Eine Person hält die Silhouette eines Hauses aus Pappe in den Händen.
© iStockfoto.com / bodnarchuk
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Von der Straße ins eigene Zuhause

Die Zahl der Obdachlosen nimmt in ganz Europa zu. Neue Ansätze zur Lösung des Problems zeigen vielversprechende Ergebnisse.

Ausgabe: September 2019 Autor: Anita Bartholomew

Wie es so weit kommen kann, dass man seine Wohnung verliert, ist kaum vorstellbar. Wir denken vielleicht „jemandem wie mir könnte das nie passieren.“ Es kommt aber vor, und zwar immer öfter vor. Freek Spinnewijn, Leiter der Fédération Européenne des Associations Nationales Travaillant avec les Sans-Abri (FEANTSA), ein Dachverband europäischer Organisationen für Wohnungslosenhilfe, geht von rund vier Millionen Menschen aus, die in Europa jedes Jahr zumindest zeitweilig keine Wohnung haben – mit steigender Tendenz. In Deutschland sind laut einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe etwa 1,2 Millionen Menschen betroffen, Statistik Austria verzeichnet in Österreich 15.000 Betroffene. Die meisten stellen sich unter einem Wohnungslosen einen Mann mittleren Alters vor, der im Freien schläft oder auf der Strasse betteln geht. Tatsächlich gehören die meisten Langzeitobdachlosen dieser Gruppe an, so Spinnewijn. Doch oft sind es jüngere Betroffene im Alter zwischen 18 und 29 und Frauen, die mit ihren Kindern vor häuslicher Gewalt flüchten.

Mit solchen Menschen beschäftigt sich Professor Nicholas Pleace, Leiter des Zentrums für Wohnraumpolitik an der University of York in Grossbritannien. „Sie kennzeichnet vor allem, dass sie arm sind und Pech hatten“, sagt er. Menschen verlieren ihr Zuhause, weil ihnen das Leben so übel mitgespielt hat, dass sie sich nur schwer davon erholen. Behinderte Menschen sind besonders gefährdet und Frauen, die vor häuslicher Gewalt flüchten oder Menschen, die keine Arbeit finden oder zu wenig verdienen. In vielen europäischen Ländern ist seit 2007 die Zahl verfügbarer Sozialwohnungen gesunken, weil die Regierungen Förderprogramme gekürzt haben. Da die Mieten schneller steigen als Löhne und Gehälter, laufen immer mehr Menschen Gefahr, das Dach über dem Kopf zu verlieren. Es müssen deutlich mehr Sozialwohnungen bereitgestellt werden, um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden. Ausserdem müssen präventive Massnahmen gegen Wohnungsverlust Teil der Strategie jeder Regierung werden.

Zwar bieten 23 der 28 EU-Länder Wohnbeihilfen für Bedürftige, doch Berichten der FEANTSA zufolge hält das Wohngeld nicht mit den Ausgaben Schritt. Reichen die Zuschüsse nicht, um alle vertretbaren Kosten zu decken, geraten die Menschen mit ihren Mietzahlungen in Rückstand. Es kommt zur Zwangsräumung. Menschen, die unter psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen leiden lassen sich nicht ohne Weiteres wieder in die Gesellschaft integrieren. Sie müssen nachweisen, dass sie „wohnbereit“ sind, indem sie zuvor verschiedene Voraussetzungen erfüllen – zum Beispiel weder Drogen noch Alkohol konsumieren oder Arbeit finden. Die vorübergehende Unterbringung von Menschen in eigenen Wohnungen oder Hotelzimmern ist eine weitere Treppenstufe und sorgt kurzfristig für Stabilität. Doch wer einmal stolpert, steht wieder auf der Strasse.

Finnland: Wohnung als Grundrecht

Die 500.000 Notschlafplätze in Europa reichen nicht. Freek Spinnewijn: „Es gibt nur ganz wenige Unterkünfte für Paare, weshalb manche Menschen lieber auf der Strasse bleiben, weil sie dort zusammen sein können.“ Auch Tierhalter verzichten oft auf eine Schlafstelle, wenn sie ihre Tiere nicht mitbringen dürfen. Die meisten Unterkünfte lassen niemanden ein, der unter Einfluss von Alkohol oder Drogen steht. Vielen bleibt nichts als die Strasse. Doch in einer kalten Nacht braucht jeder einen warmen Ort. Immer wieder sterben Wohnungslose in Europa an Unterkühlung. Hoffnung macht, dass es eine Lösung für langfristige Wohnungslosigkeit gibt, die funktioniert: Housing First (Wohnung zuerst).

Der mittlerweile 49-jährige Finne Mika Hannula aus Helsinki geriet nach seiner Scheidung aus dem Gleichgewicht. Er wurde obdachlos. Fünf Jahre lang schlug er sich durch. Manchmal bekam er Aushilfsjobs, weil er schreinern konnte. Konnte er sich kein Zimmer leisten und nicht auf der Couch von Freunden schlafen, schlief er im Obdachlosenasyl. In Finnland gilt eine Wohnung als Grundrecht. Das Land hat sich offiziell dazu verpflichtet, Obdachlosigkeit komplett zu beseitigen. Dazu gibt es das Housing-First-Programm „Name an der Tür“, das von einer Stiftung verwaltet wird, der Y-Foundation. Housing First bedeutet, dass eine eigene Wohnung absoluten Vorrang hat, alles andere kommt später. Betroffene müssen dafür keine Voraussetzungen erfüllen – etwa, indem sie auf Drogen oder Alkohol verzichten. „Sie bekommen die Wohnung ohne Auflagen“, erklärt Juha Kaakinen, Leiter der Y-Foundation. Anders als in Notunterkünften ist der Aufenthalt in den Wohnungen von Housing First auf Dauer angelegt. Das Programm geht nicht davon aus, dass Menschen obdachlos sind, weil sie etwas falsch gemacht haben. „Dieser vorurteilslose kooperative Unterstützungsansatz ist weitaus effektiver“, sagt Professor Pleace. Bislang hat die Y-Foundation in mehreren Städten Wohnblocks gebaut oder renoviert. Neben diesem betreuten Wohnen besitzt die Y-Foundation mehr als 6000 Einzelobjekte für Menschen, die weniger Leistungen benötigen.

Dank des Programms ist die Wohnungslosigkeit in Finnland in sieben Jahren um 35 Prozent zurückgegangen. In Norwegen, wo ein ähnliches Programm läuft, ist die Obdachlosigkeit in nur vier Jahren um 36 Prozent gesunken. Wenn Stabilität und Würde erst wiederhergestellt sind, wächst der Appetit auf ein sinnvolles Leben. Das galt auch für Mika Hannula. 2017 betrat er seine Wohnung zum ersten Mal. „Morgens konnte ich mir mein Frühstück aus meinem eigenen Kühlschrank holen. Da kamen mir fast die Tränen“, erzählt er. Heute hat er wieder einen Arbeitsplatz als Schreiner.

In Finnland wird „Name an der Tür“ hauptsächlich durch eine Glücksspielsteuer finanziert. Es fliessen aber auch staatliche und private Mittel in das Projekt. „Indem wir einem ehemals Wohnungslosen ein Dach über dem Kopf geben, sparen wir dem Steuerzahler mindestens 15.000 Euro [pro Jahr]“, sagt Kaakinen. Und das nach Abzug der Kosten für den Kauf und die Instandhaltung der Wohnungen. Wer auf der Strasse lebt, nimmt das Sozialsystem stärker in Anspruch als Bürger, die eine Wohnung haben, und er beschäftigt auch häufiger das Rechtssystem. Das alles kostet die Gesellschaft Geld. Die meisten Regierungen Europas lassen politischen Willen vermissen, etwas gegen die Obdachlosigkeit zu tun. In 15 Ländern laufen Pilotprogramme, in zwei weiteren sind sie in der Planung. Erste Projekte sind auch in Berlin und Hamburg gestartet.

Housing-First-Programm in Frankreich

Frankreich stellt im Zuge seines Housing-First-Programms fest, dass ein integrierter Ansatz am besten funktioniert. „Wir stehen vor einem Paradigmenwandel“, erklärt Dr. Pascale Estecahandy, die das Programm landesweit koordiniert. Der Fall von Elise Martin zeigt, was Dr. Estecahandy damit meint. Als 22-Jährige brach sie ihr Kunststudium ab, lebte in ihrem Transporter und nahm Heroin. Doch im Laufe der Jahre verlor das Nomadenleben seinen Reiz – Wärme und Strom waren für sie nur selten verfügbar. 2014 suchte sie Hilfe bei einem Housing-First-Pilotprogramm in Grenoble. Acht Monate später hatte sie dauerhaft ein Dach über dem Kopf und ihre Sucht besiegt. Sie ist jetzt 36, arbeitet als Housing-First-Betreuerin und widmet sich wieder der Kunst.

Wie Finnland stellte auch Frankreich fest, dass Housing First eine lohnenswerte Investition ist. Im Schnitt zahlt Frankreich pro Jahr 30.000 Euro je Obdachlosem für verschiedene Leistungen. Für einen Housing-First-Bewohner sinken die Durchschnittskosten auf 14.000 Euro – nach Abzug der Wohnkosten. Vor allem aber finden Menschen, die zuvor als soziale Aussenseiter galten, wieder Freude am normalen Leben.

Andere Länder können von Finnland vor allem lernen, dass sie Wohnungen kaufen, bauen und sanieren müssen, um das Angebot zu erhöhen. „Von allein wird die Wohnungslosigkeit nicht verschwinden“, so Juha Kaakinen. Was genauso dringend benötigt wird wie geeignete Unterkünfte ist Einfühlungsvermögen. „Wir vergessen allzu leicht, dass der typische Obdachlose – wenn es so etwas überhaupt gibt – schliesslich ein Mensch ist“, sagt Professor Pleace. „Doch mit der richtigen Unterstützung haben auch Wohnungslose Hoffnungen, Ziele und Wünsche wie jeder andere. Sie wünschen sich ein Dach über dem Kopf, eine Arbeitsstelle, eine Beziehung.“ Und wie wir alle verdienen sie eine zweite Chance.

 

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Nach zwei Schlaganfällen schlägt Standup-Comedian Guy Landolt mit Humor zurück.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Um den Fremdkörper aus dem Körper des Zehnjährigen zu entfernen, ist das ganze Können der Ärzte gefragt.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Tiere hüten unter freiem Himmel: ein faszinierender, uralter Beruf – den es heute mehr denn je zu bewahren gilt.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Unser Autor lebt seit einem Jahr in den USA. Der Liebe wegen hat er seinen Hauptwohnsitz aus Tübingen dorthin verlegt. Und fühlt sich dort oft allzu deutsch.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Helden des Alltags

Tief in den Wäldern Zentralafrikas setzt eine Gruppe von Wildtierärzten alles daran, Menschenaffen vor dem Aussterben zu bewahren.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Annette Poitras plant, nur eine Stunde unterwegs zu sein, doch plötzlich liegt sie hilflos im Wald.

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich