Freunde fürs Leben
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aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Freunde fürs Leben

Eine junge Familie aus Amsterdam findet in Philadelphia ein Zuhause auf Zeit.

Ausgabe: April 2014 Autor: Lisa Fittermann

Es war an einem Wintermorgen im März 2011. Innerhalb von Sekunden hatte die Geschichte den 44-jährigen Personalvermittler in ihren Bann gezogen. Die E-Mail berichtete von Bo Jansen, einem tapferen, aufgeweckten kleinen Mädchen aus den Niederlanden, dessen Kniegelenke steif waren. Bos Knie waren dauerhaft um 90 Grad gebeugt. Sie, ihre Eltern und ihre zwei jüngeren Geschwister standen kurz vor einer Reise nach Philadelphia. Dort hofften sie, dass eine Reihe von Operationen Bo zum ersten Mal erlauben würde, sich auf ihren eigenen Füßen fortzubewegen.

Die damals sechsjährige Bo litt an Arthrogrypose, einer angeborenen Gelenksteife, von der etwa eines von 3000 Neugeborenen betroffen ist. Bos Variante war sogar noch seltener: Nur eines von 10.000 Babys erkrankt daran. Doch Bo ließ sich nicht unterkriegen und hatte gelernt, sich auf den Knien rutschend fortzubewegen. Die E-Mail war von einem in den USA geborenen Freund der Jansens geschrieben worden. Darin betonten Nancy und Remca Jansen, dass sie keine Spendenwilligen suchten, sondern jemanden, der ihnen mit Ratschlägen zur Seite stehen würde. Remco hatte bereits eine Arbeitsstelle in den USA, und das Ehepaar sprach fließend Englisch. Doch mit der ganzen Familie für mindestens ein halbes Jahr in ein fremdes Land umzusiedeln war ein abenteuerliches Unterfangen. "Ich wende mich an euch, um herauszufinden, ob wir Amerikaner nicht unsere großartige Hilfsbereitschaft mobilisieren können, um dieser Familie bei ihrer Ankunft in Philly zu helfen", schrieb Barbara, eine Freundin von Berson, die ihm die E-Mail weitergeleitet hatte. Berson würde alles Mögliche in Bewegung setzen, um Bo und ihre Familie dabei zu unterstützen, ihren Start reibungslos zu gestalten. Mit seiner Hilfsbereitschaft zog ihn seine Frau Rita oft auf. Bo Jansens Geschichte hatte Berson in einer Weise berührt, die tiefer reichte als das Bedürfnis, nur zu helfen: Auch er war Vater einer Tochter, der mittlerweile sechsjährigen Hanna, bei deren Geburt es lebensbedrohliche Komplikationen gegeben hatte. Und so antwortete Berson: "Ich bin dabei."

Aussicht auf ein Leben ohne Rollstuhl

Am selben Tag saß Nancy Jansen in Broek, einem Dorf acht Kilometer nördlich von Amsterdam, an ihrem Computer und öffnete eine E-Mail. Darin stand: "Hi, mein Name ist Dave. Wir können helfen. Lasst uns wissen, was ihr braucht." Erleichtert rief sie ihren Mann an. Die Vorbereitung des mindestens sechsmonatigen Aufenthalts in Philadelphia machte den beiden ziemlich zu schaffen. Aber jetzt hatte jemand auf ihren Hilferuf geantwortet. Vergeblich hatten die Jansens in den Niederlanden einen Arzt gesucht, der ihrer Tochter Aussicht auf ein Leben ohne Rollstuhl bieten konnte. Schließlich hatte Bos Mutter von dem in Philadelphia ansässigen Chirurgen Dr. Harold van Bosse erfahren, der sich auf die Behandlung von Kindern mit Arthrogrypose spezialisiert hatte. Sie schickte ihm Bos Krankenakte. Im Sommer 2010 hatte er den Eltern mitgeteilt, er wäre demnächst wegen einer Fachkonferenz in Amsterdam und würde Bo gern einmal sehen. Das Treffen fand an einem Nachmittag statt. Obwohl Bo müde und hungrig war, beeindruckte sie den Orthopäden damit, wie geschickt sie sich auf ihren Knien fortbewegte. "Wenn sie das kann, wird sie auf ihren Füßen gehen können", sagte Dr. van Bosse. Die Jansens schauten einander an und glaubten, sich verhört zu haben. Aber sie hatten richtig verstanden.

Eine Bleibe in den USA

Dankbar nahm das Ehepaar Jansen Bersons Angebot an, zusammen mit einem Immobilienmakler eine Bleibe für die Jansens zu suchen. So begann die Freundschaft mit einem Mann der wenigen Worte und dem umso größeren Herzen. "Nur eine Pappschachtel", schrieb er abschätzig über eines der Häuser. "Zu viele Treppen", lautete seine E-Mail über ein anderes. Schließlich entschieden sie sich für ein Haus in Jenkintown, einem Vorort, der nördlich von Bersons Haus in Elkins Park lag. Nachdem die Wahl getroffen war, machten die Helfer zuerst eine Wunschliste, auf der unter anderem Betten für die Kinder standen, zwei Sofas sowie eine Grundausstattung für die Küche. Sie klapperten Verwandte, Freunde und Kollegen ab. Bis Mitte Mai gab es so viele Helfer, dass Berson ihrer nur mithilfe einer Tabelle Herr wurde. Als er die Tabelle an die Jansens sendete, reagierten diese verblüfft und gerührt. Berson, seine Freunde und Nachbarn schienen besonders herzliche Menschen zu sein.

Remca Jansen traf Mitte Mai 2011 in Jenkintown ein, ein paar Wochen vor seiner Familie. Am Flughafen erwartete ihn Dave Berson. Nach etwa einer Woche hatte Berson das Gefühl, er könne Jansen von seiner Tochter Hannah erzählen. Obwohl es ihr mittlerweile gut ging, löste die Erinnerung an ihre Geburt noch immer Panik, Hilflosigkeit und das Bedürfnis in ihm aus, sie zu beschützen. Er begriff instinktiv, weshalb Jansen mit seiner Tochter nach Amerika gekommen war – und weshalb die Familie sich an diese Hoffnung klammerte. Für Hannah hätte er, ohne eine Sekunde zu zögern, dasselbe getan. Berson begleitete Jansen zum Flughafen, um seine Familie abzuholen. Als Bo ihr neues Zimmer sah – das erste, das sie allein bewohnen durfte –, strahlte sie übers ganze Gesicht. Es war wie für eine Prinzessin eingerichtet, ganz in Weiß, mit vielen Postern von galoppierenden Pferden, ihren Lieblingstieren. Bald schon war aus dem Haus ein echtes Zuhause geworden. Wenn sie irgendetwas brauchten, beispielsweise ein Auto für einen Tag oder Hilfe bei der Beantragung eines Führerscheins, war Dave Berson zur Stelle. Er rief an, um die Jansens zum Grillen einzuladen oder um sie zu fragen, ob sie Lust hätten, zusammen mit seiner Familie in den Zoo zu gehen.

Bo kann laufen

Bos erste Operation fand zwei Wochen nach ihrer Ankunft in Philadelphia statt und sollte ihren Klumpfuß korrigieren. Einen Monat später brachte Dr. van Bosse an ihrem rechten Knie einen sogenannten Fixator an, eine Stützkonstruktion mit Scharnieren. Der Fixator wurde mit Schrauben in ihrem Schienbein und Oberschenkelknochen fixiert. Dreimal täglich drehte Nancy eine der Schrauben fester, wodurch das Bein jedes Mal ein winziges Stück gerader wurde. Manchmal schrie Bo vor Schmerzen. Doch sie hielt durch, und im Oktober war das linke Bein an der Reihe. Am 18. Januar 2012, einen Tag vor ihrem siebten Geburtstag, wurde der zweite Fixator entfernt. Eine Woche danach hatte Bo ihren ersten Physiotherapietermin in der Klinik. Sie hatte Angst. "Mama, halte meine Füße fest!", flehte sie anfangs. Ihre Mutter streckte die Hände aus, um sie zu stützen, während die Physiotherapeutin Bo zwischen die Stangen des Barrens manövrierte. Bo biss die Zähne zusammen, griff mit jeder Hand nach einer Stange und flüsterte: "Mama, geh weg." Sie zog sich etwas zurück. "Weiter, Mama, weiter!" Und dann machte Bo ihre ersten Schritte. Sie waren noch ungelenk, doch für ihre Mutter waren es Riesenschritte. Ihr kamen die Tränen, und sie griff zum Handy, um ihren Mann anzurufen. "Unsere Bo kann gehen", sagte sie immer wieder. Bo übte gewissenhaft. Ihre Beine in grellfarbige Schienen gesteckt, stand das kleine Mädchen nun auf eigenen Füßen: beim Zähneputzen und wenn sie mit kleinen, wackligen Schritten zu ihrem Bett ging. Zwar waren ihre Beine nach wie vor ein wenig gekrümmt, doch sie konnte ihre Knie beugen und strecken. Und dann kam der Tag, an dem Bo mit ihrer Mutter in die Schule ihres Bruders Zef ging, um ihn abzuholen. Wie selbstverständlich, doch sehr vorsichtig, ging sie den langen Flur entlang. Dann rannte ihr jüngerer Bruder auf sie zu. "Bo, du bist ja so groß wie ich", rief er, während er um sie herumtanzte. "Du bist richtig groß!"

Knapp zwei Jahre später leben die Jansens wieder in den Niederlanden, doch die Familien sind sich so nahe wie eh und je. Sie halten Kontakt, und im vergangenen Januar war Berson zu Besuch. "Es fühlt sich an wie die eigene Familie", sagt er. "Wir sind Freunde fürs Leben."

 


 

RD Abbinder
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