Die Lebensmittel-Detektive
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Die Lebensmittel-Detektive

Lebensmittelbetrug ist in Europa ein lukratives Geschäft – und gefährdet Leben. Doch diese Ermittler erhöhen den Druck auf die kriminellen Banden.

Ausgabe: September 2018 Autor: Tim Bouquet

Das Paket wog nur fünf Kilo und kam aus China. Laut der aufgeklebten Einfuhrerklärung enthielt es Kaliumkarbonat – einen chemischen Stoff, der zum Backen verwendet wird. Die niederländischen Zollbeamten in Nimwegen öffneten das Paket, weil sie den Verdacht hatten, das weisse Pulver könne Kokain sein. Laboruntersuchungen ergaben etwas ganz anderes: Bei der Substanz handelte es sich um 17-Beta-Östradiol, ein Wachstumshormon, das in der Rindermast eingesetzt wurde, aber in der Europäischen Union seit fast 30 Jahren verboten ist. Die kleine Menge Pulver war 75.000 Euro wert, reichte für 250.000 Kälber. Der Stoff konnte Europas Nahrungskette gefährden. Wissenschaftler bezeichnen ihn als „absolut krebserregend“. Noch nie war eine so grosse Menge dieser verbotenen Substanz in den Niederlanden aufgetaucht.

Das war ein Fall für die auf Lebensmittelbetrug spezialisierten Detektive der niederländischen Behörde für Nahrungs- und Konsumproduktesicherheit (NVWA-IOD), deren Zentrale in Utrecht liegt. Dort bewältigen die Ermittler der Behörde, die in Hochsicherheitsbüros untergebracht sind, ein gewaltiges Arbeitspensum. In einem der Computerräume flimmern Reihen von Bildschirmen, während die Detektive Ermittlungsberichte, Überwachungsvideos und Abhörtranskripte analysieren.

Die 39-jährige Karen Gussow ist dort Inspektorin. „Wir haben dieselben Befugnisse, jemanden zu verhaften, zu überwachen und Informationen über ihn einzuholen, wie die Polizei“, erklärt sie. „Der einzige Unterschied: Wir tragen keine Waffen.“ Dennoch bezeichnet sie Lebensmittelbetrug als tödliches Geschäft. „Die Forschungsergebnisse belegen durchweg, dass selbst geringe Rückstände von Wachstumshormonen im Rindfleisch Krebs auslösen können.“ Besonders Kinder sind gefährdet.„Wir wandten uns an die Staatsanwaltschaft. Wir baten um Genehmigung, den Inhalt des verdächtigen Pakets gegen Backpulver auszutauschen“, so Gussow. „Man erlaubte uns auch, Ortungsgeräte und Abhörtechnik einzusetzen. Dann übergaben wir das Paket wieder in die Zustellung.“

Verdeckte Überwachung

Die Sendung wurde ordnungsgemäss an ein Logistikzentrum in Roden ausgeliefert, ein kleines Dorf bei Groningen. Dort hatten die Lebensmittel-Detektive eine Überwachungskamera versteckt. An einem Novembernachmittag kam ein 69-jähriger Mann, um das Paket abzuholen. Dass ihn sieben Ermittler in Zivilfahrzeugen beobachteten, ahnte er nicht. Er fuhr 85 Kilometer in südlicher Richtung nach Emmeloord, wo er sich ein Zimmer in einem Viersternehotel nahm. Die Ermittler hörten von einer örtlichen Polizeidienststelle aus zu, wie der Verdächtige mit verschiedenen Handys mehrere Telefongespräche führte. Er wollte das Paket weiterleiten. Als er zum Abendessen ging, sassen am Nebentisch zwei Detektive. Die Übergabe fand nicht statt. Die Lebensmitteldetektive stürmten sein Zimmer und verhafteten den Verdächtigen. Der Mann, dessen Name aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden darf, erklärte, er betreibe ein Unternehmen, das Tiermedikamente herstelle. Dabei handelte es sich jedoch um eine Tarnfirma. 2016 wurde er zu 18 Monaten Haft verurteilt.

Verbrechen ohne Grenzen

Lebensmittelbetrug greift um sich – in Europa und weltweit. Finanziell ist er ähnlich lukrativ wie Drogen- und Menschenhandel. Er kann verschiedene Formen annehmen und sich anders als bei dem verbotenen Wachstumshormon auch direkt auf die Verbraucher auswirken. „Kriminelle Panscher mischen ohne Rücksicht auf die Sicherheit der Verbraucher billigen Wein mit reinem Alkohol oder Rind- mit Pferdefleisch. Um möglichst viel Gewinn zu machen, deklarieren sie das Ganze dann als Qualitätsprodukt“, weiss Detektiv Chris Vansteenkiste. Der 54-jährige Belgier mit dem kantigen Kinn leitet die Produkt- und Markenschutzeinheit von Europol (der Strafverfolgungsbehörde der Europäischen Union), die einzelstaatliche Einsätze zur Bekämpfung von Lebensmittelbetrug koordiniert.

„Manchmal fälschen die Betrüger auch Herkunftsangaben oder behaupten, die Produkte stammten aus biologischem Anbau“, so Vansteenkiste. „Sie setzen falsche Strichcodes und Mindesthaltbarkeitsdaten auf minderwertige Lebensmittel, die für den Verzehr ungeeignet sind. Grundsätzlich haben die Verbraucher Vertrauen in Nahrungsmittel. Gefälschte Verpackungen wirken oft so überzeugend, dass sie die Produkte kaufen.“ Doch es gibt Gegenmassnahmen. Seit 2011 führen Europol und ihr internationales Gegenstück Interpol jährlich weltweit Kampagnen zur Bekämpfung von Nahrungsmittelbetrug durch. Die sogenannte Operation OPSON begann klein, mit zehn teilnehmenden Ländern.

2017 beteiligten sich bereits 65 Staaten an OPSON, darunter 22 EU-Mitglieder. Innerhalb von vier Monaten wurden bei Tausenden von Razzien 13.400 Tonnen und 26,3 Millionen Liter gefälschte oder minderwertige Lebensmittel und Getränke im Gesamtwert von 236 Milliarden Euro beschlagnahmt. In über 6200 Fällen kam es zu verwaltungs- oder strafrechtlicher Verfolgung.„Alles, was produziert wird, kann auch gefälscht werden“, behauptet Chris Vansteenkiste, der 2017 den OPSON-Einsatz von Europols imposanter Zentrale in vier Büroblocks in Den Haag aus leitete.

In Portugal deckte eine Überwachungsaktion der portugiesischen Behörde für Nahrungsmittelsicherheit auf, dass in Porto eine lebensmittelverarbeitende Fabrik weitergeführt wurde, obwohl ihr bereits die Genehmigung entzogen worden war. „Die Ermittler stiessen dort auf verunreinigte Fässer mit Sardinen und anderem für den Verzehr ungeeigneten Fisch. 300.000 Dosen und 24.000 Etiketten mit gefälschten Strichcodes und Haltbarkeitsdaten belegten, dass der Fisch nach ganz Europa exportiert werden sollte“, berichtet Vansteenkiste. „Die Zustände waren ekelerregend. Die Sicherheit der Menschen spielte offenbar keine Rolle.

Tödliche Folgen

Der Kampf gegen Lebensmittelbetrug läuft rund um die Uhr. Die meisten europäischen Länder haben spezielle Einheiten ähnlich der niederländischen NVWA-IOD eingerichtet, die schon seit 20 Jahren Verbrechern auf der Spur ist. Europol fördert das mit Workshops für Unternehmen, Ermittler und politische Entscheider, um die europaweite Vernetzung zu stärken und Informationen auszutauschen. Gleichzeitig zieht ihr Büro für Erträge aus Straftaten unrechtmässig erworbenes Geld und Vermögenswerte ein. „Internationale Banden gehen von Drogen- und Waffengeschäften zum illegalen Handel über. Das lohnt sich, weil sie dafür selten gleich 20 Jahre hinter Gitter kommen, wenn sie erwischt werden“, erklärt Michael Ellis, Berater im Bereich Nahrungsmittelkriminalität. Er leitete bis 2016 die Interpol-Abteilung zur Bekämpfung von illegalem Handel und Produktpiraterie. „Wir brauchen mehr internationale Koordination. Immer mehr Staaten und Strafverfolgungsbehörden merken, dass es auch bei diesen Verbrechen Opfer gibt. Die Gesellschaft wird geschädigt, die Wirtschaft – und es kommen Menschen zu Tode.“

Die Wissenschaft im Einsatz

Die Komplexität der heutigen Nahrungsmittelversorgungskette stellt die Ermittler vor zusätzliche Probleme. „Wir wissen ja gar nicht mehr, wo unser Essen herkommt“, meint Professor Chris Elliott, der 2013 das Institut für globale Nahrungsmittelsicherheit an der Queen’s University Belfast in Nordirland gründete. Sein hochmodernes Labor kann den molekularen Fingerabdruck von Nahrungsmitteln mit Tausenden von Probenprofilen abgleichen, die Elliotts Team in aller Welt beschafft hat. Allein für Reis liegen 2000 solcher Proben vor. Elliotts 40-köpfiges Team arbeitet an der Entwicklung von Technologien zur Bekämpfung von Nahrungsmittelbetrug, die dann von Behörden und Ermittlern eingesetzt werden können.

„Viele Fertiggerichte enthalten bis zu 50 Zutaten, und die Lieferketten sind bei Nahrungsmitteln so komplex, dass jede Transaktion Verbrechern Chancen bietet – vom Farmbetrieb oder Meer bis zum Marktstand oder Supermarktregal“, so Elliott. „Unsere Aufgabe ist es, das alles nachzuvollziehen und zurückzuverfolgen.“ Fisch ist eines von Elliotts Lieblingsthemen. Auf norwegischen und russischen Fabrikschiffen werden die Fische von Kopf und Eingeweiden befreit, eingefroren und nach China transportiert. Billige Arbeitskräfte filetieren den Fisch dort, frieren ihn wieder zu grossen Blöcken und verschiffen ihn nach Südkorea. „In riesigen Kühlräumen kaufen die Händler dort ein“, sagt Elliott. „Sie verkaufen die Ware an Zwischenhändler, über die sie in den Einzelhandel gelangt. Auf dem Transport über Tausende Kilometer haben Kriminelle genug Gelegenheit, Filets mit Salzwasser schwerer zu machen, die Sortenangabe zu ändern oder im Schleppnetz gefangenen Fisch als Leinenfang zu deklarieren. Die Supermarktketten geben sich viel Mühe bei der Sicherheit ihrer Lieferketten und führen auch selbst Tests durch“, so Elliott. „Aber nichts ist hundertprozentig effektiv. Ich wurde schon wegen unserer Arbeit bedroht. Wenn das organisierte Verbrechen mitspielt, besteht immer ein Risiko.“

Härtere Urteile

Sind die Strafen hoch genug? Inoffiziell verneinen das manche Ermittler klar. Der niederländische Fleischhändler Willy Selten wurde 2013 verhaftet. Er liess Fleisch aus ganz Europa entbeinen, darunter auch 300 Tonnen Pferdefleisch, das in Supermarkt-Burgern und Hackfleisch landete. Der sogenannte Horsegate-Skandal betraf Belgien, Frankreich, Deutschland, Irland, die Niederlande, Schweden, die Schweiz und Grossbritannien. Willy Selten wurde aber nur zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. „Aufdeckung ist die beste Abschreckung – und die Tatsache, dass wir von jedem erwischten Grosskriminellen mehr als eine Million Euro zurückholen“, sagt Karen Gussow. Und: „Lebensmittelbetrug ist kein Verbrechen ohne Opfer. Er attackiert das menschliche Grundrecht auf die Gewissheit, dass unsere Nahrung sicher ist.“

 

 

 


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