Neue Behandlung für Schlaganfallpatienten
© iStockfoto.com / Steve Debenport
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Neue Behandlung für Schlaganfallpatienten

Im Juli 2015 erwachte Florence Baudouin, damals 45, nach einem Schlaganfall in einem Krankenhausbett in Paris.

Ausgabe: März 2019 Autor: Anita Bartholomew

Ihr Körper war übersät mit Schläuchen, die ihn mit blinkenden Maschinen verbanden. Sie erinnerte sich, wie sie zusammengebrochen war, an den Hubschrauber, der kurz darauf eingetroffen war und an die Rettungskräfte, die sie aufgefordert hatten, nicht einzuschlafen. Baudouin wusste weder, wie man spricht, noch schien der Rest ihres Körpers zu funktionieren. „Mein Gehirn war nicht in der Lage, dem Körper Befehle zu geben“, erzählt sie.

Etwa jeder sechste Mann und jede fünfte Frau hat im Laufe des Lebens einen Schlaganfall. In Europa ist der Schlaganfall nach dem Herzinfarkt die zweithäufigste Todesursache mit rund 433.000 Fällen jährlich. Er gilt laut einem Artikel im European Stroke Journal im Juli 2018 als die Hauptursache für langfristige Behinderungen. Doch was ist ein Schlaganfall? Florence Baudouin hatte einen ischämischen Schlaganfall erlitten. Dabei wird die Blutversorgung des Gehirns blockiert, weil ein Blutgerinnsel eine der Hirnarterien verschliesst. Derartige

Gerinnsel bilden sich meist, weil cholesterinhaltige Ablagerungen, sogenannte Plaques, reissen. 85 Prozent aller Schlaganfälle sind ischämische. Die Symptome treten plötzlich und heftig auf, wenn das Blut mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff nicht mehr an dem Gerinnsel vorbeifliessen kann. Rund 15 Prozent aller Fälle sind sogenannte hämorrhagische Infarkte oder Hirnblutungen. Ursache hierfür ist ein geplatztes Blutgefäss, wodurch Blut in das Gehirn gelangt.

Unter Schlaganfallmedizinern gilt: „Zeit ist Hirn“. Sobald die Nervenzellen nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden, sterben sie in rasantem Tempo ab. Ein Mensch, der einen heftigen Schlaganfall erleidet, ist plötzlich nicht mehr in der Lage, zu stehen, zu sehen, eine Hand, einen Arm oder ein Bein zu bewegen. Meistens ist eine Körperhälfte geschwächt oder gelähmt – die Seite, die der vom Schlaganfall betroffenen Gehirnhälfte gegenüberliegt. Oft kann der Betroffene kaum oder nicht mehr sprechen. Im Krankenhaus behandelte man Baudouin mit gewebespezifischem Plasminogenaktivator (t-PA), um das Blutgerinnsel aufzulösen. Das als Thrombolyse bezeichnete Verfahren kann einen Schlaganfall im Frühstadium stoppen und dauerhafte Schäden am Gehirn begrenzen.

t-PA wurde 2002 in der EU zugelassen. Heute werden mehr als 100.000 Europäer pro Jahr damit behandelt. Die Therapie eignet sich jedoch nicht für alle Patienten, erklärt Keith Muir, Professor für klinische Bildgebung an der University of Glasgow in Schottland. Erfolgt die Behandlung innerhalb von 90 Minuten nach Einsetzen der ersten Symptome, stellen sich bei etwa einem Fünftel der Patienten erhebliche Verbesserungen ein. Ist zu viel Zeit verstrichen, können die von der verstopften Arterie versorgten Neuronen nicht mehr gerettet werden.

Entscheidend ist, schnell in die Klinik zu kommen

Umwelttechniker Jan Heussen weiss noch, dass jener Morgen Ende April 2016 begann wie jeder andere. Gegen sieben Uhr ging er nach unten, um das Frühstück vorzubereiten. Als er seinen Hund füttern wollte, brach er zusammen. Seine Frau hörte einen dumpfen Schlag, rannte die Treppe hinunter und sah ihren Mann hilflos am Boden liegen. Sie rief den Notarzt. Jan Heussen hatte einen ischämischen Schlaganfall erlitten und erhielt im Krankenhaus sofort eine Lysetherapie. Doch das t-PA löste das Blutgerinnsel nicht auf. Er musste in eine grössere Klinik transportiert wurde. Inzwischen waren drei Stunden vergangen. Dort röntgte man sein Gehirn, um die Position des Gerinnsels zu ermitteln. Anschliessend führten die Chirurgen einen Katheter in die Arterie ein, um es zu entfernen (Thrombektomie), wodurch sie vermutlich sein Leben retteten.

Bis vor Kurzem glaubten Fachleute, das Zeitfenster für eine Thrombektomie sei ebenso kurz ist wie die für t-PA – also höchstens sechs Stunden. Neuere Untersuchungen ergaben: Bei 30 Prozent der Schlaganfallpatienten gelangt genügend Blut über kleinere Gefässe ins Gehirn. Das verzögert die Zerstörung der Neuronen, und somit verlängert sich das Zeitfenster für eine Behandlung.

Als Heussen nach seiner Thrombektomie erwachte, konnte er seinen rechten Arm und sein rechtes Bein etwas bewegen. Wenige Stunden später waren sie gelähmt. Er hatte einen zweiten Schlaganfall erlitten. Wer schon einmal einen Schlaganfall hatte, hat ein erhöhtes Risiko für einen weiteren Schlaganfall. Dieses bleibt bis zu zehn Jahre lang unverändert hoch.

Nach einer zweiten Thrombektomie stabilisierten die Ärzte Heussen und versetzten ihn für 48 Stunden ins Koma. Durch ein EKG entdeckten die Ärzte die Ursache des Schlaganfalls: ein Loch in einer Herzkammer, das er wohl seit seiner Geburt besitzt. So konnte sich ein Blutgerinnsel bilden, das über eine Arterie ins Gehirn gelangte und den Blutstrom blockierte.

Neben Thrombektomie und der intravenösen Lysetherapie kann das häufig verschriebene Antidepressivum Fluoxetin (Prozac) die motorischen Fähigkeiten nach einem Schlaganfall ebenfalls signifikant verbessern. Es scheint die Verbindungen zwischen beschädigten und intakten Neuronen zu fördern.

Die Genesung kann harte Arbeit bedeuten

Die Ärzte konnten zwar verhindern, dass Heussen und Baudouin weitere Hirnschäden erlitten. Dennoch sahen sich beide mit schwerwiegenden Behinderungen konfrontiert. Nach einem Monat im Krankenhaus schaffte es Florence Baudouin, an Krücken zu gehen und ihre rechte Hand teilweise zu benutzen. Weitere Fortschritte stellten sich ein, als sie in ein Rehabilitationszentrum verlegt worden war. „Wenn man mir ein Bild zeigte, fiel mir das zugehörige Wort nicht ein, und ich sagte ein anderes“, erinnert sie sich. „Es dauerte fast ein Jahr, bis ich wieder sprechen und lesen konnte. Das Schreiben dauerte noch länger.“ Drei Jahre nach ihrem Schlaganfall ist Florence Baudouin noch immer in logopädischer Behandlung. Inzwischen ist sie zu rund 75 Prozent genesen und entschlossen, weitere Fortschritte zu machen.

Jan Heussen begann eine Woche nach seinem zweiten Schlaganfall mit der Physiotherapie. „Anfangs konnte ich meinen Arm überhaupt nicht anheben“, berichtet er. „Nach der zweiten Woche dann ein kleines bisschen.“ Dann folgten fünf Wochen in einer Reha-Klinik. Im Gegensatz zu Baudouin verstand er alles, was er las. Doch selbst die einfachste sprachliche Äusserung bereitete ihm enorme Schwierigkeiten. Er musste das Sprechen völlig neu lernen. Es sei frustrierend und schwierig gewesen, so Heussen, „Wörter in die richtige Reihenfolge zu bringen“. Mit eisernem Willen übte er weiter. Heussen geht immer noch zur Physiotherapie und Logopädie, sagt aber, dass der Alltag für ihn die beste Therapie sei.

Die Fähigkeit des Gehirns zur Neuverdrahtung

Noch ist unklar, wie vielen Schlaganfall-Patienten mit der richtigen Behandlung geholfen werden könnte. Viele machen auch lange nach einem Schlaganfall noch Fortschritte. Diese Fähigkeit, länger bestehende Schäden zu überbrücken, wird als Hirnplastizität bezeichnet. In der ersten Zeit nach einem Schlaganfall sind betroffene Neuronen manchmal nicht zerstört, sondern nur geschädigt. Sind sie aber in der Lage, sich zu erholen, stellt sich ihre Funktion schneller und umfassender wieder her.

„Zeigt sich in den ersten 30 Tagen bei jemandem auch nur der Hauch einer Bewegung in komplett schlaffen Gliedmassen, betrachte ich das als vielversprechendes Zeichen“, so Dr. Heidi Fusco, Professorin für Rehabilitationsmedizin am Rusk Rehabilitation Centre der Universität NYU Langone in New York. „Ich habe Patienten, die sich auch zwei, drei Jahre nach ihrem Schlaganfall erholen und Fortschritte machen.“ „Wir müssen uns von einheitlichen Behandlungsmethoden verabschieden und zu individuell abgestimmten Präzisionstherapien übergehen“, meint Professor Hummel. In seiner Forschung konzentriert er sich auf die Entdeckung von Biomarkern. Mit deren Hilfe könnten Ärzte ermitteln, welche Therapie die beste für welche Patienten ist.

 

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Was tun Experten eigentlich für ihre Herzgesundheit? Ärzte und Kardiologen geben Ratschläge und verraten, was sie selbst für ihr Herz tun...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Das ist ein Risikofaktor für die Entstehung von Herzinfarkten, denn der Gerinnungsfaktor des Blutes steigt dabei an...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

wunder-mensch Körper & Psyche

Es hat die Größe einer geballten Männerfaust, doch das Herz ist eine Hochleistungspumpe – und zwar eine geniale...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Während sich die Ingenieure bemühen, Herzschrittmacher kleiner zu machen, erobert die Kardiokapsel bereits zunehmend die Herzen der Kardiologen.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

In den ersten beiden Monaten nach der saisonalen Grippeschutzimpfung sinkt das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, erheblich.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Diät & Ernährung

Je mehr, desto besser! Das gilt zumindest für Vollkorn-Produkte nach einem Herzinfarkt. Sie scheinen die Lebens-Erwartung erhöhen zu können. 

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Medizin-News

Still, langsam und scheinbar unaufhaltsam schreitet sie fort: die Herzinsuffizienz, auch als Herzschwäche bekannt...

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich