Auf dem Surfbrett  in die Freiheit
© Illustration: H. Maurmann
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70 Jahre Reader's Digest Spannung

Auf dem Surfbrett in die Freiheit

Die Berliner Mauer schien unüberwindlich. Da planten zwei sportbegeisterte Ostdeutsche eine kühne, nie zuvor gewagte Flucht über die Ostsee.

Ausgabe: November 2018 Autor: Robert Förster

Karsten Klünder und Dirk Dekkert waren Freunde. Der Metallarbeiter und der Modellschreiner teilten die Leidenschaft fürs Windsurfen. Fast jedes Wochen­ende trafen sie sich am Werbellinsee nicht weit von Berlin. Im Sommer 1986 entdeckten sie bei einem Ur­laub an der Ostsee eine weitere Gemeinsamkeit: den Wunsch; etwas von der Welt zu sehen. Der dunkelhaarige Dirk, damals 22 Jahre alt, offenbarte seinen Traum als erster: ,,Ich möchte ganz einfach segeln und hinfahren, wo immer ich will.“ Der acht Jahre ältere Karsten, blond und bärtig, verstand sofort. Das einzige Land, das er bisher problemlos hatte besuchen können, war die benachbarte Tschechoslowakei. ,,Man lebt hier wie in einem Käfig“, sagte er.
Beide hatten schon an eine Aus­reise in den Westen gedacht. Aber die Genehmigung dazu bekommt man selten vor dem Rentenalter. Überdies hat die blosse Antragstellung eine scharfe Überwachung des Bewer­bers sowie seiner Angehörigen und Freunde durch den Staatssicherheitsdienst zur Folge, manchmal sogar eine Geld- oder Gefängnisstrafe. ,,Wir sollten lieber versuchen zu fliehen“, meinte Karsten, und Dirk gab ihm recht.

Wie kommen wir hier weg?

Zuerst dachten sie daran, durch die Spree nach West-Berlin zu schwimmen. Von Altlandsberg, wo Karsten lebte, war die Stadt nur 20 Kilometer entfernt, von Dirks Heimatort Lichterfelde rund 60 Kilometer. Doch sie fanden alle Zugänge zum Wasser durch Elektrozäune blockiert.
Daraufhin wanderten sie, mit Drahtscheren bewaffnet, in den Harz. Aber wieder standen sie vor unüberwindlichen Grenzsperranlagen aus Betonmauern, Zäunen und Beobachtungstürmen. Entmutigt warfen sie ihre Drahtscheren weg und kehrten nach Hause zurück.
,,Wir sollten bei dem bleiben, worauf wir uns am besten verstehen“, schlug Karsten schliesslich vor. ,,Warum benutzen wir nicht unsere Surfbretter für die Flucht?“ Das hatte ihres Wissens zwar noch niemand versucht, beide waren jedoch fest davon überzeugt, dass sie die nötige Kraft und Ausdauer für die Überquerung der Ostsee besassen. Mehrmals waren sie mit nur kurzen Pausen acht Stunden lang gesurft und hatten dabei fast 100 Kilometer in unruhiger See zurückgelegt. Doch an allen offenen Küsten der DDR war das Surfen verboten. Während ihres Ostseeurlaubs im Sommer mussten sie sich auf die sechs Buchten der Insel Rügen beschränken, die von Kontrollbooten bewacht wurden. Deshalb richteten sie ihr Augenmerk jetzt auf Hiddensee, eine lange, schmale Insel vor der Westküste Rügens. An einer nur etwa 500 Meter breiten Stelle war sie, wie beide während ihres Urlaubs beobachtet hatten, nicht ständig bewacht. ,,Dort könnten wir unsere Ausrüstung hinüberschaffen“, sagte Dirk, als sie zusammen über einer Karte des Gebiets sassen. In wenigen Minuten würden sie so den verbotenen Ostseestrand erreichen.

Wir fliehen auf dem Surfbrett!

Das späte Frühjahr erschien ihnen für ihr Vorhaben am besten geeignet, dann waren die Wassertemperaturen erträglich. Sie beschlossen, den Fluchtplan vor ihren Eltern und Geschwistern geheimzuhalten. Je weniger die Familien wussten, desto unbefangener konnten sie vor den Behörden auftreten. Doch Anfang Oktober 1986 erhielt Dirk seinen Einberufungsbefehl zur Volks­armee. Sie mussten bald handeln. Die hautengen Nassanzüge, die sie im Sommer gelegentlich benutzten, isolierten nicht ausreichend gegen das kalte Wasser. Sie brauchten zusätzlich Trockenanzüge, die an Hals, Hand- und Fussgelenken wasserdicht abschlossen. Die gab es aber in den Geschäften nicht. Noch vor Monatsende konnte Karsten jedoch zwei Anzüge auftreiben: einen von einem Freund, der zweite war in einer Kleinanzeige angeboten worden. Vor einiger Zeit schon hatten sie sich aus leichtem Hartschaum und Kunstharz Surfbretter angefertigt und Segel aus Tuch geschneidert. Aus Teilen alter Taucheranzüge bastelten sie jetzt mit Klebstoff und Schere noch Kopfhauben und Füsslinge. Vier Wochen nachdem sie ihre Trockenanzüge bekommen hatten, war alles bereit. Dirk überzeugte einen Arzt davon, dass ihm ein chronisches Knieleiden erneut Beschwerden verursachte, und meldete sich bei seiner Firma krank. Karsten hatte schon im vergangenen April seine Arbeitsstelle aufgegeben. Er verdiente sich sei­nen Lebensunterhalt, indem er Kunststoffteile für Autos herstellte und Surfbretter baute.

Es geht los

Am Sonntag, dem 23. November, sagten sie ihren Familien, dass sie in einen kurzen Urlaub fahren wollten. Sie schnallten die beiden Surfbretter und die Segel auf das Dach von Karstens Trabant-Kombi und machten sich auf den Weg nach Norden. Drei Stunden später fuhren sie über die Brücke nach Rügen. Es war ein kühler, bewölkter Tag, und sie sahen nur einige Bauern. Die Nacht verbrachten sie im Haus eines Freundes, dann fuhren sie zu einem Campingplatz am Strand von Ummanz auf der Südostseite des Schaproder Boddens, einer Bucht gegenüber von Hiddensee. Der Platz war unbewohnt, nur einige rostende Wohnwagen standen herum. Sie bauten ein Zelt auf und schlüpften in die Trockenanzüge, um sie auszuprobieren. Nachdem sie eine Weile in dem 7 Grad kalten Wasser geplanscht hatten, zogen sie sie wieder aus – ihre Körper waren völlig trocken geblieben.
Jetzt brauchten sie nur noch guten Wind. Sie hatten geplant, die hier vorherrschenden Westwinde zur Überfahrt nach Schweden zu nutzen, das 90 Kilometer weiter im Norden lag. Aber die Wind­ge­schwin­digkeit betrug an diesem Tag nur etwa drei Knoten – zuwenig für eine Überquerung der Ostsee.

Planänderung: Auf nach Dänemark

Um zwei Uhr morgens hörten sie, wie das Laub der Bäume auf dem Campingplatz zu rascheln begann; ein Südwestwind war aufgekommen, der sie an die viel nähere dänische Küste bringen konnte. ,,Dirk, etwas Besseres konnte uns gar nicht passieren!“, rief Karsten. Nach einem Frühstück mit Kaffee und Bohnen aus der Dose zogen sie ihre Nassanzüge an und halfen einander in die orangefarbenen Trocken­anzüge. Beim ersten Tageslicht liessen sie die Surfbretter zu Wasser, und nach 30 Minuten hatten sie den gegenüberliegenden Strand erreicht. Von dort schleiften sie ihr Gerät über die Insel Hiddensee ans offene Meer. Sie prüften ihre Armbandkompasse. Dänemark lag im Nordwesten. Im Sommer hatten sie auf beiden Seiten von Hiddensee Radarstationen gesehen. Doch sie waren überzeugt, dass ihre Surfbretter zu klein und sie zu weit von den Stationen entfernt waren, um vom Radar erfasst zu werden. Um sieben Uhr morgens wateten sie mit den Brettern ins Wasser. Sie kenterten mehrmals, bevor die Segel ihnen genug Halt gaben.

Dirk ist verschwunden!

Karsten legte etwa einen Kilometer zurück, bevor er sich nach Dirk umsah. Der war nicht da! Mit der Taschenlampe, die er am Gabelbaum befestigt hatte, gab er Blinkzeichen. Keine Antwort. Vielleicht hatte Dirk ihn unbemerkt überholt? Der Jüngere war bei leichtem Wind für schnellere Fahrt gerüstet. Er wog nur 65 Kilogramm, 15 weniger als Karsten, und sein ,,Slalom“-Brett war mit 2,75 Metern kürzer. Karsten legte sein Segel auf das Wasser, setzte sich auf das Brett und wartete. Eine Viertelstun­de später fuhr er weiter. Es gibt kein Zurück mehr, dachte er. Plötzlich blitzte rechts von ihm ein Licht auf. Ein Kontrollboot! Dennoch surfte er weiter. Das Licht strich in kurzen Intervallen über das Meer. Nur ein Leuchtturm, stellte er erleichtert fest. Noch ungefähr eine Stunde lang behielt er die Küste in Sicht. Als er etwa 30 weitere Minuten gesegelt war, glaubte er ausserhalb der Zwölfmeilenzone und des Hoheitsgebiets der DDR zu sein. Die Gefahr, einem Kontrollboot zu begegnen, war geringer ge­worden. Jetzt muss ich durchhalten, dachte er.
Drei Stunden vergingen. Dann sah er durch das Fenster in seinem Segel einen riesigen Frachter nur 500 Meter voraus seine Bahn kreuzen. Es war ein sowjetisches Schiff. Wenn der Frachter mich an Bord nimmt, liefert man mich an die DDR aus, sagte er sich. Erschrocken senkte er das Segel und legte sich flach auf das Brett. Das Schiff rauschte vorbei. Er machte nun fast 40 Stundenkilometer Fahrt. Sein Rücken schmerzte vom Surfen bei starkem Wind und in schwerer See. Der rechte Fuss war gefühllos geworden. Beim Auf und Ab durch die etwa zwei Meter hohen Wellen spritzte ihm salzige Gischt in Augen und Rachen. Einige Male wurde er vom Brett geschleudert und musste um sein Leben hinterherschwimmen.
Aber alle Strapazen waren vergessen, als er vor sich die grauen Klippen sah. „Ich hab’s geschafft!“, jubelte er und sprang vor Freude ins Wasser. Vier Stunden und 18 Minuten waren seit dem Start vom 70 Kilometer entfernten Hiddensee vergangen. Er landete bei Klintholm Havn auf der dänischen Insel Møn, wo ihn ein einsames Schild begrüsste: ,,Surfen verboten.“ Als der Hafenmeister von dem noch vermissten Dirk hörte, verständigte er sofort die Küstenwache. Ein Hubschrauber und mehrere Boote starteten zu einer Suchaktion, doch vergebens. Ist er ertrunken? Ist er umgekehrt? Wenn ja, wird man ihn fassen und einsperren? Karstens Freude über die gewonnene Freiheit verwandelte sich in tiefe Sorge.

 Riss im Anzug - Dirk muss zurück

Dirk war kurz nach Karsten gestartet. Einen Kilometer vor der Küste fühlte er beissende Kälte knapp ober­halb des linken Knöchels. Der Trockenanzug war bei einem der Stürze gerissen und liess Wasser durch. Die Gefahr zu erfrieren war zu gross, und so machte er lieber kehrt. Eine gute Stunde hielt er sich in dem Wäldchen hinter dem Strand versteckt und spähte nach Polizei­streifen und Kontrollbooten aus. Als alles ruhig blieb, segelte er über den Schaproder Bodden zurück.
Um zehn Uhr vormittags war er wieder auf dem Campingplatz. Wenn Karsten durchgekommen war, würden die westlichen Medien am näch­sten Tag über sein Husarenstück berichten, und die Volkspolizei würde die Bewachung der Küste verschärfen. „Ich muss es noch einmal versuchen!“, entschied Dirk. Sein Herz klopfte wild vor Aufregung, als er sich ins Auto setzte und zurück aufs Festland in das 30 Kilometer entfernte Stralsund fuhr.
Da er auf See seinen Kompass verloren hatte, kaufte er gleich zwei neue – für jedes Handgelenk einen. Ausserdem erstand er einen Fahrradschlauch. Wieder auf dem Campingplatz, schnitt er ein Stück davon ab und klebte es auf den Riss in seinem Trockenanzug. Dann kauerte er sich in das Zelt, jeden Moment darauf gefasst, dass die Polizei kommen und Fragen stellen würde. Doch er blieb ungestört. Nachdem er bis drei Uhr morgens wach gelegen hatte, machte er sich an die schwierige Aufgabe, ohne fremde Hilfe in den Trockenanzug zu steigen, der mit einem Reissverschluss am Rücken geschlossen wurde. Er hakte einen Draht in die Schieberöse, band das andere Ende an die Autotür und zurrte so den Verschluss zu. Eine Stunde später war er wieder auf der Seeseite von Hiddensee. Der Flicken hielt, aber nun war der Wind zu schwach. Enttäuscht kehrte er zum Campingplatz zurück und zog erschöpft und schwitzend die beiden Anzüge aus. Nach einer knappen halben Stunde kam ein vielversprechender Südwestwind auf. Dirk kleidete sich rasch an und machte sich auf den Weg. Morgens um halb sieben hielt er auf das offene Meer zu.

Beide haben es geschafft

Keine 24 Stunden nach seiner Landung auf Møn sass Karsten in einem Zug, der ihn von Hamburg nach Giessen zur Zentralen Aufnahmestelle des Landes Hessen brachte. Auf der Fahrt musste er ständig an Dirk denken. Zum Glück hatte er die Schlagzeile einer Tageszeitung nicht gesehen: ,,DDR-Flucht mit Surfbrettern: einer tot.“ Am nächsten Tag, dem 27. November, sass Karsten gerade im Speiseraum der Aufnahmestelle beim Essen. Plötzlich klopfte ihm jemand kräftig auf die Schulter. Es war Dirk, er war gesund und munter! Die beiden fielen sich in die Arme. Dann erklärte Dirk, ein Fischerboot von der Insel Møn habe ihn 30 Kilometer vor der dänischen Küste gefunden. Beide hielten nichts von überschwenglichen Wiedersehensszenen, und so sassen sie nur da, froh, wieder vereint zu sein. Und natürlich waren sie stolz darauf, dass sie die ostdeutschen Wächter überlistet hatten.

 


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