Xavier Miller geht es wieder gut.
© Steve Puppe
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Der Junge mit dem Spieß im Kopf

Um den Fremdkörper aus dem Körper des Zehnjährigen zu entfernen, ist das ganze Können der Ärzte gefragt.

Ausgabe: November 2019 Autor: Bonnie Munday

Es war ein warmer Samstagnachmittag im September 2018 in Harrisonville, im US-Bundesstaat Missouri. Der 10 Jahre alte Xavier Cunningham und seine beiden Freunde Silas und Gavon spielten mit einem 43 Zentimeter langen Grillspiess, den sie gefunden hatten, und rammten ihn wie einen Speer in den Boden. An dem gut einen halben Zentimeter dicken, vierkantigen Edelstahlspiess briet man Hähnchen oder anderes Fleisch auf dem Grill. Nach einer Weile fragten sie den Nachbarn, ob sie in seinem Baumhaus spielen dürften. Den Spiess mit den vier Zacken steckten sie neben dem Baum in die Erde und kletterten die drei Meter hohe Leiter hinauf. Oben schwirrten Wespen herum. „Wenn wir sie in Ruhe lassen, tun sie uns nichts“, erklärte Xavier. Die drei verkrochen sich in dem kleinen Baumhaus, hatten aber das grosse Wespennest an einer der Wände nicht bemerkt. Plötzlich griffen die Wespen an. Die Jungen gerieten in Panik.

„Ich hole meine Mama!“, sagte Xavier, starrte dabei aber ängstlich auf die Leiter, die vor lauter Wespen nicht mehr zu sehen war. „Das wird wehtun“, dachte er. So vorsichtig und dabei so schnell wie möglich stieg der Zehnjährige die Leiter hinunter. Auf halbem Weg erwischte ihn eine Wespe an einem Fingergelenk der linken Hand. Mit der rechten Hand schlug er nach der Wes­pe, verlor dabei das Gleichgewicht und fiel mit dem Gesicht nach unten von der Leiter. Bevor Xavier sich mit den Armen abfangen konnte, spürte er einen Stich unter seinem linken Auge. War das eine Wespe? Dann merkte er, dass er auf den Metallspiess gefallen war und dieser in seinem Kopf steckte. Schreiend rappelte er sich auf und rannte zum Haus.

Gabrielle Miller, 39, faltete Wäsche im oberen Stockwerk des Hauses, in dem sie mit ihrem Mann Shannon und ihren vier Kindern lebte. Gabrielle war schon fast unten, Chayah direkt hinter ihr, als Xavier schreiend die Haustür aufriss: „Mom, Mom!“ Gabrielle konnte nicht begreifen, was sie da sah. „Mach sie weg!“, brüllte Xavier und schlug nach den Wespen. Seine Mutter streifte die Wespen von ihm ab und wurde dabei selbst gestochen. Es sah aus, als habe ihr Sohn einen Pfeil mitten im Gesicht stecken. Eine dünne Blutspur rann über seine Wange. Xavier tastete mit seiner zerstochenen, geschwollenen Hand nach der Beule in seinem Nacken – das war die Spitze des Fleischspiesses, der sich unter der Haut abzeichnete. Gabrielle führte Xavier hinaus, während ein Nachbar den Rettungsdienst anrief, der sich um Silas und Gavon kümmern sollte.

Ab ins Krankenhaus!

Xavier stieg auf den Beifahrersitz, während Gabrielle zur Fahrerseite hastete. Während der Fahrt schlug Gabrielle nach den Wespen, die noch in Xaviers Kleidern hingen. Ihr Ziel war das nur wenige Minuten entfernte Cass Regional Medical Center. Das Personal in der Notaufnahme reagierte schnell. Als Mutter und Sohn hereinkamen, gaben sie Xavier Schmerzmittel gegen die Stiche und veranlassten eine Röntgenuntersuchung. Der Grillspiess schien die Wirbelsäule nicht verletzt zu haben, doch geschädigtes Gewebe ist auf einer Röntgenaufnahme nicht erkennbar. Sie würden ihn in das 40 Minuten entfernte Kinderkrankenhaus in Kansas City verlegen müssen. Dort gab es modernere bildgebende Technik.

Um Kopf und Spiess zu stabilisieren, wurden Xaviers Halswirbel mit einer Kunststoffhalskrawatte ruhiggestellt und der Kopf fast komplett mit Verbandmull umwickelt. Dr. Jeong Hyun, der Kinderchirurg, der an jenem Samstagnachmittag in der Notaufnahme des Krankenhauses Children's Mercy Dienst hatte, traute seinen Augen nicht, als Xavier gegen 16 Uhr hereingefahren wurde. So etwas hatte er noch nie gesehen. Im Behandlungsraum stellte er sich Xavier vor und sagte: „Dann schauen wir mal, wie wir dir helfen können.“ Durch das Loch im Verbandmull kam ein leises „Okay.“ Dr. Hyun forderte ihn auf, Zehen und Finger zu bewegen. Erleichtert stellte er fest, dass Xavier reagierte. Mit grosser Wahrscheinlichkeit waren weder die Wirbelsäure noch das Gehirn verletzt. Der Arzt verabreichte ihm eine Tetanusspritze, Schmerzmittel sowie ein Antibiotikum, denn vermutlich war Schmutz in die Wunde gelangt.

Als Nächstes musste der Kinderchirurg herausfinden, ob der Spiess ein lebenswichtiges Blutgefäss durchbohrt hatte. Deshalb ordnete er eine Computertomografie (CT) zur Darstellung der Hirngefässe an. Verwundert stellte der Arzt fest, dass es keine inneren Blutungen gab und der Spiess alle lebenswichtigen Arterien knapp verfehlt hatte. Es war eine Frage von Millimetern, wenn überhaupt. „Das ist sensationell“, war sein erster Gedanke. „Aber was nun?“ Nur eine sogenannte 3-D-Angiografie würde ein klares Bild vom Spiess ergeben und den Ärzten eine präzise 3-D-Darstellung der untersuchten Gefässe und Auskunft über deren Status liefern. Die nur fünf Kilometer entfernte Universitätsklinik von Kansas hatte eine solche Angiografieanlage. Vorab beschrieb Dr. Hyun seinen Kollegen am Telefon den Fall. Inzwischen war es 19.30 Uhr. Seit nunmehr sechs Stunden steckte der Grillspiess in Xaviers Kopf.

Die Stunden vergehen

Der Neurochirurg Dr. Koji Ebersole, 43, spielte Tennis als sein Handy klingelte. Er betrachtete das Foto, das sein Kollege ihm zugsendet hatte. „Wahnsinn“, dachte er. So etwas hatte er noch nie gesehen. Dem armen Jungen ragte ein Metallstab mehr als 20 Zentimeter aus dem Gesicht. Ihm war klar, dass sie ihn schnellstmöglich zur Angiografie bringen mussten – doch zunächst brauchte er einen Plan. Er fuhr nach Hause, um einige Telefonate zu führen. Zur gleichen Zeit erhielt sein 39-jähriger Kollege und HNO-Arzt Dr. Kiran Kakarala zu Hause einen Anruf von einer Kollegin. „Sie werden ihren Augen nicht trauen“, sagte sie. „Ich schicke Ihnen jetzt eine Röntgenaufnahme.“ Ihm stockte der Atem, als er das Bild sah mit der Seitenansicht von Xaviers durchbohrtem Kopf. Sein erster Gedanke war, dass die Chancen für den Jungen schlecht stünden. Wie konnte jemand mit einer solchen Verletzung noch am Leben sein?

Doch er lebte – was Dr. Kakarala hoffen liess, dass sie den Spiess entfernen könnten. In den nächsten Stunden konferierten die beiden Ärzte am Telefon mit verschiedenen Spezialisten. Wollten sie die Angiografie-Anlage nutzen, bräuchten sie ein Team von 15 bis 20 Kollegen. Es würde schwierig, so spät am Samstagabend ein Team zusammenzutrommeln. Und die Chancen, den Jungen zu retten, stünden besser, wenn sie alle ausgeschlafen wären. Doch konnte der Junge warten? Bis jetzt war er körperlich stabil. Aber was wäre, wenn er in Panik geriet und versuchte, den Spiess herauszuziehen? Dr. Ebersole bat die Ärzte auf der Kinder-Intensivstation mit Xavier und seiner Familie zu reden und abzuwägen, ob er bis zum nächsten Morgen durchhalten könnte. Er konnte.

Eine lange Nacht

Es war schon fast Mitternacht. Das Zimmer auf der Intensivstation lag im Halbdunkeln. Xavier hatte den Ärzten und seinen Eltern soeben versichert, dass er noch ein paar Stunden stillhalten konnte. Er hatte verstanden, dass er sein Leben aufs Spiel setzte, wenn er versuchen würde, den Spiess herauszuziehen. Xavier nickte immer nur kurz ein. Und sobald er wach wurde, fragte er: „Ist er schon raus?“ „Nein, noch nicht, mein Schatz“, musste Gabrielle ihm jedes Mal sagen. Xavier weinte dann. Bei Tagesanbruch nahmen Krankenpflegerinnen den Verbandmull ab. Gabrielle und Shannon Cunningham schauten ihrem Sohn nach, wie er in den Operationssaal geschoben wurde.
„Das grösste Problem ist die Einkerbung an der Spitze“, erklärte Dr. Ebersole dem Team, das sich um 8.30 Uhr im Angiografie-Raum versammelt hatte. Er zeigte auf die Röntgenaufnahme. Die Aussparung am Ende des Schafts war klar zu erkennen. Würden sie den Spiess denselben Weg herausziehen, wie er eingedrungen war, konnte die eingekerbte Spitze eine Arterie aufreissen. Gegen zehn Uhr brachte man Xavier in den Angiographie-Raum. Seine Familie und viele Freunde hatten sich im Wartezimmer versammelt.

Der Junge hat Glück

In der Angiographie warteten gut 20 Chirurgen, Spezialisten und Pflegepersonal. Dr. Ebersole übernahm die Leitung. Vorsichtig legten sie den Jungen auf den OP-Tisch. Anschliessend wurden rund ein Dutzend feine Nadeln mit kleinen Drähten in Xaviers Kopfhaut gestochen, um die Hirnströme zu überwachen. Röntgengeräte, die in einem grossen Bogen den Schädel des Zehnjährigen umkreisten, um dreidimensionale Aufnahmen zu machen wurden an seinen Kopf geschoben. Die Bilder erschienen in Echtzeit auf einem grossen Flachbildschirm, der direkt über Xavier von der Decke hing. Dr. Ebersole und Dr. Kakarala sahen nun den Weg, den der Spiess genommen hatte. Er war weniger als zwei Zentimeter von der Wirbelsäule entfernt eingedrungen. Genauso knapp hatte der Stahl das Kleinhirn verfehlt, das in der hinteren Schädelgrube liegt und Funktionen wie Gleichgewicht und Sprache steuert.
Der Eisenstab hatte sich durch die Gefäss-Nerven-Scheide gebohrt, in der Zungen- und Vagusnerv liegen, die Zungenfunktion, Schluckreflex und Kehlkopf kontrollieren. Doch auch diese schienen nicht verletzt worden zu sein. Die Halsvene in der Gefäss-Nerven-Scheide hatte der Spiess aufgerissen, doch es sah aus, als habe sie sich selbst verschlossen. Der Spiess hatte den Gesichtsnerv verfehlt, der Mimik und Geschmacksinn überwacht. Zudem hatte der Spiess sowohl die Halsschlagader als auch die Wirbelsäulenarterie verfehlt.

„Los geht’s“

Das Team war bereit. Dr. Ebersole stand neben Xaviers Rumpf direkt am Bildschirm, um zu verfolgen, wie der Spiess herausgezogen wurde. Dr. Kakarala stand am Hals des Jungen. Er würde sich ständig vorbeugen müssen, um mit seiner chirurgischen Lupenbrille die freigelegten Blutgefässe zu beobachten. Der leitende Assistenzarzt Dr. Jeremy Peterson stand am Kopf des Jungen. Bislang hatte niemand darüber gesprochen, wer den Spiess herausziehen würde. Dr. Ebersole sagte: „Jeremy, fass den Spiess an und bekomm ein Gefühl dafür, wie leicht er sich bewegen lässt.“ Etwas nervös aber mit sehr ruhigen Händen legte Dr. Peterson die linke Hand unten um den Spiess, um ihn zu stabilisieren, unmittelbar darüber umschloss er ihn mit der rechten Hand. Kaum wahrnehmbar bewegte er ihn hin und her. „Er fühlt sich recht stabil an“, antwortete Dr. Peterson.
„Gut, dann fangen wir an“, sagte Dr. Ebersole. Er würde unablässig den Bildschirm beobachten und Kontrastmittel verabreichen, während Dr. Peterson langsam und behutsam vorgehen würde. Dr. Kakarala legte eine Hand an Xaviers Gesicht, um den Kopf stabil zu halten. Dr. Peterson übte mit seiner rechten Hand Druck aus und zog den Grillspiess behutsam in kleinen Schritten hoch. Der Spiess liess sich überraschend schwer bewegen. Der Metallstab bewegte sich nur rund zwei Zentimeter. „Er scheint irgendwo festzustecken“, sagte Peterson. „Hände weg“, ordnete Dr. Ebersole an. Der Assistenzarzt liess den Spiess vorsichtig los, während Dr. Ebersole das radiologische Team fragte: „Wie sind die Hirnströme?“ „Stabil“, kam es zurück.

Auf der Vergrösserung konnte man sehen, dass der Spiess sich an einer Sehne verhakt zu haben schien, was keine Gefahr darstellte. Allerdings war der Schaft nah an der Wirbelsäulenarterie. „Jeremy, zieh den Spiess ein wenig in deine Richtung.“ Das würde ihn von der Arterie wegbewegen. Dr. Peterson führte die Anweisung aus, und Dr. Ebersole verabreichte mehr Kontrastmittel, ohne den Monitor aus den Augen zu lassen. „Okay, weitermachen.“ Es funktionierte. Ebersole sah zu, wie die Spitze des Stabs die Wirbelsäulenarterie sicher passierte. „Sehr gut“, sagte Dr. Ebersole. Dr. Peterson zog sehr langsam, vor allem in unmittelbarer Nähe der Halsvene. Dann kam die letzte Hürde: die Halsschlagader. Auch hier glitt der Spiess reibungslos vorbei. Und plötzlich war der Stab draussen. Schnell legte Dr. Peterson den Finger auf das Loch. Doch es spritzte kein Blut.

Gute Nachrichten

Im OP brach Jubel aus. Nur die Chirurgen suchten angespannt den Bildschirm nach Hinweisen auf Blutungen ab und warteten, ob sich die Hirnströme veränderten. Erleichtert stellten sie fest, dass es keine Hirnblutungen gab. Doch wirklich beruhigt konnten sie erst sein, wenn Xavier wieder aufwachte und unversehrt war. Für heute hatten sie alles Menschenmögliche getan. Um 15 Uhr, gleich nach der OP, betrat ein strahlender Dr. Ebersole das Wartezimmer und sagte: „Der Grillspiess ist raus. Xavier geht es gut.“ Die Familienangehörigen und Freunde fielen sich in die Arme, einige weinten vor Erleichterung. Es war der glücklichste Augenblick im Leben von Gabrielle und Shannon. Als Xavier kurze Zeit später mit einem Spider-Man-Pflaster auf der Wunde aus der Narkose aufwachte, fragte er: „Ist er raus?“ „Ja, er ist raus“, sagten seine Eltern.

Das Einzige, was Xavier heute noch an seinen Unfall erinnert, ist eine kleine Delle an der Nase und eine leichte Taubheit der linken Gesichtshälfte. Später möchte er einmal Arzt werden. Nach wie vor trifft er sich mit Gavon und Silas, die mithilfe von Wasserschläuchen vor den Wespen gerettet wurden. Gavon hatte 150 Stiche.

 

 


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