Den Menschen sehen
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Den Menschen sehen

Stefan Grütter will die Welt von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung verändern

Ausgabe: Mai 2016 Autor: Andres Eberhard

Der kleine Daniel zieht an seiner Krawatte, gleichzeitig nähern sich Mira und Nenad dem ausgestopften Bären, den man nicht berühren darf: Stefan Grütter hat alle Hände voll zu tun. Die Kinder, die der 28-Jährige zwischen den Exponaten der Tierausstellung hin- und herdirigiert, haben eine durch eine frühkindliche Hirnschädigung verursachte körperliche oder geistige Behinderung. „Was wisst ihr über Bären?“, fragt Grütter. Als keine Antwort kommt, fährt er unbeirrt fort. „Gefällt euch der Bär?“ Die Kinder nicken stumm.

Ob sie zu scheu sind oder es ihnen doch zu schnell geht, ist schwer zu sagen. Grütter ist um Normalität bemüht. „Für mich sind sie wie alle Kinder“, sagt er, „sie wollen spielen, basteln, Neues entdecken.“ Mit dem Unterschied, dass sie praktisch ununterbrochen auf Betreuung angewiesen sind. Auf jedes Kind kommt an diesem Nachmittag im Naturmuseum Winterthur eine Helferin oder ein Helfer. „Wir machen das auch, damit sich Eltern und Geschwister einmal einen freien Nachmittag gönnen können“, sagt er. Grütter ist seit Ende 2015 Präsident der Behindertenvereinigung insieme Cerebral Winterthur. Gross und sportlich, strahlt er inmitten der stillen Kinder eine natürliche Fröhlichkeit aus, die ansteckend ist: „Fürs Lachen werde ich bezahlt“, hält er pointiert fest und spielt auf seinen Hauptjob an.

„Menschen mit Behinderung haben eine erfrischend ehrliche Art“

Der gelernte Personalfachmann hat eine Kaderstelle im Verkauf inne. Dass ein Lächeln dort einen Vertragsabschluss begünstigen kann, ist ihm durchaus bewusst. Zurzeit bildet er sich im Fernstudium zum Betriebswirt weiter. Die Frage drängt sich auf, warum er, der am Anfang einer arbeitsintensiven beruflichen Karriere steht, seit zehn Jahren praktisch seine ganze Freizeit mit Menschen mit Behinderung verbringt: „Sie haben eine erfrischend ehrliche Art. Sie sind aufrichtig und dankbar. Das bringt mich auf den Boden der Realität zurück“, sagt Stefan Grütter. Aber laugt ihn das nicht aus? Nein, am Ende komme mehr zurück, als er gebe. Mit dem Thema Behinderung wurde er erstmals als Kind konfrontiert. Eine nahe Verwandte hatte das Down-Syndrom.

Als 17-Jähriger gab Grütter beim Verband von und für Menschen mit Behinderung Procap erstmals Schwimmlektionen. Heute setzt er sich jeden Donnerstagabend ins Auto, um über einer Stunde von seiner Wohngemeinschaft in Winkel bei Bülach nach Solothurn zu fahren. Dort gibt er Menschen mit Behinderung Turnlektionen. Seit fünf Jahren ist Grütter zudem Mitglied im Vorstand einer insieme-Vereinigung, seit letztem Jahr als Präsident in Winterthur. Sein Engagement geht aber noch weiter: Regelmässig leitet er auch verschiedene Ferienlager.

„Ich will die Welt verändern“, sagt Grütter. „Nicht die ganze Welt, aber die Welt von gewissen Menschen.“ Dann lächelt er wieder. Und man spürt: Wenn einer das schaffen könnte, dann er. Als Präsident von insieme Cerebral Winterthur kümmert er sich auch um strategische Aufgaben, wie etwa die Finanzierung. Derzeit bestreitet der Verein seine Tätigkeiten mit Mitteln des Dachverbands insieme, die aus Mitgliederbeiträgen und Spenden stammen. Für seine Pläne reicht das noch nicht. Einerseits hofft Grütter auf mehr Freiwillige, andererseits auch auf mehr Gönner und Sponsoren, Private wie Firmen. „Die Spende kann man ja von der Steuer abziehen“, wirbt er und verfällt kurz in die Rolle des Verkäufers.

Im Alltag begenet man sich nicht

Stefan Grütters Ziel ist, mehr Angebote für Junge mit Behinderung zu schaffen. Als praktisch erste Amtshandlung hat er eine Seite auf Facebook erstellt, auf welcher der Verein Informationen vermitteln und Veranstaltungen ankündigen kann. Nun möchte er die regelmässig stattfindenden Anlässe – Freizeitclub, Weiterbildungsangebote, Musik- oder Tanzkurse – ausbauen. Das neuste Projekt heisst „Zäme in Usgang“. Grütter will damit erreichen, dass Menschen mit Behinderung mehr unter die Leute kommen. Denn diese würden den grössten Teil ihrer Zeit in einer Institution verbringen. „Das Problem ist, dass man sich im Alltag nicht begegnet“, sagt er. Der Dachverband insieme hat für die Kampagne Treffen von Menschen mit und ohne Behinderung inszeniert und sie gefilmt. Zu Beginn der Begegnung sind beide Seiten zögerlich, es ist still. Dann entspinnt sich eine Unterhaltung, Gemeinsamkeiten werden erörtert, man lacht zusammen, vertraut einander Geheimnisse an – die Grenzen zwischen normal und nicht normal lösen sich auf. „Dafür braucht es nur fünf Minuten“, so die Aussage des Spots.

Menschen mit Behinderung sehen den Menschen in dir.

Diese Offenheit ist es, die Grütter an seinen Schützlingen fasziniert: „Sie fragen nicht nach deinem Job, und es interessiert sie auch nicht, ob du studiert hast.“ Überall sonst in unserer Gesellschaft spiele der Status eine grosse Rolle. „Menschen mit Behinderung aber sehen vor allem den Menschen in dir.“ Grütter bereitet dieser Austausch Freude. Auch darum will er unbedingt dabei sein, wenn es zum ersten Mal „Zäme in Usgang“ heisst. „Das wird lustig“, ist er überzeugt – und lächelt.

 


 

RD Abbinder
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