Das Theater von Epidauros mit seiner beeindruckenden Flüsterakustik.
© iStockfoto.com / Gatsi
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Praktische Tipps

Das Geheimnis der Flüsterakustik

Die antiken griechischen Theater sind berühmt für ihre hervorragende Akustik. Ein Team von Wissenschaftlern aus den USA lieferte dafür eine verblüffende Erklärung.

Anzeige

Noch heute kann man sich davon überzeugen: Wer ein antikes Theater in Griechenland besucht, staunt über die Akustik. Man stellt sich unten auf die Bühne, sagt mit gar nicht einmal lauter Stimme, sogar flüsternd ein paar Worte, die bis in die obersten Sitzreihen hinein mühelos verstanden werden. Einheimische Touristenführer demonstrieren diesen Effekt gern mit Münzen, die sie auf den Boden werfen, Streichhölzern, die sie anzünden, oder mit Papier, dass sie zerreissen. So war es auch bereits in der Antike. Wenn das Publikum Aufführungen von Stücken der Klassiker Aischylos, Sophokles oder Euripides verfolgte, musste niemand befürchten, etwas von dem zu verpassen, was Chor und Schauspieler vortrugen.

Vom Wein zum Theater

Seinen Ursprung hatte das griechische Theater im Kult des orgiastischen Weingottes Dionysos. Veranstaltungen zu seinen Ehren wurden, wie es zuerst in Athen der Fall war, von kleineren szenischen Darbietungen begleitet, die so erfolgreich und populär waren, dass im Lauf der Zeit immer mehr Menschen herbeiströmten. Zu Anfang sassen sie einfach auf dem Hang zu Füssen der Akropolis. Weil aber immer mehr Platz benötigt wurde, errichtete man im 4. Jahrhundert v. Chr. erst hölzerne und dann steinerne Sitzreihen. Damit war das griechische Theater als jene Bauform geboren, die heute noch an vielen archäologischen Stätten in Griechenland bewundert werden kann. In der Folgezeit bauten griechische Architekten die halbkreisförmigen Theater meist in den Hang hinein, auch, weil damit die umgebende Landschaft in das Gesamtkunstwerk einbezogen wurde. Römische Ingenieure errichteten später mächtige Unterbauten (Substruktionstechnik) und konnten so an jedem beliebigen Ort ein Theater errichten.

Juwel unter den Theatern

Eines der schönsten Theater aus der griechischen Antike befindet sich in Epidauros. Der Ort liegt auf der Peloponnes, etwa 60 Kilometer südlich von Korinth. Hier gab es auch ein viel besuchtes Heiligtum des Gottes Asklepios. Das Theater stammt aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts und bot nach einem Umbau zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. 14.000 Zuschauern Platz. Zu Anfang war es für 6.000 Menschen konzipiert worden. Die Ehre, dieses Juwel unter den griechischen Theatern konstruiert zu haben, gebührt, wie der antike Schriftsteller Pausanias mitteilt, dem aus Argos stammenden Architekten Polykleitos. Der Meister besass ein ausgezeichnetes Gespür für Harmonie, Perfektion und Proportionen, wie archäologische und bauhistorische Forschungen nachgewiesen haben. Die ursprünglich 34 Sitzreihen waren in 12 Sektoren aufgeteilt. Nach der Erweiterung gab es 22 Sektoren mit 21 neuen Sitzreihen.

Das Geheimnis der Akustik

Berühmt ist das Theater von Epidauros für seine einzigartige Akustik. In keinem anderen Theater der Antike konnte man besser verstehen, was die Schauspieler auf der Bühne sagten und sangen. Über das Geheimnis der perfekten Akustik von Epidauros haben sich die Wissenschaftler schon immer viele Gedanken gemacht. Eine wichtige Rolle spielte, so fand man heraus, die durchdachte Konzeption des Baus, bei der auch mathematische Erkenntnisse aus dem Umkreis des grossen Gelehrten Pythagoras – wie Pentagramm und Goldener Schnitt – zum Tragen gekommen sind. So entstand ein perfekter Akustikraum. Eine weitere Ursache sahen Experten in einem meteorologischen Phänomen: In Epidauros weht der Wind meist so, dass er die Worte von der Bühne in den Zuschauerraum weiterbeförderte und also als Verstärker der Stimmen diente.

Steinerne Schalldämpfer

2007 wollten es US-Forscher genau wissen. Ein Team vom Georgia Institute of Technology unter der Leitung von Nico Declercq nahm das Theater genau unter die Lupe. Vor allem die Sitzreihen hatten es den Experten für Akustik angetan. Sie stellten fest, dass die Sitze im Zuschauerraum so konstruiert waren, dass sie alle lästigen Störgeräusche eliminierten. Genauer gesagt: Sie dämpften tiefe, oder, wie die Wissenschaftler es formulieren, „niederfrequente“ Töne. Die kritische Grenze liegt bei 500 Hertz. Was darunter liegt, wirkt störend, wie zum Beispiel das Gemurmel von Theaterbesuchern. Tatsächlich waren antike Theateraufführungen kommunikative Veranstaltungen, bei denen sich die Menschen im Publikum angeregt unterhielten, auch Speisen und Getränke zu sich nahmen. Das war kein schlechtes Benehmen, sondern Teil eines Events, der sich über mehrere Stunden hinziehen konnte.

Meist wurden – im Wettbewerb – drei Stücke nacheinander aufgeführt. Das dauerte Stunden, und keiner konnte oder wollte die ganze Zeit stumm zusehen. So zeichnete die antiken Theatern stets ein ziemlich hoher Geräuschpegel aus. Die Anordnung der Sitzreihen aber sorgte nach Ansicht der Forscher dafür, dass die Zuschauer das Geschehen auf der Bühne akustisch einwandfrei verfolgen konnten. Sie verschluckten die tiefen Töne und machten den Weg frei für die ungetrübte Rezeption der hohen Töne. Dieser Effekt wurde erzielt, weil die 34 Sitzreihen aus der Zeit des ersten Theaterbaus schräg übereinanderlagen. Als das Theater im 2. Jahrhundert v. Chr. erweitert wurde, kam dieselbe Bauweise zur Anwendung, sodass die Zuschauer auch danach einen akustisch störungsfreien Kunstgenuss erleben durften.

Aber wurden durch diese Filteranlage nicht auch die tiefen Töne der Schauspieler beseitigt? Im antiken Theater wurden zu dieser Zeit auch die weiblichen Rollen von männlichen Akteuren gespielt, die ihre Gesichter hinter Masken verbargen. Mussten sie also besonders hoch sprechen, um verstanden zu werden? Darüber musste man sich keine Sorgen machen, sagen die Forscher aus Georgia. Der menschliche Hörsinn sei ohne Weiteres in der Lage, die gefilterten Töne zu ergänzen. Besucher antiker Aufführungen in Epidauros verstanden also auch das, was sie eigentlich nicht hörten.

Ein bewusster Geniestreich?

Fragt sich nur: Absicht oder Zufall? Haben die antiken Ingenieure von diesem Effekt gewusst, oder stellte er sich ohne ihr Zutun ein? Nico Declercq mag nicht an Zufall glauben. Seiner Meinung nach machte die Flüsterakustik von Epidauros sogar Schule und wurde von vielen anderen Architekten in Griechenland übernommen. Allerdings fehlt in der einschlägigen Fachliteratur der Antike, beispielsweise bei dem gewöhnlich bestens informierten römischen Architekturhistoriker Vitruv, darauf jeder Hinweis. Um die These zu belegen, werden weitere Untersuchungen in griechischen Theatern notwendig sein. Das Angebot ist gross genug. In der Antike hatte jede Stadt ihr Theater, und viele von ihnen sind heute noch in einem sehr guten Zustand.

 

 

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Familie & Leben

Jahrelang gab es Zweifel an der Echtheit der berühmten Stradivari, die „Messias“ genannt wird. Eine Expertise sollte Klarheit schaffen.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaubsziele

Die monumentalen Steinkreise in England haben immer wieder die Fantasie der Menschen angeregt.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaubsziele

In den Wirren der Russischen Revolution von 1917 verschwanden große Teile des sagenhaften Schatzes der entthronten Romanows. Eine heisse Spur führt zu einem See ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Familie & Leben

Das berühmte Gaunerpaar raubte und mordete, erfreute sich aber trotzdem einer ungewöhnlichen Popularität. Schon zu Lebzeiten wurden Bonnie und Clyde zu einem ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaubsziele

Der Streit schwelt seit der Antike: Woher stammen die Etrusker? Geht es nach italienischen DNA-Forschern, kann man sich weitere Diskussionen sparen.

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich