Wunder geschehen: Wie Molei einen schweren Autounfall überlebte
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Wunder geschehen: Wie Molei einen schweren Autounfall überlebte

Molei überlebte den Unfall, aber würde sie jemals wieder dieselbe sein? Ihr Freund ist fest entschlossen, jede Chance zu nutzen

Ausgabe: Februar 2019 Autor: Bill Hangley

Es schneite früher als erwartet, doch Jeremy Osheim machte sich keine Sorgen. Er kannte die Strecke genau. Jeremy und seine Freundin Molei Wright waren von Denver unterwegs nach Breckenridge, Colorado, zu einem Skiwochenende mit Freunden. Beide waren ehrgeizig, gesellig und fürsorglich, lasen viel, liebten Spiele, Musik und Outdoor-Aktivitäten. Jeremy, damals 29, war PR-Fachmann und Freizeit-Kampfsportler. Molei (sprich „Molly“), damals 28, hatte als Erste in ihrer Familie einen Hochschulabschluss und verkaufte nun Investmentfonds an Finanzberater.

Sie waren noch kein Jahr zusammen, wussten aber schon bald, dass sie zusammengehörten. Bisher hatten sie zwar noch nicht von Liebe gesprochen, doch Jeremy war sich sicher, dass Molei die Richtige war. Der Lastwagen, der sie rammte, tauchte aus dem Nichts auf. Jeremys Geländewagen fuhr eben noch ruhig durch den Schnee – im nächsten Moment lag er zusammengedrückt am Strassenrand. Jeremy war hinter dem Lenkrad eingeklemmt, sein Körper ein einziger Schmerz. Neben ihm sass Molei. Ihre Augen waren offen, aber Jeremy merkte, dass sie nichts wahrnahmen. Das Einzige, was ihm über die Lippen kam, war: „Bitte stirb nicht. Ich liebe dich. Bitte stirb nicht ...“

Statistisch gesehen, hatte Molei kaum eine Chance

Statistisch gesehen hätte sie nicht überleben können. Ihre Halswirbel waren zertrümmert. Der Kopf wurde nur noch von Haut und Muskeln auf den Schultern gehalten. Ärzte bezeichnen das als kraniozervikale Dislokation. Man spricht auch von innerer Enthauptung. Die Überlebenschancen stehen eins zu hundert. Henry Rodriquez, ein Armeeleutnant auf Urlaub mit einer Ausbildung in Notfallmedizin, fuhr nicht weit hinter Jeremys Auto und hielt sofort an. Während seine Frau den eingeklemmten, unter Schock stehenden Jeremy beruhigte, kümmerte sich Rodriquez rasch, aber mit grosser Vorsicht um Molei – eine falsche Bewegung, und sie wäre gelähmt oder tot. Behutsam zog er sie aus dem Wrack und achtete darauf, ihren Kopf und Nacken zu schützen. Er legte sie neben dem Wagen auf die Erde und deckte sie mit Jacken zu, damit sie nicht auskühlte. 45 Minuten lang machte der Leutnant eine Herzdruckmassage zur Wiederbelebung. Als der Rettungswagen eintraf, zeigte Molei für einen Moment schwache Lebenszeichen. Dass sie lebend im St.-Anthony-Krankenhaus in Lakewood ankam, war ein Wunder.

Als ihre Mutter, Mo Wright, sie schliesslich sah, war Molei ins Koma gefallen und hing an einem halben Dutzend Schläuchen und Apparaten. Die Ärzte konnten der Mutter fast nichts sagen – bis auf das Offensichtliche: Moleis Zustand war äusserst ernst. Selbst wenn sich ihr Körper stabilisierte, bestand die Gefahr, dass ihr Gehirn sich nie mehr regenerierte. Ausser Moleis Halswirbeln waren mehrere Rippen und weitere Wirbel gebrochen, sie hatte eine Lungenquetschung und Verletzungen der Hauptarterien, die das Gehirn mit Blut versorgen. CT-Aufnahmen zeigten Blutungen an Gehirnoberfläche, Gefässen und Hirnstamm. Es ist völlig unvorhersehbar, wie sich ein verletztes Gehirn regeneriert. Es gibt Patienten, die wieder vollständig genesen, andere bleiben in einem Dämmerzustand. Manchmal überlebt das Gehirn, aber nicht die Persönlichkeit.

In den Wochen nach dem Unfall entwickelte sich eine Art Routine. Molei wurde über eine Magensonde ernährt und hing am Beatmungsgerät. Ärzte kamen täglich und prüften ihre Reaktionen. Sie kniffen sie in Arme und Beine, zwickten sie in die Schulter. Sie bewegten Gegenstände vor ihrem Gesicht, um zu sehen, ob sie diesen mit den Augen folgte. Doch aus Moleis Patientenakte geht hervor, dass sie so gut wie keine Reaktionen zeigte. Jeremy hatte sich mittlerweile von seinen eigenen schweren Verletzungen – einer Fraktur der Hüfte und des Schulterblatts sowie Quetschungen von Lunge und Herz – erholt. Aber er wusste auch, dass Moleis Heilungschancen mit jedem weiteren Tag schlechter wurden. Etwa drei Wochen nach dem Unfall zeigte Molei erste Lebenszeichen.

Molei wacht auf

Molei kann sich noch daran erinnern, wie sie auf der Tafel am Fussende ihres Betts das Datum sah und begriff, dass sie drei volle Monate ihres Lebens verpasst hatte. Sie las: „Hallo Molei! Heute ist Mittwoch, der 18. Mai“, erzählt sie. „Ich stutzte … und dachte, hm, und was ist mit Februar, März und April passiert?“ Ohne es zu wissen, befand sie sich inzwischen im Craig Hospital in Englewood, in einer der landesweit besten Reha-Kliniken für Patienten mit Hirn- und Rückenmarksverletzungen. Hier arbeiteten Therapeuten mit ihr, um sie mit einer Kombination aus Medikamenten und Physiotherapie wieder zu aktivieren. Anfangs fühlte sich Molei dort wie in dichtem Nebel. Sie wusste, wer sie war, aber sie konnte noch keinen Kontakt zum Klinikpersonal, zu Familienangehörigen oder Freunden herstellen und wusste auch nicht, ob ihr das jemals wieder gelingen würde. Dann kam der Tag, an dem Jeremy sie zum Lachen brachte. Molei befand sich mittlerweile in einem halb bewussten Schwebezustand. Sie konnte ihre Bewegungen nicht steuern und auch nicht sprechen. Aber wenn Jeremy oder die Therapeuten ihre Arme oder Beine bewegten, konnte sie sich aufsetzen und sogar stehen. An jenem Tag machte Jeremy das, was er seit Wochen tat. Zunächst hob er Molei aus dem Bett, um sie in den Rollstuhl zu setzen. Von dort ging es in einen Raum mit Polstermatten für Massagen und Therapie. Er wollte ihre Arme und Beine dehnen, während er zugleich mit ihr redete. Dazu legte er sie auf ein Therapiebett und begann ihre Beine zu beugen. Dabei quasselte er ständig „Unsinn“, wie er sagte, so wie er es seit Monaten tat. Er war nicht überrascht, als Moleis Körper sich plötzlich anspannte und sie sich abrupt aufsetzte. Spontan sagte Jeremy: „Hey, wir machen keine Sit-ups. Was hast du vor?“

Molei lacht

Sie lachte – und Jeremy strahlte. „Du kannst mich hören! Du bist noch da!“ Das war ein Wendepunkt. „Jetzt wusste ich, dass sie mich erkannte. Sie fand meine blöden Witze immer noch lustig.“ Auch für Molei war es ein Durchbruch. „Die Art, wie er lachte – da wusste ich einfach, er hatte verstanden, dass es mich noch gab! Dass ich nicht nur das Mädchen im Koma war.“ In den folgenden Wochen machte Molei enorme Fortschritte. Bald konnte sie beobachten, zuhören, sich konzentrieren und reagieren. Zwar konnte sie nach wie vor nicht sprechen, doch versuchte sie, sich mit der Zeichensprache zu verständigen, die sie an der Uni gelernt hatte. Auch Jeremy verstand etwas Zeichensprache und entschlüsselte ihre erste Botschaft: „Ich liebe dich“, sagte Molei. „Das war das Erste, was ich ihm sagte.“

Sechs Monate im Krankenhaus

Nach dem Unfall verbrachte Molei insgesamt sechs Monate im Krankenhaus. Dazu zählten auch die zwei Monate in Craig, wo sie allmählich lernte, zu essen, zu reden und mit dem Rollator kurze Wege zu gehen. Mit einer kognitiven Rehabilitationstherapie – Puzzles, Tests und Medikamente zur Steigerung der Konzentration und Aufmerksamkeit – ging es voran. Molei wurde aus dem Krankenhaus entlassen und wohnte wieder bei ihren Eltern. Es gab Rückschläge und Enttäuschungen. Schon einfachste Entscheidungen waren problematisch, etwa, ob sie den Rollator oder den Rollstuhl nehmen sollte, um ins Wohnzimmer zu gelangen. Aber jeden Monat machte Molei Fortschritte. Und allmählich wurde der Alltag wieder zur Normalität: zur Toilette gehen, die Wäsche falten, auf dem Hometrainer üben. Je aktiver sie war, desto wacher wurde ihr Geist. Ihr vielleicht grösster Schritt war es, anderthalb Jahre nach dem Unfall mit Jeremy zusammenzuziehen. Das gemeinsame Leben, das sie sich einst vorgestellt hatten, nahm Gestalt an. Auch wenn es nicht das Leben war, das sie erwartet hatten, so Jeremy.

„Andere können kaum nachvollziehen, was wir durchgemacht haben“, sagt Jeremy. „Mit Molei habe ich Dinge erlebt, die ich mir selbst nicht richtig erklären kann.“ Noch heute muss Molei so manche Herausforderung meistern. Ihre linke Körperhälfte ist weiterhin geschwächt, ihr Griff unsicher. Aufgrund ihrer fusionierten Halswirbel kann sie den Kopf nicht drehen. Und sie wird wohl ihr Leben lang gewisse Schwierigkeiten im Verstehen und Denken haben. Doch sie führt den gemeinsamen Haushalt und arbeitet weiter an ihrer Genesung. Sie trifft Freunde, tauscht sich über Bücher und Medienbeiträge mit Jeremy aus, besucht Schulen und redet mit Schülern. Sie trainiert für ein Radrennen und denkt an eine Ausbildung zur Ergotherapeutin. Sie ist wieder die Frau, in die Jeremy sich verliebt hatte, die stets nur mit dem Besten zufrieden war. „Dieser Ehrgeiz lässt sich nicht abstellen“, sagt er. „Natürlich ist sie nach diesem Erlebnis nicht mehr dieselbe, aber im Kern hat sie sich nicht verändert.“

 


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