Vater und Tochter umarmen sich lachend im Garten.
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Spannung

Mein Vater und ich

Bei einem Heimwerkerprojekt erkannte ich, dass ich weniger über ihn wusste, als ich dachte.

 

Ausgabe: November 2020 Autor: Colleen Oakley

In meiner Kindheit war mir eines über meinen Vater klar – er wusste alles. Unser Verhältnis funktionierte folgendermassen: Ich stellte ihm Fragen, und er beantwortete sie. Gibt es wirklich einen Mann im Mond? Wie funktionieren Segelboote? Was ist die höchste Punktzahl, die je bei Pac-Man erzielt wurde? In meiner Teenagerzeit brachte er mir Dinge bei, die ich beherrschen sollte, um im Alltag zu überleben. Wie man einen Wagen mit Gangschaltung fährt. Wie sich der Reifendruck am Auto überprüfen lässt (das Messgerät, das er mir vor 20 Jahren dafür gekauft hat, liegt allerdings immer noch unbenutzt in meinem Handschuhfach). Mit welchem Messer man eine Cantaloupe-Melone aufschneidet. Nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, rief ich ihn mindestens einmal pro Woche an. Meistens weil etwas in meiner Wohnung kaputtgegangen war und ich wissen wollte, wie man es repariert: die Toilette, die Klimaanlage und einmal sogar die Wand, da ich mit voller Wucht einen Schuh nach einer riesigen Spinne geworfen hatte. Doch mit der Zeit brauchte ich ihn weniger. Ich heiratete, und mein Mann wusste, was ich hinsichtlich Wasserkochern, des Reinigens der Regenrinne und der zerstörungsfreien Beseitigung von Insekten nicht wusste. Für alles andere hatten wir Google. Irgendwann beschränkten sich unsere Telefongespräche auf acht Wörter. Ich sagte: „Hallo Papa.“ Er: „Hallo Schatz. Ich geb dir Mama.“ Denn sie brauchte ich immer noch: Wie war noch mal das Rezept für deine Hühnchen-Parmigiana? Sollte ich wegen des Fiebers meiner Tochter einen Arzt rufen? Kannst du das Manuskript für mein Buch lesen?

 

Natürlich liebte ich meinen Vater

Aber manchmal fragte ich mich, ob er mir nicht schon alles beigebracht hatte, was ich wissen musste. Vielleicht hatte ich all seine Geschichten schon gehört. Wenn man einen Mann seit 40 Jahren kennt, gibt es vielleicht nichts mehr zu erzählen. Im Sommer vor zwei Jahren, während unser Haus renoviert wurde, zogen mein Mann, unsere vier Kinder und ich für drei Wochen zu meinen Eltern. Sie haben ein Haus am See, und mein Vater bat mich, ihm bei der Erneuerung der Schottwand an der Bootsanlegestelle zu helfen. Natürlich sagte ich ja – das war das Mindeste, womit ich mich für die kostenlose Unterkunft revanchieren konnte. Gleichzeitig graute mir davor, denn es war schwere, körperliche Arbeit.

Wir wurden nass und dreckig, und ich bin mir ziemlich sicher, dass aus dem Inneren des verrotteten Holzes, das wir von der alten Stützwand abhackten, ein todbringendes Bakterium freigesetzt wurde. Doch als wir die neue Schottwand zusammensetzten und mein Vater genau wusste, welches Teil wohin gehörte, sah ich ihn an. „Woher weisst du, wie man eine Schottwand baut?“ Der schwere Holzhammer, den er schwang, verharrte in der Luft. „Am College habe ich einen Sommer lang solche Mauern an der Küste von Jersey gebaut.“ „Wirklich?“ Ich hatte gedacht, ich wüsste alles über meinen Vater, über seine Gelegenheitsjobs. Ich wusste von der Apfelplantage, vom Sommer in der Meerrettichfabrik und sogar von der Anstellung als Hilfskoch in einem Bistro, wo er lernte, die besten Omeletts in der westlichen Hemisphäre zuzubereiten. Doch von den Schottwänden hatte ich noch nie gehört. „Ja. Und jetzt komm, damit ich dir zeigen kann, wie man mit dieser Kreissäge umgeht.“ Während er mir erklärte, wie wichtig es sei, das Sägeblatt nicht zu tief anzusetzen (eine Information, die ich dort ablegte, wo ich die Erklärung zur Bedienung meines Luftdruckprüfers verwahre), wurde mir klar, dass wir uns durchaus noch etwas zu sagen hatten. Vielleicht hatte ich ihm mein Leben lang nur die falschen Fragen gestellt.

 

Ein Neuanfang

Ein paar Wochen später, als meine Familie und ich in unser renoviertes Haus zurückgekehrt waren, rief ich meine Eltern an. Mein Vater war am Telefon. „Hallo Schatz“, sagte er. „Ich geb dir Mama.“ „Warte mal, Papa“, erwiderte ich. „Wie geht’s dir?“ Wir sprachen über das Beraterprojekt, an dem er gerade arbeitete, die neue Batterie, die er für sein Segelboot gekauft hatte, eine Umfinanzierung, die mein Mann und ich in Betracht zogen, um unseren Renovierungskredit zu bündeln. Nichts Weltbewegendes. Für einen unbeteiligten Zuhörer hätte es sich angehört wie ein normales Gespräch zwischen Vater und Tochter. Doch für mich war es ein Neuanfang. In der ersten Hälfte meines Lebens redete ich mit meinem Vater, weil ich seinen Rat brauchte. Jetzt unterhalte ich mich mit ihm, weil mir danach ist.

 

 


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