Ein Luchs im verschneiten Wald
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Scheue Schönheit

Meine Begegnung mit einer kanadischen Luchsdame.

Ausgabe: Dezember 2020 Autor: Megan Lorenz

Im März 2018 bekam ich einen Anruf von Freunden aus dem Norden Ontarios in Kanada: „Wir haben eine Luchsin auf unserem Grundstück.“ Ich bin Wildtierfotografin von Beruf, und sie wussten, dass mich diese Nachricht brennend interessieren würde. Ich liess alles stehen und liegen, packte meine Sachen und machte mich am nächsten Morgen um vier Uhr auf den Weg. Meine Freunde lebten nördlich der Stadt North Bay, eine knappe Tagesreise von meiner Wohnung in Toronto entfernt, aber diese einmalige Gelegenheit wollte ich mir nicht entgehen lassen. Kanadische Luchse gehören nicht zu den bedrohten Arten, sind jedoch normalerweise scheu, und man bekommt sie nur selten zu sehen. Hoffentlich würde die Luchsin noch da sein, wenn ich ankam. Seit rund 15 Jahren arbeite ich als Wildtierfotografin – und das voller Leidenschaft. Tiere, egal ob Haus- oder Wildtiere, habe ich schon immer geliebt, obwohl ich in der Stadt aufgewachsen bin. Endlich war ich da. Meine Freunde deuteten als Erstes auf eine nahe gelegene Schneewehe. Dort sass die Kanadische Luchsin und beobachtete mich aufmerksam. Offensichtlich hatte sie keine Angst. Ich dagegen traute mich kaum zu atmen, aus Furcht, ich könnte sie verjagen. Ich holte die Kamera aus dem Auto und begann, die Luchsin zu fotografieren. Sie blieb bis zur Dämmerung in der Nähe, dann verzog sie sich in den dichten Wald.

 

Ein wilder Luchs direkt vor dem Haus

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, sah ich aus dem Schlafzimmerfenster. Die Luchsin lag eingerollt im Schnee, wo sie sich eine Schlafstelle gegraben hatte. Nach ein paar Stunden verschwand sie und tauchte am Nachmittag wieder auf, um sich unter das Futterhäuschen zu setzen und auf ahnungslose Vögel und Eichhörnchen zu warten. Diesen Rhythmus behielt sie über mehrere Wochen fast täglich bei, sodass ich genügend Gelegenheiten hatte, sie zu fotografieren. Dabei gewöhnte sie sich an meine Anwesenheit. Stets hielt ich Abstand und überliess es ihr, wie nahe sie mir kommen wollte. Ich folgte ihr auch nicht in den Wald. Sie sollte sich dorthin zurückziehen können. Während der Wochen bei meinen Freunden verbrachte ich viele Stunden damit, auf einem Stuhl vor dem Haus zu sitzen und die Luchsin im Schlaf zu beobachten. Oft bestanden ihre Bewegungen nur aus einem kurzen Strecken der Gliedmassnahmen oder einem Zucken der Ohren. Mitunter konnte ich sie bei der Jagd beobachten oder wenn sie sich putzte oder durch das Gelände am Waldrand streifte. Als ich einmal von einem Spaziergang im Wald zurückkehrte, sass sie direkt hinter meinem Stuhl.

 

Die Luchsin bekommt Gesellschaft

Was ist schöner, als einen Kanadischen Luchs zu sehen? Zwei Kanadische Luchse! In jenem März sah ich auf einmal einen zweiten Luchs in der Einfahrt. Allerdings verschwand er bei meinem Anblick, offensichtlich war ich ihm nicht geheuer. Doch als ich die Luchsin am nächsten Tag beobachtete, bemerkte ich, wie sich das Gebüsch bewegte. Der zweite Luchs war wieder da. Er trat aus seiner Deckung, ging auf die Luchsin zu und beschnüffelte sie. Der Neue musste ein männlicher Luchs sein. Die Luchsin hob den Kopf, blieb aber liegen, woraufhin der Neuankömmling abzog. Von da an hörten wir, wenn sie einander riefen.

In jenem Winter fuhr ich noch oft zu meinen Freunden, und Anfang Mai sah ich die Luchsin zum letzten Mal. In der Nacht davor hatten wir das Schreien von Luchsen gehört – das ich bis dahin nur aus Videos kannte. Vermutlich war das Paar von einem weiteren männlichen Luchs vertrieben worden. Es machte mich traurig, dass ich die Luchsin jetzt nicht mehr sehen würde. Zumal ich nicht davon ausging, jemals wieder so viel Glück zu haben. Kurz nach Weihnachten bekam ich erneut eine Nachricht von meinen Freunden. Die Luchsin war zurück, deutlich früher als im letzten Winter. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Dieses Mal hielt sie sich mehr als vier Monate in dem Gebiet auf, und ich verbrachte viel Zeit bei meinen Freunden. Manchmal verschwand sie für ein paar Tage, doch fast immer sah ich sie beim Aufwachen an einer ihrer Lieblingsstellen.

Es kommt immer wieder vor, dass ein Tier sich nicht artgerecht verhält. Damit meine ich nicht die Tiere, denen man angewöhnt hat, um Futter zu betteln. Manche Tiere bauen eine besondere Bindung zu einer oder mehreren Personen auf, während andere Menschen meiden. Der Kanadische Luchs ist bekanntlich scheu und lässt sich nur selten blicken. Das Verhalten dieser Luchsin kann ich nicht erklären, aber ich bin glücklich, dass ich es erleben durfte.

 

 

 


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