Drei Mütter gefangen im brennenden Auto
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Ausgabe

Spannung

Drei Mütter gefangen im brennenden Auto

Drei Frauen sind auf der Autobahn unterwegs, als ihr Wagen auf abschüssiger Strecke plötzlich Feuer fängt. Dann versagen die Bremsen...

Ausgabe: Februar 2014 Autor: Peter Hummel

Melanie, Bettina und Alexandra freuen sich auf zu Hause. Am Mittwoch, dem 17. April 2013, kommen die drei von einem zweitägigen Seminar in Gießen. An diesem Nachmittag scheint die Sonne, ein paar Wolken stehen am Himmel, das Thermometer zeigt mehr als 20 Grad. Die Frauen sind Kolleginnen im Direktvertrieb eines Unternehmens, das Kosmetik und Reinigungsmittel vertreibt. Sie kennen sich schon länger, kommen auch privat gut miteinander aus. Die letzten Tage drehte sich alles um ein neues Produkt, jetzt drehen sich die Gedanken der Frauen um ihre Familien. Auf die drei warten in der Nähe von Freiburg jeweils zwei Kinder, im Alter zwischen drei und elf Jahren.

Gegen 16.45 Uhr sind die Frauen auf der A5 in der Nähe von Karlsruhe. Rund 200 Kilometer Fahrt liegen bereits hinter, etwa 130 noch vor ihnen. "Ich kann es kaum erwarten, wieder daheim zu sein", sagt die 31-jährige Melanie Augustin, die am Steuer ihres blauen Renault Grand Sc«nic sitzt. Im Radio läuft Popmusik. "Obwohl dort bestimmt jede Menge Arbeit auf uns wartet", bemerkt Alexandra Danneger, 43, auf der Rücksitzbank und lacht. "Jedenfalls ist das bei mir immer so, wenn ich mal ein paar Tage weg bin." Bettina Zink, 31, erzählt von ihren Urlaubsplänen für den Sommer. "Hauptsache mal raus, den ganzen Stress hinter sich lassen", sagt sie und dreht die Musik ein bisschen lauter. Noch etwa eineinhalb Stunden, dann werden sie zu Hause sein.

Plötzlich scheint mit dem Navigationsgerät etwas nicht zu stimmen. "So ein Mist", schimpft Melanie, "was ist denn das jetzt? Wieso sind wir jetzt auf der A8? Warum leitet uns das blöde Navi nicht nach Freiburg?"

Tatsächlich fahren die drei nun nach Osten anstatt nach Süden. Bettina schaut kurz auf ihrem Smartphone nach. "Ist doch nicht schlimm", sagt sie. "Dreh einfach an der nächsten Ausfahrt um." Bis zur nächsten Ausfahrt bei Karlsbad sind es einige Kilometer, und es geht fast die ganze Zeit bergauf. Aber schließlich kann Melanie doch wenden.

Auf der A8 zurück in Richtung Karlsruhe herrscht dichter, aber flüssiger Verkehr. Im Wagen hinter den drei Frauen fährt jetzt Wilhelm Dirkmann in seinem BMW. Auch er ist zufällig auf dieser Strecke. Der 45-jährige Softwareberater war bei einem Kunden in Pforzheim und wollte eigentlich über die Landstraße zurück zum Firmensitz bei Karlsruhe fahren. Dann entschied er sich aber doch für die Autobahn. Vor Dirkmann liegt die lange Gefällstrecke des Wol-fartsweierer Hangs, als die 17-Uhr-Nachrichten im Radio laufen.

Melanie Augustin sieht, dass einige der Autos vor ihr bremsen. Sicherheitshalber tippt auch sie die Bremse an, aber es passiert – nichts. Sie steigt heftiger auf die Bremse, aber es passiert – wieder nichts. Hektisch tritt sie die Kupplung – auch die versagt. "Mely, was ist los?", fragt Bettina neben ihr. In diesem Moment leuchtet auf dem Armaturenbrett die Meldung "Bremssystem ausgesetzt" auf.

"Mely, hier raucht's", ruft Alexandra von hinten. "Riecht ihr das? Da kokelt doch irgendwas!"

"Es brennt!" Bettinas Stimme überschlägt sich fast. "Hier ist Rauch! Melanie, halt an, wir müssen raus hier!" Fieberhaft öffnen die drei Frauen die Seitenfenster.

Wieder und wieder tritt Melanie auf das Bremspedal. "Es funktioniert gar nichts mehr", ruft sie, "keine Bremse, keine Kupplung, kein Gang, nichts." Das Einzige, was noch funktioniert, ist der Motor. Doch auf der abschüssigen Strecke wird der Renault immer schneller. "Was soll ich denn jetzt tun?", fragt Melanie verzweifelt.

Wilhelm Dirkmann sieht, dass aus dem Auto vor ihm Flüssigkeit auf die Fahrbahn tropft. Er schaut genauer hin. Tatsächlich, die Flüssigkeit brennt. Zunächst sind es nur Tropfen, ein paar Meter weiter schon Pfützen, die auf dem Asphalt lodern. "Das ist Benzin", schießt es ihm durch den Kopf. Er sieht, dass sich der Unterboden vom Heck des Renaults entzündet und der gesamte Innenraum mit schwarzem Rauch füllt.

Sein erster Gedanke: "Mit pünktlich heimkommen wird es heute nichts."

Der Rauch im Renault brennt in den Augen und Kehlen der drei Frauen – und er wird immer dichter. Es stinkt nach schmelzendem Plastik. "Es wird immer heißer", keucht Alexandra. "Ich kann hier nicht sitzen bleiben."

"Dann rutsch rüber", ruft Bettina ihr zu. Fieberhaft befreit sich Alexandra von ihrem Sicherheitsgurt, rutscht auf die linke Seite. Weg, nur weg von der sengenden Hitze ihres Sitzes. Luft zu holen wird zur Qual. Melanie hält das Lenkrad fest im Griff, auch wenn der Rauch jetzt schon so dicht ist, dass sie die Fahrbahn vor sich nicht mehr sieht. Sie kämpft gegen die Panik, die in ihr aufsteigen will: "Jetzt bloß nicht den Kopf verlieren. Denk an deine Kinder!"

"Melanie, mach doch was!", kreischt Alexandra. Der beißende Rauch zwingt alle drei, die Köpfe aus den Fenstern zu stecken. Der Fahrtwind reißt an ihren Haaren, zerrt an ihren Gesichtern. Egal – alles ist besser, als zu ersticken. "Soll ich versuchen, das Auto an der Leitplanke zu stoppen?", fragt Melanie dreimal – und bekommt keine Antwort. Sie verwirft die Idee. Dann hätte ihre Beifahrerin keine Chance auszusteigen – Bettina säße in der Falle.

Mehrere Fahrzeuge überholen den rauchenden Renault, einige hupen. Aus einigen heraus filmen Beifahrer die dramatische Szene mit ihren Handys. Wilhelm Dirkmann bleibt hinter dem Wagen, sieht, wie drei Menschen ihre Köpfe aus den Seitenfenstern recken. "Die können nicht anhalten", wird ihm plötzlich klar. "Die können nicht mal das Tempo drosseln."

Er weiß: Die Autobahn vor ihm führt noch mehrere Hundert Meter bergab. Seit Dirkmann das tropfende, brennende Benzin bemerkt hat, sind vielleicht zwölf Sekunden vergangen, höchstens 15. Sekunden, in denen sich die Situation vor ihm dramatisch zugespitzt hat. Ihm ist klar: "Ich muss handeln. Jetzt. Sofort."

Wieder und wieder tritt Melanie auf die Bremse, wieder und wieder ohne Wirkung. Auf der abschüssigen Strecke wird ihr Wagen immer schneller, der Rauch noch dichter. Den Frauen ist klar: Irgendwo im Auto muss es brennen, auch wenn sie die Flammen nicht sehen. Die größte Hitze herrscht hinten rechts. Genau dort, wo in ihrem Renault der Benzintank sitzt.

"Sollen wir rausspringen?", fragt Melanie sich. Sie öffnet die Tür, blickt hinunter auf den Asphalt und weiß: "Das geht nicht. Wir sind viel zu schnell." Auf der linken Fahrspur rauschen immer wieder andere Fahrzeuge an ihnen vorbei. Dann sieht Melanie, wie sich ein BMW an ihnen vorbeischiebt und vor ihrem Renault wieder einschert. "Was macht der denn?", ruft Bettina. "Geh da weg!", schreit Melanie. "Unsere Bremsen funktionieren nicht!"

Wilhelm Dirkmann hat nur einen Gedanken: "Ich muss dieses Auto anhalten, sonst haben die Menschen darin keine Chance. Ein brennendes, schneller werdendes Auto ist eine Todesfalle." Jetzt muss er sich auf seine Intuition verlassen und auf das Adrenalin, das durch seinen Körper strömt.

Dann ist er mit seinem BMW direkt vor dem brennenden Renault, der eine Geschwindigkeit von etwa 80, 90 Stundenkilometer hat. Dirkmann bremst. Zunächst ganz vorsichtig. Lässt er den Wagen hinter sich zu heftig aufprallen, könnte brennendes Benzin Richtung Rücksitzbank schwappen. Vielleicht hat er so etwas einmal im Kino gesehen, vielleicht hat er darüber gelesen – Dirkmann weiß nicht, warum er dieses Szenario im Kopf hat. Sein Blick wechselt unablässig zwischen der vor ihm liegenden Fahrbahn und dem Rückspiegel. "Hoffentlich geht das gut", denkt er. Der Renault kommt näher. Noch fünf Meter, dann drei, zwei, eins. Jetzt!

Mit ihrer rechten Hand umklammert Melanie das Lenkrad. So fest, dass die Knöchel weiß hervortreten. Sie kann den Tacho nicht sehen, weiß nicht, wie schnell ihr Auto inzwischen ist. Gleich werden sie auf den BMW auffahren. Den Kopf aus dem Fenster gestreckt, ringt sie nach Luft. Das Bild ihrer beiden Töchter taucht plötzlich vor ihren Augen auf, im selben Moment wieder verdrängt vom beißenden Rauch.

Wilhelm Dirkmann spürt nur einen sanften Stoß, als der Renault auffährt. Sofort tritt er kräftiger aufs Bremspedal, dann so fest, dass beide Autos nach wenigen Metern zum Stehen kommen. Dirkmann springt aus seinem BMW, rennt nach hinten. Aus dem Renault quillt Rauch. "Raus aus dem Auto", brüllt er. "Klettern Sie sofort über die Leitplanke und laufen Sie weit weg! ... Wie viele sind Sie?"

Die Frauen fallen förmlich aus dem Renault. Alexandra steigt sofort über die Leitplanke. Melanie und Bettina greifen noch das Gepäck. Wilhelm Dirkmann treibt sie zur Eile. Weg, nur weg jetzt von den Autos. Er steigt als Letzter über die Leitplanke, gerade als meterhohe Flammen aus dem Renault schlagen. Die drei Frauen sinken ins Gras, nach Atem ringend, schockiert. Vor ihren Augen brennt der Renault aus. Dirkmann kniet neben ihnen, blickt in kreidebleiche Gesichter. "Sie sind in Sicherheit, es kann Ihnen jetzt nichts mehr passieren", sagt er wieder und wieder. Die Frauen sind so blass, dass er befürchtet, sie könnten ohnmächtig werden.

Als Feuerwehr und Polizei eintreffen, können die professionellen Retter zunächst kaum glauben, was hier ge-rade passiert ist. Dann aber sind sie von Dirkmanns Geistesgegenwart und Mut schwer beeindruckt.

Bis heute ist nicht klar, was genau das Feuer in Melanie Augustins neun Jahre altem Renault ausgelöst hat. Bereits am Tag nach Dirkmanns spektakulärem Rettungseinsatz zeichnet der Karlsruher Polizeivizepräsident Roland Lay ihn aus. "Ohne Ihr entschlossenes, mutiges Handeln wären diese drei Frauen mit Sicherheit einen grausamen Verbrennungstod gestorben, drei Familien hätten ihre Mütter verloren", erklärt er bei der Verleihung einer ehrenden Urkunde. "Das war vorbildlich."

Dirkmann findet seine Hilfe gar nicht so heldenhaft. "Wenn es bei dieser Geschichte überhaupt um mich geht, dann nur darum, dass ich mein Handeln als Appell gegen die Gleichgültigkeit verstanden wissen möchte, die immer mehr um sich greift", sagt er. "Dort, wo es unangenehm werden könnte, schauen viele weg oder machen Handyfotos. Dabei sind Hilfsbereitschaft und Zivilcourage doch die Werte, die man von Eltern und Schule vermittelt bekommen sollte."

Melanie Augustin und ihren Kolleginnen fehlen bis heute die Worte, mit denen sie ihre Dankbarkeit angemessen ausdrücken könnten. Als die drei Frauen Wilhelm Dirkmann nach jenem Tag zum ersten Mal wiedersehen, umarmen sie ihn einfach nur. Und weinen vor Glück. Alle drei denken dabei an ihre Kinder. Sechs Kinder, die nur dank Wilhelm Dirkmann noch Mütter haben.


 

RD Abbinder
RD Abbinder
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