Eine junge Verkäuferin in einem Lebensmittelladen.
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Helden des Alltags

Armut macht einsam

In einem Laden im vorpommerschen Demmin können Menschen, die wenig Geld haben, günstig einkaufen. Und auch wieder am öffentlichen Leben teilhaben.

Ausgabe: Mai 2020 Autor: Ariane Heimbach

Die Ladentür geht auf, ein Mann erscheint im Eingang zur Cafeteria. Er trägt Pudelmütze, Trainingshose und eine leere Plastiktüte in der Hand. „Wie immer?“, fragt die junge Frau, die gerade Dienst hinterm Tresen hat. „Wie immer“, sagt der Mann und tritt zurück durch die Tür. Zuerst will er einkaufen gehen, im Ladenbereich nebenan. Derweil bereitet die Servicekraft zwei Toasts mit Schokocreme und Marmelade zu sowie einen heissen Kakao. Das ist Sven Clasens „Tagesgericht“, alles zusammen zum Preis von 80 Cent.

Man kennt sich hier im CARIsatt-Laden im vorpommerschen Demmin, ist vertraut mit den Wünschen, den Eigenheiten der anderen, weiss um ihre Scham. Denn die Menschen verbindet eins: Sie haben sehr wenig Geld und – eine Folge der Armut – viele von ihnen sind einsam. Sie gehören nirgendwo dazu, weil sie schon vor Jahren herausgefallen sind aus der Welt der sogenannten Leistungsträger. Sie sind Hartz-IV-Empfänger, Erwerbsunfähige, die wegen Krankheit nicht mehr arbeiten können, Rentner, die ein Leben lang geschuftet haben, aber bei denen die Rente dennoch nicht reicht. Hinzu kommen Alleinerziehende, Geringverdiener, Familien mit wenig Einkommen. Dies ist kein gewöhnlicher Laden. Das Haus der Caritas in Demmin ist eine Mischung aus günstigem Geschäft, Treffpunkt und kostenloser Beratungsstelle.

 

Eintreten ohne Scham

Mit rund 12 Prozent Erwerbslosen ist die Hansestadt einer der Orte mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Deutschland. Das Haus der Caritas liegt etwas abseits vom Zentrum, gegenüber erstreckt sich eine Plattenbausiedlung. Wer zum Einkaufen kommt, muss ums Haus herum, über den Hinterhof, die Treppe hoch. Manchen erleichtert dieser fast verborgene Eingang den Besuch. Und doch ist CARIsatt, der kleine Supermarkt, das Herz des Hauses. Wer einen Sozialleistungsbescheid vorlegen oder ein geringes Einkommen nachweisen kann, ist berechtigt, hier einzukaufen. Für wenig Geld, aber nicht kostenlos. Niemand soll sich als Almosenempfänger fühlen. „Die Waren haben einen Wert und das wertet auch die Menschen auf, die sie kaufen“, sagt Nora Tschötschel, die Leiterin der Einrichtung, die es seit 2017 gibt. Träger ist die Caritas. Unterstützung kam aber auch schon von anderer Seite: Die Stiftung Deutsches Hilfswerk, in welche die Erlöse aus dem Losverkauf der Deutschen Fernsehlotterie fliessen, hat das Projekt vor zwei Jahren mit einem grösseren Betrag unterstützt. An diesem Ort kann die Kundschaft ihre Würde bewahren, etwas, das ihnen sonst im Alltag oft nicht mehr gelingt.

Zehn dicke Bockwürste für 1 Euro, 500 Gramm Edamer für 2 Euro, Müslischnitten für 10 Cent pro Riegel landen an diesem Vormittag im Einkaufskorb von Petra Burmeister. „Das reicht für mich und meine Tochter für eine Woche“, sagt sie. Die 54-jährige alleinerziehende Mutter hat keine Scheu, sich in den Einkaufskorb schauen zu lassen. Warum sie hier einkauft? „Weil alles nur höchstens halb so teuer ist wie anderswo.“ Sie hat vier Ausbildungen gemacht, war Krankenschwester, Landmaschinenschlosserin, Hotelfachfrau und Tagesmutter. 30 Jahre lang hat sie gearbeitet. „Aber dann wurde ich krank. Seither bekomme ich eine Rente wegen Erwerbsunfähigkeit“, erzählt sie. „Das ist mehr als viele hier haben, aber trotzdem knapp.“ Sie läuft an den Regalen entlang, in denen Chipstüten über Schokoküssen liegen, Bio-Kartoffelpüree neben Knuspermüsli, Damenstrumpfhosen neben Einwegrasierern. Keine Unmengen, wie sonst in Supermärkten, aber genug. Frisches Obst und Gemüse gibt es eher selten, dafür sind gerade eingelegte Gurken und Bohnen im Glas für 50 Cent im Angebot und Birnensaft für 1,50 Euro pro 6-Liter-Karton.

 

Ein fester Treffpunkt

Vor dem Kühlschrank, der an diesem Tag prall gefüllt ist mit Wurst und Milchprodukten, steht eine Frau im violett-grauen Anorak. Sie kauft heute zum ersten Mal im CARIsatt-Laden ein. Sie schäme sich, sagt sie leise, hier gesehen zu werden und blickt zu Boden. Demmin ist eine kleine Stadt, die Leute reden gern. Petra Burmeister schaut ihr mitfühlend hinterher. „Ich hatte anfangs auch Bedenken“ erinnert sie sich. „Aber dann fand ich die Atmosphäre so schön. Man kann billig einkaufen und hinterher zusammensitzen. Das ist wie eine Familie, sag ich immer.“ Sie gesellt sich zu den anderen im Café, wo jetzt alle vier Tische besetzt sind. An einem sitzt auch Nora Tschötschel. So oft es geht, kommt die Sozialarbeiterin aus dem Büro in der zweiten Etage runter ins Café. Nur so liesse sich Vertrauen gewinnen, erklärt sie später. „Petra, schön dich mal wieder zu sehen“, sagt sie. „Ja, aber ich bleib nur auf einen Kaffee, ich muss nach Hause Mittagessen kochen“, antwortet Burmeister. Ein junges Paar mit Kleinkind bestellt Würstchen mit Toasts, während zwei ältere Frauen vor ihren leeren Kaffeebechern sitzen und auch sitzen bleiben dürfen – bis der Laden schliesst. An diesem Donnerstag um 16 Uhr. Sven Clasen hat inzwischen sein Tagesgericht gegessen und schweigt ein bisschen neben Remo Zähler. Die beiden Männer kennen sich seit ihrer Kindheit. Aber sie treffen sich nur hier. Und wenn ihr Leben anders verlaufen wäre, mit weniger „Widerständen“, wie Sven Clasen sagt – mehr gibt er nicht von sich preis –,dann wären sie sich vielleicht nie so nah gekommen wie im CARIsatt-Café.

 

Sein dürfen, wie man ist

Hier an diesem besonderen Ort dürfen sie sein, wie sie sind: müde, schweigsam und ja, auch bedürftig. „Ich muss mich hier nicht verstellen, mich nicht verbiegen“, sagt Zähler. Der 46-Jährige hat mal Molkereifachkraft gelernt. Dann wurde die Molkerei geschlossen, wie so viele andere Betriebe in Demmin. Die Jahre mit Hartz IV zählt er nicht mehr. Jetzt hat er hin und wieder Ein-Euro-Jobs, zuletzt in einer Tischlerei. „Das hat Spass gemacht. Und den Verdienst kann man sich beiseitelegen“, sagt er. Dazu arbeitet er ehrenamtlich als Hausmeister im CARIsatt-Laden.

„Wie ist deine Bewerbung im Demminer Gartencenter gelaufen?“, will Nora Tschötschel von Remo Zähler wissen. „Die schreiben, sie melden sich“, sagt er und klingt nicht besonders zuversichtlich. Er hat schon zu viele Absagen erhalten. „Jetzt warten wir erst mal ab“, sagt Tschötschel und schaut ihn aufmunternd an. Schliesslich hat sie ihm dabei geholfen, die Bewerbung zu schreiben. „Ich kann den Leuten, die hierher kommen, zwar nicht sagen: ,Es wird alles gut‘“, erzählt sie später oben in ihrem Büro. „Aber es gibt Hoffnungsschimmer.“ Etwa wenn sie höre, dass eine Familie am Ende eines Monats noch Geld übrig hat, weil sie regelmässig im CARIsatt-Laden einkauft. Oder wenn sie sieht, wie viele der Kunden sich inzwischen ehrenamtlich im Haus engagieren.

Ausser ihr ist nur eine Frau fest angestellt, als Verkäuferin im Ladenbereich. Alles andere erledigen die neun Ehrenamtlichen, die sich abwechseln: drei Männer als Fahrer, vier Frauen, die im Café helfen, zwei, die beim Einräumen und Einschweissen der Waren mitanpacken. Sie geben damit etwas davon zurück, was sie selbst bekommen, denn Tschötschel berät in allen Lebenslagen. Sie hilft bei komplizierten Handyverträgen, geht mit auf Ämter, hört sich die Sorgen geschiedener Frauen und verwaister Väter an. Dass ihr das so gut gelingt, hat auch mit ihrer Herkunft zu tun. Tschötschel kommt aus Demmin – und ist geblieben.

Draussen fährt ein weisser Lieferwagen mit dem Logo der Caritas vor. Am Steuer sitzt Dietrich Paape, pensionierter Koch und Berufsschullehrer. Seit einem Jahr engagiert sich der 70-Jährige als ehrenamtlicher Fahrer. Gerade hat er eine weitere Ladung eingeschweisster Bockwürste und Käse im Wagen, ausserdem Sojamilch und zwei Kisten Fischkonserven. Die meisten Waren holt Paape mehrmals in der Woche aus einem zentralen Lager in Schwerin, das auch andere CARIsatt-Läden versorgt. Hinzu kommt, was Firmen und Geschäfte in der Region um Demmin spenden. Nach dem Abladen setzt Paape sich zu den anderen ins Café. „Für mich ist das hier wie eine Familie. Zu Hause habe ich keine mehr. Einsamkeitssyndrom nennt man das“, erzählt er. Er nippt an seinem Kaffee.

Einige der Vormittagsgäste sind inzwischen gegangen, andere gekommen, wie ein kleiner, frisch rasierter Mann in Jeans und Bomberjacke, der täglich erscheint und ungerührt erzählt, im Sommer gehe er Flaschen sammeln. „Aber betteln geh ich nicht“, sagt er bestimmt. Remo Zähler sieht ihn an und nickt stumm. Das Radio dudelt. Die Frau hinterm Tresen spült. An der Wand des Cafés hängt ein gerahmtes weisses Schild, auf dem in roten Lettern steht: „Zusammen sind wir Heimat.“

 

 

 


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