Kaltblütig reagiert, Situation entschärft
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Helden des Alltags

Kaltblütig reagiert, Situation entschärft

Ein Mann droht mit einer Schusswaffe. Stephan Brandt handelt sofort.

 

Ausgabe: Februar 2018 Autor: Torben Dietrich

Bis 17.30 Uhr war es ein ruhiger Tag für Stephan Brandt. „Wir hatten nur ein paar Einsätze, keine lebensbedrohlichen Notfälle“, erzählt der ehrenamtliche Rettungsassistent aus Hannover. An mehreren Wochenenden im Jahr leistet der 46-Jährige freiwilligen Dienst bei den Johannitern. So auch an diesem Sonntag im Juli. Kurz vor Feierabend ertönt dann doch der Pieper, das Alarmsignal. Mit Blaulicht und Sirene machen sich Brandt und sein Kollege auf den Weg zur angegebenen Adresse. Die beiden Rettungsassistenten greifen Sauerstoffflasche, Notfallrucksack und EKG. Schwer bepackt eilen sie die Treppen des zweigeschossigen Hauses hoch ins obere Stockwerk. Brandt klingelt. Eine jüngere Frau öffnet die Tür. Sie stellt sich als Freundin der Familie vor und führt die beiden Männer durch einen sehr langen, dunklen Flur. Das Zimmer am Ende dieses Ganges hat die Form eines L. Etwa in der Mitte steht ein massiver Holzpfeiler, der in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen wird.

Am Boden liegt eine grauhaarige Frau.

Sie ist bei Bewusstsein. Ausserdem ist ihr Ehemann im Raum, sehr gross und sehr kräftig. Auf seinem fast kahlen Kopf trägt er eine Armeekappe, auf der die Flagge der amerikanischen Südstaaten prangt. Jenen Staaten, die im Bürgerkrieg die Sklaverei verteidigten. Brandts Kollege fragt die Frau am Boden nach ihren Beschwerden, dann untersucht er sie: Blutdruck, Blutzucker, das Übliche. „Wir bringen Sie jetzt in ein Krankenhaus“, sagt der Kollege. „Auf gar keinen Fall gehe ich wieder ins Krankenhaus“, lautet ihre Antwort. „Ich wurde doch gestern erst entlassen.“ Brandt steigt der Geruch von Urin in die Nase. „Wie lange liegt Ihre Frau schon auf dem Boden?“, fragt er den Ehemann. „Seit 24 Stunden“, antwortet dieser und fügt hinzu: „Sie muss unbedingt ins Krankenhaus.“ Brandts Kollege klärt ihn darüber auf, dass sie keinen Patienten gegen dessen Willen mitnehmen dürfen. Der Mann läuft unruhig hin und her und drängt immer wieder darauf, dass seine Frau ins Krankenhaus solle. Plötzlich droht er, an seine Frau gewandt: „Wenn du nicht mitgehst, hänge ich mich auf!“

Plötzlich hält der Ehemann eine Pistole in den Händen

Brandt sieht sich um. Zum Aufhängen hat der Mann hier keine Möglichkeit. Dann aber zieht der die Schublade einer Kommode auf. „Was sucht er da“, schiesst es Brandt durch den Kopf, „ein Seil?“ In diesem Moment dreht sich der Mann um. In der Hand hält er eine automatische Pistole, den Finger am Abzug, den Hahn gespannt. „Waffe!“, ruft Brandt warnend, denn sein Kollege hat sich gerade wieder der Patientin zugewandt, zudem verdeckt der grosse Holzpfeiler ihm die Sicht auf den Bewaffneten. Der schreit: „Ich bring euch alle um!“ Brandts Kollege und die jüngere Frau stürzen aus dem Raum, der Pfeiler gibt ihnen Deckung. Brandts Gedanken rasen. Versucht auch er zu fliehen, feuert der Bewaffnete womöglich den langen Flur hinunter, trifft ihn oder die beiden anderen in den Rücken. Zudem bliebe die wehrlose Patientin zurück.

Mit zwei schnellen Schritten ist Stephan Brand bei dem Bewaffneten.

Ohne ihn anzusehen, schiebt Brandt seine Handkante vor den gespannten Hahn der Pistole. Jetzt kann der Mann zwar den Abzug ziehen, aber es kann sich kein Schuss lösen. So hat es Brandt damals bei der Bundeswehr gelernt. Mit einer geschickten Bewegung windet er dem Mann die Pistole aus der Hand, zieht das Magazin heraus und wirft es in die eine, die Waffe in die andere Richtung. Der Mann mit der Armeekappe auf dem Kopf wirkt erst verblüfft, dann betroffen. Er bricht auf einem Stuhl zusammen, schlägt die Hände vors Gesicht. „Was soll ich denn machen?“, wimmert er. „Ich will meiner Frau doch nur helfen!“

Brandts Kollege hat inzwischen die Polizei alarmiert.

Als die Beamten wenig später mit gezückten Waffen in den Raum stürmen, steht Brandt neben dem unglücklichen Täter, spricht beruhigend auf ihn ein – die Gefahr ist vorüber. Die Polizisten ordnen an, dass die Patientin ins Krankenhaus eingeliefert wird. Brandt und sein Kollege machen sich mit ihr auf den Weg. Wie die Beamten mit dem Ehemann verfahren, bekommen die Sanitäter deshalb nicht mehr mit. Erst am späten Abend, als Brandt wieder zu Hause bei seinem Mann ist, kommt er ins Grübeln. Vor rund sechs Jahren trat er den Johannitern bei, weil er bereits an seiner Arbeitsstelle in der Logistikabteilung eines grossen Autokonzerns als Werkssanitäter ausgebildet worden war. „Und wenn ich etwas anfange, dann engagiere ich mich auch richtig“, erklärt er. „Aber so etwas wie an jenem Sonntag habe ich noch nie erlebt.“

Sein Einsatz bleibt nicht unbeachtet. Im April 2017 überreicht ihm Hannovers Oberbürgermeister die Rettungsmedaille des Landes Niedersachsen für seine mutige Tat. „Aber eigentlich war es eine instinktive Reaktion“, sagt Brandt.

 


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