Ergebnisse liefern, jedoch die Möglichkeit bieten, früher krankenhaushygienische Massnahmen einzuleiten.

Hygiene im Krankenhaus

Je nach Krankheitserreger und Behandlung existieren verschiedene Übertragungswege. Über die Umwelt steckt sich ein Patient z. B. durch Kontakt mit infizierten Personen, mit Gegenständen wie Türklinken und Lichtschaltern oder über die Luft an. Etwa 80 % der Infektionen werden über die Hände übertragen und sind somit durch sorgfältig angewandte Hygienemassnahmen vermeidbar. Unverzichtbar sind deshalb regelmässiges gründliches Händewaschen und Desinfizieren. Das gilt für Ärzte, Krankenhausmitarbeiter und Patienten als auch für Besucher. Patienten mit einer MRSA-Infektion sollten von anderen Patienten isoliert werden. Des Weiteren sollten Sie mit frisch gewechseltem Kittel, Einmalhandschuhen, Mund- und Nasenschutz besucht und mit einem geeigneten Antibiotikum behandelt werden. In den Niederlanden ist auf diese Weise in vielen Kliniken die Häufigkeit von MRSA-Infektionen auf unter 1 % der nokosomialen Infektionen gesunken, im Vergleich zu über 20 % in Deutschland.

Resistenzen eindämmen

Die Entstehung von Antibiotikaresistenzen und deren Ausbreitung lässt sich zwar nicht verhindern, jedoch mit einem gezielten und sparsamen Einsatz von Antibiotika verlangsamen. Dazu ist es notwendig, Antibiotika nur dann einzusetzen, wenn sie wirklich wirken können und notwendig sind – etwa wenn ein schwerwiegender bakterieller Infekt vorliegt und dessen Erreger bekannt ist. Wissenschaftler der Uniklinik und der Universität Jena entwickeln ein tragbares Analysegerät, das mittels Rama-Sprektroskopie einzelne Bakterien aus einer Blutprobe des Patienten identifiziert und bald für die Kliniken zur Verfügung stehen soll. "Mit unserem Lab-on-a-chip-System ... können wir Bakterienstämme und deren Resistenzen in weniger als dreieinhalb Stunden bestimmen", erklärt Prof. Ute Neugebauer. Zudem gibt es Hoffnung, dass alle diese Massnahmen die NRE erfolgreich zurückdrängen und der Zenit der Infektionen bereits überschritten ist. Neue Studien deuten darauf hin.

 


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