Symbolfoto: Ein Mädchen schmust mit einem Pferd.
Symbolfoto: © istockfoto.com / Groomee
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Pferde als Therpeuten

Sie wurden vor Misshandlung und Vernachlässigung gerettet. Jetzt helfen diese Pferde Jugendlichen, die eine Therapie brauchen.

Ausgabe: August 2020 Autor: Janie Allen

Sechs Teenager schlendern in die Reithalle, in der zwei grosse Zugpferde stehen. Deanna Mancuso, eine schlanke 37-Jährige in Tanktop und Jeans, folgt ihnen. „Lasst uns anfangen“, sagt sie. Es ist ein heisser Tag im August und die siebte Woche eines achtwöchigen Pilotprogramms, das gefährdete Jugendliche – Ausreisser, Schulschwänzer und Heranwachsende mit Aggressionen oder Drogenproblemen – unterstützt. Heute sollen sie Selbstkontrolle erlernen, indem sie ihre Wut und Ängste loslassen. Mancuso bittet die Jugendlichen, einen Kreis um Ruby zu bilden und eine Hand auf die Flanken des Pferds zu legen. Rubys Mähne und breiter Rücken überragen die kleineren von ihnen. Damit Ruby ruhig bleibt, sollen die Teenager ihren Atem einsetzen, sagt die 37-Jährige. Sie erklärt, dass Pferde spüren können, ob jemand ängstlich oder abgelenkt ist. „Tief einatmen, ausatmen, lasst alles los“, so ihre Anweisung. „Nehmt jetzt eure Hände weg und tretet einen Schritt zurück.“

Die 14-jährige Anna*, die bereits häufiger von zu Hause weggelaufen ist, wendet sich unkonzentriert ab, sodass Ruby unruhig wird und sie anschaut. „Anna, du hast Ruby deinen Rücken zugekehrt“, sagt die 37-Jährige. Sie beginnen erneut. „Ausatmen. Macht noch einen Schritt zurück.“ Dieses Mal blickt Ruby zu Trey hinüber, einem unnahbaren 16-Jährigen, der sagt, Lehrer respektierten ihn nicht. „Trey, du hast nicht losgelassen ... Sie blickt sich immer wieder zu dir um“, bemerkt Mancuso. „Loslassen, tief ausatmen. Tretet alle einen Schritt zurück, noch einen ...“ Schliesslich weist sie die Gruppe an: „Geht jetzt zurück zu dem Pferd. Kontrolliert eure Energie und euren Atem. Wenn ihr sie zu sehr bedrängt, wird sie sich bedroht fühlen.“ Konzentriert bewegen sich die Jugendlichen vorwärts und legen ihre Hände auf die Stute. Ruby steht still. „Super gemacht“, sagt Mancuso.
Sie fragt die Teenager: „Was ist da gerade passiert?“ Allan, ein magerer 14-Jähriger in einem Star-Wars-T-Shirt, dessen Wut über seinen abwesenden Vater sich regelmässig in Kämpfen mit seinen Geschwistern Bahn bricht, sagt: „Vertrauen aufbauen, tiefe Atemzüge nehmen, ruhig sein und all so was.“ „Wie wäre es, wenn du jedes Mal, wenn du fies zu deinem Bruder sein willst, ausatmest und einen Schritt zurücktrittst?“, fragt die Reitlehrerin.

Vom Zaun aus beobachtet Bewährungshelfer Tom Sisson das Ganze. Er hat eine Menge gelernt, seit er verfolgt, was dieses Programm bei Jugendlichen in einer schwierigen Phase bewirken kann. Offiziell sind diese Jugendlichen bei seinem Büro als Personen gemeldet, „die Beobachtung und Begleitung benötigen“. „Man kann die Energie aus schlechten Erfahrungen zum eigenen Vorteil nutzen, oder man kann diese Dinge loslassen. Macht man keins von beidem, wird man bei Pferden keinen Erfolg haben.“ Das könne man auch auf die Interaktion mit Menschen übertragen, meint Sisson.

Deanna Mancuso besitzt ein Zertifikat für pferdegestützte Therapie in Zusammenarbeit mit einem Psychotherapeuten. Sie hat dieses Programm für die örtliche Bewährungshilfeeinrichtung und Justizvollzugsanstalt entwickelt. Damit will sie gefährdeten Heranwachsenden zeigen, dass sie sich nicht von ihrer Vergangenheit beherrschen lassen müssen. „Sie können Kommunikation, Teamwork sowie Selbstachtung lernen und zu vollwertigen Mitgliedern der Gemeinschaft werden, anstatt nur als ‚diese Kinder‘ zu gelten“, erklärt sie. „Jede und jeder von ihnen wird seine oder ihre Stärken entdecken.“ Pferde helfen dabei, indem sie authentisch sind, intuitiv, und aufmerksam. „Sie erspüren die Gemütslage der Jugendlichen und ich erspüre die der Pferde“, erläutert die 37-Jährige. „Unsere Klienten benötigen keine jahrelange Therapie“, erklärt Mancuso. „Sie sind nur acht bis zwölf Wochen bei uns, weil die Arbeit so unglaublich wirkungsvoll ist.“ Doch bevor Deanna Mancuso Jugendliche retten konnte, musste sie erst einmal Pferde retten.

 

Ein Gnadenhof mit tierischen Therapeuten

Zwei Autostunden nördlich von New York liegt der Bezirk Dutchess County, wo Pferde für Pferderennen, Dressurreiten sowie Rodeos gezüchtet und trainiert werden. Tiere, die nicht die Erwartungen erfüllen, verletzt oder zu alt sind, werden nicht selten Opfer von Misshandlungen und Vernachlässigung. Deanna Mancuso erkannte den Bedarf und wandelte im Jahr 2008 ihren Stall, in dem sie Reitunterricht anbot, in einen Gnadenhof um. Mittlerweile leben auf dem knapp 17 Hektar grossen Areal 53 Pferde. Manche davon wurden ihren Vorbesitzern von staatlichen Behörden weggenommen. Als Rubys junge Besitzerin verstarb und es den Eltern nicht gelang, ein neues Zuhause für Ruby und das andere Zugpferd Pom zu finden, nahm Mancuso die beiden Pferde zu sich. Ihre Liebe zu den Tieren hat sie von ihrem Grossvater. Als sie zwölf Jahre alt war, schenkte ihr der Grossvater einen vier Jahre alten Schecken, den sie Nitro nannte. Das Pferd war von seinen Vorbesitzern misshandelt worden, es biss und schlug aus, berichtet sie. Sie bat ihren Vater, es gegen ein Pferd einzutauschen, das sie reiten konnte. „Mein Vater sagte Nein, jedes Leben habe einen Wert. Man tausche nicht ein Leben gegen ein anderes ein“, erinnert Mancuso sich. Nitro blieb 25 Jahre lang bei ihr. „In gewisser Weise hat das alles hier mit ihm angefangen.“

Ein grosses Schild am Tor des Pferdehofs heisst Besucher willkommen. Am Hauptstall treffe ich die 21-jährige Tori Isaacson. Sie hat hier mit 13 als ehrenamtliche Helferin begonnen und ist heute Stallmanagerin, eine der drei Festangestellten. Sie zeigt mir die Koppeln. Fotos und Infotafeln an den Zaunstangen beschreiben die Pferde – wie Ollie, ein schwarzbraunes Pony mit „haufenweise Persönlichkeit und eigenem Willen.“ Er hat Epilepsie, weil sein Vorbesitzer Poolreinigungstabletten in die Tränke gegeben hatte, um sich das Sauberschrubben zu sparen. Pferde, die für den Reitunterricht geeignet sind oder das richtige Temperament für die pferdegestützte Therapie haben, bekommen Aufgaben. „Es scheint ihnen Spass zu machen“, sagt Tori Isaacson. Und es hilft die Kosten zu decken, die bei etwa 6200 Euro pro Pferd und Jahr liegen, insgesamt rund 330.000 Euro jährlich. Weitere Hilfe kommt aus Spendengeldern und Subventionen.

Auf den bewaldeten Hügeln beginnen sich die Blätter allmählich zu verfärben. In einem Monat werden die Farben wunderschön sein, ein Ort mit frischer Luft zum Atmen, wo man Pferde streicheln, Spaziergänge machen und vielleicht etwas von dem Frieden finden kann, den Mancusos Grossvater geliebt hat.

 

*die Namen aller Jugendlichen wurden von der Redaktion geändert.

 


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