Viggo Mortensen
© Getty Images/Kevin Mazur
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Ausgabe

Stars im Interview

„Man muss sich selbst und anderen verzeihen“

Der dänisch-US-amerikanische Schauspieler Viggo Mortensen über Vorurteile und Verständigung.

Ausgabe: Dezember 2020 Autor: Dieter Oßwald

„Wenn du Viggo engagierst, bekommst du nicht nur die Violine, du bekommst ein ganzes Symphonieorchester“, schwärmt Regisseur David Cronenberg über den Schauspieler. Mit seiner Rolle als Aragorn in Der Herr der Ringe gelang Viggo Mortensen der Durchbruch. Mittlerweile hat der Publikumsliebling drei Oscar-Nominierungen – und mit seinem Regiedebüt „Falling“ könnten weitere folgen.

Reader’s Digest: Sie erzählen eine von Vorurteilen und Intoleranz geprägte Familiengeschichte. Ist diese eine Metapher für die Gesellschaft?
Viggo Mortensen:
Wer möchte, kann diese Geschichte als Metapher verstehen, als Mikrokosmos unserer Gesellschaft. Ich möchte solche Interpretationen jedoch völlig offen lassen, denn ich mag keine Filme, die mir vorgeben, was ich denken soll.

 

„Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil“, sagte Albert Einstein. Sehen Sie das ähnlich?
Es gibt in jedem Land ein Potenzial für Missverständnisse, für Hass und Intoleranz. Vorurteile rühren aus uralten Zeiten. Sie basieren auf Unsicherheit, Selbstverteidigung und Ignoranz. Wenngleich es Gesetze dagegen gibt, werden Rassismus, Homophobie oder Frauenfeindlichkeit nie vollständig verschwinden. Sie bleiben in unterschiedlichen Formen bestehen oder kehren zurück. Deswegen müssen wir wachsam sein und uns ständig dagegen wehren.  

 

Sie waren der mutige Recke in „Der Herr der Ringe“ oder der harte Mafioso in „Tödliche Versprechen“. Wie schmeckte Ihnen die Rolle des sensiblen Softies in „Falling“?
Mir hat das gut gefallen, wobei ich ursprünglich nicht selbst vor der Kamera stehen wollte. Bei einem Regiedebüt hat man andere Sorgen und braucht nicht noch die Last einer Hauptrolle. Aber um das letzte Stück der Finanzierung zu bekommen, habe ich die Figur dann übernommen.

 

Ihr Filmvater – gespielt von Lance Henriksen – tritt ruppig und autoritär auf. Aber es gibt auch Momente der Verletzlichkeit. Wie gelingt es, Klischees zu vermeiden?
Kein Mensch ist immer nur der böse oder der gute Charakter. Viel interessanter finde ich, verschiedene Facetten einer Figur zu zeigen. Lance bietet hier eine Vorstellung, die für lange Zeit im Gedächtnis bleiben wird. Gewalt entsteht durch Furcht, das macht Lance sehr eindrucksvoll spürbar.

 

Wie war die Erfahrung im neuen Job als Regisseur?
Ich habe die Aufgabe als Regisseur geliebt. Zugleich war ich sehr erschöpft. Aber das wusste ich ja vorher. Wäre ich nicht erschöpft gewesen, hätte ich etwas falsch gemacht. In meiner Karriere habe ich gelernt, dass Film nur in der Zusammenarbeit funktioniert. Die besten Filme entstehen nur, wenn alle im Team an einem Strang ziehen. Wenn es sich ergibt, setze ich mich sehr gern nochmals auf den Regiestuhl.

Was sollen die Zuschauer aus „Falling“ mitnehmen?
Um es mit Aragorn aus Der Herr der Ringe zu sagen: „Es gibt immer Hoffnung!“ Auch in den schlimmsten Beziehungen und unter den übelsten Umständen, in denen es keine Chance auf Verständigung zu geben scheint, sollte man nicht aufgeben. Es geht darum, sich selbst und andere zu akzeptieren. Sich selbst und anderen zu verzeihen.             

 

Zur Person: Viggo Mortensen

Viggo Mortensen wurde am 20. Oktober 1958 in New York als Sohn einer US-Amerikanerin und eines dänischen Geschäftsmanns geboren, er wuchs in Südamerika auf. Seit dem Debüt als Amish-Farmer im Thriller Der einzige Zeuge (1985) spielte Mortensen in rund 60 Filmen mit, darunter Eine dunkle Begierde, Die Akte Jane, Psycho und 28 Tage. Aus seiner ersten Ehe mit der US-Musikerin Exene Cervenka hat der Schauspieler einen 1988 geborenen Sohn. Seit 2009 ist er mit der spanischen Schauspielerin Ariadna Gil liiert und lebt in Madrid.

 


 

RD Abbinder
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