Lilly die Retterin
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Lilly die Retterin

Eine Pitbull-Hündin aus dem Tierheim stellt das Leben von David Lanteigne auf den Kopf.

Ausgabe: August 2014 Autor: Anita Bartholomew

Als der Polizist David Lanteigne im März 2009 an die Tür des Bostoner Tierschutzvereins klopft, möchte er nur mit einigen der Hunde spazierengehen und ein paar schöne Stunden mit ihnen verbringen.

In einem der hinteren Zwinger fällt dem Polizisten ein fünf Jahre altes Pitbullweibchen namens Lilly auf. Er kniet sich neben ihr nieder, um Hallo zu sagen. "Sie hatte die schönsten Augen der Welt", erinnert sich der heute 30-Jährige. Als er die Hand durchs Gitter streckt, um ihr das braune Fell zu kraulen, presst die Hündin ihren Hals sehnsüchtig gegen die Stäbe.

Mehrere Narben an ihrem Kopf lassen vermuten, dass sie misshandelt wurde. Das bisschen Zuwendung, das er ihr gibt, nimmt sie mit solcher Dankbarkeit an, dass es ihm schwerfällt, sie zurückzulassen.

Beim Aufstehen denkt er an seine Mutter Christine Spain, die wie Lilly liebesbedürftig ist. Sie ist Alkoholikerin und kämpft, seit sie erwachsen ist, mit psychischen Problemen. Sie hat alles verloren – auch ihre Kinder. Von seinem sechsten Lebensjahr an wuchs David mit seiner Schwester bei den Großeltern auf.

Er hat seine Mutter in all den Jahren nie aufgegeben. Mit seinem Fahrrad fuhr er sie regelmäßig besuchen. Solche Momente des Glücks ließen ihn andere Begebenheiten vergessen, als er sie bewusstlos zwischen leeren Bierdosen auf dem Küchenfußboden liegend gefunden hatte.

Doch nun ist er froh, dass seine Mutter seit gut zwei Jahren nicht mehr trinkt. Wegen ihrer Angst und der Depressionen lebt sie aber sehr zurückgezogen. "Mit einem Hund würde sie unter Leute gehen, und Lilly wäre ebenfalls geholfen", denkt Lanteigne.

Also nimmt er seine Mutter eine Woche später mit ins Tierheim. Auch sie verliebt sich sofort in den Hund und nimmt ihn mit nach Hause. Wenn er freihat, holt der Polizist Lilly zu sich, damit sie mit seiner Hündin Penny – ihrer neuen besten Freundin – spielen und herumtollen kann. Die meiste Zeit aber ist Lilly bei seiner Mutter, die in der 80 Kilometer entfernten Stadt Shirley wohnt.

Lanteigne hatte richtig vermutet: Die beiden tun einander gut. Seine Mutter kümmert sich rührend um Lilly, nimmt sie überall hin mit, kocht für sie und schmust jeden Abend mit ihr. Sie traut sich sogar ein wenig aus ihrem Schneckenhaus heraus und unterhält sich mit Leuten, die ihr beim Gassigehen begegnen. Alles scheint sich zum Guten zu wenden.

Am 3. Mai 2012 beginnt Lanteigne um Mitternacht seine Schicht mit einer Runde durch Mattapan, ein berüchtigtes Viertel von Boston. Nach sechs Jahren im Polizeidienst ist er mit allen Wassern gewaschen und seiner Meinung nach nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Doch auf die SMS seines Freundes ist er nicht vorbereitet, der an jenem Abend in Shirley als Rettungsassistent im Einsatz ist.

"Deine Mutter wäre eben beinahe vom Zug überrollt worden", schreibt sein Kumpel. "Sie hatte Glück und ist wohlauf, aber der Hund, der sie begleitet hat, scheint eine Pfote verloren zu haben, der Arme."

Nach einem kurzen Anruf bei der örtlichen Polizei kennt Lanteigne den Unfallhergang. Bei der Durchfahrt durch den Bahnhof von Shirley hatte der Lokführer eines Güterzugs eine Frau bewusstlos auf den Gleisen liegen sehen. Bei der Frau befand sich ein brauner Hund, der verzweifelt versuchte, sie von den Schienen zu zerren. Mit kreischenden Bremsen kam der Stahlkoloss zum Stehen, doch kurz davor hörte der Lokführer einen dumpfen Schlag. Das Schlimmste befürchtend, war er sofort zu der Stelle des Aufpralls zurückgeeilt.

Irgendwie war es Lilly gelungen, Lanteignes Mutter gerade noch rechtzeitig von den Gleisen zu ziehen. Die Polizei hatte Spain anschließend verhaftet – sie war noch immer benommen vom Alkohol. Lilly hatte man zu einem Notfall-Tierarzt gebracht.

Lanteigne fährt umgehend nach Shirley. Während der Fahrt kämpft er gegen seine Tränen an. Er ist wütend auf seine Mutter und macht sich Vorwürfe, Lilly in ihrer Obhut gelassen zu haben.

In Shirley angekommen, sieht er Lilly im Auto des Tierbeauftragten liegen. Blutüberströmt wedelt sie mit dem Schwanz, als sie seine Anwesenheit bemerkt. Lanteigne hebt sie hoch, wobei sich der Verband von ihrem verstümmelten Bein löst. Dann legt er sie behutsam auf die Rückbank seines Geländewagens und rast zurück nach Boston.

Die Ärzte in der Angell-Tierklinik erklären ihm, dass bei Lillys rechter Vorderpfote Haut, Muskel und Bindegewebe abgerissen wurden. Unter Umständen könnte ihr Bein jedoch gerettet werden – Röntgenaufnahmen sollen Gewissheit bringen.

Lilly kommt auf die Intensivstation. Lanteigne beantragt bei der Klinik einen Kredit über umgerechnet 3000 Euro – so viel kostet die Amputation. Um den Kredit zurückzahlen zu können, wird er Überstunden machen müssen. Nachdem er den Papierkram erledigt hat, darf er zu ihr. Sie ist an Geräte und Schläuche angeschlossen und fiept vor Schmerzen – trotz der verabreichten Betäubungsmittel. Zumindest ist ihr Zustand stabil, und seine Gegenwart scheint sie zu beruhigen.

Während die Stadt allmählich zu neuem Leben erwacht, wird es für ihn Zeit zu gehen. Lanteigne fährt nur kurz nach Hause, um zu duschen, bevor er sich zur nächsten Schicht meldet. Er ist noch keine Stunde im Dienst, als die Tierklinik anruft. Lillys rechter Vorderlauf kann nicht erhalten werden. Sorgen bereitet den Ärzten ihre Hinterhand. Mehrere Frakturen an der linken Hüfte und im Bereich des Beckens machen eine größere Operation notwendig.

Zuerst muss Lilly aber die Amputation überstehen. Würde sie durchkommen, wollten die Ärzte sie ein, zwei Tage später an der Hinterhand operieren. Lanteignes Hoffnung schwindet. Ob Lilly jemals wieder laufen wird, können die Ärzte nicht sagen. Ist es fair, sie weiteren Qualen auszusetzen? Was wäre, wenn ihr am Ende nur ein gesundes Bein blieb? Einerseits will er Lilly weiteres Leid ersparen, andererseits hatte sie es bereits so weit geschafft. Das sollte nicht umsonst gewesen sein.

Am nächsten Morgen wird Lillys rechter Vorderlauf einschließlich ihrer Schulter amputiert. Lillys Anblick nach der Operation ist schrecklich: sie ist kahl rasiert, ihr Körper übersät mit blauen Flecken, in dem Schläuche und Kanülen stecken, und einer Naht an der Stelle, wo ihr Bein gewesen ist. "Sie sah aus wie Frankenstein", sagt David Lanteigne.

Am 5. Mai operieren die Ärzte Lillys Hüfte und Becken. Der obere Teil des Hüftgelenks ist derart beschädigt, dass auch dieser entfernt werden muss. Unterdessen macht die Nachricht von der heldenhaften Hündin, die ihre Besitzerin von den Schienen rettete, in der Tierklinik die Runde. Der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit, Rob Halpin, ermuntert Lanteigne, Lillys Geschichte der Presse anzubieten. Das würde das schlechte Image verbessern, das Pitbulls anhaftet, so Halpin.

Nachdem Lillys Heldentat durch die Lokalpresse gegangen ist, melden sich Journalisten aus aller Welt. Halpin richtet daraufhin einen Fonds für Lilly ein. Innerhalb von vier Tagen werden 60 000 Euro gespendet, mehr als genug, um Lillys Klinikaufenthalt und die Kosten für die Krankengymnastik zu bezahlen. Die Klinikleitung entscheidet, den Restbetrag anderen kranken Tieren zugutekommen zu lassen, deren Halter sich eine Behandlung nicht leisten können.

Eine gute Woche nach dem Unfall darf Lilly nach Hause. Sie kann zwar noch nicht stehen, bewegt aber schon wieder ein wenig die Hinterbeine, was die Ärzte als gutes Zeichen werten.

Daheim ist Lilly auf fremde Hilfe angewiesen und muss rund um die Uhr betreut werden. Christine Spain, die sich vorgenommen hat, endgültig vom Alkohol loszukommen, zieht bei ihrem Sohn ein. Gewissenhaft sorgt sie dafür, dass Lilly ihre Medikamente – Antibiotika, Schmerzmittel, Entzündungshemmer – regelmäßig einnimmt. Da die Hündin sich nicht selbstständig bewegen kann und Spain nicht will, dass sie allein schläft, kuschelt sie sich nachts neben die Hündin auf den Fußboden.

Obwohl sie nie darüber sprechen, was in jener Nacht auf den Bahngleisen passiert ist, weiß Lanteigne, dass seine Mutter Lilly ihre "kleine Retterin" nennt. Und die Hingabe, mit der sie sich ihrer angenommen hat, sagt mehr als tausend Worte.

Spains Fürsorge wird nicht genügen, wenn Lilly nicht mithilfe der Physiotherapie wieder laufen lernt. Beim zweiten Termin geht es für Lilly auf das Unterwasserlaufband. Durch den Auftrieb gelingt es der Pitbullhündin für einen Moment, aus eigener Kraft zu stehen und zu laufen. Außerhalb des Wassers dagegen ist Lilly nach wie vor unbeweglich. Sie kann ihr eigenes Gewicht mit ihren verbliebenen drei Beinen nicht tragen.

Christine Spain unterstützt Lilly eifrig bei den Übungen. Gemeinsam lernen Mutter und Sohn, mit ihr "Gassi zu gehen": Einer vorn, der andere hinten, führen sie Lilly an einem speziellen Dreibeiner-Geschirr spazieren.

An einem sonnigen Juninachmittag ist der Polizist mit beiden Hunden in einem Park im Zentrum von Boston. Lilly liegt faul im Gras und Penny spielt in der Nähe, als plötzliche eine Frau stehenbleibt und zu ihnen herübersieht. Offenbar hat sie Lilly aus dem Fernsehen oder der Zeitung wiedererkannt.

Mit einem warmen und einladenden Lächeln läuft die Frau auf sie zu, dann breitet sie ihre Arme aus und ruft: "Lilly!"

Lilly reagiert wie immer mit freudiger Erregung. Doch dann staunt der Polizist nicht schlecht, als Lilly sich auf einmal hochstemmt und auf ihren drei Beinen der Frau fünf oder sechs Schritte entgegentaumelt. Im Nu ist Lanteigne bei ihr, um sie zu stützen und davor zu bewahren, dass sie stürzt. Doch dann weicht seine Angst einer frohen Gewissheit: Alles würde gut werden. Lilly würde es schaffen und wieder laufen können.


 

RD Abbinder
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