Die Freiheitsstatue in New York, Manhattan auf Liberty Island.
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Helden des Alltags

In den USA scheint alles zwei Nummern größer

Unser Autor lebt seit einem Jahr in den USA. Der Liebe wegen hat er seinen Hauptwohnsitz aus Tübingen dorthin verlegt. Und fühlt sich dort oft allzu deutsch.

Ausgabe: August 2019 Autor: Tobias Oellig

Der Wagen, der neben mir an der Ampel hält, stellt mein Auto vollständig in den Schatten. Beim Blick aus dem Seitenfenster erkenne ich nicht viel mehr als einen riesigen Reifen, eine auf Hochglanz polierte Felge und ein Stück des schwarzen Kotflügels. In meine Ohren dringt das tiefe Grummeln eines Motors, der ungeduldig darauf wartet, möglichst bald wieder auf Drehzahl gebracht zu werden. Am Steuer des Ungetüms: ein Mann um die 30, der mit dem Gaspedal spielt. Als die Ampel auf Grün springt, heult sein Pick-up auf und donnert davon. Auch ich gebe Gas. Versuche, möglichst sachte und dennoch zügig anzufahren – um wenig Krach zu machen, die Umwelt zu schonen, Geld zu sparen. Ein bedachtes, vielleicht leicht neurotisches Gasgeben – man könnte sagen: ein sehr deutsches.

Ein Jahr lang schon lebe ich in den USA, dem Land, in dem meine Frau gross geworden ist. Seit zwölf Monaten arbeite ich hier als Journalist, zwölf Monate, in denen ich mich an manches gewöhnen konnte, mich aber noch immer täglich wundere, über wie vieles ich mich wundern muss. Denn eigentlich dachte ich, ich kenne das Land. War es doch in so vielen Bereichen meines deutschen Lebens immer schon präsent. Als „grosser Bruder“, der nicht nur die Geschichte Deutschlands entscheidend prägte, sondern auch am besten wusste, was cool ist. Von Hollywood bis Hip-Hop gaben die USA den Ton an, wirkten weit in meinen Alltag hinein, auch beim Sport, dem Skateboarding. Amerika, also: allgegenwärtig in meinem deutschen Leben und dadurch sehr vertraut. So schien es.

Alles wirkt übergross

Doch seit ich hier bin, fremdle ich. Nicht nur Autos und Strassen, Kühlschränke und Portionen wirken übergross. Vor allem das unerschütterliche Selbstvertrauen der Menschen beeindruckt mich. Great lässt sich sicher nicht ohne Grund sowohl mit „grossartig“ als auch „riesig“ übersetzen. Als Deutscher finde ich es – meistens – erfrischend, dass US-Amerikaner so selbstbewusst sind und völlig unbekümmert ihre greatness feiern. Vielleicht ist das hier auch einfach nötig. Schliesslich reicht das Land von Osten nach Westen fast so weit, wie der Atlantik breit ist, der zwischen mir und meiner Heimat liegt. Vielleicht sind den Amerikanern deshalb die Dimensionen des Alltags so verrutscht. Um sich nicht verloren zu fühlen in dieser endlosen Weite, haben sie einfach alles ein, zwei Nummern grösser gemacht. Als würden sie ihrem eigenen Land zurufen: „Hey, glaub’ ja nicht, wir lassen uns von dir einschüchtern!“

Manchmal finde ich die amerikanische Unbekümmertheit aber auch gar nicht great. Nämlich dann, wenn sich niemand kümmert. Im Grossen, wirklich Tragischen: Die soziale Ungerechtigkeit ist hier viel offenbarer als in Deutschland. Die Strassen sind voll von Auf-der-Strecke-Gebliebenen. Obdachlose, die ihr gesamtes Hab und Gut in Einkaufs­wagen mit sich führen, zahlreiche Menschen, die um Geld betteln. Aber auch im Kleinen, eher Anekdotischen: In einer Universitätsstadt zwei Stunden nördlich von New York City, wohnen wir in einem alten Holzhäuschen mit viel Charme. Es kümmert sich aber seit Ewigkeiten niemand so richtig darum. Eine ständige Konfrontation mit meiner deutschen Neigung, Fehler zu entdecken: Warum zieht es an jedem Fensterrahmen? Warum schliesst diese Schublade nicht richtig? Warum quietscht jene Tür? Warum wackelt der Wasserhahn – und warum stört das niemanden ausser mir?!

Die Sache mit dem Umweltbewusstsein

Lösungen sind hier nicht immer nachhaltig. Aber stets pragmatisch. Als die kalte Jahreszeit anbrach, überspannte unsere Mitbewohnerin ausnahmslos alle Fenster des Hauses von innen mit Klarsichtfolie. Um zu isolieren und dadurch Heizöl zu sparen. Durchgucken ging gut – sehr straff gespannt! – lüften allerdings nicht mehr. Auch Freunde in Brooklyn, bei denen ich im Winter zu Besuch war, präsentierten mir ein wenig stolz ihre mit Folie isolierten Fenster. Im Grunde pendle ich in den USA ständig zwischen zwei Polen: Häufig rührt mich die Leichtigkeit dieser angewandten Unbekümmertheit geradezu, dieses „mach’s einfach“. Das ist auch sehr inspirierend, weil man hier eher ins Umsetzen als ins Grübeln kommt. Dann wiederum sehe ich meine Grundwerte verletzt: Wenn ich beobachte, wie Menschen in der Mittagspause bei laufendem Motor in ihrem Auto ein Nickerchen halten. Der Deutsche in mir will sofort ermahnend an die Autoscheibe klopfen.

Oder all der Müll, der täglich anfällt, weil viele Restaurants nur auf Wegwerfgeschirr servieren. Jedes Mal ein Schlag aufs umweltbewusste Gemüt. Neben diesen grundsätzlichen Fragen kämpfe ich oft mit den Tücken des Alltags. Preise werden in der Regel ohne Steuern (hier im Bundesstaat Connecticut rund 6,5 Prozent) angegeben, sodass ich an der Kasse immer überrascht über den Endpreis bin. Im Restaurant gibt man mindestens 15 Prozent Trinkgeld, meist sogar 20 oder mehr, wenn der Service toll war. Zusammen mit den Steuern sind das dann um die 30 Prozent Aufschlag gegenüber dem Preis auf der Speisekarte – ich muss jedes Mal schlucken. Beim Thema Essen werden die USA ja oft belächelt. Ich finde die Vielfalt vergleichbar mit der in Deutschland. Und die Burger sind besser! Warum allerdings Restaurants neben ihren Hauptgerichten fast immer auch Sandwiches servieren, will mir nicht in den Kopf: Belegte Brote kann ich mir schliesslich auch zu Hause machen.

Ach ja, und eins noch: Auch wenn die Amerikaner es oft nicht so genau nehmen, der Wetterbericht ist präziser! Es regnet fast immer pünktlich! Oft auf die Minute genau. Fast schon unheimlich. Als regne es nur deshalb, weil die Amerikaner es vorhersagen.

 


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