Alle an einem Tisch
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Helden des Alltags

Alle an einem Tisch

Ebba Ëkerman hilft ihren Schützlingen in Schweden heimisch zu werden.

Ausgabe: Oktober 2015 Autor: Chilo Bryan-Brown

Von der Ostsee her weht eine kühle Brise, als ich an einem Samstagnachmittag im März über den Steg gehe, der Stockholms Altstadt mit dem trendigen Stadtteil Södermalm verbindet. Ich bin zum Abendessen eingeladen. Es ist keine gewöhnliche Einladung zum Essen mit Freunden. Meine Gastgeberin ist die Schwedischlehrerin Ebba Ëkerman, und alle Gäste werden Fremde sein.

Die Abendluft lässt mich frösteln, doch in dem Moment, als Ëkerman die Tür öffnet, wird mir warm. Es ist unser erstes persönliches Treffen, aber die apfelwangige 31-Jährige begrüßt mich wie eine alte Freundin, mit Komplimenten und einem freundlichen Händedruck. Ich bin die erste von fünf Gästen. Sie bittet mich, meine Schuhe zu den anderen zu stellen, die bereits neben- und übereinander unter dem überladenen Flurtisch stehen. Dann folge ich ihr in die Küche, wo sie gerade Geschirr abwäscht. Auf überfüllten Regalen und Tischen drängen sich Töpfe mit Kräutern.

Die Ministerin der Abendessen

Ich bin hier, um mehr über Ëkermans Initiative herauszufinden, mit der sie Einwanderer und Einheimische an einem Esstisch versammelt. Im Laufe der vergangenen eineinhalb Jahre hat sie in Stockholm 400 solcher Abendessen mitorganisiert. Sie nennt ihre Initiative das Dezernat Einladungen. "Der Name ist nicht ganz ernst gemeint", sagt sie, "ich spiele bewusst mit der Wichtigkeit, die demokratische Institutionen in Schweden innehaben." Eben das hat die Fantasie der Medien angeregt und Ebba Ëkerman zu einem gewissen Ruhm verholfen. Sie ist die selbst ernannte Ministerin der Abendessen. Alles begann vor zwei Jahren, als sie anfing, Einwanderern Schwedisch beizubringen. Die kostenlosen Sprachkurse wurden den Flüchtlingen und ihren Familien von der Regierung im Rahmen der Eingliederung angeboten. Mehr als eine viertel Million Menschen erhielten innerhalb der vergangenen fünf Jahre in Schweden ein Bleiberecht. Ein Großteil der Migranten in Stockholm lebt in den Hochhaussiedlungen der Vororte.

Im Gespräch mit ihren Schülern erfuhr Ëkerman, dass kaum jemand Kontakt zu einheimischen Personen hatte. "Einer meiner Schüler erzählte mir, dass sich das Leben in dem Vorort Norsborg kaum vom Leben in Afghanistan unterschied", sagt sie. Es gefiel ihr gar nicht, dass die schwedische Gesellschaft sich so viel stärker nach Herkunft und Geschlecht unterschied, als sie gedacht hatte. Doch sie wusste nicht, wie man Abhilfe schaffen konnte. "Eines Tages", erzählt sie, "hörte ich eine Radiosendung über die Theorie der "sechs Grade der Trennung", nach der jeder Mensch zu einem anderen über nicht mehr als fünf Personen verbunden ist. Ich überlegte, ob ich nicht diejenige sein könnte, die Immigranten mit gebürtigen Schweden verbindet." "Zuerst fragte ich in meinen Kursen, ob jemand Lust hätte, mit Schweden zu Abend zu essen", sagt sie. "Zunächst waren sie ein wenig verblüfft. Aber als ich ihnen erklärte, wie ich mir das vorstellte, dass sie Einheimische kennenlernen, die Sprache üben könnten und dass es kostenlos wäre, interessierte sich immerhin die Hälfte meiner Schüler dafür." Sie fragte die Interessenten, ob sie lieber selbst ein Essen ausrichten oder zu Gast sein wollten, außerdem nach ihren Handynummern, Erreichbarkeit und Ernährungsgewohnheiten. Dann warb sie einige schwedische Freundinnen und Freunde an und begann, die Teilnehmer zusammenzubringen.

Das erste gemeinsame Abendessen

Zum ersten Abendessen Anfang 2014 lud eine Familie aus Kamerun ein. Die Gäste waren Jenny und Olof, zwei Freunde von Ëkerman. "Ich war ziemlich nervös", sagt sie. "Ich machte mir Sorgen, dass sie die Adresse nicht finden oder einander nicht verstehen würden." Aber das Abendessen verlief gut, und als Jenny Fotos über ein soziales Netzwerk teilte, fand Ëkerman das bemerkenswert. "Ich dachte: Wow, es funktioniert!" Nach einem Blogeintrag, der sich rasend schnell verbreitete, und positivem Medienecho nahm die Idee Fahrt auf. Ebba Ëkerman erhielt unzählige Anfragen von Menschen, die gern mitwirken wollten.

Kami Montgarde, ein großer 26-jähriger Student mit dicken Brillengläsern und schwarzem lockigen Haar, wird von Ebba Ëkerman hereingeführt. Er wurde im Iran geboren und kam als Kind nach Schweden. Inzwischen ist er schwedischer Staatsbürger. Er gehört zu den ersten Gastgebern, die Migranten einluden. Er setzt sich zu mir und erzählt, dass ihm die Initiative wegen seiner eigenen Familiengeschichte am Herzen liegt, und wegen der Frau, die er seine schwedische Großmutter nennt. "Karin war die erste Schwedin, die meine Familie zum Essen einlud, nachdem sie 2001 aus dem Iran geflohen war", erzählt Montgarde. Karin wandte sich im Sprachkurs an seine Mutter und sagte: "Mein Mann hat in Teheran gearbeitet, ich spreche Ihre Sprache. Warum kommen Sie mit Ihrer Familie nicht zu uns zum Essen?" "Karin hat uns in die schwedische Kultur eingeführt", fährt er fort. "Sie hat uns zu Weihnachten eingeladen und zur schwedischen Mittsommerfeier. Durch sie haben wir alte Volkslieder und Trachten kennengelernt. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich mich nie als Außenseiter fühlte."

Dennoch war er nicht entspannt, als er eine Familie aus Afghanistan zum Abendessen einlud. "Ich fürchtete, dass sie nicht mögen würden, was ich kochte", sagt er. Ëkerman, die zugehört hat, blickt von der Arbeitsfläche hoch, auf der sie Vorspeisen zubereitet, und rollt mit den Augen. "Essen sollte keine Hürde sein", sagt sie, "und doch ist das manchmal der Fall." Eine schwedische Familie machte sich die Mühe, Rentier zu servieren – und löste damit eine Diskussion aus, ob das halal, also "erlaubt" sei, erinnert sie sich. Ein Paar aus Mazedonien wiederum bat die Großmutter über Skype um Nachhilfe beim Kochen, denn sie wollten ihre schwedischen Gäste nicht enttäuschen. "Warum nicht einfach Makkaroni servieren?", sagt sie, und reicht uns kleine Tassen mit duftender Suppe und Knäckebrotschnittchen mit Roter Bete und Ziegenkäse. "Es geht doch darum, an einem Tisch zu sitzen und das Essen zu genießen, Menschen kennenzulernen, die man sonst wohl nie getroffen hätte."

Geschichten beim Essen

Inzwischen ist eine andere schwedische Freundin von Ëkerman gekommen: Ellen Leijonhufvud, 31 Jahre alt und Mediengestalterin. Zwei weitere Gäste aus Afghanistan rufen an und erklären, dass sie gleich da sein werden. Ëkerman bugsiert uns freundlich ins Wohnzimmer, weil es zu eng wird in der Küche. Wir rücken den Tisch erst einmal in die Mitte des Raumes, um ihn dann auszuklappen. Jetzt legt Ëkerman eine Billie-Holiday-Platte auf einen altmodischen Plattenspieler und kehrt in die Küche zurück. Ich folge ihr, um ihr meine Hilfe anzubieten. Braucht sie aber nicht: Geschickt balanciert sie Teller mit verschiedenen Gemüsen, Reis, Nudeln und einer Köstlichkeit aus Cashewnüssen und Pilzen. Die letzten Gäste sind Nematullah Rohid und Murtaza Bigzada. Die zwei Freunde, Anfang 20, haben sich nach ihrer Flucht aus Afghanistan in Stockholm kennengelernt. Rohid kennt Ëkerman aus den Sprachkursen, und seine tiefbraunen Augen leuchten, als sie einander begrüßen. Sie zieht ihn ein wenig auf, weil er sich verlaufen hat, und er demonstriert, wie er und Bigzada durch verschiedene Fenster geschaut haben, um die Wohnung zu finden. Bigzada schüttelt spöttisch den Kopf. Sein breites Gesicht und seine mandelförmigen Augen spiegeln eine Mischung aus Bewunderung und Missbilligung.

Ëkerman bittet uns, am Esstisch Platz zu nehmen. Ich sitze neben Bigzada, gegenüber von Rohid. Er erzählt, dass er für die US-Armee übersetzt habe. "Deshalb musste ich Afghanistan verlassen", erklärt er. "Die Taliban nehmen Leute wie mich ins Visier. Ich fürchtete um mein Leben und flüchtete nach Europa." Nach Schweden wollte er, weil er von der Willkommenspolitik des Landes erfahren hatte. Sein erster Eindruck war sehr positiv. "Als ich 2013 in Stockholm ankam, fragte ich eine Frau nach dem Weg. Sie lächelte und wollte mir einen Burger kaufen. Es war das erste Mal, dass jemand in Europa mich so angelächelt hat." Die ersten sieben Monate verbrachte Rohid ohne Geld und Papiere in einem Flüchtlingsheim. Jetzt möchte er sich gern mehr in die schwedische Gesellschaft einbringen. Während Rohid erzählt, stellt Ëkerman das Essen auf den Tisch und unterbricht zwischendurch immer wieder kurz das Gespräch, um jedes Gericht zu erklären und uns aufzufordern, uns zu bedienen. Jetzt setzt sie sich zum ersten Mal selbst hin und ermuntert Bigzada, uns seine Geschichte zu erzählen. Er berichtet, dass er seine Heimat für ein besseres Leben in Schweden verlassen hat. Nun studiert er Betriebliches Rechnungswesen und hofft, eines Tages ein Unternehmen gründen zu können, das Schweden und Afghanistan miteinander verbindet.

Rohids ansteckender Humor hebt die Stimmung.

Wir prosten uns zu mit einem schwedischen "Skal!" und plaudern über Benimmregeln, das Stockholmer Nachtleben und darüber, ob Migranten sich an die örtliche Art sich zu kleiden anpassen sollten. Ëkerman verschwindet in der Küche und taucht mit dem Dessert wieder auf. "Meringue Swish", sagt sie, eine Mischung aus Schaumgebäck, Vanilleeis, Schlagsahne, Banane und Schokoladensoße. Ein typisch schwedisches Rezept. Niemand schlägt es aus, und wir unterhalten uns über unsere Lieblings-Nationalspeisen. Rohid und Bigzada erzählen von ihrer Heimat. Rohid denkt noch oft an die Erlebnisse aus dem Krieg. Deshalb arbeitet er an einem antirassistischen Geschichtenerzählprojekt mit dem Jugendzentrum von Stockholm, wo er mit jungen Menschen über seine Erfahrungen spricht.

Es ist bereits nach 22 Uhr, und Billie Holidays Stimme ist verstummt. Es ist Zeit zu gehen. Ebba Ëkerman umarmt uns alle und lehnt mein Angebot ab, ihr beim Abwasch zu helfen. "Das kann warten." Ein bisschen von ihrer Wärme bleibt, als ich meinen Mantel zuknöpfe. Während ich durch das stille Wohnviertel zu meinem Hotel zurückschlendere, denke ich über Rohids treffenden Kommentar nach: "Mit Schweden zu essen hilft mir dabei, mich normal zu fühlen." Ebba Ëkermans Dezernat Einladungen hilft vielen Migranten dabei, sich in ihrer neuen Heimat wohl zu fühlen.

*Die Initiative gibt es mittlerweile auch in der Schweiz, Österreich und Deutschland. "United Invitations" ("Vereinigte Einladungen") ist eine Dachorganisation für alle, die selbst Abendessen ausrichten möchten.

www.unitedinvitations.org

 


 

RD Abbinder
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