Ein Strand mit bunten Sonnenschirmen in Florida (USA).
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Spannung

Die rettende Menschenkette im Wasser

Als zwei Jungen von einer Strömung erfasst werden, starten Strandbesucher eine riskante Rettungsaktion.

Ausgabe: August 2019 Autor: Derek Burnett

Fast eineinhalb Jahre sind vergangen, seitdem 70 Menschen in Florida ihr Leben aufs Spiel setzten, um zwei Jungen vor dem Ertrinken zu retten. Sie kannten einander nicht, aber einer nach dem anderen sprangen sie ins Wasser und bildeten eine knapp 100 Meter lange Menschenkette. „Die Leute hätten auch wegschauen können“, sagt Bryan Ursrey, der Vater der beiden Jungen. „Doch sie hörten auf ihr Herz. Und das hat mir den Glauben an die Menschheit zurückgegeben.“

Im Juli 2017 hatten sich acht Mitglieder der Familie Ursrey in Panama City Beach am Strand getroffen. Die Sonne stand tief am Horizont, als die beiden Jungen Noah (11) und Stephen (8) unbemerkt von den Erwachsenen ihre kleinen Surfbretter schnappten und in die Wellen sprangen. Sie waren 60 Meter vom Strand entfernt, als sie erkannten, dass die Strömung sie aufs Meer hinaustrug. Niemand sah, wie die Jungen wild mit den Armen winkten und um Hilfe schrien: die Rettungsschwimmer hatten Feierabend. Mehrere Minuten kämpften die Brüder gegen die Strömung an, als Brittany und Tabatha Monroe die Hilferufe hörten. Die beiden Frauen sprangen sofort ins Wasser und hatten die Kinder schnell erreicht. Sie redeten beruhigend auf die verängstigten Jungen ein, und ergriffen deren Bodyboards. Doch den Frauen war rasch klar, dass eine Rippströmung auch sie gefangen hielt. Diese Strömungen verlaufen rechtwinklig zum Strand und sind so stark, dass selbst die besten Schwimmer kaum dagegen ankommen und aufs offene Meer hinausgezogen werden. Experten empfehlen, parallel zur Küste zu schwimmen, bis man der Strömung entkommt.

Die Frauen versuchten genau das zu tun, doch egal, wohin sie schwammen, die Strömung hielt sie gefangen. Brittany, die den acht Jahre alten Stephen festhielt, hatte Mühe, den Kopf über Wasser zu halten. Sie geriet selbst in Panik, liess den Jungen los und paddelte, um sich in Sicherheit zu bringen. Inzwischen waren einige Teenager auf die vier aufmerksam geworden. Ein grosser Junge, der im tiefen Wasser noch stehen konnte, warf sich in die Wellen, packte Brittany am Arm und zog sie an den Strand. Die Strömung trug Tabatha und die Brüder indessen immer weiter aufs Meer hinaus. Verzweifelt fragte sie sich, wie sie die beiden Jungen retten sollte. Immer wieder schlugen Wellen über ihr zusammen. Voller Panik lief Brittany am Strand auf und ab.

Endlich bleibt jemand stehen

Da blieb Shaun Jernigan, der zu seinem Auto gehen wollte, stehen. „Was ist los?“ Nun sah er die drei Köpfe. Der hünenhafte Bauunternehmer watete ins Wasser. Vor einem Jahr war er genau an dieser Stelle von einer Rippströmung erfasst worden und fast ertrunken. Er kannte das Gefühl. Als ihm das Wasser bis zum Kinn reichte, blieb er stehen. Fünf endlos scheinende Meter trennten ihn von Tabatha und den Jungen. So schwer es ihm fiel, er machte kehrt. „Bitte, lassen Sie mich nicht allein“, bettelte Tabatha Monroe den kräftig gebauten Fremden an. „Ich lasse Sie nicht im Stich, ich bin gleich wieder da“, versicherte er ihr. Etwa zur gleichen Zeit suchte Roberta Ursrey, die Mutter der Jungen, nach ihren Kindern und entdeckte die beiden auf ihren Brettern im Meer. Sie rannte ins Wasser. Sie packte die Bretter mit den Jungs und versuchte, diese in Richtung Strand zu stossen – vergeblich.

Der Cousin will die beiden Jungen retten

Währenddessen hatten weitere Strandbesucher die Hilferufe gehört. Wenige Meter entfernt schwamm ein asiatisches Paar und blies eine ringförmige Schwimmhilfe für Kinder auf. Doch als Roberta sie ansprach, merkte sie, dass sie kein Englisch verstanden. Direkt daneben wartete ein junger Mann mit Surfbrett auf die richtige Welle. Tabatha und Roberta fragten, ob sie sich an das Surfbrett klammern dürften, bis ein Rettungsboot eintreffen würde. Doch der Surfer lachte nur und paddelte weiter. Da sah Roberta ihren erwachsenen Neffen Justin Hayward aus dem Wasser auftauchen. Er hatte in Strandnähe geschnorchelt. Als er seine Tante mit seinen beiden Cousins erkannte, schwamm er los – ohne auf seine Hand zu achten, die er vergangene Woche beim Rugby gebrochen hatte. „Komm nicht näher“, rief Roberta. „Sonst ertrinken wir alle.“ Justin hörte nicht auf sie. „Gib mir einen Jungen“, sagte er. Aber Roberta wollte keins ihrer Kinder loslassen. Schliesslich überredete Justin sie, ihm den elfjährigen Noah zu überlassen und versuchte, ihn auf dem Brett in Richtung Strand zu ziehen. Da erkannte auch Justin, dass er gegen die Kraft des Wassers keine Chance hatte.

Eine Menschenkette

An Land hatte der Bauunternehmer Shaun Jernigan in der Zwischenzeit seine Tochter beauftragt, den Rettungsdienst zu alarmieren. Er suchte am Ufer verzweifelt nach einem Seil oder etwas Ähnlichem, als er einen Mann Richtung Wasser laufen sah: Bryan Ursrey, den Vater der Kinder. Shaun bat einige Strandbesucher um Hilfe. Sie hielten sich aneinander fest, um in der Strömung nicht den Halt zu verlieren. Das brachte sie auf die Idee, vom Strand bis zu den Schwimmern eine Menschenkette zu bilden. Shaun wandte sich an ein Ehepaar Mitte 20, Derek und Jessica Simmons, und erklärte ihnen die Situation. Sofort sprachen sie weitere Leute an, die das Drama bis dahin passiv verfolgt hatten. „Schaut nicht nur zu! Zeigt, dass ein Funken Menschlichkeit in euch steckt!“, forderte Derek sie auf. Und das Unerwartete geschah: Fremde Menschen wateten in die Wellen, reihten sich in die Kette ein, fassten einander an den Händen, fest entschlossen, alle lebend zum Strand zurückzubringen.

In Sicherheit 

Jessica Simmons ist eine aussergewöhnlich gute Schwimmerin. Während ihr Mann Derek weitere Helfer rekrutierte, schnappte sie sich zwei Bodyboards und schwamm damit an der Menschenkette entlang. In der Zwischenzeit versuchte Justin verzweifelt, seinen kleinen Cousin zur Menschenkette zu bringen. Dazu tauchte er unter die Wellen und ging auf dem Meeresboden, während er das Brett mit Noah hoch über seinem Kopf hielt. Dann löste Derek Justin ab und nickte dem Jungen aufmunternd zu: „Halt dich gut fest. Bald hast du es geschafft.“ Einmal rutschte Noah herunter, doch Justin packte ihn an seiner Badehose und setzte ihn wieder aufs Brett. Nachdem sie das äussere Ende der Menschenkette erreicht hatten, ging alles blitzschnell. Shaun reichte Noah nach hinten und hörte die Helfer rufen: „Ziehen! Ziehen!“ In weniger als einer Minute beförderten sie den Jungen zum Strand.

Dann brachte Jessica den achtjährigen Stephen zur Menschenkette, die inzwischen auf etwa 70 Freiwillige angewachsen war. Im Nu war auch er in Sicherheit. Die Nächste war Roberta. Während Jessica sie an die Kette weitergab, verlor sie vor Erschöpfung das Bewusstsein. Ihr lebloser Körper wurde von einem zum nächsten gereicht, bis man sie auf dem Strand ablegte. Es dauerte fünf Minuten, bis sie wieder zu sich kam. So erlebte sie nicht mit, was sich mit ihrer Mutter zugetragen hatte.

Als Barbara Franz (69) ihre beiden Enkelsöhne gegen die Strömung ankämpfen sah, dachte sie nicht an die zwei Herzinfarkte, die sie in den letzten beiden Monaten erlitten hatte. Sie schwamm direkt in die Gefahrenzone. Die Wellen schlugen über ihr zusammen, schnell liessen ihre Kräfte nach. Verzweifelt versuchte Justin, seine Grossmutter auf ein Bodyboard zu bugsieren, doch jedes Mal glitt sie zurück ins Wasser. Derek und der Surfer kamen ihm zur Hilfe. Offensichtlich hatte der Surfer nun die Gefahr erkannt, was zurückgekommen und überliess sein Brett dem asiatischen Paar, das in der Strömung gefangen war. Derek hob Barbara aus dem Wasser und legte sie zwischen das Paar. Justin schaffte es, zur Kette zu schwimmen und sorgte dafür, dass seine Grossmutter an Land gebracht wurde. Kurz darauf trugen Justin und ein Fremder Barbaras leblosen Körper zum Strand. Man behielt Barbara einige Tage im Krankenhaus, aber erst nach Monaten erholte sie sich. Es stellte sich heraus, dass sie einen dritten Herzinfarkt erlitten hatte.

Nur noch Tabatha treibt hilflos im Wasser

Nun trieb noch Tabatha ungefähr sechs Meter von der Kette entfernt kraftlos im Wasser. Neben ihr schwamm Bryan, der Vater der Jungen. „Halt durch“, redete Bryan auf sie ein. „Ich halte dich fest.“ Shaun und die anderen Mitglieder der Menschenkette erkannten, dass sie die Kette in die Richtung verlegen mussten, in die Tabatha abtrieb. Nach einem kurzen Durcheinander hatte sich die Kette neu formiert. Ein ausgeruhter Schwimmer bahnte sich den Weg zu ihr. Tabatha wurde zum Strand gebracht. Bryan entkam der Strömung aus eigener Kraft. Alle hatten es geschafft.

Die Familie Ursrey ist all diesen Menschen unendlich dankbar. „Die Menschen, die an jenem Tag an den Strand kamen, waren Engel auf Erden“, fügt Roberta hinzu. „Sie sind unsere Helden.“

 


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