Gerettet mit der Axt in der Hand
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Gerettet mit der Axt in der Hand

Ein Lkw-Fahrer erleidet einen Herzinfarkt am Steuer. Alexander Kemper leistet tatkräftige Hilfe.

Ausgabe: August 2018 Autor: Annette Lübbers

Ein langer Arbeitstag liegt hinter Alexander Kemper. Als angestellter Lastkraftwagenfahrer war er seit den frühen Morgenstunden für seine Firma unterwegs. Jetzt nach Feierabend sitzt er hinter dem Lenkrad seines privaten Pick-ups, um bei einem Bauern Stroh für die Tiere auf dem Ponyhof seiner Freundin zu holen. Auf der Bundesstrasse 229 ganz in der Nähe seiner Heimatstadt Arnsberg in Nordrhein-Westfalen herrscht Stop-and-go-Verkehr, nichts Ungewöhnliches für einen Freitagabend.
Höchst ungewöhnlich aber ist, was der Sattelschlepper macht, der Kemper in diesem Moment entgegenkommt. Der 32-Jährige schätzt das Fahrzeug auf etwa 40 Tonnen, dem Nummernschild zufolge stammt es aus Lettland. Langsam, aber sicher steuert es immer weiter nach rechts. Sekunden später dringt ein kreischender Ton durch die Luft. „Ich wusste gleich: Das sind die Metallfelgen, die die Leitplanke aufreissen“, erzählt Kemper. Er bremst sofort ab, schaltet zugleich die Warnblinkanlage an. Dann reisst er sein Handy vom Beifahrersitz und wählt die 112. „Umgehungsstrasse Hüsten, Fahrtrichtung Müschede. Ein Lkw rasiert die Leitplanke. Verdacht auf Herzinfarkt“, erklärt er dem Feuerwehrmann am anderen Ende der Leitung.

Kemper weiss: Hat der Lkw-Fahrer einen Herzinfarkt, kommt es auf jede Sekunde an.

Das Abdriften des Lastwagens von der Fahrbahn spricht dafür, dass der Fahrer die Hände noch am Lenkrad hat, aber nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Ein Herzinfarkt ist für Kemper die naheliegende Erklärung. Mit dem Mobiltelefon am Ohr springt er aus seinem Wagen, hastet über die Strasse zum Sattelschlepper, der ebenfalls zum Stehen gekommen ist. Um Kemper herum ertönt ein Hupkonzert. Mit wenigen schnellen Schritten ist er am Führerhaus des Lkws, springt aufs Trittbrett. Durchs Fenster sieht er den Fahrer. Er ist zusammengesunken, sein Kopf liegt auf dem Lenkrad. 
„Warten Sie, bis wir da sind“, lautet die Anweisung des Feuerwehrmannes am Handy. Aber Kemper weiss: Wenn der Lkw-Fahrer einen Herzinfarkt hat, kommt es auf jede Sekunde an. Er rüttelt an der Fahrertür, sie ist verriegelt. Kemper schaltet sein Handy aus und steckt es ein. Zwei junge Männer sind inzwischen ebenfalls zu Hilfe geeilt.  „Ich hole eine Axt“, ruft Kemper ihnen zu. Das Werkzeug hat der Sauerländer hinter dem Fahrersitz befestigt – für Notfälle aller Art. Er sprintet zu seinem Pick-up, holt die Axt, läuft um den Lkw herum auf die Beifahrerseite, springt erneut aufs Trittbrett. Mit der rechten Hand hält er sich am Spiegel fest, mit der Linken schwingt er die Axt. Wieder und wieder. Die beiden jungen Männer stützen ihn von unten.

Endlich zerbricht das Sicherheitsglas unter der Axt.

Splitter ritzen seine Haut, aber das spürt er in diesem Moment nicht. Kemper entriegelt die Tür, beugt sich ins Führerhaus und drückt als Erstes den kleinen, unscheinbaren Hebel der Handbremse. „Der Fahrer hätte mit seinem Fuss noch Druck aufs Gaspedal ausüben können“, erklärt der Retter. Danach presst er den Starterknopf und zieht den Schlüssel ab. Die beiden jungen Männer sind unterdessen zur Fahrertür geeilt, aufs Trittbrett gestiegen. Sie packen den bewusstlosen Fahrer unter den Armen. „Vorsicht!“, ruft Kemper. „Sein rechtes Bein steckt unter dem Lenkrad fest.“ Mit behutsamem Rucken befreit er das Bein. Vorsichtig ziehen die beiden Männer den Trucker kopfüber ins Freie, legen ihn sanft auf dem Asphalt ab. „Holen Sie meinen Verbandskasten aus dem Auto“, ruft Kemper einem Schaulustigen zu.

Einer der jungen Männer, ein Polizist, beginnt mit der Herzdruck-Massage.

In diesem Moment eilt eine Frau herbei. „Ich bin Krankenschwester“, ruft sie, kniet neben den Bewusstlosen und übernimmt die Herzmassage. „Drehen Sie seinen Kopf zur Seite“, sagt sie zu dem Polizisten, „sonst verschluckt er sich noch.“ Derweil herrscht Kemper neugierige Passanten an: „Gucken Sie nicht. Sorgen Sie lieber dafür, dass die Autos weiterfahren.“ Wenig später sind die ersten Poli­zeiautos vor Ort. Mit heulender Sirene folgt ein Krankenwagen, dann die Feuerwehr. „Vom Zersplittern der Scheibe bis zum Eintreffen der Feuerwehr vergingen bestimmt zehn Minuten. Beim Klang der Sirenen war mein erster Gedanke: Bekomme ich jetzt Ärger, weil ich entgegen der Anweisung nicht gewartet habe?“, erinnert sich Kemper. Bekommt er nicht. Stattdessen ein dickes Lob von den Beamten. Die Polizisten nehmen die Aussagen der Helfer auf, und der zupackende Arnsberger kann sich noch einmal nützlich machen: indem er einem Beamten den Platz im Führerhaus zeigt, wo die meisten Fahrer ihre Papiere aufbewahren.

Wie viel Zeit vergangen ist, bis er sich an diesem Abend dann doch noch auf den Weg zum Ponyhof macht, weiss Kemper nicht mehr. Es ist ihm auch egal. Er ist einfach nur froh, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein und dass der Lkw-Fahrer überlebt hat.

 


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