Tatort Fußgängerzone: Taxifahrer (63) bewahren Mann vor Schlägern
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Helden des Alltags

Tatort Fußgängerzone: Taxifahrer (63) bewahren Mann vor Schlägern
Eine Stadt im Ruhrgebiet am späten Abend. Zwei Räuber überfallen und verprügeln einen Mann. Ein Taxifahrer greift ein.
Ausgabe: April 2016 Autor: Annette Lübbers

Es geschieht in einer Stadt am Rande des Ruhrgebiets: Zwei Räuber prügeln auf einen Mann ein. Sie lassen erst von ihrem Opfer ab, als ein Taxifahrer einschreitet. Den Namen des mutigen Helfers wollen wir – ausnahmsweise – nicht nennen, und sein Gesicht soll verborgen bleiben. Er hat Angst, dass die Täter oder ihre Freunde ihn mit dieser Nacht in Verbindung bringen. "Als Taxifahrer ist man sehr verletzlich. Jemand steigt hinter dir ein – und zieht ein Messer. In einer solchen Situation hast du keine Chance", sagt er.

Zwei Männer schlagen auf einen Mann ein - der geht zu Boden

An jenem Abend im Oktober vergangenen Jahres ist der Taxifahrer seit mehr als vier Stunden im Dienst. Jetzt geht es auf 22 Uhr zu. Vier Kunden hat er bis dahin gehabt. Eine langweilige Schicht. Der 63-Jährige lehnt an seinem Wagen und plaudert mit einem Kollegen.

Plötzlich ertönt ein Schrei. Der Taxifahrer und sein Kollege blicken auf. Gegenüber in der Fußgängerzone liegt ein Mann auf dem Boden. Zwei junge Männer stehen über ihm. Im ersten Moment glaubt der Taxifahrer an Jugendliche, die Unsinn machen. Dann sieht er genauer hin: "Der Mann auf dem Boden war definitiv zu alt für solchen Blödsinn", sagt er.

Die Männer schlagen weiter auf ihr Opfer ein

Unvermittelt beugt sich einer der jüngeren Männer hinunter und drischt dem zusammengekrümmt am Boden Liegenden die Faust auf den Schädel. Dann tritt er ihm gegen den Kopf. Der andere rammt dem Wehrlosen den Fuß ins Kreuz.

Der Taxifahrer ist fassungslos. "Ich hörte es knallen. Laut, richtig laut," erzählt er. "Solche Szenen kannte ich bis dahin nur aus dem Fernsehen." Die beiden Kollegen beginnen gleichzeitig zu schreien: "Aufhören. Sofort aufhören!"

Auch ein paar Passanten rufen empört, aber die Angreifer schauen nicht einmal hoch. Stattdessen beugt sich einer von ihnen hinab und reißt dem am Boden liegenden Mann etwas aus der Hand. Dann rennen die beiden los.

Eine Kollegin der Taxifahrer eilt zu dem Verletzten hinüber, das Handy bereits am Ohr. Der Taxifahrer blickt seinen Kumpel an: "Sollen wir sie aufhalten?", fragt er. "Ja. Ab ins Auto", antwortet der. Beide springen in ihre Fahrzeuge und sterten die Motoren. Die jungen Räuber sind ihnen in diesem Moment etwa 300 Meter voraus.

Die Schläger verschwinden in einem Supermarkt

Aber bereits nach wenigen hundert Metern werden die Fliehenden langsamer. Eigentlich müssten sie die Motorengeräusche der Taxis hören, doch sie drehen sich nicht einmal um. Gemächlichen Schrittes gehen sie stattdessen auf einen Supermarkt zu und verschwinden durch den Eingang. Die Taxis halten in ein paar Meter Entfernung, die Fahrer steigen aus. "Hat der Supermarkt einen zweiten Eingang?", fragt der 63-Jährige seinen Kollegen. "Nein. Die müssen hier wieder raus."

Der 63-Jährige ruft 110 und meldet der Polizei den Überfall. "Die Burschen sind im Supermarkt verschwunden. Wir halten die Stellung und rufen an, wenn sich etwas verändert", erklärt er dem Wachhabenden am Telefon und legt auf.

Der Taxifahrer ruft die Polizei

Schon nach zwei, drei Minuten kommen die Räuber wieder aus dem Supermarkt – der schließt nämlich um 22 Uhr. Entspannt schlendern die beiden die Straße weiter hinunter. "Als kämen sie von einem lustigen Abend mit Freunden", erzählt der Taxifahrer. Er und sein Kollege steigen wieder in ihre Wagen, aber sie warten noch, damit die Täter nicht auf sie aufmerksam werden.

Da kommen zwei Polizeifahrzeuge die Straße herauf. Sie überholen die wartenden Taxis. Viel zu schnell, als dass die Fahrer ihnen noch etwas zurufen könnten. Die beiden Räuber sind eben auf einen nahen Kirchplatz abgebogen. Die Polizeiwagen fahren geradeaus – an ihnen vorbei. "Los, komm", sagt der Taxifahrer kurzentschlossen zu seinem Kollegen. "Wenn die beiden ihre Richtung beibehalten, dann kommen sie hinter der Kirche raus. Da stellen wir uns hin."

Also umrunden die beiden Taxis den Kirchplatz und beziehen dort Posten. Wenige Minuten später hält ein Mannschaftswagen der Polizei hinter ihnen. Der Taxifahrer ruft den beiden Beamten zu: "Eure Kollegen sind zu weit gefahren. Die beiden sind noch hinter der Kirche." Der Polizist beugt sich vor und späht durch die Windschutzscheibe. "Ich sehe niemanden." Wenige Sekunden später tauchen die jungen Männer im Licht einer Straßenlaterne auf.

"Das sind sie!", ruft der Taxifahrer.

Einer der Polizisten verständigt per Funk seine Kollegen, dann steigen die Beamten aus. "Stehen bleiben, sofort stehen bleiben!", brüllen sie. Die verdutzten jungen Männer versuchen nicht einmal davonzulaufen. Die Polizisten durchsuchen sie nach Waffen, dann klicken Handschellen.

Mittlerweile sind die beiden Taxifahrer von acht Beamten umringt. Sie schildern den Tathergang. Dann dürfen sie erst einmal zurück zum Taxistand. Ein Notarzt kümmert sich bereits um den Verletzten. Der hat Blut an Kopf und Händen. An seinem Ohr klafft eine offene Wunde.

"So viel Gewalt - wegen eines Handys?"

"Das Opfer war etwa Mitte 40. Später habe ich erfahren, dass er schwer krank war", erzählt der 63-jährige Taxifahrer. "Aber das Allerschlimmste: Die beiden jungen Männer haben ihn so zugerichtet, weil sie sein Handy wollten. Auf dem Weg vom Tatort zur Kirche haben sie es dann achtlos fallenlassen. Es war nämlich ein sehr altes Handy." Der Taxifahrer schüttelt den Kopf. "So viel Gewalt – wegen eines Handys?"

 

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RD Abbinder
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