Klassiker: Die Kinder von Bern
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70 Jahre Reader's Digest Spannung

Klassiker: Die Kinder von Bern

Als Deutschland 1954 Weltmeister wird, sehen viele Jungs ihre Väter zum ersten Mal weinen...

Autor: Torsten Körner

Es kann nur noch ein Nachspielen von einer Minute sein. Deutschland führt 3:2 im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Aber es droht Gefahr – die Ungarn auf dem rechten Flügel – jetzt hat Fritz Walter den Ball über die Außenlinie ins Aus geschlagen. Wer will ihm das verdenken? Die Ungarn erhalten einen Einwurf zugesprochen – der ist ausgeführt – kommt zu Bozsik – Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!!! – schlägt Ungarn mit 3:2 Toren im Finale in Bern.“

Als Herbert Zimmermann seine Rundfunkreportage vom Endspiel der Fußballweltmeisterschaft am 4. Juli 1954 beendet, bricht in Deutschland ein Freudentaumel los. Menschenmassen feiern auf den Straßen. Wildfremde liegen sich in den Armen, Tränen in den Augen.

Detlef Taubert, heute Journalist im Ruhestand, damals gerade neun Jahre alt, erinnert sich noch lebhaft. „Ich bin im Ruhrgebiet, in Hüls, aufgewachsen. Wir gingen damals täglich pöhlen, so heißt Fußballspielen im Pott. Wir pöhlten also ganz in der Nähe der Zeche Auguste Viktoria, Straße gegen Straße. Auf die Erde geworfene Taschen oder Jacken waren die Pfosten. Natürlich gab es um diese imaginären Pfosten immer einen Riesenstreit. War der Ball drin oder nicht?“, erzählt Taubert, dessen Vater als Steiger im Bergbau arbeitete. „Das Endspiel habe ich am Radio verfolgt. Einer der Jungen aus unserer Straßenmannschaft hatte alle zu sich nach Hause eingeladen. Sein Vater war Bergwerksdirektor auf der Zeche Viktoria, und da stand ein wunderbar neues, großes Radio im Wohnzimmer. Wir saßen also in dem geräumigen Wohnzimmer, mindestens 20 Leute, die Jungen und auch viele Eltern. Als die Ungarn mit 2:0 führten, gingen einige enttäuscht hinaus. Beim Anschlusstreffer durch Max Morlock zum 1:2 war der Jubel noch sehr verhalten, aber als Helmut Rahn das 2:2 erzielte, gab es ein großes Gebrüll, und diejenigen, die weggegangen waren, kamen zurück. Tohuwabohu brach aus, als es 3:2 für Deutschland stand – ebenfalls durch Rahn –, und nachdem das Spiel abgepfiffen worden war, liefen wir in den Garten und tanzten vor Glück.“

Neue, (legitime) deutsche Idole: Die Helden von Bern

Neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren in Deutschland Idole rar, die Glorifizierung von Persönlichkeiten suspekt. Mit den Siegern von Bern aber konnte man sich identifizieren. „Wir Jungen spielten das Endspiel genauso nach, wie wir es gehört hatten und wie wir es uns in der Fantasie vorstellten“, erinnert sich Taubert. „Vor der Weltmeisterschaft war Fritz Walter unser Held, jeder wollte der Fritz sein. Nach dem Finale aber wollten plötzlich alle den Helmut Rahn, den ‚Boss‘, spielen, denn der hatte ja die entscheidenden Tore erzielt, und er war ziemlich lässig für die damalige Zeit.“

Die „Helden von Bern“ waren noch keine unnahbaren, von Leibwächtern abgeschirmte Stars. Jürgen Leinemann, Jahrgang 1937, denkt zurück: „1952 fuhren wir von der Schule aus in ein Sommerlager nach Borkum. Auf der Fähre alberte eine ungeheuer fidele Männertruppe herum. Die fielen uns nur auf, weil sie so lustig und ausgelassen waren. Plötzlich sagte ausgerechnet ein Mädchen: ‚Das ist doch der 1. FC Kaiserslautern! Da ist der Fritz Walter, und da ist Ottmar Walter und Liebrich, Kohlmeyer und Wanger.‘ Wir Jungs hatten die alle nicht erkannt. Aber dann ging der große Run los. Wir ließen uns mit denen fotografieren, und mein größter Stolz ist ein Foto, auf dem Fritz Walter mir fast den Arm um die Schulter legt.“

So erlebten deutsche Kinder die WM von '54

Die Weltmeisterschaft 1954 verfolgte Leinemann, der heute als Buchautor und Journalist arbeitet, ebenfalls auf Borkum. „Ich stand auf der Kurpromenade mit hunderten von Menschen, die Promenade war schwarz vor Leuten. Aus den Lautsprechern, aus denen sonst immer das Kurkonzert kam, schepperte jetzt Herbert Zimmermanns ‚Tor, Tor, Tor‘ und ‚Toni, du bist ein Fußballgott!‘“

Dem Endspiel mit Toni Turek im deutschen Tor lauschte Leinemann in illustrer Gesellschaft: „Um mich herum stand die Meister-Mannschaft von Hannover 96, die ja in diesem Jahr ausgerechnet den 1. FC Kaiserslautern im Endspiel mit 5:1 abgezogen hatte.

Unmittelbar vor mir war Fiffi Kronsbein, damals der Trainer von Hannover 96, dann Heinz „Erdkunde“ Wewetzer und noch ein paar Helden. Als das Spiel zu Ende war, habe ich laut gesagt: ‚Das ist genauso eine große Überraschung wie die Deutsche Meisterschaft von Hannover 96.‘ Alle drehten sich empört zu mir um. Ich fühlte mich sehr unbehaglich.“ Richtig unangenehm war, was danach kam. „Alle sangen ‚Deutschland, Deutschland über alles!‘, die erste Strophe des Deutschlandliedes. Mir lief es kalt über den Rücken, ich war hin und her gerissen, emotional sehr bewegt, fand aber auch, das dürfte nicht sein, weil die erste Strophe ja eine Erinnerung an die Nazizeit war“, sagt Leinemann. „Ich hatte das Gefühl, gleich kommt das Horst-Wessel-Lied hinterher. Das kannte ich noch, weil wir es als Kinder gesungen hatten. Und so viel hatte ich mit 17 schon gelernt: Nationalismus wollte ich nicht mehr haben und Nationalsozialismus schon gar nicht.“

Dass der Weltmeistertitel für viele Deutsche mehr als ein sportlicher Erfolg war, spürten jüngere Kinder zwar, wirklich verstehen konnten sie es nicht. „Wir haben darauf geachtet, wie die Tore fielen, für nationale Aufwallungen haben wir keine Antennen gehabt“, bemerkt Detlef Taubert.

Fußball-Weltmeister: Selbst die Väter zeigen Gefühle

Selbst für diejenigen, die zu jung waren, um sich wirklich für Tore zu interessieren, bildet die Weltmeisterschaft 1954 häufig eine der ersten einprägsamen Erinnerungen. Denn viele sahen damals zum ersten Mal, wie ihre sonst so verschlossenen Väter Gefühle zeigten.

„Mein Vater war ein vornehmer alter Offizier und arbeitete nach dem Krieg als Antiquitätenhändler. Mit Fußball hatte er überhaupt nichts am Hut. Fußball hieß bei ihm nur despektierlich ‚Schienbein 05‘“, erinnert sich Götz von Fromberg, heute Rechtsanwalt und Präsident des Bundesligisten Hannover 96. „Es gab nur ein Erlebnis, das meinen Vater mit dem Fußball verband, und das war die Weltmeisterschaft 1954. Ich habe das Finale in einer Eckkneipe in Kleefeld, einem Stadtteil von Hannover, miterlebt. Ich war gerade fünf Jahre alt. Kleefeld hatte ein Arbeiterviertel, und hier wuchs ich auf. Natürlich habe ich die Bedeutung dieses Spiels damals noch nicht verstanden, aber dass da was Großes passiert, bekam ich schon mit. Die Kneipe war voll, kein freier Platz, und ich saß auf den Schultern meines Vaters. Ich durfte Sinalco trinken, es gab Bockwurst mit Kartoffelsalat. Es war fantastisch.

„Als das Spiel aus war, haben alle geheult.“

Ich sehe noch den alten Fernseher, ein klobiger Kasten, wie der oben auf einem Holzbrett steht. Im Fernsehen wurde das Spiel von Bernhard Ernst kommentiert, aber in der Kneipe hatten sie den Ton ausgeschaltet und dafür den Radiokommentar von Herbert Zimmermann laut aufgedreht. Es war eine wahnsinnige Stimmung, und als das Spiel aus war, haben alle geheult. Und weil ich nicht wusste, warum jetzt alle heulen, fing ich auch an zu heulen.“

Die Weltmeisterschaft im Fernsehen zu verfolgen war damals etwas Besonderes. Die meisten Kinder und Jugendlichen erlebten das Endspiel am Radiogerät, denn vor der WM waren in der Bundesrepublik lediglich 27.592 Fernsehteilnehmer gemeldet.

„Ich erinnere mich genau an mein erstes Fernseherlebnis“, erzählt Detlef Taubert. „Das war die schreckliche 3:8-Niederlage unserer Mannschaft gegen die Ungarn in der Vorrunde. Radio Fels, das einzige Radio- und Fernsehgeschäft weit und breit, zeigte die WM-Spiele. Das Gerät stand im Schaufenster, und die Straße war eigens abgesperrt worden, obwohl da ohnehin kaum Autos fuhren. Für mich war der Apparat noch ein Wunderkasten. Hunderte drängelten sich um den besten Platz, und ich war ganz vorne und starrte nach oben, weil der Fernseher erhöht stand, damit die hinten auch noch was sehen konnten. Ich stand da wirklich zwei Stunden, immer den Kopf in den Nacken gelegt. Und als ich nach Hause ging, war mein Nacken total steif. Meine Mutter hat mir erst mal Umschläge mit essig­saurer Tonerde gemacht.“

Die WM gab dem – zumindest in Deutschland – noch jungen Medium Fernsehen mächtig Auftrieb: Nach dem Turnier standen 40 980 Apparate in den guten Stuben der Republik.

Auch Dieter Seidelmann aus Braunschweig, damals zwölf Jahre alt, sah das Finale auf der Mattscheibe. „Die meisten Spiele der Weltmeisterschaft habe ich am Radio verfolgt. Ich spielte den Reporter und kommentierte vor Aufregung die Spiele selbst mit. Meine Mutter musste mich beruhigen, so aufgedreht war ich“, erinnert sich der Chemiker. „Das Finale habe ich sogar in einer Kneipe im Fernsehen gesehen. Man musste sich vorher anmelden, dann wurden Stuhlreihen aufgestellt. Ich erinnere mich vor allem an Männer und Jungen, Frauen waren kaum in dem überfüllten Gastraum. Als die Tore der Ungarn fielen, herrschte zunächst eisiges Schweigen, dann jedoch war die Hölle los, als die Deutschen in Führung gingen.“ Noch heute ist Seidelmann ein glühender Fan von Eintracht Braunschweig. Sogar als er 1968 heiratete, achtete er darauf, dass der Termin auf einen Samstag fiel, an dem kein Heimspiel stattfand. Die Fußballbegeisterung hat er vom Vater geerbt.

„Mein Vater nahm mich zu Heimspielen von Rot-Weiß Braunschweig mit. Im Krieg war er mit Leib und Seele Soldat gewesen, später wurde er Kaufmann“, erzählt Seidelmann. „Er war sehr stolz auf den Gewinn des Weltmeistertitels und ist auch in späteren Jahren immer aufgestanden, wenn die Nationalhymne gespielt wurde. Ich selbst war Straßenfußballer. Wir spielten entweder auf einem großen Mohrrübenfeld oder bei uns zu Hause auf dem Hof. Dass wir da spielen durften, war schon etwas Besonderes, denn nicht überall konnte man so ungestört bolzen.“

Freude über den WM-Titel auch in der DDR

Ein paar Ecken weiter kickte auch der junge Stefan Brandt. „Wir waren als Flüchtlinge von Schlesien nach Braunschweig gekommen. Ich war elf Jahre alt und ein leidenschaftlicher Straßenfußballer. Meine Eltern waren allerdings nicht fußballbegeistert, und meine Mutter meinte, Fußball sei ein Proletensport“, erinnert sich der Anwalt. „Vor dem Endspiel waren wir pessimistisch, denn Deutschland galt gegen Ungarn als krasser Außenseiter. „Ich hörte das Finale zu Hause am Radio und war unglaublich aufgeregt. Ich war so nervös, dass ich aufsprang und hinausrannte, um mir beim Kolonialwarenhändler ein Eis zu kaufen. Die Straßen waren leer, und plötzlich erklang ein lautes Gebrüll. In dem Laden stand auch ein Radio, und als ich mir ein Eis kaufte, hatten die Deutschen gerade ein Tor geschossen. Ich ging gar nicht mehr nach Hause, sondern blieb bis zum Schlusspfiff. Anschließend fühlte ich mich sehr, sehr groß.“

Freude und Begeisterung über den WM-Titel machten selbst an der deutsch-deutschen Grenze nicht Halt. „Ich war damals 17 Jahre alt und gerade dabei, meine Lehre als Maschinenschlosser zu beenden. Ich besuchte wie jedes Wochenende meine Eltern in Gützkow in Mecklenburg, und meine Lehrstelle war in Greifswald“, erzählt Siegfried Marzian, der heute als Rentner in Duisburg lebt. „Ausgerechnet am Sonntagnachmittag, als das Endspiel lief, musste ich mit dem Bus zurück nach Greifswald. Der Bus hielt leider an jeder Milchkanne.

Je näher wir der Stadt kamen, desto lauter hörte ich Schreie und Jubeln. Man hatte da große Lautsprecher aufgestellt, um die Reportage des Spiels öffentlich zu übertragen. Eine große Menschenmenge hatte sich auf dem Marktplatz versammelt. Als ich endlich in Greifswald ankam, war das Spiel vorbei. Die DDR-Presse hatte viel Werbung für die Ungarn gemacht – das war ja das sozialistische Brudervolk –, deshalb kannten wir die Aufstellung der Ungarn besser als die der deutschen Mannschaft. Trotzdem war uns klar, dass der Fuchs Herberger mit der 3:8-Niederlage gegen die Ungarn in der Vorrunde einen genialen Schachzug gemacht hatte“, erinnert sich Marzian, der sich auch in diesem Jahr keines der Weltmeisterschaftsspiele entgehen lassen wird. „Abends nach dem Endspiel haben wir Lehrlinge gefeiert, sehr viel Bier ist geflossen. Ich habe den Sieg damals als gesamtdeutschen Erfolg empfunden.“

 

Rückblick: Der 4. Juli 1954

Im Berner Wankdorf-Stadion gewinnt die deutsche Elf um Spielführer Fritz Walter das Finale der Fußball-WM mit 3:2 gegen die hoch favorisierten Ungarn, die seit mehr als vier Jahren kein Spiel mehr verloren hatten. Der Überraschungserfolg wurde nicht zuletzt Trainer Sepp Herberger und seiner Taktik zugeschrieben: Im Vorrundenspiel gegen Ungarn, in dem Deutschland mit 3:8 unterlag, behielt er seine besten Spieler auf der Bank, um dann im Endspiel mit einer stärkeren Mannschaft anzutreten. „Das Wunder von Bern“ wurde in den folgenden Jahrzehnten immer mehr zu einem „nationalen Gründungsakt“ stilisiert. Als 2003 Sönke Wortmanns Film „Das Wunder von Bern“ in die Kinos kam, waren die Spieler von damals längst zu mythischen Helden geworden. Heute leben noch drei von ihnen: Hans Schäfer, Horst Eckel und Ottmar Walter. Anmerkung der Redaktion: Ottmar Walter verstarb 2013, Hans Schäfer 2017

 

 

 

 

 


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