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Eine Jacht gerät in Seenot – ein gefährlicher Rettungseinsatz per Hubschrauber beginnt.
Ausgabe: Dezember 2015 Autor: Helen Signy

Gegen Mittag des 11. Oktober 2011 ging bei der Seenot-Rettungsstation Hawke’s Bay eine Warnung ein: Etwa 50 Seemeilen (93 Kilometer) vor der Küste der neuseeländischen Nordinsel war ein Segler in Schwierigkeiten geraten. Der Hubschrauber kreist über der Jacht, Taylor hält Ausschau nach Jim Horgan. Dean Herrick, seit sieben Jahren Rettungsflieger, warf einen Blick auf den Sonnenstand: „Wenn er geborgen werden will, sollte er lieber bald einen Notruf absetzen“, murmelte der 35-Jährige. Was Herrick nicht ahnen konnte: Diese Bergung würde ihn und sein Team ans Limit treiben.

Geoff Taylor hatte an jenem Tag Dienst mit Herrick. Der 49-jährige Luftfahrtingenieur war seit 1999 als Freiwilliger bei Bergungsmissionen dabei. Normalerweise absolvierte er pro Monat zwei Tagesschichten und zwei Nachtschichten, im Einsatz war er für die elektrische Winde zuständig. Stephen Smith, ebenfalls 49, ergänzte das Team. Der gelernte Rettungssanitäter hatte 2009 im neuseeländischen Napier einen von einem Amokläufer schwer verletzten Polizisten geborgen und war dafür mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet worden.

Man kann bei der Flugrettung nicht jede Situation trainieren, aber man kann die Zusammenarbeit als Team perfektionieren. Herrick, Taylor und Smith verstanden sich blind, sie wussten auch ohne viele Worte stets, was zu tun war. Im Laufe der Jahre hatte das Trio diverse gefährliche Rettungsmissionen erfolgreich absolviert. Die drei Männer vertrauten sich voll und ganz, sie waren auch privat enge Freunde geworden.

Der Segler, der in Schwierigkeiten geraten war, hieß Jim Horgan.

Seit fast drei Wochen steuerte er seine 9-Meter-Jacht Kawa von Tahiti nach Neuseeland, dann gaben Motor und Steuerung ihren Geist auf. Der 63-jährige Segler aus Wellington meldete sich per Funk alle halbe Stunde bei der Küsten_wache und gab seine Position durch. Seit dem Morgen verschlechterte sich die Wetterlage, und inzwischen hatte Horgans Jacht auch das letzte Segel eingebüßt. Um 17.30 Uhr setzte er einen Notruf ab.

Während das Rettungsteam den Hubschrauber vom Typ BK117-B2 startklar machte, nahmen Wind und Regen zu. Bevor es völlig dunkel wurde, blieben ihnen bestenfalls noch 90 Minuten. Bei Dunkelheit und dieser Witterung wäre eine Rettung praktisch unmöglich. Den drei Rettern war klar: Sie mussten Horgan rasch bergen und dann schnellstmöglich zurück zum Stützpunkt fliegen. Die Jacht war eine halbe Flugstunde entfernt, der Hubschrauber hatte Treibstoff für zwei Stunden an Bord.

Die Luftretter wiesen Horgan an, sein Notsignal einzuschalten. Er hatte seine GPS-Position durchgegeben, aber mithilfe der Elektronik an Bord des Hubschraubers und dem Funkverkehr mit einem in der Nähe befindlichen Containerfrachter konnten sie die Jacht schneller ausfindig machen. Sie sahen, wie die raue See das Schiff unerbittlich hin und her warf. Aufgepeitscht von bis zu 35 Knoten (65 km/h) schnellen Winden, brandeten fünf Meter hohe Wellen über die Kawa hinweg. Jeden Augenblick konnte die Jacht kentern.

Ein eingespieltes Rettungsteam

Herrick, Taylor und Smith bereiteten die Bergung vor. Die Aufgaben waren klar verteilt. Smith, der Sanitäter, schnallte sich ein Geschirr um, damit Taylor ihn per Seilwinde zu dem Schiffbrüchigen herablassen konnte. Herricks Aufgabe bestand darin, den Hubschrauber stabil in der Luft zu halten. Das war extrem schwierig, denn er hatte keinen optischen Anhaltspunkt. Er musste möglichst nah an die Jacht heranfliegen, aber auch nicht zu dicht, sonst könnten sie gegen den Mast prallen. Bei dem Wellen_gang kein Kinderspiel – mal befand sich der Mast praktisch auf Augenhöhe mit dem Piloten, Sekunden später tanzte er wieder Meter unter ihm in der aufgewühlten See.

Selbst unter besten Bedingungen ist es nicht einfach, sich per Winde auf eine Jacht herabzulassen. Über Funk wies die Rettungscrew Horgan an, das Rettungsfloß zu besteigen und von der Jacht wegzupaddeln, damit sie ihn besser erreichen konnten. Aber der Wind war inzwischen so stark, dass Horgan keinen Abstand zwischen sich und die Jacht bringen konnte.

Das Rettungsteam besprach das weitere Vorgehen: Smith sollte, noch immer an der Seilwinde hängend, zu Horgan hinüberschwimmen. Bei solch einem Seegang zu schwimmen ist extrem anstrengend, deshalb fiel Taylor die Aufgabe zu, Smith mithilfe der Winde zu unterstützen. Das Wasser war eiskalt, das spürte Smith selbst in seinem Überlebensanzug. Er schwamm zum Rettungsfloß und erreichte Horgan, der sich an seine Jacht presste. Er hielt eine unangenehme Überraschung für Smith bereit – er konnte nicht schwimmen!

„Ich kriege Sie hier nur raus, indem ich Ihnen dieses Geschirr anlege“, rief Smith und zeigte auf die Vorrichtung, die er trug. „Kommen Sie mit mir. Ich bringe Sie weg von der Jacht, und in wenigen Minuten sind wir hier raus!“, brüllte er. Smith zog die Schlaufe über Horgans Kopf und führte sie unter dessen Armen hindurch. Dann musste Horgan sich aus dem Floß ins Wasser fallen lassen, damit sie mit der Winde an Bord des Hubschraubers hochgezogen werden konnten.

Doch die Angst, die Kälte und die Erschöpfung hatten Horgan zu stark zugesetzt. Er versuchte, über die Reling der Jacht zu klettern. Dabei verfing sich das Geschirr im Halteseil, das zwischen Jacht und Rettungsfloß gespannt war. Panisch kämpfte Horgan nun darum, sich auf die vermeintlich sichere Jacht zu retten, doch er verhedderte sich immer stärker.

An Bord des Hubschraubers verfolgten Taylor und Herrick, wie sich die Lage unten zuspitzte. Sie konnten das Seil kappen, aber dann wären die beiden Männer unten im Wasser auf sich gestellt. „Sie können nicht zurück auf die Jacht. Wir müssen weg von ihr!“, rief Smith, während Horgan und er gegen den Schiffsrumpf knallten. Wieder und wieder wurden sie von den Wellen überspült. Smith redete weiter auf Horgan ein und versuchte, ihn dazu zu bringen loszulassen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit – tatsächlich waren es etwa 15 Minuten – erschlaffte Horgan plötzlich. Er rutschte aus dem Gurt und trieb davon. Jetzt konnte sich auch Smith befreien. Gerade als ihn die nächste Welle überspülte, zog Taylor den Sanitäter hoch, binnen Sekunden war er wieder an Bord des Hubschraubers. Smith war übersät mit Blutergüssen, hatte ein blaues Auge und spuckte Meerwasser. Er saß auf dem Boden des Hubschraubers und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Der Hubschrauber kreiste über der Jacht, und Taylor hielt nach dem schwachen Blinklicht an Horgans Rettungsweste Ausschau. Plötzlich rief Taylor: „Er lebt noch, geh runter!“

Ihnen war klar, sie hatten nicht mehr viel Zeit, dann mussten sie umdrehen und zurückfliegen. Es war ihre letzte Möglichkeit, Horgan zu retten. Der Gedanke, noch einmal ins Wasser hinabgelassen zu werden, gefiel Smith nicht. „Einen Augenblick noch“, sagte er. Dann gab er sich einen Ruck, und Sekunden später war er wieder auf dem Weg nach unten.

Taylor ließ Smith etwa zehn Meter von dem Segler entfernt hinab. Der Rettungssanitäter schwamm zu Horgan hinüber und packte ihn am Bein. „Dieses Mal entwischst du mir nicht“, dachte er. Horgan wehrte sich nicht, als Smith ihm das Geschirr anlegte. Rasch wurden die beiden Männer hochgezogen. Im Hubschrauber angekommen, ließ sich Smith auf den Boden fallen und erbrach Meerwasser. Er konnte sich kaum noch rühren.

Herrick nahm Kurs auf Hawke’s Bay. Als sie dort eintrafen, hatten sie nur noch für wenige Minuten Treibstoff an Bord. Horgan und Smith kamen ins Krankenhaus. Die Schnitte und Prellungen, die Smith erlitten hatte, waren schnell behandelt, aber er brauchte zehn Tage, bis er sich von den Anstrengungen erholt hatte. Horgan war unterkühlt und hatte reichlich Meerwasser geschluckt. Er blieb über Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus. „Sie hatten mich noch nicht aufgegeben, als ich mich bereits selbst aufgegeben hatte“, erklärte Horgan später gegenüber der Presse. „Sie haben mir das Leben geschenkt.“

Für ihren Einsatz bei der Rettung von Horgan wurden Herrick, Taylor und Smith im Mai 2012 mit den höchsten Orden der neuseeländischen Behörde für Seenotrettung ausgezeichnet.

Fotos: © Hawke’s Bay Rescue Helicopter Trust


 

RD Abbinder
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