Apothekerin sucht ein Medikament heruas für eien Kunden.
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Rezeptfreie Medikamente: wirklich harmlos?

Statt sofort zur Tablette zu greifen, nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und lesen Sie die Warnhinweise für rezeptfreie Medikamente.

Ausgabe: Januar 2021 Autor: Susannah Hickling
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Auch wenn viele in Apotheken frei erhältlich sind, heisst das nicht, dass rezeptfreie Medikamente harmlos sind. „Jedes Medikament ist ein potenzielles Gift“, betont Professor Dr. Bart Morlion, Leiter des Zentrums für Algologie und Schmerzmanagement des Universitätsklinikums UZ Leuven, Belgien. Die meistverkauften rezeptfreien Schmerzmittel in Europa sind Paracetamol, Aspirin, Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac sowie Codein. Welche Medikamente rezeptfrei erhältlich sind, ist von Land zu Land unterschiedlich. Wenn Sie ausserdem andere Medikamente einnehmen, lassen Sie sich vor der Einnahme rezeptfreier Schmerzmittel beraten. Diese könnten Wechselwirkungen verursachen, das Risiko von Nebenwirkungen erhöhen oder sogar die Wirkung anderer Medikamente mindern.

 

Welche Mittel kommen also infrage, wenn Sie Schmerzen haben?

Paracetamol

Paracetamol wird zur Behandlung von Kopfschmerzen, allen anderen nicht nervlich verursachten Schmerzen und Symptomen bei Viruserkrankungen eingesetzt. „Es ist sicherer und genauso wirksam wie andere Medikamente“, erklärt Marcel Bouvy, Professor für pharmazeutische Versorgung an der Universität Utrecht. Ausserdem wird es als erste Option zur Behandlung von Fieber und Schmerzen bei Covid-19 empfohlen. Der grösste Vorteil von Paracetamol besteht darin, dass es kaum Nebenwirkungen hat. „Bei korrekter Anwendung ist das Medikament gut verträglich“, erklärt Rheumatologe Dr. Serge Perrot, Leiter des Bereichs Schmerzmanagement am Hôpital Cochin in Paris. „Es kann den meisten Menschen verabreicht werden, sogar gebrechlichen oder gefährdeten Patienten.“

Einige Studien zeigten ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme und Magen-Darm-Blutungen. Doch Dr. Perrot glaubt, dass die Ursache hierfür darin liegen könnte, dass Paracetamol oftmals ältere Patienten erhalten, die andere Risikofaktoren haben. Leberversagen ist die gefährlichste Nebenwirkung von Paracetamol, wenn man es überdosiert oder an einer Lebererkrankung leidet. Nehmen Sie das Mittel nicht zusammen mit Medikamenten, die ebenfalls Paracetamol enthalten wie Erkältungs- oder Grippemittel. Sonst besteht die Gefahr einer unbeabsichtigten Überdosierung. Ausserdem sollten Sie Alkohol meiden, da er die Leber zusätzlich belastet.

 

  • NSAR

    Entzündungshemmende Schmerzmittel, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) hemmen Chemikalien, die für Schmerzen und Schwellungen verantwortlich sind. Eingesetzt werden sie bei Arthritis, Zahn-, Regel- sowie bei Kopf- und Rückenschmerzen, Verletzungen wie Verstauchungen und Fieber. NSAR werden oft als wirksamer erachtet als Paracetamol. „Doch sie haben deutlich mehr unerwünschte Nebenwirkungen“, warnt Dr. Perrot.
    Professor Morlion verweist auf Forschungsergebnisse, die NSAR mit Magengeschwüren und -blutungen in Verbindung bringen. Außerdem besteht das Risiko von Nierenversagen bei Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion sowie allergische Reaktionen, erhöhter Blutdruck und in seltenen Fällen auch Herzinfarkte, Herzversagen und Schlaganfälle. „NSAR dürfen Senioren, Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Frauen im letzten Schwangerschaftsdrittel oder gebrechlichen Patienten nicht verschrieben werden“, erklärt Dr. Perrot.
    NSAR können auch dazu führen, dass andere Medikamente ihre Wirksamkeit verlieren: Nimmt man diese zusammen mit niedrig dosiertem Aspirin oder harntreibenden Mitteln ein, steigt das Risiko für herzrelevante Nebenwirkungen. Die Einnahme von NSAR in Kombination mit dem Blutverdünner Warfarin oder den sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (Antidepressiva) kann das Risiko von Magenblutungen erhöhen. Alle NSAR wirken auf die gleiche Weise und lindern ähnliche Schmerzarten. Dennoch gibt es Unterschiede bei der Verträglichkeit: (weiterblättern mit Pfeilen rechts und links)
  • NSAR - Aspirin oder Acetylsalicylsäure

    wird aus Weidenrinde hergestellt. Man sollte Aspirin aber vorsichtig einsetzen. Es gilt als Hauptverursacher für Magenblutungen, da es die Gerinnungsfähigkeit des Bluts herabsetzt. Nehmen Sie bereits niedrig dosierte Acetylsalicylsäure oder einen anderen Gerinnungshemmer ein, um einem Herzinfarkt oder Schlaganfall vorzubeugen, sollten Sie mit Ihrem Arzt reden, bevor Sie Aspirin als Schmerzmittel verwenden. In manchen Fällen verschlimmern sich auch Gichtbeschwerden. Bei Asthmatikern kann Aspirin einen Anfall auslösen. Wegen einer möglichen Verbindung zum Reye-Syndrom, das Leber- und Hirnschäden verursacht, wird es nicht für Kinder empfohlen. „Verzichten Sie auf Aspirin, wenn Sie Naproxen oder Ibuprofen zur Hand haben“, erklärt Professor Morlion. „Alle Nebenwirkungen von NSAR sind bei Aspirin heftiger.“
  • NSAR - Ibuprofen

    wurde 1961 von britischen Wissenschaftlern entdeckt, die nach einer Alternative zu Aspirin suchten. Ungeachtet dessen hat auch Ibuprofen Nebenwirkungen, die von Übelkeit und Verdauungsstörungen bis hin zu Darmblutungen und einer Verschlechterung von Morbus Crohn reichen. Außerdem kann Ibuprofen Gürtelrose oder Windpocken verschlimmern und zu ernsthaften Hautinfektionen führen. Ibuprofen ist erhältlich in verschiedenen Formen: als Filmtablette, Kapsel, Gel, Spray und Pflaster. Ibuprofen kann mit anderen Medikamenten wie bestimmten Antibiotika, Steroiden und Blutverdünnern Wechselwirkungen zeigen.
  • NSAR - Diclofenac

    ist wirksamer als Ibuprofen, hat aber mehr und gefährlichere Nebenwirkungen. In einer dänischen Studie wurde die Einnahme eines beliebigen NSAR mit einem um 31 Prozent höheren Risiko für einen Herzstillstand in den folgenden 30 Tagen in Verbindung gebracht. Personen, die Diclofenac einnahmen, hatten ein um 50 Prozent höheres Risiko. Die Autoren dieser Studie, die 2017 im European Heart Journal veröffentlicht wurde, erklärten sogar, dass Diclofenac das riskanteste NSAR sei. Es verursacht im Vergleich zu Ibuprofen mehr Wechselwirkungen. Diclofenac wird unter verschiedenen Markennamen verkauft, darunter Voltaren®. Wenn Sie ein Mittel zur Behandlung von Gelenkschmerzen, Sportverletzungen oder Rückenschmerzen brauchen, probieren Sie es mit Diclofenac-Gel oder -Pflastern, die weniger Nebenwirkungen haben.
  • NSAR - Naproxen

    lindert Schmerzen ähnlich wirksam wie Diclofenac, ist aber rezeptfrei erhältlich. Für gewöhnlich wird das Mittel, das unter den Markennamen Aleve® und Dolormin® erhältlich ist, bei Menstruations- und Rückenschmerzen eingesetzt. Die Liste der Nebenwirkungen ist besorgniserregend lang, von Leber- und Nierenproblemen, Magengeschwüren, Verwirrtheit, Sehstörungen, Anämie bis zu Entzündungen der Bauchspeicheldrüse. Allerdings spielen die Herzprobleme, die sonst mit NSAR in Verbindung gebracht werden, nach Ansicht einiger Ärzte eine weniger große Rolle. „Naproxen ist der Entzündungshemmer, den wir Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen bevorzugt geben“, erklärt Dr. Perrot.

    Codein

    Dieses Mittel verhindert, dass Schmerzsignale über die Nervenbahnen zum Gehirn gelangen. Es sollte nur verwendet werden, wenn Paracetamol und NSAR nicht wirken. In einigen Ländern ist Codein, obwohl es süchtig macht, in kleinen Dosen in Kombinationspräparaten mit Paracetamol, Aspirin oder Ibuprofen rezeptfrei erhältlich. „Codein ist ein Opioid, das Morphium in der chemischen Zusammensetzung ähnelt“, erläutert Roger Knaggs, Fachapotheker für Schmerzmanagement und Dozent am Institut für Pharmazie an der University of Nottingham, Grossbritannien. (Siehe auch Sucht auf Rezept in der Oktober-Ausgabe 2020)
    Codein wird in der Leber in eine geringe Dosis Morphium umgewandelt. Doch die Sache hat einen Haken. „Es lässt sich schwer verstoffwechseln“, erklärt Dr. Morlion. „Bei jedem achten Patienten funktioniert die Schmerzlinderung nicht, da er nicht in der Lage ist, den Stoff umzuwandeln. Bei den anderen dagegen läuft der Prozess so effizient ab, dass sie eine hohe Dosis Morphium abbekommen.“ Und das kann süchtig machen. Es ist wichtig, dass Sie sich strikt an die im Beipackzettel genannte Dosis halten und das Mittel zu oder nach einer Mahlzeit einnehmen, um Übelkeit vorzubeugen. Codein ist zudem dafür bekannt, Verstopfung zu verursachen. Eine weitere Nebenwirkung ist Schläfrigkeit, die durch Alkohol noch verstärkt wird. Weniger häufig, aber beunruhigend, sind Atemprobleme oder Krämpfe. In Verbindung mit bestimmten Medikamenten gegen Bluthochdruck, Allergiesymptome, Depression und Schlaflosigkeit erhöht sich das Risiko für Nebenwirkungen. Codein darf nicht eingenommen werden, wenn man schwanger ist oder an Nieren- oder Leberbeschwerden, Prostatavergrösserung, Gallensteinen, chronischer Dickdarmentzündung, niedrigem Blutdruck oder Schilddrüsenunterfunktion leidet. Unter Zwölfjährige dürfen es auch nicht einnehmen – es gab Todesfälle, nachdem Atembeschwerden aufgetreten waren. Viele Ärzte sind gegen die einfache Verfügbarkeit von Schmerzmitteln mit Codein. Schmerzexperten verweisen ausdrücklich darauf, dass es bewährte Alternativen zu rezeptfreien Schmerzmitteln gibt. Dazu gehört bei muskulären Zerrungen und Verstauchungen die PECH-Regel (Pause, Eis, Compression und Hochlagern). Salben und Gele auf Menthol- oder Chili-(Capsaicin)-Basis sowie Entspannungstechniken zur Schmerzlinderung können bei anhaltenden Schmerzen hilfreich sein. Bleiben Sie in Bewegung. Achtsamkeitsübungen, Yoga oder Tai-Chi können im Umgang mit hartnäckigen Beschwerden ebenso helfen.

     

    „Nicht bei jedem Schmerz ist ein Medikament erforderlich“, betont Professor Morlion. Falls Sie eins brauchen, gilt: „Nehmen Sie rezeptfreie Schmerzmittel nur so kurz wie möglich ein. Eine längerfristige Einnahme sollte niemals ohne Rücksprache mit Ihrem Arzt erfolgen“, erklärt Knaggs.

     

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