Kajak-Fahrer retten Querschnittsgelähmte aus der Isar
© Bernhard Huber
Aus der
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Ausgabe

Helden des Alltags

Kajak-Fahrer retten Querschnitts-Gelähmte aus der Isar
München, Isar-Ufer: Eine Rollstuhl-Fahrerin stürzt ins Wasser. Die beiden Kajakfahrer Florian Czeschka und Ulrich Lankes retten sie.
Ausgabe: Mai 2016 Autor: Monika Goetsch

Der 5. Januar dieses Jahres ist ein schöner Tag in München: Die Sonne scheint, die Temperatur liegt bei sechs Grad. Eine wunderbare Gelegenheit zum Kajakfahren, finden Florian Czeschka und Ulrich Lankes. Im Winter trainieren die Freunde eigentlich nur Kenterrollen im Hallenbad. Aber an diesem Dienstag haben beide frei und beschließen, sich einmal so richtig an der frischen Luft zu verausgaben.

Gegen 13.30 Uhr paddeln sie vom Bootshaus der Münchner Kajakfahrer an der Isar los

Treffpunkt ist das Bootshaus des Clubs Münchner Kajakfahrer an einem Seitenkanal der Isar. Dort richten die Männer ihre Boote her, schlüpfen in Neoprenhose, Schwimmweste und Helm. Kurz vor 13.30 Uhr paddeln die beiden los. Auf dem Weg neben dem Isarwerkkanal sehen Czeschka und Lankes eine Frau im Rollstuhl. Sie grüßen, winken. Die Frau grüßt zurück. Für die 1,4 Kilometer bis zu ihrem Ziel – einem Laufwasserkraftwerk – brauchen die Männer eine halbe Stunde. Mit der Strömung sind sie auf dem Rückweg fast doppelt so schnell. Müde ist keiner der beiden. "Noch eine Runde?", fragt der 32-jährige Czeschka seinen Freund. "Noch eine Runde", antwortet Lankes. Der 31-Jährige ist Ingenieur, genau wie Czeschka.

Ein lebloser Mensch treibt unter der Fußgängerbrücke, nur der Fuß ist zu sehen

Wieder paddeln sie gegen die Strömung. Die beiden sind fast an der kleinen Fußgängerbrücke, die über den Kanal führt, als Czeschka stutzt. Er hat schon oft Treibgut gesehen, denn Flüsse reißen immer wieder Äste mit sich, Wurzeln, sogar ganze Bäume. Aber was da vor ihnen im Wasser treibt, sieht anders aus. Im selben Moment hören die Freunde ein Rufen. Auf der Brücke steht ein Mann. Aufgeregt deutet er nach unten. "Was treibt denn da?", ruft er. "Könnt ihr mal nachschauen?" Zwei, drei kräftige Paddelschläge, dann sind die beiden unter der Brücke. Czeschka greift nach dem dunklen Etwas, das knapp über die Wasseroberfläche ragt – und hält einen Fuß in der Hand. Seinen Zivildienst hat Czeschka beim Rettungsdienst geleistet. Im Kajakclub hat er, wie alle Mitglieder, immer wieder geübt, einen Ertrinkenden zu bergen. Jetzt ist der Ernstfall da. Czeschka ist hellwach, hoch konzentriert – und ganz ruhig.

Eine leblose Frau - eiskalt und scheinbar ohne Puls

"Es ist ein Mensch!", ruft sein Freund zur Brücke hinauf. Der Mann dort oben zückt sein Handy und alarmiert die Rettungsleitstelle. Czeschka tastet den im Wasser treibenden Körper ab. Er sucht den Puls am Hals. Nichts. Die Haut unter seinen Fingern fühlt sich eiskalt an, aber der Körper ist weder starr noch aufgequollen. Czeschka erkennt längere Haare, einen Ohrring. Eine Frau! Wieder ruft der Mann auf der Brücke: "Ist der Mensch tot?" Er hält sein Ohr ans Handy gepresst. "Weiß nicht", ruft Czeschka zurück. Aber er fürchtet, dass es so ist. Trotzdem ist ihm klar: Er muss die Frau bergen. So schnell wie möglich, falls sie doch noch am Leben ist. Zugleich vorsichtig, damit das Geröll im seichteren Wasser sie nicht verletzt.

Die beiden Kajak-Fahrer hieven die Frau an Land - ist das die Rollstuhl-Fahrerin?

Mit der linken Hand stemmt der Ingenieur das Paddel ins Wasser, mit der Rechten hält er den Hosenbund der Leblosen gepackt. Geschickt lenkt er Boot und Körper mit der Strömung Richtung Ufer. Das dauert nur ein paar Minuten – und kommt ihm wie eine Ewigkeit vor. Lankes paddelt voraus. Gemeinsam hieven die Freunde die Frau an Land. Der Mann von der Brücke eilt herbei. Zu dritt tragen sie die Verunglückte die Böschung hinauf. Ihre Augen sind geöffnet, das Gesicht ist blass bläulich. Sie atmet nicht. Eine Passantin sagt, sie habe kanalaufwärts einen Rollstuhl gesehen. Czeschka und Lankes begreifen: Vor ihnen liegt die behinderte Frau, die sie nicht mal eine Stunde zuvor vom Ufer aus gegrüßt hatte!

Fast sofort ist der Rettungswagen da. Zwei Sanitäter schließen die Frau zunächst an einen Defibrillator an, beginnen dann mit einer Herzdruckmassage. Ein Notarzt, der kurz darauf eintrifft, lässt die Verunglückte in den Wagen bringen. Der steht noch lange am Kanalufer. Plötzlich spüren Czeschka und Lankes, wie kalt ihnen ist. Ein Polizeibeamter nimmt ihre Personalien auf, lässt sich das Geschehen schildern. Dann setzen die beiden ihre Boote wieder ins Wasser und paddeln zurück zum Clubhaus. Als Lebensretter fühlen sie sich an diesem Tag nicht. Ihren Freundinnen erzählen sie nur, dass sie jemanden aus dem Wasser gezogen haben. Beide befürchten: Die Frau ist tot.

Tage später ein Anruf: Die Rollstuhl-Fahrerin hat überlebt und bedankt sich bei ihren Rettern

In den folgenden Tagen denkt Lankes immer wieder zurück an jenen Nachmittag. "Hätte ich etwas besser machen können?", fragt er sich. Umso größer ist die Freude, als die Polizei anderthalb Wochen später die beiden Ingenieure anruft: Die Frau hat überlebt. Czeschka und Lankes haben nicht nur alles richtig gemacht. Sie haben ein Menschenleben gerettet! Ein paar Tage danach ruft die Verunglückte Czeschka an, um sich selbst zu bedanken. Die 39-Jährige ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt. An ihren Sturz ins Wasser kann sie sich nicht erinnern. War es Zufall, dass Czeschka und Lankes zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren? Monatelang hatten sie nicht im Isarwerkkanal trainiert. "Ein sehr, sehr großer Zufall", sagt Florian Czeschka. "So groß, dass man schon daran zweifeln kann, ob es nur Zufall war."

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