Symbolfoto: ein Kino mit Leinwand, Kinositze und Filmrollen im Vordergrund.
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Die Macht des Zufalls

Filmstar Javier Bardem über glückliche Fügungen, die Kraft der Gefühle und das Ziel seines Lebens.

Ausgabe: August 2020 Autor: Rüdiger Sturm

Als Bösewicht kann Javier Bardem so abstossend grausam wie verführerisch sein. Unvergesslich wie er Daniel Craig alias James Bond in Skyfall fast in die Knie zwingt. In "Wege des Lebens" hingegen, dem Film, mit dem er im August in die Kinos kommt, zeigt der 51-jährige spanische Filmstar seine zerbrech­liche Seite. Auch im Interview gibt er sich sanft und selbstreflektiert.

Reader’s Digest: Sie sind einer der gefeiertsten Schauspieler Europas, Oscar inklusive. Welches Schicksal beförderte Sie auf diesen Pfad?
Javier Bardem:
Zufall. Ich begleitete meine Schwester, die schon Schauspielerin war, zu einem Vorsprechtermin. Plötzlich meinte der Besetzungsagent zu mir: „Wollen Sie’s nicht auch versuchen?“ Ich: „Nein, nein.“ – „Kommen Sie doch einfach herein.“ Ich dachte mir: „Okay, wenn man mich dafür bezahlt, warum nicht?“ So fing alles an.

 

Aber solche Zufälle können nicht Ihre Karriere erklären.
Das war aber bei Weitem nicht der einzige. Ein paar Jahre später war ich in New York zu einer Party eingeladen. Ich wollte nicht hin, weil ich so müde war, doch von einem guten Freund liess ich mich breitschlagen. Da lernte ich den Maler und Regisseur Julian Schnabel kennen, der mich fragte: „Willst du mit mir einen Film machen?“ Ich dachte, das sei nur Blabla, aber dann rief er mich an und meinte: „Du hast einen Monat für die Vorbereitungen.“ Das war für „Bevor es Nacht wird“, für den ich später eine Oscar-Nominierung bekam.

 

Ist die Schauspielerei so einfach?
Nein – weil wir so viele Vorurteile und geistige Beschränkungen in uns tragen. Wir versuchen uns zu rechtfertigen: „Ich spiele jetzt einen Killer, aber eigentlich bin ich als Person ganz anders.“ Meine Kinder tun sich da ganz leicht. Sie vergessen im Spiel die Welt um sich. Sie tun’s einfach. Das ist das Schöne an diesem Beruf, aber einem Erwachsenen fällt dieses Ausblenden eben schwer.

 

Wie meistern Sie diese Herausforderung? Haben Sie Hilfe?
Meine Instrumente sind meine Emotionen und Erinnerungen. Die liegen wie in Schachteln parat. Wenn ich eine bestimmte Rolle spiele, dann suche ich mir die passenden Schachteln aus, mache sie auf und hole die entsprechenden Gefühle hervor. Ich habe das bei einer Psychotherapie gelernt. Die war sehr hilfreich für mich.

 

Das heisst, Sie sind jemand, der seine Gefühle perfekt unter Kontrolle hat?
Ich würde sagen: Ich bin im Frieden mit mir selbst. (überlegt) Moment, das wäre doch zu viel gesagt. Aber ich bin auf dem Weg dahin. Und ich komme mit mir und meinen negativen Gefühlen besser zurecht als in meinen jungen Jahren.

 

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich mag die Informationsüberflutung durch das Internet nicht. Und im Netz gibt es eben auch Leute, die mich angreifen. Früher hätte ich mich darüber aufgeregt. Das erzeugt in mir nur negative Energie. Deshalb lese ich das alles nicht mehr.

 

Was ist Ihr Ziel im Leben?
Ein guter Vater und Ehemann zu sein. Das ist wichtiger als mein Beruf. Doch ich brauche auch diesen Job. Denn damit kann ich meine Schulden und Hypotheken bezahlen. Und ich kann meine Kinder ernähren. Das ist ein Segen.

 

Zur Person: Javier Bardem

kam am 1. März 1969 in Las Palmas de Gran Canaria zur Welt. Mit 23 Jahren schaffte er mit Jamón, Jamón den Durchbruch als Schauspieler. Für seine Rolle in Bevor es Nacht wird war er 2001 für einen Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert. 2008 erhielt Bardem die Auszeichnung in der Kategorie „Bester Nebendarsteller“ für No Country for Old Men. Zu seinen meistgesehenen Filmen zählen Skyfall und Pirates of the Caribbean: Salazars Rache. Seit 2010 ist Bardem mit seiner Kollegin Penélope Cruz verheiratet, sie haben einen neunjährigen Sohn und eine siebenjährige Tochter.

 

 

 

 

 


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