Anzeige

Achim Hellmuth
© Kathrin Harms
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Immer (noch) im Einsatz

Ein Auto versinkt im Wasser. Achim Hellmuth kommt der Fahrerin zu Hilfe

Ausgabe: April 2020 Autor: David Krenz

Pünktlich um 6.30 Uhr verlässt Achim Hellmuth sein Haus im brandenburgischen Paulinenaue, steigt in den weissen Kleinbus und startet seine Tour. Fast vier Jahrzehnte war er Polizist, seit seiner Pensionierung arbeitet der heute 67-Jährige im Behindertenfahrdienst. Morgens bringt er seine Fahrgäste von ihrem Zuhause zur Arbeit, am Nachmittag wieder zurück. Wie so oft hängt auch an diesem Donnerstag im April dichter Nebel über den Niederungen des Havellands. Rund 50 Meter reicht Hellmuths Sicht durch die Frontscheibe. Auf dem Weg ins Dörfchen Damm, wo die ersten beiden Fahrgäste wohnen, muss er den Rhinkanal queren. Vor Monaten wurde die alte Brücke abgerissen. Ein Schotterweg, der von der Landstrasse abzweigt, führt seither am Ufer entlang zur Ausweichbrücke. Noch bevor Hellmuth in diesen Weg einbiegt, bemerkt er, dass der Absperrzaun vor der Baustelle zur neuen Brücke offen steht. „Das kam mir seltsam vor“, erinnert er sich.

Ein kleines blaues Auto liegt halb versunken im Kanal

Während Hellmuth den Kleinbus über den Schotter steuert, behält er das abschüssige Ufer im Blick. Und dann sieht er es: Ein kleines, blaues Auto, mitten im trüben Kanalwasser, versunken bis zum Seitenspiegel, die Motorhaube ganz abgetaucht. Hellmuth mahnt sich zur Ruhe. Vielleicht ist der Wagen in der Nacht in den Kanal geraten und wer darin sass, wurde längst gerettet? Aber hätten die Rettungskräfte dann das Wrack nicht mitgeborgen? Ihm wird bewusst: Er ist der Erste am Unfallort.
Polizisten lernen, wie man sich in Notfällen verhält. An all das denkt Hellmuth in diesem Moment nicht – sondern nur: „Ich muss da rein!“ Er steigt aus, läuft hinab zum Ufer. Das fahle Licht spiegelt sich in den Scheiben des Autos, er kann keine Insassen erkennen. Aber er hört etwas: Ein Wimmern, das verzweifelt klingt. Hellmuth watet ins eiskalte Wasser. Er hat nicht einmal den Inhalt seiner Hosentaschen geprüft. Das Handy liegt im Auto – ein Glück, denn er wird es später brauchen. Am Ufer hat er schnell noch einen grossen Stein gepackt, damit will er die Scheibe einschlagen. Das Wasser drückt von aussen gegen die Autotür, sie wird sich nicht öffnen lassen, vermutet der pensionierte Polizist.

Er tastet sich voran. Etwas Spitzes bohrt sich in die Sohle seines Schuhs. Er watet weiter. Dann erreicht er die Fahrertür und sieht eine junge Frau, die vor dem Lenkrad kauert. Das Wasser steht ihr bis zur Brust, sie blickt nicht zu ihm auf, nur abwesend nach vorn. Der Schock, denkt Hellmuth. Kräftig schlägt er den Stein gegen die Seitenscheibe, einmal, zweimal, dreimal. Das Glas zerbricht nicht. Hellmuth blickt nervös umher. Da entdeckt er den fingerbreiten Spalt zwischen Rahmen und Fahrertür – sie ist leicht geöffnet! Mit aller Kraft zieht der 67-Jährige am Türgriff. Es kommt ihm vor, als schöbe er ein schweres Scheunentor auf, aber er schafft es. Die junge Frau starrt immer noch geradeaus, der schlaffe Airbag hängt vom Lenkrad.
„Können Sie gehen?“, fragt Hellmuth. Sie antwortet nicht, zittert nur. Er versucht es erneut: „Können Sie aufstehen?“ Daraufhin erhebt sie sich. Behutsam fasst Hellmuth sie um die Hüften, macht sich mit ihr auf den Weg Richtung Ufer. Da sind Schrammen auf ihrer Stirn. Er fragt nach Schmerzen. Abermals keine Antwort. Stattdessen murmelt sie immer wieder drei Sätze: „Wo bin ich?“, „Was ist passiert?“, „Mir ist kalt“. Nach mehreren Minuten haben Retter und Gerettete wieder festen Boden unter den Füssen. Beide sind pitschnass. Hellmuth öffnet die Seitentür seines Busses, setzt die Frau hinein. Aus dem Erste-Hilfe-Kasten zieht er die Rettungsfolie, wickelt sie um die junge Frau. Er wählt die 112, ruft um Hilfe und informiert anschliessend seinen Chef. Seine Fahrgäste sollen nicht unnötig warten.

 

Ist noch jemand im Auto?

Nach wenigen Minuten ist ein Krankenwagen vor Ort. Notarzt und Sanitäter eilen zu der jungen Frau. Und Hellmuth? Der watet noch einmal zum Wrack. Denn auch auf seine Fragen, ob sich hinten noch jemand im Auto befinde, hatte die Frau nicht reagiert. Der Wagen ist leer, Hellmuth kehrt zurück ans Ufer. Inzwischen stehen mehrere Fahrzeuge der Feuerwehr unter den Pappeln der Landstrasse vor dem Kanal. Erst als Hellmuth in trockenen Kleidern und mit einer Tasse Kaffee im Feuerwehrwagen sitzt, fällt ihm auf, dass er zittert. Der Kreisbrandmeister tritt zu ihm. „Ohne Sie wäre die Frau vermutlich tot“, sagt er. Zehn bis 15 Minuten muss sie im eisigen Wasser gesessen haben. Nur wenig länger, dann hätten Bewusstlosigkeit und Atemversagen gedroht.

Für seinen Einsatz erhält Hellmuth später die Brandenburgische Rettungsmedaille. Die noch grössere Freude aber steht direkt am Montag nach dem Vorfall vor seiner Haustür: die junge Frau und deren Mutter, in den Händen ein Präsentkorb. Die Gerettete schildert ihre Erinnerungen. Kurz vor dem Absperrzaun hätte plötzlich ein Reh die Strasse gekreuzt. Wie sie in den Zaun hineinfuhr, das sei ihr letztes Bild, danach ist alles schwarz.

Im Sommer lädt die junge Frau Hellmuth zur Feier ihres 21. Geburtstags ein. Er überreicht ihr ein kleines Präsent. Das grösste Geschenk hatte er ihr bereits am 4. April gemacht – als er ihr das Leben rettete.       

 

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Auf Keramiktafeln hält der Österreicher Martin Kunze Momentaufnahmen der Menschheit für Entdecker in einer fernen Zukunft fest.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Ein Mann attackiert eine Zugbegleiterin. Tim Alexander Niessalla greift ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Britta Bohm ist gerade mit der Hausarbeit beschäftigt, als sie das Bellen und die Schreie hört.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Ein Mann schlägt auf eine Frau ein. Pfarrerin Konstanze Hentschel geht dazwischen.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Die Zahl der Obdachlosen nimmt in ganz Europa zu. Neue Ansätze zur Lösung des Problems zeigen vielversprechende Ergebnisse.

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich