Der Untergang der Bounty
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Spannung

Der Untergang der Bounty

Ein legendäres Segelschiff gerät in den Hurrikan Sandy – mit tödlichen Konsequenzen

Ausgabe: April 2014 Autor: Nick Heil

Ein Sonntagabend Ende Oktober 2012. Leutnant Wes McIntosh von der US-Küstenwache sah sich ein Footballspiel im Fernsehen an, als sein Telefon gegen 21.30 Uhr klingelte. Die Kommandozentrale informierte ihn, dass ein Notruf vom Eigner des Großseglers HMS Bounty eingegangen war. Das Schiff befand sich im Atlantischen Ozean vor der Küste des US-Bundesstaates North Carolina.

Um 23 Uhr flog McIntosh seine Turboprop-Maschine in östlicher Richtung, direkt in den Sturm hinein. Unter diesen Wetterbedingungen war es unmöglich, das Schiff auf dem Radar zu finden. McIntosh und sein Copilot Mike Myers setzten ihre Nachtsichtbrillen auf. Der Himmel war klar, und der Vollmond leuchtete, doch vor ihnen befand sich eine dunkle Wolkenwand, die sich bis in eine Höhe von zwei Kilometern auftürmte.

Sie konnten nicht bis zur Wasseroberfläche hinunterblicken. Deshalb steuerte McIntosh das Flugzeug in den Sturm. Die Maschine wurde hin und her geschüttelt. Regen trommelte gegen die Windschutzscheibe. McIntosh kämpfte mit der Steuerung, um das Flugzeug tiefer zu bringen. Endlich rissen die Wolken auf und gaben den Blick auf den aufgewühlten Ozean frei.

"Siehst du etwas?", fragte McIntosh.
Myers erwiderte: "Da ist ein Piratenschiff mitten in einem Hurrikan."

Die HMS Bounty war eines der bekanntesten Schiffe der Welt. Es wurde 1960 für den Film Meuterei auf der Bounty als vergrößerte Nachbildung des Originals aus dem Jahr 1784 gebaut, auf dem Fletcher Christian die Revolte gegen Kapitän William Bligh angeführt hatte. Die moderne Bounty hatte drei Masten, die über 30 Meter hoch aufragten und rund 930 Quadratmeter Segeltuch trugen. Sie war 37 Meter lang – neun Meter länger als das Original – und bestand aus Douglastanne, Eichen- und Fichtenholz.

In den letzten Jahren verfiel das Schiff jedoch zunehmend. Es wies Holzfäule und Lecks auf, der Eigentümer hatte Schwierigkeiten, die teuren Wartungsarbeiten zu bezahlen. Das Schiff wurde seit 2010 zum Verkauf angeboten, fand jedoch keinen Abnehmer. Die Besatzung segelte nun nach St. Petersburg in Florida, um Käufer zu finden. Auf Hafenrundfahrten sammelten sie unterwegs Spendengelder für eine Organisation, die Kinder mit Down-Syndrom unterstützt.

Die Bounty verließ New London in Connecticut am 25. Oktober mit einer 16-köpfigen Besatzung an Bord. Drei von ihnen, so auch Robin Walbridge, 63, hatten ein Kapitänspatent. Weitere vier waren zertifizierte Vollmatrosen der Handelsmarine. Die anderen waren Neulinge, darunter Claudene Christian, 42, eine Sängerin und Schönheitskönigin aus Kalifornien, die behauptete, eine Nachfahrin von Fletcher Christian zu sein.

Kapitän Walbridge sprach mit leiser Reibeisenstimme, trug eine Brille mit Drahtgestell und Hörgeräte. Der Eigentümer der Bounty, der New Yorker Geschäftsmann Robert Hansen, hatte Walbridge 1995 angeheuert. Seitdem hatte dieser bei Hunderten von Fahrten der Bounty entlang der Atlantikküste auf der Brücke gestanden, und war durch zwei schwere Tropenstürme gesegelt. Walbridge galt als guter Seemann, stand aber auch im Ruf, gelegentlich etwas waghalsig zu sein. Ein paar Wochen ehe die Bounty in See stach, erklärte er in einem Interview: "Wir jagen Hurrikane ... Die liefern einen guten Ritt."

Bevor sie den Hafen verließen, informierte Walbridge die Mannschaft, dass sich ein schwerer Sturm zusammenbraute. Er glaubte, sie könnten ihn sicher umschiffen, aber sie würden unterwegs auf raue See treffen. Jedem stünde es frei, das Schiff zu verlassen. Am nächsten Tag stach die Bounty bei klarem Himmel und leichtem Wind in See, mit voller Besatzung. Die Stimmung an Bord war gut. Die Fahrt sollte 14 Tage dauern.

Doch als am Sonntagabend die Dämmerung anbrach, segelte die Bounty in einen der schlimmsten Stürme, die je im Atlantik verzeichnet wurden. Der von vielen Medien als "Supersturm" bezeichnete Hurrikan Sandy erstreckte sich über eine Breite von fast 1600 Kilometern. Auf offener See vor der Küste von North Carolina herrschten Windgeschwindigkeiten von mehr als 130 Kilometer pro Stunde.

Früher an jenem Tag hatte eine Windbö das Vorsegel der Bounty zerfetzt – eines der 16 Segel des Schiffes und das einzige, das in einem Sturm für Stabilität sorgen konnte. Aufgrund des Schadens musste die Besatzung in einer waghalsigen Aktion den Mast erklimmen, um das Segel zu verstauen. Mit schwindendem Tageslicht verschlimmerten sich die Bedingungen. Im Maschinenraum stand das Wasser rund anderthalb Meter hoch. Die Generatoren fielen aus, es blieb nur noch das fahle Licht der Notbeleuchtung.

Unter Deck begab sich Walbridge in den Funkraum. Er setzte sich zusammen mit Doug Faunt, 66, einem Freiwilligen, der allgemeine Technikarbeiten erledigte, an die Funkkonsole. Durch den Sturm waren ihre Mobil- und Satellitentelefone unbrauchbar geworden. Hobbyfunker Walbridge und sein Kamerad Faunt versuchten nun, das Büro der Bounty an Land mittels eines Amateurfunksenders über die gefährliche Lage zu informieren. Walbridge hatte alle, die nicht gerade Wache hatten oder mit einer Krisensituation beschäftigt waren, angewiesen, sich auszuruhen. Es würde eine sehr lange Nacht werden.

Adam Prokosh, 27, hatte sich verletzt, als das Schiff von einer Welle erfasst wurde. Er hatte zwei gebrochene Rippen, und seine Schulter war ausgekugelt. Viele andere waren schwer seekrank. Im Funkraum tippten Walbridge und Faunt eine E-Mail mit ihren Koordinaten in das Funkgerät ein, das die Daten ins Internet übertragen konnte.

Am Himmel flog McIntosh eine scharfe Kurve über einer Szene, die sich ihm so noch nie geboten hatte. Unter sich erblickte er den gewaltigen Schatten der Bounty mit ihren Masten in einer Schräglage von 45 Grad. Im Flugzeug setzte der Systemoffizier eine Funknachricht auf dem Notfallkanal ab. Die Antwort kam umgehend: "Hier ist die HMS Bounty. Wir hören Sie laut und deutlich!" Der Sprecher war John Svendsen, 41, der Erste Offizier. Er informierte das Rettungsteam über die Lage. Die Bounty lief weiterhin voll, etwa 30 Zentimeter pro Stunde. Doch er war der Ansicht, dass sie bis zum Tagesanbruch durchhalten könnten.

McIntosh hatte gehofft, Pumpen für das Schiff abwerfen zu können, doch die Bedingungen waren zu gefährlich, um nahe genug heranzukommen. Regelmäßig zog McIntosh die Maschine über das schlimmste Wetter hoch, um den übelkeitserregenden Turbulenzen zumindest vorübergehend zu entgehen. Dann ließ er sie wieder sinken, um neue Informationen zu erhalten.

Während die frühen Morgenstunden langsam vergingen, übernahm Walbridge das Steuer der Bounty. Svendsen erklärte McIntosh, dass sie vorhatten, eine Evakuierung bei Tagesanbruch anzuordnen. Gegen drei Uhr morgens versammelten Walbridge und Svendsen die Mannschaft im Hinterschiff und erläuterten den Plan. "Niemand brach in Panik aus", erinnerte sich Dan Cleveland, der Dritte Offizier, später. "Die Stimmung war ruhig, professionell. Ich war wirklich beeindruckt."

In den nächsten Stunden widmete sich die Besatzung ihren Aufgaben – ˆberlebensanzüge (orangefarbene Ganzkörper-Schutzanzüge aus Neopren) und Verpflegung für die Rettungsinseln zusammentragen – oder versuchte, einen Platz zum Ausruhen zu finden. Claudene Christian versorgte den verletzten Adam Prokosh und half ihm, auf die höher liegende Seite des Schiffes zu gelangen.

Um vier Uhr morgens wies Walbridge die Besatzung an, die Anzüge anzulegen. Sie würden das Schiff beim ersten Anzeichen der Dämmerung über das Heck verlassen. Das Wasser kam immer schneller herein, jetzt waren es schon knapp 60 Zentimeter pro Stunde. Der Bug lag unter Wasser. Da der Wind zu stark war, um an Deck zu stehen, krochen die Besatzungsmitglieder über die Planken. Doug Faunt konnte sich so fest an Deck verkeilen, dass er kurzzeitig einschlief.

Gegen 4.30 Uhr erhielt die Bounty eine Breitseite von einer gewaltigen Welle, die sie um 90 Grad auf die Seite rollte. Mehrere Besatzungsmitglieder wurden ins Meer gerissen.

Einige rutschten über das nasse Deck, bis sie an die untere Reling stießen und ins Wasser stürzten. Andere befürchteten, dass das Schiff komplett kentern würde, und sprangen in den Ozean. Die Bounty lag jetzt auf der Seite, die Masten im Wasser, umgeben von einem wirren Knäuel aus Takelage.

Svendsen griff nach dem Funkgerät. "Wir verlassen jetzt das Schiff!", brüllte er in das Mikrofon. Die Nachricht knisterte im Empfänger des Flugzeugs der Küstenwache, das immer noch über dem Schiff kreiste. Der Funker der Maschine unternahm mehrere Kontaktversuche, bekam aber keine Antwort. McIntosh konnte sehen, wie die Bounty sank und mehrere Lichter im Wasser trieben: die Blinkleuchten an den Überlebensanzügen.

Die Rettungsmannschaft verständigte das Bereichskommando, dass die Besatzung der Bounty das Schiff verlassen hatte. Die Lage war nun äußerst kritisch. War noch jemand an Bord, vielleicht unter Deck gefangen? McIntosh kreiste erneut über der Stelle. Das Team warf zwei Rettungsboote hinunter. Sie hofften, sie würden nahe am Schiff landen. Die Treibstoffanzeige des Flugzeugs begann zu blinken, sie waren gezwungen, zum Stützpunkt zurückzukehren. McIntosh drehte ab, während sein Funker weiter versuchte, die Bounty zu erreichen. Es kam keine Antwort.

John Svendsen trieb inmitten der Trümmer neben dem Schiff. Er musste so schnell wie möglich vom sinkenden Wrack wegkommen. Mit jedem Wellenschlag richteten sich die Masten der Bounty um 45 Grad auf, bevor sie zurück ins Wasser krachten, unter der Oberfläche versanken und sich der Kreislauf wiederholte. Adam Prokosh sagte später, das gekenterte Schiff habe sich "schnell bewegt, auf und ab, wie ein Köder an einer Angel".

Die gesamte Besatzung war jetzt im Wasser und wurde vom schweren Seegang mitgerissen. In den Überlebensanzügen ließ es sich nur schwer manövrieren. Wasser drang in die Stiefel ein und zog sie hinunter. Dan Cleveland griff nach einem Rettungsboot, das an ihm vorbeitrieb, aber er konnte es nicht festhalten.

Nicht weit davon entfernt klammerte sich der Zweite Offizier, Matt Saunders, zusammen mit sechs anderen Überlebenden an ein Holzgitter. Eines der Rettungsboote der Küstenwache trieb ganz in der Nähe, aber sie konnten es nicht erreichen. Nicht lange danach fanden sie jedoch eine der Rettungsinseln und kletterten mühsam hinein.

Sechs weitere Besatzungsmitglieder der Bounty saßen in der zweiten Rettungsinsel. Unterdessen trieb Svendsen auf das offene Meer hinaus. Sein einziger Halt bestand aus einer Signalbake. Es war Walbridges Idee gewesen, die Bojen als Standardausrüstung einzupacken. Doch wo war der Kapitän? Und wo war Claudene Christian? Da sie keine Möglichkeit hatten, miteinander zu kommunizieren, kannten weder die Insassen der Rettungsinseln noch Svendsen das Schicksal ihrer Kameraden. Endlich kamen vier Hubschrauber der Küstenwache in Sicht, der Klang der Propeller übertönte den Lärm des Sturms.

Die Dämmerung erhellte den Horizont, als Rettungsschwimmer Randy Haba aus einem der Hubschrauber in die meterhohen Wellen hinabgelassen wurde. Schnell erreichte er Svendsen, der inzwischen rund 800 Meter von der Unglücksstelle trieb. Der Erste Offizier war erschöpft. Er hatte sich auf dem Schiff die rechte Hand gebrochen und viel Salzwasser geschluckt. Haba legte Svendsen einen Gurt an und brachte ihn sicher an Bord des Hubschraubers. Anschließend kümmerte sich das Helferteam um die erste Rettungsinsel.

Die Überlebenden der Bounty hatten die Rotoren gehört und mitbekommen, dass Hilfe unterwegs war. Dennoch war es ein Schock, als Randy Haba auf der Rettungsinsel auftauchte. "Ich wette, ihr könnt es kaum erwarten, hier herauszukommen", sagte der Schwimmer mit einem breiten Lächeln. Ein weiterer Rettungsschwimmer half den Überlebenden aus der anderen Rettungsinsel dabei, an Bord des zweiten Hubschraubers zu kommen.

Insgesamt 14 Überlebende stiegen zitternd auf dem Stützpunkt von Elizabeth City, North Carolina, aus den Helikoptern. Reporter warteten schon auf sie – mit einer schlechten Nachricht: Ein weiteres Rettungsteam hatte Claudene Christian gefunden. Trotz aller Versuche gelang es nicht, sie wiederzubeleben.

Der Hurrikan hatte zahlreiche Ortschaften entlang der Ostküste der USA überflutet. Dabei kamen insgesamt 147 Menschen ums Leben. Nachdem sich das Meer beruhigt hatte, setzte die Küstenwache ihre Suche nach Walbridge fort, doch der Kapitän blieb spurlos verschwunden.


 

RD Abbinder
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