„Unsere Wildgänse sind wieder da!“
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„Unsere Wildgänse sind wieder da!“

500 Kanadagänse kommen jedes Jahr zu uns – weil meine Familie einst ein verletztes Tier aufnahm.

Ausgabe: Januar 2019 Autor: Roger R. Ethier

Vor Tagesanbruch belade ich mit Jeanne, meiner Jüngsten, den Kleinlaster und fahre nach Westen in Richtung Fitchburg, einer kleinen Landgemeinde im US-Bundesstaat Massachusetts. Es ist Spätherbst, und alles ist mit Reif bedeckt. Als wir endlich auf der Farm ankommen, ist Jeanne so aufgeregt, dass sie gleich aus dem Wagen klettert. Sie läuft in den Hof, wo ihre Grossmutter bereits mit ihrer Tagesarbeit begonnen hat.

Während ich in der Morgendämmerung nach den beiden Ausschau halte, bücke ich mich und nehme einen Klumpen frisch gepflügter Erde in die Hand. Wenn man wie ich auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, muss man gelegentlich dorthin zurückkehren. Die Ruhe und die Landluft verschmelzen mit Erinnerungen, und das Herz geht mir auf. Als ich mich aufrichte, fühle ich mich schon entspannter. Hinter dem Holzgatter entdecke ich meine Tochter und meine Mutter auf dem Feld inmitten von etwa 500 Kanadagänsen, einer kleinen Schar Haushennen, einigen Zwerghühnern und drei Shetlandponys, die alle zufrieden fressen. In all den Jahren hat meine Mutter die Wildgänse gefüttert, und inzwischen wird sie von ihnen akzeptiert. Die Vögel weichen kaum aus, als sie mit Jeanne geschroteten Mais und Hafer auf den Boden streut. Die Grossmutter macht ihre Enkelin auf die langen schwarzen Hälse, die schwarzen Köpfe und Schnäbel und die weissen Flecken am Rumpf aufmerksam, und beide bewundern die Tiere.

,,Komm, ich erzähle dir etwas!“

Als die beiden auf das Gatter zugehen, höre ich meine Mutter sagen: „Sie haben alle einen schwarzen Kopf mit einem weissen Streifen an der Seite. Das heisst, dass sie etwas ganz Besonderes sind, denn diese Kennzeichnung ist selten. Zuerst wusste ich nichts über Kanadagänse. Also ging ich in die Bibliothek und erfuhr aus den Büchern, dass die Paare ihr Leben lang zusammenbleiben und immer am gleichen Platz brüten. Diese Schar kommt seit 35 Jahren hierher. Eigentlich sind die Kanadagänse hier nicht zu Hause. Die atlantische Zugroute liegt etwa 100 Kilometer weiter östlich, und dass sie da sind ist ungewöhnlich.“ Jeanne hat Fragen über Fragen. ,,Aber Oma, wie sind sie denn hierhergekommen? Warum kehren sie immer wieder zurück?“ ,,Das ist eine sehr alte Geschichte. Vielleicht will dein Vater sie dir erzählen.“ Jeanne schaut mich erwartungsvoll an. ,,Komm, wir setzen uns auf das Gatter“, sage ich. ,,Dann erzähle ich sie dir.“

Im hohen Norden, an der rauen Südwestküste von Grönland, befinden sich die Brut-und Nistplätze der kanadischen Wildgänse. Normalerweise bieten die langen Sommertage reichlich Zeit für die Aufführung des Schauspiels der Wiedergeburt des Lebens, bevor die Vögel das Gebiet erneut dem arktischen Eis überlassen. Doch im Sommer 1951 ändern die grossen wetterbestimmenden Luftströme ihren Kurs, und Stürme brausen über Grönland und die amerikanische Nordostküste hinweg. Trotz der unerwarteten Gewalt der Elemente werden in den ersten vier Wochen dieses ungestümen Sommers Hunderte kleiner Gänse ausgebrütet Die Jungen sehen anfangs gleich aus. Doch sobald ihre Federn wachsen, verändern sich die Schattierungen und unterscheiden die eine Brut von der anderen. Manche schimmern in helleren Tönen, andere in tieferen, satteren Farben. Für die Mehrzahl der jungen Vögel sind die Winde zu stark, und das Eis lastet schwer auf ihren Flügeln. Aber sie müssen fliegen lernen, denn bald sollen sie über 3000 Kilometer weit nach Süden ziehen, um dem drohenden Frost zu entkommen.

Ein Bündel im Schnee

Der arktische Frost hat schon eingesetzt, als die Gänse aufsteigen und die Küste von Labrador entlang nach Südosten ziehen, dann nach Südwesten über den St.-Lorenz-Golf, Neuschottland und die Fundybai zur Nordostküste der USA. Die meisten erreichen ihr Ziel, Kap Hatteras in Nordkarolina. Die anderen finden unterwegs den Tod. An dem Tag, als die Gänse in Richtung Süden fliegen, schneit es in Fitchburg. Es ist der erste Schnee in diesem Winter, und drei Kinder sind auf dem Heimweg von der Schule. Der 14-jährige Gene ruft seinen beiden jüngeren Geschwistern zu: ,,Beeilt euch! Der Schnee wird immer höher!“ Zu seinem Ärger sind die sechsjährige Carole und der zehnjährige Jon stehengeblieben. Dann gehen sie zu einem kleinen Schneehügel neben einer Kiefer. Behutsam heben sie etwas auf und befreien es vom Schnee. Als Gene sich ihnen nähert, dreht sich das Mädchen um, und Gene bleibt wie angewurzelt stehen: Carole trägt einen halb ausgewachsenen Ganter auf dem Arm. Die Flügel sind bräunlich getönt, die Brust ist etwas heller. Aber auf den Federn sind Blutspritzer.

Für immer am Boden

Behutsam nimmt Gene seiner Schwester den Vogel ab und tastet unter dem Flügel nach einer Verletzung. Dann bückt er sich, nimmt eine Handvoll Schnee und drückt ihn fest unter den Flügel, um die Blutung zu stillen. Er wickelt den Ganter in sein Halstuch. „Was ist mit ihm?“, fragt Carole. Sieht aus, als wäre er angeschossen worden“, antwortet Gene. ,,Wir bringen ihn nach Hause“, meint Carole. ,,Mama weiss, was man machen muss.“ Die Kinder laufen zu ihrer Mutter in die Küche des alten Farmhauses. Gene hält den Ganter, die beiden jüngeren Geschwister streicheln ihn vorsichtig. „Mama, wir haben ihn im Schnee gefunden“, erzählt Carole. ,,Er ist verletzt und bewegt sich nicht.“ „Ich sehe ihn mir mal an.“ Behutsam inspiziert sie die Wunden des Vogels. „Er ist schwach und an der Brust und an einem Flügel verletzt“, erklärt sie. ,,So, Jungs, ihr spreizt ihm den Flügel, eure Schwester und ich befestigen eine Schiene mit einem Klebeband, damit alles nicht noch schlimmer wird.‘‘ ,,Was machen wir dann mit ihm?“, fragt Jon. „Wir setzen ihn über Nacht neben dem Ofen in eine Kiste“, sagt sie. „Morgen bringe ich ihn in die Scheune zu den Hühnern. Aber ihr müsst euch klarmachen, dass er nie wieder fliegen kann. Sein Flügel ist zu sehr verletzt.“

Unangefochtener Anführer

Die Mutter und ihre Kinder legen den kraftlosen Ganter auf ein weiches Tuch in die Kiste. Als die Kinder mit den Schulaufgaben und der Hausarbeit fertig sind, hat er sich noch immer nicht gerührt. Vor dem Zubettgehen beten alle drei für ihn. Am nächsten Morgen trägt die Mutter den Ganter in die Scheune, wo sie eine Schar Legehennen, einige Zwerghühner, Stockenten und ein Hausgänsepaar im Winter einquartiert. Den ganzen ersten Tag verbringt der Ganter mit geschlossenen Augen in der Kiste. ,,In ein, zwei Tagen geht es ihm bestimmt besser, und er fängt an zu fressen“, sagt sie sich. Und tatsächlich wird das Häufchen Körner, das sie ihm hingestreut hat, immer kleiner. Die Kinder besuchen ihn, sooft sie Zeit haben, und nach knapp einer Woche hat er seine alte Kraft fast wiedergewonnen. Als es Frühling wird, watschelt der Ganter aus der Scheune, aber weit hinter der übrigen Schar. Instinktiv breitet er die Flügel aus und versucht, sie zu schlagen. Sein rechter Flügel bewegt sich kaum, und beim Laufen schleifen die Federn auf dem Boden. Von Anfang an dominiert das wilde Blut seiner Ahnen die domestizierten anderen Männchen. Nach der ersten Woche im Freien, in der die Rangordnung festgelegt wird, ist der kanadische Ganter der unangefochtene Anführer.

Ruf der Natur

Im Lauf des Sommers wird der Ganter grösser und stärker. Er schlägt mit dem gesunden Flügel und schreit den ganzen Tag. Die Mutter weiss, dass es der uralte Paarungsruf ist, glaubt jedoch, dass er die Gänse auf der 100 Kilometer weiter östlich gelegenen Zugroute nicht erreicht. An einem Herbstmorgen hat das vertraute Schreien aufgehört. Als erstes denkt die Mutter, dass dem Ganter etwas zugestossen ist. Ihr Magen zieht sich bei dem Gedanken an das streunende Hunderudel zusammen, das in der Gegend gesichtet wurde. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als die Mutter das Feld und den Verschlag erreicht, in dem die Tiere im Sommer nächtigen. Der Ganter, der sonst immer in der Nähe des Eingangs hockt, ist verschwunden. Sie sucht fast eine halbe Stunde im Halbdunkel nach ihm. Auf dem Rückweg entdeckt sie ihn bei einem Heuballen. Er wacht neben einer schlafenden kanadischen Wildgans. Als sie näher kommt, macht der Ganter einen Satz auf sie zu und schlägt mit dem gesunden Flügel. Jetzt weiss sie, dass ein Weibchen seinen Ruf gehört hat.

Flaumiger Nachwuchs

Aus irgendeinem Grund hatte die Gans ihre Schar verlassen. Vielleicht war sie zu schwach gewesen, um den Flug fortzusetzen. Später wagen sich die beiden Gänse zum Verschlag vor, um zu fressen. Sie überwintern zusammen mit den anderen Tieren in der Scheune. Nachdem im Frühjahr die Türen geöffnet werden, nisten sie in freier Flur. Gewöhnlich brütet nur das Weibchen, aber die beiden setzen sich abwechselnd auf die sechs Eier. Am Ende der sechsten Woche verlassen die Eltern das Nest und watscheln mit den Jungen in ihrer Mitte zum Verschlag. Im Herbst tragen die jungen Gänse Federn und haben sich gut entwickelt. Als der Frost einsetzt, sind sie fast ausgewachsen und können fliegen. Jeden Tag ziehen sie über den Feldern ihre Kreise, während sie der Ganter schreiend beobachtet. Kurz bevor der erste Schnee fällt, sehen die Mutter und die drei Kinder eines Morgens in aller Frühe, wie die sieben Gänse vom Feld aufsteigen und hoch oben ihre Kreise ziehen. Als sich der Kreis zum zweiten Mal schliesst, bildet sich ein Keil mit dem Muttervogel an der Spitze und drei Jungen an jeder Seite, und zusammen brechen sie auf in den Süden zu den Winterfutterplätzen. Der Ganter bleibt auf dem freien Feld und schreit noch lange, nachdem die kleine Schar verschwunden ist. Erst spätabends hört er auf. Verlassen wandert er in einen einsamen Winkel und hockt dort fast eine Woche ohne zu fressen.

Entfernter Schrei

Die Mutter sagt zu den Kindern: ,,Vielleicht kommt die Gans im Frühling zurück.“ Aber wegen der grossen Entfernung zur Zugroute ist sie sich nicht sicher. In der sechsten Nacht nach dem Aufbruch der Gänse, als alles schon längst schläft, trägt ein Windhauch einen leisen Laut über das Feld. Der Ganter reckt den langen Hals. In den nächsten fünf Minuten erstarrt er in dieser Stellung, dann wippt er aufgeregt mit dem grossen schwarzen Kopf auf und ab. Der entfernte Schrei einer Wildgans durchdringt das Dunkel der Nacht. Der Ganter antwortet mit seinem Ruf. Nicht einmal eine halbe Stunde später ist sie neben ihrem Gefährten gelandet. Als die Mutter am Morgen die Gans sieht, hockt sie immer noch an derselben Stelle. Ihr Gefährte putzt sie, während sie schläft und zupft Federn aus, die sich auf dem Flug gelockert haben. Jedes Jahr wiederholt sich vor Mutter und Kindern dasselbe Ritual. Im Frühling schlüpfen sechs Junge, und im Spätherbst geleitet das Weibchen ihren Nachwuchs in den Süden, während das Männchen auf sie wartet. Dann kommt die Gans zurück und verbringt den rauen Winter in Neuengland bei ihrem Gefährten. Inzwischen landen ganze Scharen kanadischer Wildgänse, die im Lauf der Jahre hier geboren wurden, im Frühling und Herbst auf dem Feld, um vor dem Weiterflug zu fressen und zu rasten.

Die Sonne hat sich in einen orangefarbenen Feuerball verwandelt und versinkt am Horizont, als Jeanne, Mama und ich durch die riesige Gänseschar schlendern. ,,Alle diese 500 Gänse sind hier geschlüpft“, erkläre ich Jeanne, während sie geschrotete Maiskörner aus einer Tasse auf den Boden streut. Da vertreibt auf einmal ein riesiger kanadischer Ganter mit einem lahmen Flügel die Schar. Mama nimmt eine Handvoll Mais und hält sie dem „Herrscher“ über die Vogelschar hin. Da legt der Ganter mit dem wilden Blut in den Adern den Kopf in ihre Hand. Während er die Körner verschlingt, spricht sie mit ihm. Jeanne und ich können uns lange nicht von dem Anblick dieser kleinen alten Frau mit den lächelnden grauen Augen losreissen, der ein mächtiger kanadischer Ganter aus der Hand frisst.

 

 

 


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