Martin Straub in der Garage der Freiwilligen Feuerwehr.
© Andreas Reeg
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Alltags-Helden

Knappe Rettung vor den Flammen

Ein Haus steht in Flammen. Martin Straub rettet die Bewohnerin.

Ausgabe: Mai 2019 Autor: Sebastian Drescher

Es ist 2.29 Uhr, als der Alarm seines Piepers Martin Straub aus dem Schlaf reisst. Seit mehr als 20 Jahren ist er bei der Freiwilligen Feuerwehr in Bessenbach aktiv, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Aschaffenburg. Sekunden später erscheint auf dem Handy des 37-Jährigen eine Nachricht: „Brand Wohnhaus, Person in Gefahr.“ Straub streift sich nur eine kurze Hose und ein T-Shirt über, bevor er zu seinem Auto eilt. Die Luft in jener Aprilnacht ist kalt, aber auf der Feuerwache wartet ja seine Brandschutzkleidung auf ihn.
Doch so weit kommt der zweifache Familienvater gar nicht. Nach etwa 300 Metern müsste er in die Hauptstrasse abbiegen. An dieser Kreuzung steht ein Häuschen, und genau dort brennt es! Straub sieht Flammen, die im Erdgeschoss gegen das Küchenfenster schlagen. Direkt darüber kann er eine Frau am Fenster der Dachgaube erkennen. Links davon lehnt eine Leiter an der Dachkante. Ein Mann ist ganz nach oben geklettert und versucht, der Frau zu helfen.

Eine Seniorin steht am Fenster und ruft um Hilfe

Straub hält an, springt aus dem Wagen. Er kennt den Mann auf der Leiter: Er stammt aus Jamaika, lebt seit einiger Zeit im Dorf, spricht aber nur wenig Deutsch. Straub kennt auch die Frau am Fenster. Sie ist 84 Jahre alt und verwitwet. „Komm runter, ich übernehme das“, ruft er dem Helfer auf Englisch zu. Dann hastet er selbst die Sprossen hinauf. Die Leiter ist alt, wackelig und aus Holz. „Hilfe, Hilfe“, ruft die Seniorin. Straub hört die Angst in ihrer Stimme. „Die Feuerwehr kommt gleich, alles wird gut“, erklärt er ihr beruhigend. In der Tat naht bereits Hilfe – von einem weiteren Nachbarn.
Auch dieser hat die Hilferufe gehört. Mit einer Aluleiter unterm Arm sprintet er über die Strasse, legt sie an der Dachkante rechts neben dem Fenster der Gaube an, steigt auf ihr bis ganz nach oben. Jetzt haben die Männer jeweils die Dachschräge vor sich, das Fenster befindet sich zwischen ihnen. Die beiden nicken sich zu, sie kennen sich, auch der Nachbar war früher bei der Feuerwehr.
Die alte Dame, die es zu retten gilt, ist klein, die Bank des Gauben-Fensters befindet sich auf Höhe ihrer Brust. Sie da rauszubekommen, wird nicht einfach, denkt Straub. Er lehnt sich hinüber, streckt den Kopf durchs Fenster. Im Zimmer brennt kein Licht. Es ist warm, aber nicht heiss. Der Brand in der Küche hat sich noch nicht durch den Boden gefressen. Straub weiss aus Erfahrung, dass das normalerweise einige Zeit dauert. Er zieht den Kopf zurück.

Die beiden zerren die alte Frau vom Feuer weg aus dem Fenster

„Wir warten, bis die Feuerwehr kommt“, sagt er. Was er nicht weiss: In dem alten Häuschen sind sogenannte Fehlböden verbaut. Zwischen tragenden Balken befindet sich zur Dämmung leicht brennbares Stroh. Der Boden unter den Füssen der Seniorin beginnt zu schwelen, es wird drückend heiss. „Ich verbrenne“, jammert sie. Dicker, schwarzer Rauch quillt aus dem Fenster. „Sie muss raus“, schreit Straub nun. Fieberhaft reissen die beiden Männer Ziegel vom Dach vor ihnen. Mit jeweils einer Hand greifen sie auf der Suche nach Halt ins Gebälk, mit der anderen zerren sie die Rentnerin durchs Fenster der Gaube. Geschafft! Vorsichtig legen die Männer die Gerettete auf die Dachschräge unterhalb der Gaube. In diesem Moment knallt es unter ihnen. Das Küchenfenster ist zerborsten. Eine Stichflamme schiesst heraus, nur Zentimeter unter ihren Füssen. „Ich bringe sie runter“, sagt der Nachbar keuchend.
Er zieht die Seniorin zu sich auf die Leiter. Dann beginnt er mit dem Abstieg, die Frau vor sich auf den 13 Sprossen. Straub greift hinüber. Fest packt er eine Hand der Frau. Der Nachbar schafft es bis zur Mitte der Leiter. Auf Höhe des Küchenfensters erfassen ihn die Flammen. Er schreit auf, gerät ins Taumeln und fällt. Jetzt bewahrt nur noch Straub die Rentnerin vor dem Absturz. Doch diesem ist klar: Mit einer Hand kann er sie nicht halten! Unten am Boden steht der Mann aus Jamaika, blickt zu ihm empor. Die Männer schauen sich kurz an, einen Moment zögert Straub. Dann lockert er seinen Griff, die Frau fällt – direkt in die Arme des Helfers. Erst jetzt bemerkt Straub, dass seine Leiter Feuer gefangen hat. Er klettert nach oben, rettet sich auf die Dachkante.
Dort sitzt er und schätzt die Höhe: drei Meter, machbar. Straub springt. Gekonnt rollt er sich am Boden ab. Mit ein paar Schritten ist er bei dem Mann aus Jamaika, hilft ihm, die alte Frau aus der Gefahrenzone zu bringen. In diesem Moment trifft der Löschzug ein, kurz darauf zwei Rettungswagen und ein Notarzt. Straub kommt es vor, als sei er seit Stunden im Einsatz. Aber seit ihn der Notruf aus dem Bett geholt hat, sind nur fünf oder sechs Minuten vergangen.

„Ich muss heute noch oft an den Einsatz denken“, erzählt Straub. Bis auf ein paar Kratzer am Bein ist er unverletzt geblieben. Der zweite mutige Retter hatte weniger Glück, er hat schwere Verbrennungen am Arm davongetragen. Die alte Dame starb einige Wochen später. Rauch und giftige Gase, die sie beim Brand eingeatmet hat, mögen dazu beigetragen haben. In jener Aprilnacht aber haben Martin Straub und der Nachbar der alten Dame alles riskiert, um das Leben der Frau zu retten. Für ihren Einsatz verlieh das Land Bayern beiden die Rettungsmedaille.

 

 


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